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Die Grimberg-Katastrophe -
Deutschlands schwerstes Grubenunglück

405 Kumpel starben 1946 beim Grimberg-Unglück in ↗Berg­kamen, davon 402 Männer unter Tage und 3 auf dem Zechen­gelände. Es ist das schwers­te Bergbau-Unglück in der deut­schen Geschich­te. Die meis­ten Leichen konnten nicht geborgen werden. 283 Frauen werden an diesem Tag zu Witwen, 433 Kinder ver­lieren ihren Vater.

Die Zeche „Monopol“ und die Schachtanlage Grimberg 3/4

Die Geschichte des Bergbaus in der Region Berg­kamen und Kamen be­ginnt im Jahr 1873, als die beiden Unter­nehmer Friedrich Grillo aus Essen und Heinrich Grimberg aus Bochum die Zeche „Monopol“ gründe­ten. Die erste Förder­anlage, der Schacht Grillo in Kamen, nahm 1879 den regulä­ren Betrieb auf.
Wenige Jahre später, ab 1890, ent­stand mit der Schacht­anlage Grimberg 1/2 in Bergkamen eine zweite große Doppel­schacht­anlage, die 1893 erst­mals Stein­kohle förder­te. Beide Anlagen zusammen bilde­ten das Berg­werk „Monopol“, das die bis dahin länd­liche Gegend im nörd­lichen Ruhr­gebiet nach­haltig prägen sollte.

Die ↗Schachtanlage Grimberg 3/4 - im Volks­mund schlicht „Kuckuck“ genannt - war hin­gegen ein vergleichs­weise junges Werk. Schacht 3 wurde erst zwi­schen Juli 1923 und Novem­ber 1926 ↗ab­geteuft und er­reichte bei 411 Metern Teufe das kohle­führende Karbon.
Doch schon früh zeigten sich Probleme: 1927 wurde der Schacht still­gelegt, 1930 soff er ab. Nach auf­wendi­gen Sümpfungs­arbeiten von 1932 bis 1934 und dem Abteufen des benach­bar­ten Schachts 4 zwi­schen 1934 und 1936 konnte die Anlage Grimberg 3/4 schließ­lich 1936 ihren Förder­betrieb auf­nehmen. Bis etwa 1942 dauer­ten die umfang­reichen Ausbau­arbeiten unter Tage an.

Die Kohle, die dort im nörd­lichen Ruhr­gebiet abge­baut wurde, war von geolo­gisch beson­derem Charak­ter: Sie war relativ weich, erzeugte beim Abbau ent­sprechend viel Fein­staub und ent­hielt zudem einen unge­wöhn­lich hohen Methan-Gehalt - eine Kombi­nation, die die Anlage von Beginn an zu einer der gefähr­lichs­ten im gesamten Ruhr­revier machte.

Der Bergbau hatte die Region tiefgreifend ver­ändert. Rund um die Zechen­anlagen ent­standen Berg­arbeiter-Siedlun­gen, der Stadt­teil Wedding­hofen in Berg­kamen wuchs maß­geblich durch die Zechen­kolonie heran. Noch 1990 zählte man im Berg­kamener Stein­kohlen­bergbau insge­samt rund 11.000 Be­schäf­tigte. Der Berg­mann war in dieser Gegend das wirt­schaft­liche Rück­grat der Familie und der ge­sam­ten Region.

Die Situation kurz nach Kriegsende:
Sicherheit als Opfer des Wiederaufbaus

Um das Ausmaß der Katastrophe vom 20. Februar 1946 zu ver­stehen, muss man die Lage be­trach­ten, in der sich die Zeche und das gesamte Ruhr­gebiet in den ersten Monaten nach dem Ende des Zweiten Welt­kriegs be­fanden. Deutsch­land lag in Trümmern. Die briti­sche Be­sat­zungs­macht, die das Ruhr­gebiet kontrol­lierte, hatte über ihre Behörde „North German Coal Control“ (NGCC) eine klare Priori­tät ge­setzt: Die Kohle­förderung muss­te schnell­stmöglich wieder auf Höchst­leistung ge­bracht werden, denn Kohle war der Energie­träger schlechthin für den Wieder­aufbau Europas.

Auf Grimberg 3/4 kam erschwerend hinzu, dass die benach­barte Anlage Grimberg 1/2 durch schwere Bomben­angriffe im Septem­ber 1944 voll­ständig zer­stört worden war. Um diesen Aus­fall zu kompen­sieren, wurde auf Grimberg 3/4 der Förder­druck massiv erhöht - auf Kosten der Sicher­heit. Wie der Leiter des Stadt­archivs Berg­kamen, es später formu­lierte: Für die briti­sche Besatzungs­macht war der Kohle­abbau wichti­ger als die Arbeits­sicher­heit, und es wurde schlicht­weg menschen­verachtend ge­handelt. Regierungs­präsident Fritz Fries gab bei der Trauer­feier am 3. März 1946 offen zu, dass in den vergan­genen zwölf Jah­ren viel ver­säumt worden sei: Der Raub­bau des National­sozialis­mus habe schwere Mängel in den Sicher­heitsvorkeh­rungen hinter­lassen.

