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Vorgeschichte: Die Industrialisierung in England

Die deutsche Industrialisierung

Deutschland begann seine Industriali­sie­rung etwa 70 Jahre nach Eng­land, konnte aber gerade des­halb von den bereits ge­mach­ten Erfah­run­gen profi­tie­ren. Die Gründung des Deut­schen Zoll­vereins 1834 schuf einen einheit­li­chen Wirt­schafts­raum und besei­tigte Handels­hinder­nisse zwi­schen den deut­schen Staaten. Dieser Schritt war ent­schei­dend für die wirt­schaft­liche Integra­tion und den indus­triel­len Auf­schwung.

Der Eisenbahnbau als Katalysator

Der Eisenbahnbau spielte in Deutschland eine noch bedeu­ten­dere Rolle als in Eng­land. Die erste deut­sche Eisen­bahn zwischen Nürnberg und Fürth (1835) war erst der Anfang eines rapi­den Aus­baus des Schienen­netzes. 1870 ver­fügte Deutsch­land über eines der dich­tes­ten Eisenbahn­netze Europas. Der Eisenbahn­bau stimu­lierte nicht nur den Trans­port, sondern auch die Schwer­industrie, insbeson­dere die Eisen- und Stahl­produk­tion.

Regionale Zentren der Industrialisierung

Die deutsche Industrialisierung konzentrierte sich auf be­stimmte Regionen. Das Ruhr­gebiet ent­wickelte sich zum Herz der deutschen Schwer­industrie, begüns­tigt durch reiche Kohle­vorkom­men und die Nähe zum Rhein als Trans­port­weg. Schlesien wurde zu einem wichti­gen Zentrum der Textil-Indus­trie und des Berg­baus. Sachsen, bereits vor der Indus­triali­sie­rung ein Zentrum des Hand­werks und der Manufak­turen, ent­wickelte sich zur führen­den deut­schen Textil­region.

Besonderheiten der deutschen Entwicklung

Die deutsche Industriali­sie­rung wies einige Besonder­hei­ten auf. Die Rolle des Staates war ausge­präg­ter als in Eng­land. Preußen und später das Deutsche Reich inves­tier­ten ge­zielt in Infra­struk­tur und Bildung. Das deut­sche Bildungs­system, insbe­son­dere die tech­ni­schen Hoch­schulen und die Berufs­ausbil­dung, war fort­schritt­li­cher als das ande­rer Länder und trug wesent­lich zum indus­triel­len Er­folg bei.

Die deutschen Unternehmen setz­ten früh auf Forschung und Ent­wick­lung. Unter­nehmen wie BASF, Bayer und Hoechst ent­stan­den und wurden zu Welt­markt­führern in der Chemi­schen Indus­trie. Siemens ent­wickel­te sich zu einem füh­ren­den Elektro­unter­neh­men. Diese Fokus­sie­rung auf Hoch­technolo­gie und Innova­tion wurde zu einem charakte­ris­ti­schen Merk­mal der deut­schen Indus­trie.


Zeittafel: Die industrielle Revolution im 20. Jahrhundert


Soziale Reformen und Arbeiterbewegung

Deutschland war auch Pionier in der Sozial­politik. Otto von Bismarck führ­te in den 1880er Jah­ren die ers­ten staat­lichen Sozial­versicherun­gen der Welt ein: Kranken­versiche­rung (1883), Unfall­versiche­rung (1884) und Alters­versiche­rung (1889). Diese Maß­nahmen soll­ten die Arbeiter­schaft an den Staat binden und der er­starken­den Sozial­demokra­tie ent­gegen­wirken.

Gleichzeitig entwickelte sich in Deutsch­land eine starke Arbeiter­bewegung. Die SPD wurde zur größ­ten sozialis­ti­schen Partei Europas, und die Gewerk­schaf­ten organi­sier­ten sich in mächti­gen Dach­verbän­den. Diese Organi­sa­tio­nen kämpf­ten erfolg­reich für bes­sere Arbeits­bedin­gun­gen und höhere Löhne.


