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Vorgeschichte: Die Industrialisierung in England

Soziale und kulturelle Folgen der Industrialisierung

Urbanisierung und Lebensbedingungen

Die Industrialisierung führte zu einer massiven Urbanisierung. Städte wie Manchester, Birmingham, Essen oder Gelsen­kirchen wuchsen binnen weniger Jahr­zehnte von kleinen Orten zu Groß­städten heran. Diese rapide Ent­wick­lung führte zu­nächst zu katastro­phalen Lebens­bedingun­gen: Über­füllung, mangelnde Hygiene und Umwelt­verschmut­zung präg­ten das Leben der Arbeiter­schaft.

Allmählich verbesserten sich jedoch die Lebens­bedingun­gen. Reformen in der Stadt­planung, der Bau von Arbeiter­siedlungen und die Entwick­lung öffent­licher Verkehrs­mittel tru­gen zu einer Verbes­serung der urbanen Lebens­qualität bei. Die Ent­stehung von Waren­häusern und neuen Formen des Einzel­handels ver­änderte das Konsum­verhal­ten grund­legend.

Bildung und Kultur

Die Industrialisierung erforderte besser ausgebil­dete Arbeits­kräfte. Dies führte zu einer Expansion des Bildungs­wesens. Tech­nische Schulen und Universi­tä­ten ent­standen, und die Alphabeti­sierungs­rate stieg deut­lich an. Deutsch­land ent­wickelte ein beson­ders leistungs­fähiges System der beruf­lichen Bildung, das Theorie und Praxis verband.

Die industrielle Gesellschaft brachte auch neue kultu­relle Formen hervor. Die Arbeiter­kultur mit ihren Vereinen, Bildungs­organisa­tionen und politi­schen Bewegun­gen ent­stand. Gleich­zeitig ermög­lichte der indus­tri­elle Wohl­stand die Ent­stehung einer Massen­kultur mit neuen Formen der Unter­haltung.

Frauen in der industriellen Gesellschaft

Die Industrialisierung veränderte die Rolle der Frauen erheblich. Einerseits schuf sie neue Arbeits­möglich­keiten für Frauen in Fabriken und später in Büros. Anderer­seits führte die Tren­nung von Wohn- und Arbeits­platz zu einer stärke­ren Geschlechter­trennung. Das Ideal der bürger­lichen Haus­frau etablierte sich, während Arbeiter­frauen oft eine Doppel­belas­tung von Erwerbs­arbeit und Haus­halt tra­gen muss­ten.

Umweltauswirkungen und Nachhaltigkeit

Die industrielle Revolution hatte erheb­liche Auswir­kun­gen auf die Umwelt. Die Verbren­nung von Kohle führte zu einer massi­ven Luft­verschmut­zung in den Industrie­städten. Flüsse wurden durch Industrie­abwässer ver­schmutzt, und der intensive Berg­bau ver­änderte ganze Land­schaf­ten. Der berühmte Smog in London oder die Umwelt­zerstö­rung im Ruhr­gebiet waren sicht­bare Zeichen dieser Ent­wick­lung.

Erste Ansätze zum Umweltschutz entstan­den be­reits im 19. Jahr­hun­dert, aller­dings meist aus gesund­heit­li­chen Erwägun­gen. Die systema­ti­sche Ausein­ander­set­zung mit den ökologi­schen Folgen der Indus­tria­li­sie­rung be­gann jedoch erst viel später.


Vergleich zwischen England und Deutschland

Beide Länder durchliefen ähnliche Entwicklungs­phasen, jedoch mit charak­teris­ti­schen Unter­schie­den. England als Pionier der Indus­triali­sie­rung musste alle Probleme erst­mals lösen, während Deutsch­land von den engli­schen Erfah­run­gen profi­tie­ren konnte. Dies führte zu einer ande­ren Ent­wicklungs­geschwindig­keit und teil­weise ande­ren Lösungs­ansätzen.

Die deutsche Industrialisie­rung war stärker staat­lich ge­lenkt als die englische. Während Eng­land auf die Kräfte des freien Marktes setzte, spielte in Deutsch­land der Staat eine akti­vere Rolle bei der Förde­rung der industri­ellen Ent­wick­lung. Dies zeigte sich in der Infra­struktur­politik, der Bildungs­politik und später in der Sozial­politik.

Technologische Spezialisierung

England dominierte lange Zeit die Textil­industrie und den Maschinen­bau, während Deutsch­land beson­ders in der Chemi­schen Indus­trie, der Elektro­technik und später im Auto­mobil­bau Spitzen­positio­nen ein­nahm. Diese Speziali­sie­rung führte zu einer komple­men­tären wirt­schaft­lichen Ent­wick­lung, aber auch zu Konkur­renz­situa­tionen.

Historische Bedeutung

Die industrielle Revolution von 1750 bis 1930 war eine der wichtigs­ten Epochen der Menschheits­geschichte. Sie legte das Funda­ment für die moderne Industrie­gesellschaft und verän­derte alle Aspekte des mensch­lichen Lebens grund­legend. England als Ursprungs­land und Deutsch­land als erfolg­reicher Nach­folger zei­gen sowohl die Univer­sali­tät als auch die natio­nalen Beson­der­heiten dieses Pro­zesses.

Die technologischen Innova­tionen dieser Zeit - von der Dampf­maschine über die Eisen­bahn bis zur Elektri­zität - revolutio­nier­ten Produk­tion, Trans­port und Kommuni­ka­tion. Gleich­zeitig ent­stan­den neue soziale Klassen, neue Formen des Zusammen­lebens und neue poli­tische Bewe­gungen.

Die Herausforderungen der Industriali­sie­rung - soziale Ungleich­heit, Umwelt­zerstö­rung, Arbeits­bedingun­gen - be­schäfti­gen die Gesell­schaft bis heute. Viele der damals ent­wickel­ten Lösungs­ansätze, von der Sozial­versiche­rung bis zu Gewerk­schaf­ten, prägen noch immer unsere Gesell­schaft.

Die unterschiedlichen Entwicklungs­wege Englands und Deutsch­lands zei­gen, dass es nicht den einen Weg zur Indus­triali­sie­rung gibt, sondern dass verschie­dene gesell­schaft­liche, poli­tische und kultu­relle Rahmen­bedin­gun­gen zu unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen der indus­triel­len Ent­wick­lung füh­ren können. Diese Er­kennt­nis ist auch für die Beurtei­lung der heuti­gen Indus­triali­sierungs­prozesse in ande­ren Teilen der Welt von Bedeu­tung.

Die Zeit bis 1930 kann als Abschluss der klassi­schen indus­triel­len Revolu­tion be­trach­tet werden. Die an­schließen­den Entwick­lungen - die Welt­wirtschafts­krise, der Zweite Welt­krieg und die danach einset­zende technolo­gische Revolu­tion - leite­ten eine neue Phase der indus­tri­ellen Ent­wick­lung ein, die jedoch auf den Funda­men­ten der hier be­schrie­benen Epoche auf­baute.


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