Zurück  •  Startseite Herkunft.de  •  Impressum & Datenschutz

Kohle - Schwarzes Gold oder dunkles Erbe?

Aufstieg und Niedergang einer Zivilisations-Energie

Um die Bedeutung der Kohle wirklich zu ver­stehen, muss man zunächst in die vor­industriel­le Welt blicken, die nahezu voll­ständig auf Holz als Energie­träger ange­wiesen war. Holz war Heiz­material, Bau­stoff und Werk­zeug in einem. Es wärmte die Stuben, trieb die Schmiede­essen an, brann­te in den Töpfe­reien und Glas­hütten, und lieferte in Form von Holz­kohle die nötige Hitze für die Metall­verarbei­tung. Ganze Land­striche wurden kahl­geschla­gen, um den Hunger der frühen Manufak­turen und Berg­werke nach Brenn­stoff zu stillen. Schon im 16. und 17. Jahr­hun­dert be­richte­ten Chronis­ten aus dem Erz­gebirge, dem Harz und dem Sieger­land von dramati­scher Wald­armut. Die Schmelz­hütten muss­ten mangels Holz zeit­weise still­gelegt werden, Holz­preise stiegen ins Un­erschwing­liche, und Städte wie Nürn­berg oder Augs­burg er­ließen strenge Forst­ordnun­gen, um den ver­bliebe­nen Wald­bestand zu schützen.

England, das am frühesten industriali­sierte Land der Welt, spürte diesen Mangel be­sonders schmerz­haft. Die Insel war im 17. Jahr­hun­dert weit­gehend ent­waldet. Gerade des­halb be­gann man dort früher als anders­wo, systema­tisch auf die Stein­kohle-Vorkommen zurück­zugrei­fen, die an der Ober­fläche der Graf­schaft Northumber­land und der Region um Newcastle bereits seit dem Mittel­alter be­kannt waren. Der Über­gang von Holz zu Kohle war also kein trium­phaler Auf­bruch, sondern zu­nächst eine Not­lösung - eine er­zwun­gene Reak­tion auf Ressour­cen-Erschöp­fung. Erst im Rück­blick wird daraus eine Revo­lution.

In Deutschland vollzog sich dieser Übergang lang­samer und regional sehr unter­schied­lich. Das wald­reiche Mittel­gebirgs­land bot länger Alterna­ti­ven. Doch auch hier zeich­neten sich um 1800 die Grenzen ab. Die auf­keimende Eisen­verarbei­tung im Ruhr­gebiet, die Textil-Manufak­turen in Sachsen und die auf­strebenden Städte des Rhein­lands brauch­ten mehr Energie, als die Wälder liefern konn­ten. Die Kohle wartete buch­stäb­lich unter dem Boden.

Steinkohle und Braunkohle - zwei Geschwister mit unterschiedlichem Charakter

Bevor die Geschichte des Abbaus erzählt werden kann, lohnt ein kurzer Blick auf die mineralo­gischen Unter­schiede der beiden Kohle­arten, denn sie prägen ihre jewei­lige Geschich­te grund­legend.

Steinkohle entstand vor rund 300 bis 350 Millio­nen Jah­ren im Karbon aus abge­storbe­nen Wäldern tropi­scher Sumpf­gebiete. Über Jahr­millio­nen wurden die organi­schen Massen durch ge­waltige Erd­schichten über­deckt, ver­dichtet und er­hitzt. Das Ergeb­nis ist ein harter, schwarzer Fest­körper mit einem Heiz­wert von bis zu 33 Mega­joule pro Kilo­gramm - damit ist Stein­kohle kalorisch fast so wert­voll wie Heizöl. Ihre Vorkom­men in Deutsch­land liegen tief unter der Erde, vor allem im Ruhr­gebiet, im Saar­land und in Nieder­schlesien (dem heuti­gen Polen). Der hohe Druck, der die Stein­kohle ent­stehen ließ, hat sie auch weit unter die Erd­ober­fläche ge­drückt, was den Abbau auf­wendig und gefähr­lich macht.

Braunkohle ist geologisch jünger, entstand vor etwa 20 bis 65 Millio­nen Jah­ren und durch­lief einen kürze­ren Um­wandlungs­prozess. Sie ist weich, feucht, krümelig und hat mit 8 bis 12 Mega­joule pro Kilo­gramm nur etwa ein Drittel des Heiz­werts der Stein­kohle. Dafür liegt sie oft sehr nah an der Erd­oberfläche, was einen kosten­günstigen Tagebau er­möglicht. Die deut­schen Haupt­vorkommen be­finden sich im Rheini­schen Braun­kohle-Revier west­lich von Köln, in der Lausitz an der Grenze zu Polen und Tsche­chien sowie im mittel­deutschen Revier um Halle und Leipzig. Braun­kohle ent­hält zudem deut­lich mehr Schwefel und Wasser als Stein­kohle, was sie bei der Ver­bren­nung zu einem beson­ders star­ken Emitten­ten von Schad­stoffen macht.

Die frühe Kohleförderung

Die ältesten Belege für die Nutzung von Kohle in Europa sind ver­blüffend früh. Bereits die Römer kann­ten und nutz­ten Stein­kohle an der Küste Britanni­ens. Im Rhein­land finden sich archäolo­gische Nach­weise für Kohle­nutzung im frühen Mittel­alter, und im Aachener Raum, wo Kohle an Hängen natür­lich zutage tritt, sind Nutzungs­belege aus dem 12. Jahr­hun­dert dokumen­tiert. Im Ruhr­gebiet selbst tauchen urkund­liche Hin­weise auf die „Kohle­schatze“ an der Ruhr im 13. Jahr­hun­dert auf.

