Aufstieg und Niedergang einer Zivilisations-Energie
Um die Bedeutung der Kohle wirklich zu verstehen, muss man zunächst in die vorindustrielle Welt blicken, die nahezu vollständig auf Holz als Energieträger angewiesen war. Holz war Heizmaterial, Baustoff und Werkzeug in einem. Es wärmte die Stuben, trieb die Schmiedeessen an, brannte in den Töpfereien und Glashütten, und lieferte in Form von Holzkohle die nötige Hitze für die Metallverarbeitung. Ganze Landstriche wurden kahlgeschlagen, um den Hunger der frühen Manufakturen und Bergwerke nach Brennstoff zu stillen. Schon im 16. und 17. Jahrhundert berichteten Chronisten aus dem Erzgebirge, dem Harz und dem Siegerland von dramatischer Waldarmut. Die Schmelzhütten mussten mangels Holz zeitweise stillgelegt werden, Holzpreise stiegen ins Unerschwingliche, und Städte wie Nürnberg oder Augsburg erließen strenge Forstordnungen, um den verbliebenen Waldbestand zu schützen.
England, das am frühesten industrialisierte Land der Welt, spürte diesen Mangel besonders schmerzhaft. Die Insel war im 17. Jahrhundert weitgehend entwaldet. Gerade deshalb begann man dort früher als anderswo, systematisch auf die Steinkohle-Vorkommen zurückzugreifen, die an der Oberfläche der Grafschaft Northumberland und der Region um Newcastle bereits seit dem Mittelalter bekannt waren. Der Übergang von Holz zu Kohle war also kein triumphaler Aufbruch, sondern zunächst eine Notlösung - eine erzwungene Reaktion auf Ressourcen-Erschöpfung. Erst im Rückblick wird daraus eine Revolution.
In Deutschland vollzog sich dieser Übergang langsamer und regional sehr unterschiedlich. Das waldreiche Mittelgebirgsland bot länger Alternativen. Doch auch hier zeichneten sich um 1800 die Grenzen ab. Die aufkeimende Eisenverarbeitung im Ruhrgebiet, die Textil-Manufakturen in Sachsen und die aufstrebenden Städte des Rheinlands brauchten mehr Energie, als die Wälder liefern konnten. Die Kohle wartete buchstäblich unter dem Boden.
Bevor die Geschichte des Abbaus erzählt werden kann, lohnt ein kurzer Blick auf die mineralogischen Unterschiede der beiden Kohlearten, denn sie prägen ihre jeweilige Geschichte grundlegend.
Steinkohle entstand vor rund 300 bis 350 Millionen Jahren im Karbon aus abgestorbenen Wäldern tropischer Sumpfgebiete. Über Jahrmillionen wurden die organischen Massen durch gewaltige Erdschichten überdeckt, verdichtet und erhitzt. Das Ergebnis ist ein harter, schwarzer Festkörper mit einem Heizwert von bis zu 33 Megajoule pro Kilogramm - damit ist Steinkohle kalorisch fast so wertvoll wie Heizöl. Ihre Vorkommen in Deutschland liegen tief unter der Erde, vor allem im Ruhrgebiet, im Saarland und in Niederschlesien (dem heutigen Polen). Der hohe Druck, der die Steinkohle entstehen ließ, hat sie auch weit unter die Erdoberfläche gedrückt, was den Abbau aufwendig und gefährlich macht.
Braunkohle ist geologisch jünger, entstand vor etwa 20 bis 65 Millionen Jahren und durchlief einen kürzeren Umwandlungsprozess. Sie ist weich, feucht, krümelig und hat mit 8 bis 12 Megajoule pro Kilogramm nur etwa ein Drittel des Heizwerts der Steinkohle. Dafür liegt sie oft sehr nah an der Erdoberfläche, was einen kostengünstigen Tagebau ermöglicht. Die deutschen Hauptvorkommen befinden sich im Rheinischen Braunkohle-Revier westlich von Köln, in der Lausitz an der Grenze zu Polen und Tschechien sowie im mitteldeutschen Revier um Halle und Leipzig. Braunkohle enthält zudem deutlich mehr Schwefel und Wasser als Steinkohle, was sie bei der Verbrennung zu einem besonders starken Emittenten von Schadstoffen macht.
Die ältesten Belege für die Nutzung von Kohle in Europa sind verblüffend früh. Bereits die Römer kannten und nutzten Steinkohle an der Küste Britanniens. Im Rheinland finden sich archäologische Nachweise für Kohlenutzung im frühen Mittelalter, und im Aachener Raum, wo Kohle an Hängen natürlich zutage tritt, sind Nutzungsbelege aus dem 12. Jahrhundert dokumentiert. Im Ruhrgebiet selbst tauchen urkundliche Hinweise auf die „Kohleschatze“ an der Ruhr im 13. Jahrhundert auf.