Die Folgen dieser Vernachlässi­gung waren unter Tage sicht­bar und greif­bar: Kohlen­staub sammel­te sich unge­hindert in den Strecken und Streb­gängen an, teils knöchel­tief auf den Sohlen. Das fehlende Personal - viele erfahre­ne Bergleute waren im Krieg ge­fallen oder ver­wundet worden - konnte die regel­mäßige Beseiti­gung dieses hoch­explosi­ven Staubes nicht mehr ge­währleis­ten. Zeit­genossen be­richte­ten, man sei dort „wie auf einem Teppich“ gegangen. Die Schlag­wetter-Gefähr­dung durch Methan war bekannt, doch ange­sichts des Drucks zur Maximal­förde­rung wurden die nöti­gen Sicher­heits­maßnahmen systema­tisch zurück­gefah­ren. Die Anlage galt offi­ziell als schlag­wetter­gefähr­det, was be­deutete, dass strenge Vor­schrif­ten zur Belüf­tung, zur Staub­bekämpfung und zur Kon­trolle des Methan-Gehalts hät­ten gelten müssen - Vorschrif­ten, die offen­kundig nicht konse­quent einge­halten wurden.

Es war nicht einmal das erste schwere Unglück auf Grimberg. Bereits am 11. Septem­ber 1944 hatte eine Schlag­wetter-Explosion auf der­selben Anlage 107 Men­schen das Leben ge­kostet, darunter viele sowjeti­sche Zwangs­arbeiter. Schon damals waren die Sicher­heits­vorkehrun­gen mangel­haft ge­wesen. Die töd­liche Spirale aus wirt­schaft­lichem Druck und igno­rier­ter Gefahr drehte sich weiter.

Der 20. Februar 1946:
Der Morgen vor dem Inferno

Für die Frühschicht auf Grimberg 3/4 beginnt der 20. Febru­ar 1946 wie ein ganz norma­ler Arbeits­tag. Die Berg­leute kommen zu Fuß oder per Fahr­rad zur Schacht­anlage, essen in der Zechen­kantine noch eine Schüssel Bohnen­suppe, bevor sie ein­fahren. Insge­samt 466 Kumpel be­finden sich an diesem Tag unter Tage. Unter ihnen ist auch der Werks­direktor der Anlage. Ebenfalls einge­fahren sind drei briti­sche Offi­ziere der North German Coal Control - die Söhne engli­scher Bergwerks­besitzer, die sich einen moder­nen Kohle­hobel ansehen wollen, der auf Grimberg 3/4 im Ein­satz ist. Für die meis­ten dieser 466 Men­schen wird es der letzte Tag ihres Lebens sein.

Am Morgen zieht ein Gewitter über die Region. Meteorolo­gisch bedeut­sam: Bei dem beglei­tenden Druck­abfall sinkt der Luft­druck stark, so­dass in den gas­reichen Kohle­flözen zusätz­liches Methan aus­gast. Unter Tage steigt die Konzentra­tion des explosi­ven Gases, ohne dass dies wahr­genom­men oder die Schicht sofort nach oben ge­holt wird. Die tödli­che Mischung aus Methan und Luft ver­dich­tet sich.

Die Explosion und ihre unmittelbaren Folgen

Um 12.05 Uhr entzündet ein Funken - woher er stammt, ist bis heute nicht geklärt - das explo­sive Luft-Methangas-Gemisch in einem Bereich der zwei­ten Sohle. Die Schlag­wetter­explosion, die unter norma­len Umständen räum­lich be­grenzt ge­blieben wäre, wirft den überall ange­häuften Kohlen­staub auf und löst damit eine ver­heeren­de Ketten­reaktion aus: Eine Kohlen­staub-Explosion pflanzt sich mit rasender Ge­schwindig­keit durch die gesamte zweite Sohle fort, eine Lauf­explosion, die den eng ver­zweig­ten Gruben­bau wie eine riesige Kanone nutzt.