Der frühe Abbau war technisch primitiv und arbei­tete die natür­lichen Gegeben­heiten aus: Man grub dort, wo Kohle an der Erd­oberfläche oder an Fluss­hängen sicht­bar war, die so­genann­ten Aus­striche. Diese ein­fachen Stollen­betriebe - man nannte sie „Kohlen­bänke“ oder „Pingen­betriebe“ - waren Handwerks­betriebe, die von weni­gen Berg­leuten ge­führt wurden. Die Kohle wurde mit Hacke und Schaufel ge­löst, in Körben nach oben ge­tragen und auf Esels- oder Pferde­rücken zu den Ab­nehmern transpor­tiert. Das Aachener Stein­kohlen­revier und das Ruhr­gebiet beliefer­ten im Mittel­alter vor allem Schmieden, Kalk­brenner und Ziege­leien in der nähe­ren Umgebung.

Der eigentliche Durchbruch kam mit der Dampf­maschine, und dabei schließt sich ein faszi­nieren­der histo­ri­scher Kreis: Die Dampf­maschine wurde ent­wickelt, um das drängends­te Problem des Berg­baus zu lösen - das Wasser. Je tiefer man grub, desto mehr Grund­wasser drang in die Schächte ein. Die Berg­leute kämpf­ten jahr­hunderte­lang mit primi­ti­ven Schöpf­werken, Göpeln (pferde­betriebe­nen Hebe­werken) und Ent­wässe­rungs­stollen gegen das Wasser. Thomas Newcomen konstru­ierte 1712 die erste brauch­bare atmos­phärische Dampf­maschine in England - ihr einzi­ger Zweck war, Wasser aus Kohle­berg­werken zu pumpen. James Watt ver­besser­te das Prinzip ab 1769 ent­scheidend, und die so ver­feinerte Dampf­maschine be­gann nicht nur Wasser zu pumpen, sondern die ge­samte industri­elle Produk­tion anzu­treiben - und brauch­te dafür natür­lich: Kohle. Kohle er­zeugte die Maschine, die Kohle fördern half, die mehr Maschinen an­trieb, die mehr Kohle brauch­ten. Ein sich selbst ver­stärken­der industri­eller Kreis­lauf war in Gang gesetzt.

Die Industrielle Revolution

In Deutschland wurde das Ruhrgebiet zur Bühne dieser Trans­forma­tion. Um 1800 war das Ruhr­gebiet noch eine länd­liche Region, geprägt von Bauern­höfen, kleinen Hammer­werken an den Flüssen und beschei­denen Stollen­betrieben. Fünfzig Jahre später hatte sich das Bild grund­legend ver­ändert. Die Gründung der Gewerk­schaft „Neumühl“ (1737) und zahl­reicher weite­rer Zechen, der Bau von Eisenbahn­linien - die erste Dampf­eisenbahn in Deutsch­land fuhr 1835 zwischen Nürn­berg und Fürth, aber das Ruhr­gebiet er­hielt seine ent­scheiden­den Bahn­verbindun­gen in den 1840er Jah­ren -, und der Auf­stieg von Unter­nehmen wie Krupp in Essen trieben die Ent­wick­lung an. 1850 wurden im Ruhr­gebiet rund 1,7 Millio­nen Tonnen Stein­kohle ge­fördert. 1913 waren es atem­berauben­de 114 Millio­nen Tonnen - allein im Ruhr­gebiet.

Was machte die Kohle zu einer so epochalen Res­source? Es war ihre Eigen­schaft als universel­ler Energie­träger. Sie heizte Dampf­kessel, trieb Lokomo­tiven und Schiffe an, schmolz Erze, brannte Ziegel, beheizte Wohn­häuser und liefer­te bald auch das Ausgangs­material für eine ganz neue Indus­trie: die chemische.

Die gesellschaftlichen Folgen waren gewal­tig. Aus Bauern­dörfern wurden inner­halb weniger Jahr­zehnte Industrie­städte. Menschen ström­ten aus den ver­armten Regionen Ost­preußens, Schlesiens und Polens ins Ruhr­gebiet, angelockt von geregel­tem Lohn und Arbeit.
Die Bevölkerung von Essen wuchs von etwa 4.000 Ein­wohnern im Jahr 1800 auf über 400.000 im Jahr 1914. Gelsen­kirchen, Bochum, Dortmund, Ober­hausen - ganze Städte ent­standen gewisser­maßen aus der Kohle heraus. Der Begriff des „Reviers“ - eigent­lich ein Jagd­ausdruck - wurde zur sozia­len und kulturel­len Identi­tät einer ganzen Region und ihrer Men­schen.

Die Bergleute, die „Kumpels“, entwickel­ten eine eigene Standes­kultur. Der Berg­mann galt als ehren­hafter, harter Arbei­ter, dem beson­dere gesell­schaft­liche Achtung ge­bührte. Auch des­halb, weil sein Beruf töd­liche Risiken mit sich brachte, z.B. Gruben­unglücke durch Schlag­wetter (explo­sive Gas­gemische), Kohlen­staub-Explosio­nen, Decken­einstürze, Über­schwemmun­gen und Sauer­stoff­mangel forder­ten regel­mäßig viele Menschen­leben.
Das Gruben­unglück auf der Zeche Radbod bei Hamm kostete 1908 über 340 Berg­leuten das Leben; die Schlagwetter­katastro­phe auf Zeche König Ludwig 1906 hat­te 200 Opfer. Diese Opfer schmiede­ten die Bergmanns­gemeinschaft zu einer solida­ri­schen Gruppe zusam­men, aus der heraus später die starke Gewerk­schafts­bewegung im Ruhr­gebiet er­wuchs.