Der frühe Abbau war technisch primitiv und arbeitete die natürlichen Gegebenheiten aus: Man grub dort, wo Kohle an der Erdoberfläche oder an Flusshängen sichtbar war, die sogenannten Ausstriche. Diese einfachen Stollenbetriebe - man nannte sie „Kohlenbänke“ oder „Pingenbetriebe“ - waren Handwerksbetriebe, die von wenigen Bergleuten geführt wurden. Die Kohle wurde mit Hacke und Schaufel gelöst, in Körben nach oben getragen und auf Esels- oder Pferderücken zu den Abnehmern transportiert. Das Aachener Steinkohlenrevier und das Ruhrgebiet belieferten im Mittelalter vor allem Schmieden, Kalkbrenner und Ziegeleien in der näheren Umgebung.
Der eigentliche Durchbruch kam mit der Dampfmaschine, und dabei schließt sich ein faszinierender historischer Kreis: Die Dampfmaschine wurde entwickelt, um das drängendste Problem des Bergbaus zu lösen - das Wasser. Je tiefer man grub, desto mehr Grundwasser drang in die Schächte ein. Die Bergleute kämpften jahrhundertelang mit primitiven Schöpfwerken, Göpeln (pferdebetriebenen Hebewerken) und Entwässerungsstollen gegen das Wasser. Thomas Newcomen konstruierte 1712 die erste brauchbare atmosphärische Dampfmaschine in England - ihr einziger Zweck war, Wasser aus Kohlebergwerken zu pumpen. James Watt verbesserte das Prinzip ab 1769 entscheidend, und die so verfeinerte Dampfmaschine begann nicht nur Wasser zu pumpen, sondern die gesamte industrielle Produktion anzutreiben - und brauchte dafür natürlich: Kohle. Kohle erzeugte die Maschine, die Kohle fördern half, die mehr Maschinen antrieb, die mehr Kohle brauchten. Ein sich selbst verstärkender industrieller Kreislauf war in Gang gesetzt.
In Deutschland wurde das Ruhrgebiet zur Bühne dieser Transformation. Um 1800 war das Ruhrgebiet noch eine ländliche Region, geprägt von Bauernhöfen, kleinen Hammerwerken an den Flüssen und bescheidenen Stollenbetrieben. Fünfzig Jahre später hatte sich das Bild grundlegend verändert. Die Gründung der Gewerkschaft „Neumühl“ (1737) und zahlreicher weiterer Zechen, der Bau von Eisenbahnlinien - die erste Dampfeisenbahn in Deutschland fuhr 1835 zwischen Nürnberg und Fürth, aber das Ruhrgebiet erhielt seine entscheidenden Bahnverbindungen in den 1840er Jahren -, und der Aufstieg von Unternehmen wie Krupp in Essen trieben die Entwicklung an. 1850 wurden im Ruhrgebiet rund 1,7 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert. 1913 waren es atemberaubende 114 Millionen Tonnen - allein im Ruhrgebiet.
Was machte die Kohle zu einer so epochalen Ressource? Es war ihre Eigenschaft als universeller Energieträger. Sie heizte Dampfkessel, trieb Lokomotiven und Schiffe an, schmolz Erze, brannte Ziegel, beheizte Wohnhäuser und lieferte bald auch das Ausgangsmaterial für eine ganz neue Industrie: die chemische.
Die gesellschaftlichen Folgen waren gewaltig. Aus Bauerndörfern wurden innerhalb weniger Jahrzehnte Industriestädte. Menschen strömten aus den verarmten Regionen Ostpreußens, Schlesiens und Polens ins Ruhrgebiet, angelockt von geregeltem Lohn und Arbeit.
Die Bevölkerung von Essen wuchs von etwa 4.000 Einwohnern im Jahr 1800 auf über 400.000 im Jahr 1914. Gelsenkirchen, Bochum, Dortmund, Oberhausen - ganze Städte entstanden gewissermaßen aus der Kohle heraus. Der Begriff des „Reviers“ - eigentlich ein Jagdausdruck - wurde zur sozialen und kulturellen Identität einer ganzen Region und ihrer Menschen.
Die Bergleute, die „Kumpels“, entwickelten eine eigene Standeskultur. Der Bergmann galt als ehrenhafter, harter Arbeiter, dem besondere gesellschaftliche Achtung gebührte. Auch deshalb, weil sein Beruf tödliche Risiken mit sich brachte, z.B. Grubenunglücke durch Schlagwetter (explosive Gasgemische), Kohlenstaub-Explosionen, Deckeneinstürze, Überschwemmungen und Sauerstoffmangel forderten regelmäßig viele Menschenleben.