Deutschland als Industriemacht

Der industrielle Aufschwung nach der Reichsgründung

Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 und die französi­schen Reparations­zahlun­gen führ­ten zu einem Wirt­schafts­boom, dem soge­nann­ten "Gründer­zeit-Boom". Die deutsche Industrie­produk­tion wuchs rasant, und das Land holte wirt­schaft­lich zu Eng­land auf. In einigen Berei­chen, wie der Chemi­schen Indus­trie und der Elektro­technik, über­nahm Deutsch­land sogar die Welt­markt­führer­schaft.

Technologische Innovation

Deutsche Unternehmen und Erfinder leisteten bedeutende Beiträge zur zweiten indus­triel­len Revolu­tion. Carl Benz entwickelte das erste praxis­taug­liche Auto­mobil (1885/86), Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach perfek­tio­nier­ten den Ver­bren­nungs­motor, und Rudolf Diesel erfand den nach ihm be­nannten Motor. In der Elektro­technik revolu­tio­nier­ten Werner von Siemens und Emil Rathenau (AEG) die Energie­übertra­gung und elektri­sche Beleuch­tung.

Kartellbildung und Konzentration

Die deutsche Industrie war geprägt von einer starken Tendenz zur Kartell­bildung. Große Konzerne wie Krupp, Thyssen und die IG Farben dominier­ten ihre jeweili­gen Märkte. Diese Konzen­tra­tion ermög­lichte hohe Inves­ti­tio­nen in Forschung und Ent­wick­lung, führte aber auch zu einer starken Ver­flech­tung zwi­schen Indus­trie und Politik.

Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs

Der Erste Weltkrieg unterbrach die kontinuierliche industrielle Ent­wick­lung drama­tisch. In Deutsch­land führte die Kriegs­wirtschaft zu einer einseiti­gen Ausrichtung der Produk­tion auf Rüstungs­güter. Die Blockade der Alliierten und der Mangel an Roh­stoffen zwangen zur Ent­wick­lung von Ersatz­stoffen, was paradoxer­weise einige tech­nische Innova­tionen beschleu­nigte.

Das Kriegsende brachte für Deutschland schwere wirtschaft­liche Belas­tun­gen mit sich. Die Repara­tions­zahlun­gen des Versailler Vertrags, der Verlust wichti­ger Indus­trie­gebiete wie Elsass-Lothringen und Ober­schlesien sowie die Hyper­inflation von 1923 stör­ten die indus­trielle Ent­wick­lung erheb­lich.

Rationalisierung und neue Produktionsmethoden

Die 1920er Jahre waren trotz der politischen und wirtschaft­lichen Turbulen­zen ge­prägt von wichti­gen tech­nischen und organisato­rischen Innova­tionen. Die Rationali­sierungs­bewegung, beeinflusst vom amerika­nischen Taylorismus und Fordismus, hielt Einzug in die deutsche Indus­trie. Fließband­produktion und wissen­schaft­liche Arbeits­organisa­tion steiger­ten die Produkti­vität erheb­lich.

Henry Fords Konzept der Massen­produktion standardi­sierter Güter zu niedri­gen Preisen fand auch in Deutsch­land Anwen­dung. Unter­nehmen wie Opel began­nen mit der Massen­produk­tion von Auto­mobi­len nach amerika­nischem Vorbild.

Neue Industrien und Technologien

Die 1920er Jahre brachten neue Industrien hervor oder führten zur Massen­fertigung zuvor luxuri­öser Güter. Die Automobil­industrie expan­dierte, auch wenn sie noch weit von der Massen­motorisie­rung ent­fernt war. Die Elektro­industrie ent­wickelte neue Haus­halts­geräte und Unterhal­tungs­elektro­nik. Der Rundfunk ent­stand als neue Medien­form und schuf einen neuen Indus­trie­zweig.

In der Chemischen Industrie führten neue Verfahren zur Ent­wick­lung von Kunst­fasern, Kunst­stoffen und anderen synthe­tischen Materialien. Die IG Farben wurde zum größ­ten Chemie­konzern der Welt und symboli­sierte die tech­ni­sche Leistungs­fähig­keit der deut­schen Industrie.


Weiter: Soziale und kulturelle Folgen der Industrialisierung


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