Koks und die Stahlindustrie

Ein entscheidender technologischer Schritt war die Ent­deckung, dass Kohle sich zu Koks ver­edeln ließ. Koks ist im Wesent­lichen reiner Kohlen­stoff, der ent­steht, wenn Stein­kohle ohne Luft­zufuhr auf über 1000°C er­hitzt wird - ein Prozess, der alle flüchti­gen Bestand­teile aus­treibt. Das Ergeb­nis ist ein poröser, hoch­fester und sehr heiß brennen­der Brenn­stoff.

Warum war das revolutionär? Weil es die Eisen­verhüt­tung von der Holz­kohle be­freite. Jahr­hunderte­lang war für die Eisen­produk­tion Holz­kohle not­wendig ge­wesen, die aus Holz her­gestellt wurde - mit den bereits be­schriebe­nen ver­heeren­den Folgen für die Wälder. 1709 gelang es Abraham Darby in Coalbrook­dale in Eng­land erst­mals, Eisen mit Koks statt mit Holz­kohle zu ver­hütten. Das öffne­te die Schleusen für eine massen­hafte Eisen­produk­tion, die vorher schlicht nicht mög­lich ge­wesen war.

In Deutschland verbreitete sich die Koks­hochofen­technik in der ersten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts. Das Ruhr­gebiet bot ideale Vor­aus­setzun­gen: Stein­kohle lag in Fülle vor, Eisen­erz wurde aus dem Sieger­land und später massen­haft aus Lothringen und Schweden impor­tiert, und die auf­kommen­de Eisen­bahn schaffte die Verbin­dungen zwischen Roh­material, Produktions­standort und Absatz­markt. Firmen wie Krupp, Thyssen und Hoesch wurden zu Welt­konzernen. Die Stahl­indus­trie und die Kohle­förderung be­fruchteten sich gegen­seitig: Für die Zechen brauch­te man Stahl­träger zur Gruben­absiche­rung, Stahl­seile für die Förder­anlagen und Stahl­schienen für die Förder­bahnen unter Tage. Für den Stahl brauchte man Koks. Diese symbioti­sche Ver­flechtung machte das Ruhr­gebiet zur industri­ellen Herz­kammer Deutsch­lands und Europas.

Die Koksproduktion hatte aber noch einen weiteren be­deuten­den Neben­effekt, der die Ge­schich­te der Energie­versor­gung auf eine über­raschende Weise prägte: das Kokerei­gas.

Gas aus Kohle - städtische Revolution

Als man im frühen 19. Jahrhundert begann, Kohle in Gas­anstalten zu er­hitzen, ent­deckte man, dass das dabei ent­stehende Gas - Stein­kohlen­gas oder Stadt­gas - hervor­ragend brannte. Der schotti­sche Er­finder William Murdoch be­leuch­tete 1802 erst­mals ein Fabrik­gebäude mit Kohle­gas, und der deut­sche Unter­nehmer Friedrich Albert Winzer (in Eng­land als Frederick Winzer bekannt) gründe­te 1812 in London die erste öffent­liche Gas­beleuchtungs­gesellschaft der Welt.

Die Idee verbreitete sich mit atemberauben­der Ge­schwindig­keit. In allen größe­ren deut­schen Städten ent­stan­den ab den 1820er und 1830er Jah­ren Gas­anstal­ten: Berlin 1826, München 1838, Frank­furt 1828. Das Gas wurde durch ein städti­sches Rohrnetz ver­teilt und speiste zunächst vor allem die Straßen­beleuch­tung. Die Wirkung war geradezu drama­tisch: Städte, die zuvor mit Ein­bruch der Dunkel­heit er­loschen, leuch­te­ten nun durch die Nacht. Das öffent­liche Leben ver­längerte sich, Krimina­lität in beleuch­teten Straßen sank, Theater und Restau­rants konn­ten auch abends ge­deihen.

Bald kam das Gas auch in die Privat­häuser: zunächst zur Be­leuch­tung, dann immer mehr zum Kochen und Heizen. Der Gas­herd er­setzte den rußen­den, ge­fähr­li­chen Holz- oder Kohle­herd und revolu­tio­nierte den All­tag der Haus­halte, vor allem der städtischen Mittel­schicht. Stadt­gas bestand zu einem wesent­lichen Teil aus Wasser­stoff, Methan und Kohlen­monoxid - das letzt­genannte Gas machte es im Übrigen hoch­giftig, was zu zahl­reichen Un­fällen und leider auch zu Suiziden führte.

Der Abfall der Gasproduktion - Kohlen­teer und Ammoniak­wasser - war zunächst ein lästi­ges Ent­sorgungs­problem. Dann aber er­kann­ten Chemi­ker wie August Wilhelm von Hofmann und später die BASF und Hoechst, dass im Kohlen­teer wahre chemische Schätze steck­ten. Aus Stein­kohlen­teer wurden Anilin­farben syntheti­siert - das war der Beginn der deut­schen Chemie-Indus­trie, die bald zur weltmarkt­führen­den werden sollte. Aspirin, Spreng­stoff, Dünge­mittel, Kunststoff­vorläufer - die chemi­sche Indus­trie des 19. und frühen 20. Jahr­hunderts fußte ganz wesent­lich auf der Kohle und ihren Neben­produk­ten. Kohle war also nicht nur Energie­quelle, sondern auch Roh­stoff­lieferant für eine chemi­sche Indus­trie, die die Welt veränderte.