Das Grubenunglück auf der Zeche Radbod bei Hamm kostete 1908 über 340 Bergleuten das Leben;
die Schlagwetterkatastrophe auf Zeche König Ludwig 1906 hatte 200 Opfer.
Diese Opfer schmiedeten die Bergmannsgemeinschaft zu einer solidarischen Gruppe zusammen, aus der heraus später die starke Gewerkschaftsbewegung im Ruhrgebiet erwuchs.
Ein entscheidender technologischer Schritt war die Entdeckung, dass Kohle sich zu Koks veredeln ließ. Koks ist im Wesentlichen reiner Kohlenstoff, der entsteht, wenn Steinkohle ohne Luftzufuhr auf über 1000°C erhitzt wird - ein Prozess, der alle flüchtigen Bestandteile austreibt. Das Ergebnis ist ein poröser, hochfester und sehr heiß brennender Brennstoff.
Warum war das revolutionär? Weil es die Eisenverhüttung von der Holzkohle befreite. Jahrhundertelang war für die Eisenproduktion Holzkohle notwendig gewesen, die aus Holz hergestellt wurde - mit den bereits beschriebenen verheerenden Folgen für die Wälder. 1709 gelang es Abraham Darby in Coalbrookdale in England erstmals, Eisen mit Koks statt mit Holzkohle zu verhütten. Das öffnete die Schleusen für eine massenhafte Eisenproduktion, die vorher schlicht nicht möglich gewesen war.
In Deutschland verbreitete sich die Kokshochofentechnik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Ruhrgebiet bot ideale Voraussetzungen: Steinkohle lag in Fülle vor, Eisenerz wurde aus dem Siegerland und später massenhaft aus Lothringen und Schweden importiert, und die aufkommende Eisenbahn schaffte die Verbindungen zwischen Rohmaterial, Produktionsstandort und Absatzmarkt. Firmen wie Krupp, Thyssen und Hoesch wurden zu Weltkonzernen. Die Stahlindustrie und die Kohleförderung befruchteten sich gegenseitig: Für die Zechen brauchte man Stahlträger zur Grubenabsicherung, Stahlseile für die Förderanlagen und Stahlschienen für die Förderbahnen unter Tage. Für den Stahl brauchte man Koks. Diese symbiotische Verflechtung machte das Ruhrgebiet zur industriellen Herzkammer Deutschlands und Europas.
Die Koksproduktion hatte aber noch einen weiteren bedeutenden Nebeneffekt, der die Geschichte der Energieversorgung auf eine überraschende Weise prägte: das Kokereigas.
Als man im frühen 19. Jahrhundert begann, Kohle in Gasanstalten zu erhitzen, entdeckte man, dass das dabei entstehende Gas - Steinkohlengas oder Stadtgas - hervorragend brannte. Der schottische Erfinder William Murdoch beleuchtete 1802 erstmals ein Fabrikgebäude mit Kohlegas, und der deutsche Unternehmer Friedrich Albert Winzer (in England als Frederick Winzer bekannt) gründete 1812 in London die erste öffentliche Gasbeleuchtungsgesellschaft der Welt.
Die Idee verbreitete sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. In allen größeren deutschen Städten entstanden ab den 1820er und 1830er Jahren Gasanstalten: Berlin 1826, München 1838, Frankfurt 1828. Das Gas wurde durch ein städtisches Rohrnetz verteilt und speiste zunächst vor allem die Straßenbeleuchtung. Die Wirkung war geradezu dramatisch: Städte, die zuvor mit Einbruch der Dunkelheit erloschen, leuchteten nun durch die Nacht. Das öffentliche Leben verlängerte sich, Kriminalität in beleuchteten Straßen sank, Theater und Restaurants konnten auch abends gedeihen.
Bald kam das Gas auch in die Privathäuser: zunächst zur Beleuchtung, dann immer mehr zum Kochen und Heizen. Der Gasherd ersetzte den rußenden, gefährlichen Holz- oder Kohleherd und revolutionierte den Alltag der Haushalte, vor allem der städtischen Mittelschicht. Stadtgas bestand zu einem wesentlichen Teil aus Wasserstoff, Methan und Kohlenmonoxid - das letztgenannte Gas machte es im Übrigen hochgiftig, was zu zahlreichen Unfällen und leider auch zu Suiziden führte.
