Europa war die Wiege der modernen Industrialisierung. Im späten 18. Jahrhundert, beginnend in Großbritannien, veränderte die Industrielle Revolution den Kontinent von Grund auf: Dampfmaschinen ersetzten Muskelkraft, Textilfabriken lösten das Heimgewerbe ab, und Eisenbahnnetze verbanden erstmals ganze Nationen miteinander. Was in den Midlands Englands als technisches Experiment begann, erfasste binnen weniger Jahrzehnte das kontinentale Europa - das Ruhrgebiet wurde zur Schmiedewerkstatt Deutschlands, Nordfrankreich und Belgien entwickelten sich zu dichten Industrieregionen, und selbst das agrarisch geprägte Osteuropa erlebte erste Wellen der Mechanisierung.
Diese Industrialisierung war mehr als ein wirtschaftlicher Wandel: Sie war eine fundamentale Neuordnung der Gesellschaft. Millionen Menschen strömten vom Land in die Städte, neue Arbeiterklassen entstanden, soziale Spannungen entluden sich in politischen Bewegungen und schließlich in Reformen, die den modernen Sozialstaat begründeten. Europa erlangte durch seine Industriekapazität eine weltpolitische Dominanz, die das 19. und frühe 20. Jahrhundert prägte.
Doch was über Generationen als Symbol des Fortschritts galt, begann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu bröckeln.
Die Deindustrialisierung, die sich seit den 1970er Jahren beschleunigte, traf die alten Industrie-Reviere hart: Stahlwerke wurden stillgelegt, Bergwerke geschlossen, ganze Regionen verloren ihre wirtschaftliche Grundlage. Globaler Wettbewerbsdruck, die Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer und der Aufstieg der Dienstleistungswirtschaft entzogen der europäischen Industrie Schritt für Schritt ihren Nährboden.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich dieser Prozess weiter verschärft. Chinas Aufstieg als Industriemacht, die Digitalisierung der Produktion und zuletzt die Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine haben Europa in eine ernste Debatte über seine industrielle Zukunft gezwungen. Die Frage, ob Europa eine führende Industrie- und Technologienation bleiben kann oder ob es sich mit der Rolle eines Dienstleistungs-Kontinents abfinden muss, ist heute drängender denn je - und ihre Beantwortung wird das wirtschaftliche und politische Schicksal des Kontinents im 21. Jahrhundert entscheidend mitbestimmen.