Der immer tiefere Griff in die Erde

Mit steigender Nachfrage wurden die ober­flächen­nahen Kohle­vorkom­men im Ruhr­gebiet rasch er­schöpft. Die Flöze - die horizon­talen Kohle­lagen - tauch­ten nach Norden hin immer tiefer in die Erde ab. Was im süd­lichen Ruhr­gebiet, an Ruhr und Lenne, noch in wenigen Dutzend Metern Tiefe zugäng­lich war, lag im nörd­lichen Ruhr­gebiet jen­seits von Reckling­hausen und Gelsen­kirchen schon bald in 500, 800, ja über 1000 Metern Tiefe.

Mit zunehmender Tiefe wuchsen die Probleme exponen­tiell. Die Gebirgs­drücke nahmen zu und mach­ten den Strecken­ausbau aufwendi­ger - statt Holz­stempel kamen zu­nehmend Stahl­stempel und schließ­lich hydrau­lische Schreit­ausbau­systeme zum Einsatz. Die Tempera­turen in den Gruben stie­gen: In tiefen Schäch­ten herrsch­ten 40 Grad und mehr, was für die Berg­leute extreme körper­liche Be­lastun­gen be­deutete und auf­wendige Bewetterungs­anlagen - die Belüf­tung der Gruben - erfor­derte. Je mehr Luft man ein­blies, desto wichti­ger wurde auch die Kontrol­le der Schlag­wetter­gefahr. Methan, das aus der Kohle ent­wich, bildet mit Luft ein hoch­explosi­ves Gemisch. Sicherheits­lampen nach dem Prinzip von Humphry Davy (die Davy-Lampe, 1815) und später Wetter­lampen mit Flammen­sperre ver­ringer­ten das Explosions­risiko, eliminier­ten es aber nie voll­ständig.

Der Wassereinbruch blieb eine permanen­te Be­drohung. Kraft­volle Pumpen, die selbst durch Dampf- und später Elektro­motoren ange­trie­ben wurden, arbeite­ten rund um die Uhr, um die Gruben trocken zu hal­ten. Eine einzige still­gelegte Pumpe konnte inner­halb von Stunden zur Über­flutung eines Abbau­bereichs führen. Der Energie­bedarf allein für die Wasser­haltung war enorm.

Die Förderung selbst wandelte sich tech­nisch tief­greifend. Die frühen Berg­leute arbei­teten mit Schlägel und Eisen, später mit dem Abbau­hammer (einem druck­luft­betriebe­nen Meißel­hammer). Ab den 1940er Jah­ren kamen Kohlen­hobel und Schräm­maschinen auf, die mecha­nisch in die Flöze ein­schnit­ten. Schließ­lich er­möglich­ten Schild­ausbau-Garnitu­ren - hydrau­lisch ge­stützte stählerne Schirm­konstruktio­nen - den voll­automati­sierten Streb­abbau, bei dem die Kohle maschi­nell ge­wonnen, auf Ketten­kratzer­förderer ge­laden und zur Transport­strecke ge­bracht wurde. Ein moder­ner Streb­betrieb der 1980er Jah­re wäre einem Berg­mann des 19. Jahr­hun­derts wie ein Märchen er­schienen.

Dennoch blieb der Bergbau gefährlich. Die Liste der schwe­ren Gruben-Unglücke im Ruhr­gebiet ist lang und er­schüt­ternd. Das schlimms­te Nach­kriegs­unglück er­eigne­te sich 1946 auf der Zeche Grimberg in Berg­kamen: Eine Schlag­wetter­explosion tötete 405 Berg­leute.
1962 starben auf der Zeche Mathias Stinnes in Essen 31 Berg­leute durch Schlag­wetter. Und selbst in den tech­nisch ver­feiner­ten 1970er und 1980er Jah­ren forder­ten Gruben­unglücke regel­mäßig Menschen­leben.

Neben der akuten Unglücksgefahr fraß der Berg­bau die Gesund­heit der Berg­leute auf lange Sicht. Silikose - die Quarz­staub­krankheit, auch „Staub­lunge“ ge­nannt - war die Berufs­krankheit des Berg­manns schlecht­hin. Wer jahrzehnte­lang im Steinstaub arbei­tete, schädig­te seine Lungen un­wieder­bring­lich. Zehn­tausende Berg­leute ver­starben an Silikose oder lit­ten bis zu ihrem Tod unter schwe­rem Atem­not­leiden. Erst lang­sam, nach jahr­zehnte­langem Kampf der Gewerk­schaf­ten, wurden Arbeits­schutz­maßnahmen durch­gesetzt, Ent­staubungs­anlagen ein­ge­baut und Schutz­masken vor­ge­schrieben.

Braunkohle im Tagebau frisst Landschaft

Während der Steinkohlenbergbau sich in die Tiefe fraß, hat der Braun­kohle­abbau das genaue Gegen­teil getan: Er frass sich in die Fläche. Da Braun­kohle oft nur wenige Meter unter der Ober­fläche liegt, ermög­licht sie den Tage­bau - man trägt einfach den Deck­boden ab und schöpft die Kohle aus einer riesi­gen, immer tiefer werdenden Grube.