Der Abfall der Gasproduktion - Kohlenteer und Ammoniakwasser - war zunächst ein lästiges Entsorgungsproblem. Dann aber erkannten Chemiker wie August Wilhelm von Hofmann und später die BASF und Hoechst, dass im Kohlenteer wahre chemische Schätze steckten. Aus Steinkohlenteer wurden Anilinfarben synthetisiert - das war der Beginn der deutschen Chemie-Industrie, die bald zur weltmarktführenden werden sollte. Aspirin, Sprengstoff, Düngemittel, Kunststoffvorläufer - die chemische Industrie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts fußte ganz wesentlich auf der Kohle und ihren Nebenprodukten. Kohle war also nicht nur Energiequelle, sondern auch Rohstofflieferant für eine chemische Industrie, die die Welt veränderte.
Mit steigender Nachfrage wurden die oberflächennahen Kohlevorkommen im Ruhrgebiet rasch erschöpft. Die Flöze - die horizontalen Kohlelagen - tauchten nach Norden hin immer tiefer in die Erde ab. Was im südlichen Ruhrgebiet, an Ruhr und Lenne, noch in wenigen Dutzend Metern Tiefe zugänglich war, lag im nördlichen Ruhrgebiet jenseits von Recklinghausen und Gelsenkirchen schon bald in 500, 800, ja über 1000 Metern Tiefe.
Mit zunehmender Tiefe wuchsen die Probleme exponentiell. Die Gebirgsdrücke nahmen zu und machten den Streckenausbau aufwendiger - statt Holzstempel kamen zunehmend Stahlstempel und schließlich hydraulische Schreitausbausysteme zum Einsatz. Die Temperaturen in den Gruben stiegen: In tiefen Schächten herrschten 40 Grad und mehr, was für die Bergleute extreme körperliche Belastungen bedeutete und aufwendige Bewetterungsanlagen - die Belüftung der Gruben - erforderte. Je mehr Luft man einblies, desto wichtiger wurde auch die Kontrolle der Schlagwettergefahr. Methan, das aus der Kohle entwich, bildet mit Luft ein hochexplosives Gemisch. Sicherheitslampen nach dem Prinzip von Humphry Davy (die Davy-Lampe, 1815) und später Wetterlampen mit Flammensperre verringerten das Explosionsrisiko, eliminierten es aber nie vollständig.
Der Wassereinbruch blieb eine permanente Bedrohung. Kraftvolle Pumpen, die selbst durch Dampf- und später Elektromotoren angetrieben wurden, arbeiteten rund um die Uhr, um die Gruben trocken zu halten. Eine einzige stillgelegte Pumpe konnte innerhalb von Stunden zur Überflutung eines Abbaubereichs führen. Der Energiebedarf allein für die Wasserhaltung war enorm.
Die Förderung selbst wandelte sich technisch tiefgreifend. Die frühen Bergleute arbeiteten mit Schlägel und Eisen, später mit dem Abbauhammer (einem druckluftbetriebenen Meißelhammer). Ab den 1940er Jahren kamen Kohlenhobel und Schrämmaschinen auf, die mechanisch in die Flöze einschnitten. Schließlich ermöglichten Schildausbau-Garnituren - hydraulisch gestützte stählerne Schirmkonstruktionen - den vollautomatisierten Strebabbau, bei dem die Kohle maschinell gewonnen, auf Kettenkratzerförderer geladen und zur Transportstrecke gebracht wurde. Ein moderner Strebbetrieb der 1980er Jahre wäre einem Bergmann des 19. Jahrhunderts wie ein Märchen erschienen.
Dennoch blieb der Bergbau gefährlich. Die Liste der schweren Gruben-Unglücke im Ruhrgebiet ist lang und erschütternd. Das schlimmste Nachkriegsunglück ereignete sich 1946 auf der Zeche Grimberg in Bergkamen: Eine Schlagwetterexplosion tötete 405 Bergleute.
1962 starben auf der Zeche Mathias Stinnes in Essen 31 Bergleute durch Schlagwetter.
Und selbst in den technisch verfeinerten 1970er und 1980er Jahren forderten Grubenunglücke regelmäßig Menschenleben.
Neben der akuten Unglücksgefahr fraß der Bergbau die Gesundheit der Bergleute auf lange Sicht. Silikose - die Quarzstaubkrankheit, auch „Staublunge“ genannt - war die Berufskrankheit des Bergmanns schlechthin. Wer jahrzehntelang im Steinstaub arbeitete, schädigte seine Lungen unwiederbringlich. Zehntausende Bergleute verstarben an Silikose oder litten bis zu ihrem Tod unter schwerem Atemnotleiden. Erst langsam, nach jahrzehntelangem Kampf der Gewerkschaften, wurden Arbeitsschutzmaßnahmen durchgesetzt, Entstaubungsanlagen eingebaut und Schutzmasken vorgeschrieben.
Während der Steinkohlenbergbau sich in die Tiefe fraß, hat der Braunkohleabbau das genaue Gegenteil getan: Er frass sich in die Fläche. Da Braunkohle oft nur wenige Meter unter der Oberfläche liegt, ermöglicht sie den Tagebau - man trägt einfach den Deckboden ab und schöpft die Kohle aus einer riesigen, immer tiefer werdenden Grube.
Was technisch einfach und billig klingt, hatte und hat katastrophale räumliche Konsequenzen. Braunkohle-Tagebaue sind keine Gruben im üblichen Sinne - sie sind Mondlandschaften von gewaltiger Ausdehnung. Der Tagebau Hambach im Rheinischen Revier erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 85 Quadratkilometern und reicht bis zu 400 Meter in die Tiefe. Er ist damit eines der tiefsten Löcher der Erde, das Menschen je gegraben haben. Tagebau Garzweiler II umfasst ebenfalls riesige Flächen westlich von Mönchengladbach.
Was bedeutet das für die betroffenen Menschen? Ganze Dörfer mussten weichen. Im Rheinischen Revier wurden seit Beginn des Braunkohleabbaus über 100 Ortschaften mit insgesamt mehr als 40.000 Einwohnern umgesiedelt. Dörfer, die manchmal seit Jahrhunderten bestanden, wurden schlicht von der Landkarte getilgt. Kirchen, Friedhöfe, gewachsene Nachbarschaften, Familien-Erinnerungen - alles wurde dem Kohlebagger geopfert. Die Umsiedlungen wurden zwar entschädigt, aber kein Geld der Welt kann eine Heimat ersetzen. In der Lausitz sind ähnliche Entwurzelungen dokumentiert, mit dem besonderen Aspekt, dass dort auch die sorbische Minderheit - ein slawisches Volk mit eigener Sprache und Kultur - in besonderem Maß von Umsiedlungen betroffen war und ist.
Das Wasserregime ganzer Regionen wird durch Tagebaue verändert. Um die Gruben trocken zu halten, wird das Grundwasser großräumig abgepumpt, was Grundwasserspiegel senkt, Wälder und Feuchtbiotope austrocknet und das natürliche Fließgewässernetz stört. Im Rheinischen Revier wurden in Spitzenzeiten täglich über 500 Millionen Liter Grundwasser abgepumpt. Nach dem Ende des Tagebaus müssen die Gruben mühsam mit Wasser geflutet werden - ein Prozess, der Jahrzehnte dauert und künstliche Seen hinterlässt, die wiederum das regionale Wassergleichgewicht dauerhaft verändern.
Die wirtschaftliche und strategische Bedeutung der Kohle im 19. und frühen 20. Jahrhundert kann kaum überschätzt werden. Im Deutschen Kaiserreich war die Kohle das Fundament der nationalen Macht. Die Hochrüstung vor dem Ersten Weltkrieg wäre ohne die Stahlproduktion des Ruhrgebiets, die wiederum ohne Koks undenkbar war, schlicht nicht möglich gewesen. Als Frankreich und Belgien 1923 das Ruhrgebiet besetzten, um deutsche Reparationszahlungen zu erzwingen, war das kein Zufall - sie griffen nach dem wirtschaftlichen Herzmuskel Deutschlands.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Kohle zur Kriegsressource ersten Ranges. Das nationalsozialistische Regime betrieb mit Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen den Kohleabbau auf eine Weise, die jede zivilisatorische Schranke niederriss. In schlesischen Bergwerken, im Saarland und im Ruhrgebiet schufteten Zehntausende von Zwangsarbeitern unter mörderischen Bedingungen. Die Bergleute dieser Zeit trugen ein untrennbar mit NS-Verbrechen verbundenes Kapitel in der Geschichte der Kohle.
Für die NS-Kriegswirtschaft war Kohle noch auf eine weitere Weise unverzichtbar: als Rohstoff für synthetischen Kraftstoff. Das Fischer-Tropsch-Verfahren und die Bergius-Pier-Hydrierung ermöglichten es, aus Kohle flüssige Kohlenwasserstoffe zu gewinnen - also synthetisches Benzin und Diesel-Kraftstoff. Da Deutschland über keine nennenswerten Erdölreserven verfügte, war diese „Kohlehydrierung“ kriegsentscheidend. 1944 produzierten deutsche Anlagen aus Kohle rund vier Millionen Tonnen Treibstoff. Die alliierten Bomberangriffe, die gezielt diese Hydrierwerke - in Leuna, Pölitz, Wesseling - angriffen, trugen wesentlich zur Lähmung der deutschen Wehrmacht bei.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Kohle erneut das entscheidende Wiederaufbau-Material. Das zerstörte Europa brauchte Energie und Stahl, und beides hing von der Kohle des Ruhrgebiets ab. Die Alliierten kontrollierten zunächst die Förderung, und die frühe Bundesrepublik Deutschland konnte sich nicht zuletzt deshalb so rasch wirtschaftlich erholen, weil der Kohlehunger der Nachbarländer Deutschland einen privilegierten Absatzmarkt sicherte.