Was technisch einfach und billig klingt, hatte und hat katas­tro­phale räum­liche Konse­quenzen. Braun­kohle-Tagebaue sind keine Gruben im übli­chen Sinne - sie sind Mond­landschaf­ten von gewaltiger Aus­dehnung. Der Tagebau Hambach im Rheini­schen Revier er­streckt sich über eine Fläche von mehr als 85 Quadrat­kilometern und reicht bis zu 400 Meter in die Tiefe. Er ist damit eines der tiefs­ten Löcher der Erde, das Menschen je ge­graben haben. Tagebau Garzweiler II um­fasst eben­falls riesige Flächen west­lich von Mönchen­gladbach.

Was bedeutet das für die betroffenen Men­schen? Ganze Dörfer muss­ten weichen. Im Rheini­schen Revier wurden seit Beginn des Braun­kohle­abbaus über 100 Ort­schaf­ten mit insge­samt mehr als 40.000 Ein­wohnern umge­siedelt. Dörfer, die manch­mal seit Jahr­hunder­ten be­standen, wurden schlicht von der Land­karte getilgt. Kirchen, Fried­höfe, ge­wachse­ne Nach­barschaf­ten, Familien-Erinnerun­gen - alles wurde dem Kohle­bagger ge­opfert. Die Umsied­lungen wurden zwar ent­schädigt, aber kein Geld der Welt kann eine Heimat er­setzen. In der Lausitz sind ähn­liche Ent­wurzelun­gen dokumen­tiert, mit dem be­son­deren Aspekt, dass dort auch die sorbische Minder­heit - ein slawi­sches Volk mit eigener Sprache und Kultur - in be­sonde­rem Maß von Umsied­lun­gen be­troffen war und ist.

Das Wasserregime ganzer Regionen wird durch Tage­baue ver­ändert. Um die Gruben trocken zu halten, wird das Grund­wasser groß­räumig abge­pumpt, was Grund­wasser­spiegel senkt, Wälder und Feucht­biotope aus­trocknet und das natür­liche Fließ­gewässernetz stört. Im Rheini­schen Revier wurden in Spitzen­zeiten täg­lich über 500 Millio­nen Liter Grund­wasser abge­pumpt. Nach dem Ende des Tage­baus müs­sen die Gruben müh­sam mit Wasser ge­flutet werden - ein Prozess, der Jahr­zehnte dauert und künst­liche Seen hinter­lässt, die wiederum das regio­nale Wasser­gleich­gewicht dauer­haft ver­ändern.

Kaiserreich und Weltkriege

Die wirtschaftliche und strategische Bedeu­tung der Kohle im 19. und frühen 20. Jahr­hun­dert kann kaum über­schätzt werden. Im Deut­schen Kaiser­reich war die Kohle das Funda­ment der nationa­len Macht. Die Hoch­rüstung vor dem Ersten Welt­krieg wäre ohne die Stahl­produktion des Ruhr­gebiets, die wiederum ohne Koks un­denk­bar war, schlicht nicht mög­lich ge­wesen. Als Frank­reich und Belgien 1923 das Ruhr­gebiet be­setzten, um deutsche Reparations­zahlun­gen zu er­zwingen, war das kein Zufall - sie grif­fen nach dem wirtschaft­lichen Herz­muskel Deutsch­lands.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Kohle zur Kriegs­ressource ersten Ranges. Das national­sozialis­tische Regime be­trieb mit Zwangs­arbeitern und KZ-Häft­lingen den Kohle­abbau auf eine Weise, die jede zivilisa­tori­sche Schranke nieder­riss. In schlesischen Bergwerken, im Saar­land und im Ruhr­gebiet schufte­ten Zehn­tausende von Zwangs­arbeitern unter mörderi­schen Be­dingun­gen. Die Berg­leute dieser Zeit trugen ein un­trenn­bar mit NS-Verbrechen verbun­denes Kapitel in der Ge­schich­te der Kohle.

Für die NS-Kriegswirtschaft war Kohle noch auf eine weitere Weise un­verzicht­bar: als Roh­stoff für synthe­tischen Kraft­stoff. Das Fischer-Tropsch-Verfah­ren und die Bergius-Pier-Hydrierung er­möglich­ten es, aus Kohle flüssige Kohlen­wasser­stoffe zu gewin­nen - also synthe­tisches Benzin und Diesel-Kraft­stoff. Da Deutsch­land über keine nennens­werten Erdöl­reserven ver­fügte, war diese „Kohle­hydrierung“ kriegs­entschei­dend. 1944 produ­zier­ten deut­sche Anlagen aus Kohle rund vier Millio­nen Tonnen Treib­stoff. Die alliierten Bomber­angriffe, die ge­zielt diese Hydrier­werke - in Leuna, Pölitz, Wesseling - angrif­fen, trugen wesent­lich zur Lähmung der deut­schen Wehr­macht bei.

Der Ruhrpott nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Welt­kriegs war die Kohle er­neut das entschei­dende Wieder­aufbau-Material. Das zer­störte Europa brauch­te Energie und Stahl, und beides hing von der Kohle des Ruhr­gebiets ab. Die Alliier­ten kontrol­lier­ten zunächst die Förde­rung, und die frühe Bundes­republik Deutsch­land konnte sich nicht zuletzt des­halb so rasch wirt­schaft­lich er­holen, weil der Kohle­hunger der Nachbar­länder Deutsch­land einen privilegierten Absatz­markt sicherte.