Der Schuman-Plan von 1950 und die daraus entstehende Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, 1951) waren ein direktes Produkt dieser Zentralität der Kohle. Indem Frankreich, Deutschland, Italien und die Benelux-Staaten ihre Kohle- und Stahlindustrien unter gemeinsame Aufsicht stellten, machten sie Krieg zwischen sich wirtschaftlich irrational. Die Kohle wurde buchstäblich zum Fundament des europäischen Einigungsprojekts.
Doch schon in den 1950er Jahren zogen sich am Horizont die ersten Wolken zusammen. Erdöl strömte in wachsenden Mengen aus dem Mittleren Osten und aus der Sowjetunion auf die Weltmärkte und war im Vergleich zur mühsam geförderten Steinkohle zunehmend billiger. Heizöl verdrängte die Kohleheizung aus den Privathäusern, Dieselmotoren die Dampflokomotiven. Die erste große Kohlekrise traf das Ruhrgebiet ab 1958 mit voller Wucht: Auf den Halden türmten sich Millionen Tonnen unverkaufter Kohle, Zechen wurden stillgelegt, Bergleute entlassen.
Die Politik reagierte mit Subventionen, Mengenbeschränkungen für Importkohle und dem sogenannten „Kohlepfennig“ - einer Sonderabgabe auf Strom, mit der der heimische Kohlenbergbau quersubventioniert wurde. Damit begann eine jahrzehntelange staatliche Stützung der Steinkohle, die bis zum endgültigen Ausstieg 2018 anhalten sollte und insgesamt Subventionen in der Größenordnung von über 100 Milliarden Euro verschlang.
Die Geschichte der deutschen Kohle ist auch eine Geschichte des Handels, und diese ist widersprüchlicher, als man zunächst vermuten würde. Deutschland war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein ein bedeutender Kohle-Exporteur. Das Ruhrgebiet belieferte Belgien, die Niederlande, Frankreich, die Schweiz und Skandinavien. Qualitätskohle, insbesondere Kokskohle für die Stahlindustrie, war ein begehrtes Exportprodukt.
Doch mit dem Strukturwandel kehrte sich das Verhältnis um. Als die deutschen Zechen immer teurer wurden - bedingt durch die größere Tiefe, die erschöpfteren Flöze und die hohen deutschen Löhne -, wurde Importkohle zunehmend attraktiv. Steinkohle aus dem australischen Queensland, aus dem US-amerikanischen Appalachian-Revier, aus Südafrika und Kolumbien ließ sich zu Preisen an die Ruhr liefern, die ein Bruchteil der deutschen Förderkosten betrugen. In den 1980er und 1990er Jahren importierte Deutschland in manchen Jahren mehr Kohle, als heimische Zechen förderten.
Das schuf ein politisch hochgradig unbequemes Dilemma: Einerseits waren die deutschen Steinkohle-Zechen wirtschaftlich schlicht nicht wettbewerbsfähig - ein Ruhrbergmann kostete zehnmal so viel wie sein australischer Kollege, und die Flöze waren zunehmend schwierig und teuer abzubauen. Andererseits hingen noch in den 1980er Jahren über 200.000 Bergleute und ihre Familien, ganze Regionen und kommunale Steuerbasen an der Industrie. Die politische Kraft der Bergbau-Gewerkschaft IG Bergbau und Energie war enorm, und keine Bundesregierung wagte es, den Abbau einfach dem Markt zu überlassen.
Die Braunkohle hingegen war als einheimische Ressource von importiertem Öl und Gas unabhängig und daher aus Energie-politischer Sicht attraktiv. Gerade nach den Ölpreis-Schocks von 1973 und 1979, die Deutschland in eine tiefe wirtschaftliche Krise gestürzt hatten, gewann die einheimische Braunkohle wieder an Bedeutung - trotz ihrer ökologischen Nachteile.
Kohle verbrennen bedeutet immer auch: Schadstoffe in die Luft blasen. Was für einzelne Öfen noch trivial erscheint, wurde bei Millionen von Tonnen Kohle in Kraftwerken, Heizanlagen und Industrieöfen zu einer Umweltkatastrophe.