Der Schuman-Plan von 1950 und die daraus ent­stehende Europä­ische Ge­mein­schaft für Kohle und Stahl (EGKS, 1951) waren ein direk­tes Produkt dieser Zentrali­tät der Kohle. Indem Frank­reich, Deutsch­land, Italien und die Benelux-Staaten ihre Kohle- und Stahl­industrien unter gemein­same Auf­sicht stell­ten, machten sie Krieg zwischen sich wirt­schaft­lich irratio­nal. Die Kohle wurde buch­stäb­lich zum Funda­ment des europäi­schen Einigungs­projekts.

Doch schon in den 1950er Jahren zogen sich am Hori­zont die ersten Wolken zusam­men. Erdöl strömte in wachsen­den Mengen aus dem Mittle­ren Osten und aus der Sowjet­union auf die Welt­märkte und war im Ver­gleich zur müh­sam ge­förderten Stein­kohle zu­nehmend billiger. Heiz­öl ver­drängte die Kohle­heizung aus den Privat­häusern, Diesel­motoren die Dampf­lokomoti­ven. Die erste große Kohle­krise traf das Ruhr­gebiet ab 1958 mit voller Wucht: Auf den Halden türm­ten sich Millio­nen Tonnen un­verkauf­ter Kohle, Zechen wurden still­gelegt, Berg­leute ent­lassen.

Die Politik reagierte mit Subven­tionen, Mengen­beschrän­kun­gen für Import­kohle und dem so­genann­ten „Kohle­pfennig“ - einer Sonder­abgabe auf Strom, mit der der heimi­sche Kohlen­bergbau quer­subventio­niert wurde. Damit begann eine jahr­zehnte­lange staat­liche Stützung der Stein­kohle, die bis zum end­gülti­gen Aus­stieg 2018 an­halten sollte und insge­samt Sub­ventio­nen in der Größen­ordnung von über 100 Milliar­den Euro ver­schlang.

Import und Export: globale Kohle

Die Geschichte der deutschen Kohle ist auch eine Ge­schich­te des Handels, und diese ist wider­sprüch­licher, als man zu­nächst ver­muten würde. Deutsch­land war bis in die Mitte des 20. Jahr­hun­derts hinein ein bedeu­tender Kohle-Expor­teur. Das Ruhr­gebiet be­lieferte Belgien, die Nieder­lande, Frank­reich, die Schweiz und Skandina­vien. Qualitäts­kohle, insbeson­dere Koks­kohle für die Stahl­industrie, war ein be­gehrtes Export­produkt.

Doch mit dem Struktur­wandel kehrte sich das Verhält­nis um. Als die deut­schen Zechen immer teu­rer wur­den - be­dingt durch die größere Tiefe, die er­schöpf­teren Flöze und die hohen deut­schen Löhne -, wurde Import­kohle zu­nehmend attrak­tiv. Stein­kohle aus dem australi­schen Queens­land, aus dem US-amerika­ni­schen Appalachian-Revier, aus Süd­afrika und Kolum­bien ließ sich zu Preisen an die Ruhr liefern, die ein Bruch­teil der deut­schen Förder­kosten be­trugen. In den 1980er und 1990er Jah­ren impor­tierte Deutsch­land in manchen Jah­ren mehr Kohle, als heimi­sche Zechen förder­ten.

Das schuf ein politisch hoch­gradig un­bequemes Dilemma: Einer­seits waren die deut­schen Stein­kohle-Zechen wirt­schaft­lich schlicht nicht wett­bewerbs­fähig - ein Ruhr­bergmann kostete zehn­mal so viel wie sein austra­lischer Kollege, und die Flöze waren zu­nehmend schwie­rig und teuer ab­zubauen. Anderer­seits hingen noch in den 1980er Jah­ren über 200.000 Berg­leute und ihre Famili­en, ganze Regio­nen und kommu­nale Steuer­basen an der Indus­trie. Die poli­tische Kraft der Bergbau-Gewerk­schaft IG Berg­bau und Energie war enorm, und keine Bundes­regierung wagte es, den Abbau ein­fach dem Markt zu über­lassen.

Die Braunkohle hingegen war als ein­heimi­sche Res­source von impor­tier­tem Öl und Gas un­abhängig und daher aus Energie-politi­scher Sicht attrak­tiv. Gerade nach den Ölpreis-Schocks von 1973 und 1979, die Deutsch­land in eine tiefe wirt­schaft­liche Krise ge­stürzt hat­ten, gewann die einheimi­sche Braun­kohle wieder an Be­deutung - trotz ihrer ökolo­gischen Nach­teile.

Umweltfolgen: Saurer Regen und tote Flüsse

Kohle verbrennen bedeutet immer auch: Schad­stoffe in die Luft blasen. Was für einzel­ne Öfen noch trivial er­scheint, wurde bei Millio­nen von Tonnen Kohle in Kraft­werken, Heiz­anlagen und Industrie­öfen zu einer Umwelt­katastrophe.