Schwefeldioxid war die erste und unmittelbarste Bedrohung. Steinkohle enthält je nach Herkunft 0,5% bis 3% Schwefel, Braunkohle oft noch mehr. Beim Verbrennen entsteht Schwefeldioxid, das sich in der Atmosphäre mit Wasser verbindet und als Schwefelsäure - saurer Regen - auf die Erde fällt. In den 1970er und besonders 1980er Jahren waren die Folgen dramatisch sichtbar: Der Schwarzwald starb im Wortsinn ab, ganze Bergwälder verwandelten sich in Gespensterwälder aus kahlen, toten Stämmen. Skandinavische Seen versauerten, Fischbestände kollabierten. In Deutschland wurde das Waldsterben zu einem nationalen Trauma und zum politischen Treiber für eine der ersten großen Umweltschutzbewegungen.
Die Reaktion war die Einführung von Rauchgas-Entschwefelungsanlagen (REA) an Kraftwerken, die ab Mitte der 1980er Jahre schrittweise vorgeschrieben und eingebaut wurden. Tatsächlich sanken die Schwefeldioxid-Emissionen Deutschlands daraufhin dramatisch, und die unmittelbarste Waldsterbens-Problematik entschärfte sich - obwohl die Schäden niemals vollständig rückgängig zu machen waren.
Stickoxide, Feinstaub, Quecksilber und andere Schwermetalle aus Kohlekraftwerken belasteten Böden und Gewässer zusätzlich. Der Emscher-Schaum-Alarm - der in der Nachkriegszeit zum Mythos gewordene Zustand des einst offenen Abwasserkanals Emscher im Ruhrgebiet - war zwar nicht allein auf Kohle zurückzuführen, illustriert aber die allgemeine ökologische Rücksichtslosigkeit des Industriezeitalters.
Die gravierendste Umweltfolge der Kohle ist allerdings der Klimawandel, und dieser wurde in seiner vollen Tragweite erst spät verstanden. Kohle ist der Kohlenstoff-intensivste fossile Brennstoff. Pro erzeugter Kilowattstunde Strom emittiert ein Braunkohle-Kraftwerk etwa 1.100 Gramm CO₂, ein Steinkohlekraftwerk rund 800 Gramm - im Vergleich zu 400 bis 500 Gramm bei einem Gaskraftwerk und nahezu null bei Wind- oder Solarenergie. Deutschland war und ist einer der weltweit größten CO₂-Emittenten pro Kopf, und die Kohlenverstromung trägt daran erheblichen Anteil. Die Klimakonferenzen ab den 1990er Jahren, das Kyoto-Protokoll (1997) und schließlich das Pariser Abkommen (2015) haben den Kohleausstieg zur zwingenden Konsequenz einer klimaverträglichen Energiepolitik gemacht.
Der Niedergang der deutschen Steinkohle vollzog sich in einem jahrzehntelangen, schmerzhaften Prozess. 1957 arbeiteten noch rund 600.000 Menschen in deutschen Steinkohle-Bergwerken, fast ausschließlich im Ruhrgebiet und im Saarland. 1980 waren es noch etwa 250.000, im Jahr 2000 knapp 60.000, und 2018, als die letzte Zeche - die Prosper-Haniel in Bottrop - schloss, arbeiteten noch etwa 3.600 Bergleute unter Tage.
Jede Phase des Stellenabbaus war von sozialen Kämpfen begleitet. Große Streiks, Demonstrationen von Bergleuten in Düsseldorf, politische Auseinandersetzungen um Subventionshöhen und Stilllegungspläne prägten das Ruhrgebiet über Jahrzehnte. Die Gewerkschaft IG Bergbau handelte stets soziale Abfederungen aus - Frühpensionierungen, Umschulungsprogramme, Anpassungsgeld für ältere Beschäftigte. Dennoch blieb der Strukturwandel traumatisch. In Städten wie Gelsenkirchen, Bottrop, Marl oder Herne hinterließ das Wegbrechen der Zechenarbeit nicht nur wirtschaftliche, sondern tiefe kulturelle und psychologische Wunden.
Das Ruhrgebiet versuchte sich neu zu erfinden - als Kulturregion, als Technologie-Standort, als Universitäts-Landschaft. Tatsächlich wurden alte Industriebauten zu Kulturzentren umgewandelt: Das Gasometer Oberhausen, die Zeche Zollverein in Essen (heute UNESCO-Weltkulturerbe), das Mischanlage und Kohlenwäsche in Dortmund. Die Internationale Bauausstellung Emscher Park (1989-1999) wurde zum Modellprojekt für die Revitalisierung einer Industrieregion. Doch die wirtschaftliche Schwäche vieler Ruhrgebietsstädte ist bis heute nicht überwunden.