Schwefeldioxid war die erste und unmittel­barste Bedro­hung. Stein­kohle ent­hält je nach Her­kunft 0,5% bis 3% Schwefel, Braun­kohle oft noch mehr. Beim Ver­bren­nen ent­steht Schwefel­dioxid, das sich in der Atmos­phäre mit Wasser ver­bindet und als Schwefel­säure - saurer Regen - auf die Erde fällt. In den 1970er und beson­ders 1980er Jah­ren waren die Folgen drama­tisch sicht­bar: Der Schwarz­wald starb im Wort­sinn ab, ganze Berg­wälder ver­wandel­ten sich in Gespenster­wälder aus kahlen, toten Stämmen. Skandina­vische Seen ver­sauer­ten, Fisch­bestände kolla­bier­ten. In Deutsch­land wurde das Wald­sterben zu einem natio­nalen Trauma und zum poli­tischen Treiber für eine der ers­ten großen Umwelt­schutz­bewegungen.

Die Reaktion war die Einführung von Rauchgas-Entschwefelungs­anlagen (REA) an Kraft­werken, die ab Mitte der 1980er Jah­re schritt­weise vor­geschrie­ben und ein­gebaut wurden. Tatsäch­lich sanken die Schwefel­dioxid-Emissio­nen Deutsch­lands daraufhin drama­tisch, und die un­mittel­barste Waldsterbens-Problema­tik ent­schärf­te sich - obwohl die Schäden niemals voll­ständig rück­gängig zu machen waren.

Stickoxide, Feinstaub, Queck­silber und andere Schwer­metalle aus Kohle­kraft­werken be­laste­ten Böden und Gewäs­ser zusätz­lich. Der Emscher-Schaum-Alarm - der in der Nach­kriegs­zeit zum Mythos gewor­dene Zustand des einst offenen Abwasser­kanals Emscher im Ruhr­gebiet - war zwar nicht allein auf Kohle zurück­zu­führen, illus­triert aber die allge­meine ökolo­gische Rücksichts­losig­keit des Industrie­zeit­alters.

Die gravierendste Umweltfolge der Kohle ist aller­dings der Klima­wandel, und dieser wurde in seiner vollen Trag­weite erst spät ver­standen. Kohle ist der Kohlen­stoff-intensivs­te fossile Brenn­stoff. Pro erzeug­ter Kilo­watt­stunde Strom emit­tiert ein Braun­kohle-Kraft­werk etwa 1.100 Gramm CO₂, ein Stein­kohle­kraftwerk rund 800 Gramm - im Ver­gleich zu 400 bis 500 Gramm bei einem Gas­kraft­werk und nahezu null bei Wind- oder Solar­energie. Deutsch­land war und ist einer der welt­weit größ­ten CO₂-Emitten­ten pro Kopf, und die Kohlen­verstromung trägt daran er­hebli­chen Anteil. Die Klima­konferen­zen ab den 1990er Jah­ren, das Kyoto-Protokoll (1997) und schließ­lich das Pariser Abkommen (2015) haben den Kohle­ausstieg zur zwingen­den Konse­quenz einer klima­verträg­li­chen Energie­politik ge­macht.

Strukturwandel

Der Niedergang der deutschen Steinkohle voll­zog sich in einem jahr­zehnte­langen, schmerz­haften Prozess. 1957 arbei­teten noch rund 600.000 Men­schen in deut­schen Stein­kohle-Bergwer­ken, fast aus­schließ­lich im Ruhr­gebiet und im Saar­land. 1980 waren es noch etwa 250.000, im Jahr 2000 knapp 60.000, und 2018, als die letzte Zeche - die Prosper-Haniel in Bottrop - schloss, arbeite­ten noch etwa 3.600 Berg­leute unter Tage.

Jede Phase des Stellenabbaus war von sozialen Kämpfen beg­leitet. Große Streiks, Demonstra­tio­nen von Berg­leuten in Düssel­dorf, poli­tische Aus­einander­setzungen um Sub­ventions­höhen und Still­legungs­pläne prägten das Ruhr­gebiet über Jahr­zehnte. Die Gewerk­schaft IG Bergbau handel­te stets soziale Abfede­run­gen aus - Früh­pensionie­run­gen, Umschulungs­programme, An­passungs­geld für ältere Be­schäftig­te. Dennoch blieb der Struktur­wandel trauma­tisch. In Städten wie Gelsen­kirchen, Bottrop, Marl oder Herne hinter­ließ das Weg­brechen der Zechen­arbeit nicht nur wirt­schaft­liche, sondern tiefe kultu­relle und psycholo­gische Wunden.

Das Ruhrgebiet versuchte sich neu zu er­finden - als Kultur­region, als Techno­logie-Standort, als Universi­täts-Land­schaft. Tatsäch­lich wurden alte Industrie­bauten zu Kultur­zentren umge­wandelt: Das Gaso­meter Ober­hausen, die Zeche Zoll­verein in Essen (heute UNESCO-Welt­kultur­erbe), das Misch­anlage und Kohlen­wäsche in Dort­mund. Die Interna­tionale Bau­ausstel­lung Emscher Park (1989-1999) wurde zum Modell­projekt für die Revitali­sie­rung einer Industrie­region. Doch die wirt­schaft­liche Schwäche vieler Ruhr­gebiets­städte ist bis heute nicht über­wunden.

Der mühsame Abschied

Während die Steinkohle 2018 ihr formelles Ende fand, kämpft die Braun­kohle noch um ihre Zeit. Nach langen gesell­schaft­lichen und poli­ti­schen Debat­ten einigte sich die Kohle­kommis­sion der Bundes­regierung 2019 auf ein Aus­stiegs­szenario: Spätes­tens 2038 soll das letzte deutsche Braun­kohle­kraft­werk vom Netz gehen. Unter dem Druck der Klima­krise und nach dem Energie­preis­schock infolge des russi­schen Angriffs­kriegs auf die Ukraine 2022 - der kurz­fristig zu einer paradoxen Reakti­vie­rung von Kohle­kraft­werken führte, weil Gas­lieferun­gen aus­fielen - wurde der Kohle­ausstieg im Rheini­schen Revier auf 2030 vor­ge­zogen.

Die Braunkohle war in Deutschland nie ein Export­produkt - ihr geringer Heiz­wert macht sie zu teuer im Trans­port. Sie wurde immer dort ver­braucht, wo sie ge­fördert wurde, vor allem zur Strom­erzeugung in Kraft­werken un­mittel­bar am Tagebau­rand. RWE im Rheini­schen Revier und LEAG in der Lausitz sind die letz­ten großen Akteure. Die Hinter­lassen­schaft ist ge­waltig: Rest­seen, sanierungs­bedürf­tige Böschun­gen, konta­minier­te Böden, abge­sun­kene Grund­wasser­spiegel und jahr­hunderte­lang ge­störte Öko­systeme.

War Kohle eine Brückentechnologie?

Die Frage, ob Kohle nur eine „Brückentechnolo­gie“ war, ist ver­führe­risch ein­fach und doch funda­mental falsch ge­stellt. Sie impli­ziert eine Teleo­logie - als hätte die Ge­schichte immer schon auf erneuer­bare Energien hin­gesteuert und die Kohle wäre nur ein notwendiger Zwischenschritt gewesen.

In Wirklichkeit war die Kohle das absolute Funda­ment der moder­nen Zivili­sation. Ohne Kohle kein indus­trieller Kapitalis­mus, keine Massen-Eisenbahn, keine Massen­stahl, keine moderne Chemie, keine Elektri­zität in der Breite. Ohne Kohle wäre die Be­völkerungs­explosion des 19. und 20. Jahr­hun­derts nicht ernähr­bar ge­wesen - denn die Dünge­mittel­produktion (zunächst aus Stein­kohlen­teer, dann aus synthe­tischem Stick­stoff mit Kohle als Energie­quelle) steiger­te die land­wirtschaft­liche Produkti­vität erst auf ein Niveau, das Milliar­den Men­schen er­nähren konn­te. Ohne Kohle wäre die moderne Medizin, die Stadt­entwick­lung, das Bildungs­system in seiner heuti­gen Form nicht denk­bar.

Gleichzeitig war die Kohle immer auch eine Zer­störungs­kraft: Zerstö­rung von Land­schaf­ten, Gesund­heit, Luft, Wasser, Klima, sozia­len Ge­fügen. Der Preis der kohlen­befeuer­ten Moderni­sierung war - und ist - enorm, und er wird zum Teil erst jetzt in seiner vollen Höhe sicht­bar, da der Klima­wandel seine Rechnung präsen­tiert.

Was die Kohle also war: keine Brücken­technolo­gie, sondern die Basis­technolo­gie einer Epoche - einer Epoche, die jetzt, nach etwa 200 Jah­ren, zu Ende geht. Ob das schnell genug geht, um die schlimms­ten Folgen des Klima­wandels abzu­wenden, ist die zentrale Frage unse­rer Zeit.

Ende und Erbe

Am 30. Dezember 2018 fuhr in der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop das letzte Förder­band hoch. Der letzte Berg­mann trug ein Stück Kohle ans Tages­licht - symbo­lisch über­gab er es Bundes­präsident Frank-Walter Stein­meier. Es war das Ende von drei Jahr­hun­derten Stein­kohle­bergbau im Ruhr­gebiet. Die Feier­lich­keit des Moments und die Trauer der Berg­leute und ihrer Famili­en standen in einem merk­würdi­gen Wider­spruch zu der nüchter­nen wirt­schaft­lichen Reali­tät: Die Zeche war zu­letzt nicht mehr wett­bewerbs­fähig ge­wesen, und ihr Ende war seit Jah­ren be­siegelt.

Die Gründe, warum Kohle in Deutschland abge­löst wurde, sind viel­fältig und über­lagern sich: die wirt­schaft­liche Un­rentabi­lität der deut­schen Stein­kohle im globalen Wett­bewerb, der Klima­wandel und die damit verbun­denen poli­tischen Verpflich­tungen, die technolo­gische Ent­wick­lung erneuer­barer Energien, die rapide sinken­den Kosten für Wind- und Solar­strom, die Verschie­bung gesell­schaft­licher Werte in Richtung Umwelt­schutz und die poli­tische Kraft der Klima­bewegung.

Das Erbe der Kohle ist zweideutig wie die Kohle selbst. Es ist das Ruhr­gebiet - eine der größ­ten Stadt­landschaf­ten Europas, mit ihrer robus­ten Arbeiter­kultur, ihrer musikali­schen Kreati­vität, ihren Universi­täten und Museen, ihrer Solida­rität und ihrem Witz. Es ist die Chemie-Industrie, die aus Kohlen­teer er­wuchs. Es sind die Eisen­bahn­netze, die Brücken, die Stahl­bauten, die Dampf­maschinen in den Museen. Und es ist das CO₂, das noch für Genera­tionen in der Atmos­phäre ver­weilen wird - unsicht­bar, aber klima­wirksam, das bleiben­de Erbe einer Ära, die die Welt ver­änderte.


Zurück  •  nach oben  • Startseite Herkunft.de