Während die Steinkohle 2018 ihr formelles Ende fand, kämpft die Braunkohle noch um ihre Zeit. Nach langen gesellschaftlichen und politischen Debatten einigte sich die Kohlekommission der Bundesregierung 2019 auf ein Ausstiegsszenario: Spätestens 2038 soll das letzte deutsche Braunkohlekraftwerk vom Netz gehen. Unter dem Druck der Klimakrise und nach dem Energiepreisschock infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine 2022 - der kurzfristig zu einer paradoxen Reaktivierung von Kohlekraftwerken führte, weil Gaslieferungen ausfielen - wurde der Kohleausstieg im Rheinischen Revier auf 2030 vorgezogen.
Die Braunkohle war in Deutschland nie ein Exportprodukt - ihr geringer Heizwert macht sie zu teuer im Transport. Sie wurde immer dort verbraucht, wo sie gefördert wurde, vor allem zur Stromerzeugung in Kraftwerken unmittelbar am Tagebaurand. RWE im Rheinischen Revier und LEAG in der Lausitz sind die letzten großen Akteure. Die Hinterlassenschaft ist gewaltig: Restseen, sanierungsbedürftige Böschungen, kontaminierte Böden, abgesunkene Grundwasserspiegel und jahrhundertelang gestörte Ökosysteme.
Die Frage, ob Kohle nur eine „Brückentechnologie“ war, ist verführerisch einfach und doch fundamental falsch gestellt. Sie impliziert eine Teleologie - als hätte die Geschichte immer schon auf erneuerbare Energien hingesteuert und die Kohle wäre nur ein notwendiger Zwischenschritt gewesen.
In Wirklichkeit war die Kohle das absolute Fundament der modernen Zivilisation. Ohne Kohle kein industrieller Kapitalismus, keine Massen-Eisenbahn, keine Massenstahl, keine moderne Chemie, keine Elektrizität in der Breite. Ohne Kohle wäre die Bevölkerungsexplosion des 19. und 20. Jahrhunderts nicht ernährbar gewesen - denn die Düngemittelproduktion (zunächst aus Steinkohlenteer, dann aus synthetischem Stickstoff mit Kohle als Energiequelle) steigerte die landwirtschaftliche Produktivität erst auf ein Niveau, das Milliarden Menschen ernähren konnte. Ohne Kohle wäre die moderne Medizin, die Stadtentwicklung, das Bildungssystem in seiner heutigen Form nicht denkbar.
Gleichzeitig war die Kohle immer auch eine Zerstörungskraft: Zerstörung von Landschaften, Gesundheit, Luft, Wasser, Klima, sozialen Gefügen. Der Preis der kohlenbefeuerten Modernisierung war - und ist - enorm, und er wird zum Teil erst jetzt in seiner vollen Höhe sichtbar, da der Klimawandel seine Rechnung präsentiert.
Was die Kohle also war: keine Brückentechnologie, sondern die Basistechnologie einer Epoche - einer Epoche, die jetzt, nach etwa 200 Jahren, zu Ende geht. Ob das schnell genug geht, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels abzuwenden, ist die zentrale Frage unserer Zeit.
Am 30. Dezember 2018 fuhr in der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop das letzte Förderband hoch. Der letzte Bergmann trug ein Stück Kohle ans Tageslicht - symbolisch übergab er es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Es war das Ende von drei Jahrhunderten Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet. Die Feierlichkeit des Moments und die Trauer der Bergleute und ihrer Familien standen in einem merkwürdigen Widerspruch zu der nüchternen wirtschaftlichen Realität: Die Zeche war zuletzt nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen, und ihr Ende war seit Jahren besiegelt.
Die Gründe, warum Kohle in Deutschland abgelöst wurde, sind vielfältig und überlagern sich: die wirtschaftliche Unrentabilität der deutschen Steinkohle im globalen Wettbewerb, der Klimawandel und die damit verbundenen politischen Verpflichtungen, die technologische Entwicklung erneuerbarer Energien, die rapide sinkenden Kosten für Wind- und Solarstrom, die Verschiebung gesellschaftlicher Werte in Richtung Umweltschutz und die politische Kraft der Klimabewegung.
Das Erbe der Kohle ist zweideutig wie die Kohle selbst. Es ist das Ruhrgebiet - eine der größten Stadtlandschaften Europas, mit ihrer robusten Arbeiterkultur, ihrer musikalischen Kreativität, ihren Universitäten und Museen, ihrer Solidarität und ihrem Witz. Es ist die Chemie-Industrie, die aus Kohlenteer erwuchs. Es sind die Eisenbahnnetze, die Brücken, die Stahlbauten, die Dampfmaschinen in den Museen. Und es ist das CO₂, das noch für Generationen in der Atmosphäre verweilen wird - unsichtbar, aber klimawirksam, das bleibende Erbe einer Ära, die die Welt veränderte.