Die Druckwelle jagt durch den etwa 900 Meter tiefen Förder­schacht 3 nach oben und trifft die Ober­fläche mit voller Wucht. Die Schacht­halle kolla­biert. Eine bis zu 300 Meter hohe blau­rote Stich­flamme schießt aus dem Schacht und ist kilometer­weit zu sehen. Der Seil­fahrt­korb wird wie ein Geschoss in den Förder­turm ge­jagt und auf ein Drittel seiner ur­sprüng­lichen Höhe zusammen­gestaucht. Bunker­anlagen, Seil­fahrt­aufgänge und sämtliche Schacht­einbauten werden zer­stört oder schwer be­schädigt. Auf dem Zechen­platz werden drei Arbeiter von umher­fliegen­den Trümmer­teilen er­schlagen. Unter Tage über­leben von 466 Berg­leuten nach dem un­mittel­baren Explosions­inferno nur eine kleine Zahl die ersten Minu­ten. Der Werks­direktor und die drei briti­schen NGCC-Offiziere sind eben­falls tot.

Die Rettungsarbeiten: Drei Tage Hoffnung und Verzweiflung

Noch während die Staubwolke über der zerstör­ten Schacht­anlage hängt und Angehöri­ge vor den Toren zu warten be­ginnen, laufen die Rettungs­versuche an. Gruben­wehren aus dem ge­samten öst­lichen Ruhr­gebiet rücken an und arbeiten Tag und Nacht. Da die direk­ten Zu­gänge über die be­schädig­ten Schächte nicht nutz­bar sind, gelingt es Rettungs­trupps, über eine unter­irdische Ver­bindung von der benach­barten Schacht­anlage Grillo in Kamen - dem Schacht Kiwitt - in die Nähe des zerstör­ten Bereichs vorzu­dringen.

Doch die Rettungsaktion stößt schnell an ihre Grenzen. Die Beatmungs­geräte der Gruben­wehr­männer, damals noch mit deut­lich begrenz­terem Aktions­radius als heutige Geräte, reichen schlicht­weg nicht aus, um bis zur zwei­ten Sohle vorzu­dringen - genau dorthin, wo der Ausgangs­punkt der Explo­sion lag und wo die meisten ver­schütteten Berg­leute hät­ten sein müssen. Es ist diese tech­nische Un­zuläng­lich­keit, die eine effekti­vere Rettung von Anfang an ver­hindert. Hinzu kommen extremer Wetter­zug in den Strecken sowie kalte Wasser­massen, die in die Schächte stürzen, und machen die Arbeit für die Retter zur Tortur.

Am 21. und 22. Februar kommt es zu weiteren Nach­explosio­nen. Sie sind eine Folge der ausge­falle­nen Bewetterungs­anlage, die normaler­weise frische Luft unter Tage bringt: Ohne funktio­nierende Belüftung reichern sich erneut explo­sive Gas­gemische an. Gleich­zeitig breiten sich Brände in den Strecken aus, die sich kaum kontrol­lieren lassen. Die Verant­wort­lichen stehen vor einer schier aussichts­losen Situa­tion. Die Ent­scheidung fällt schwer, aber sie fällt: Die Schächte werden ver­füllt, die Verbin­dung zur benach­barten Zeche mit einem Damm abge­dichtet. Die Hoff­nung, weitere Über­lebende zu er­reichen, scheint er­loschen.

Doch dann, am Abend des dritten Tages, als die Rettungs­trupps bereits auf­geben wollen, stoßen Gruben­wehr­männer bei einem letz­ten Kontroll­gang plötz­lich auf einen leben­den Kumpel. Er be­richtet von weite­ren Verletz­ten in seiner Nähe. In der Nacht zum 24. Febru­ar 1946, vier Tage nach der Explo­sion, werden schließ­lich acht Männer lebend aus dem Stollen ge­borgen und über den Schacht Grillo nach oben ge­bracht. Insgesamt über­leben 64 der 466 eingefahrenen Bergleute.

Was einige dieser Überlebenden erlebt hatten, schilder­te später Friedrich Hägerling, der einzige Kumpel, der noch Jahr­zehnte nach dem Unglück von seinen Erinne­run­gen be­rich­ten konnte: Er arbeite­te in fast 1.000 Metern Tiefe, als der unglaub­lich laute Knall kam und im nächs­ten Moment alles durch die Luft flog. Die Luft sei so schwarz ge­wesen vor Kohlen­staub, dass die Lampen kaum noch zu sehen waren. Wer noch laufen konnte, schleppte die Verletzten. Hägerling und zwei Kameraden rette­ten sich schließ­lich selbst, indem sie in stunden­langer Kletter­arbeit über Leitern von Absatz zu Absatz immer weiter nach oben taste­ten, bis sie das retten­de Licht er­blick­ten. Hägerling galt jahr­zehnte­lang als der letzte Über­lebende des Grimberg-Unglücks; er starb 2013.

Die Toten und die Trauer einer ganzen Stadt

Die endgültige Opferbilanz ist erschütternd: 405 Menschen sterben beim Grimberg-Unglück, davon 402 unter Tage und 3 auf dem Zechen­gelände. Es ist bis heute das schwers­te Bergbau-Unglück in der deut­schen Ge­schichte. Da die Zugänge zur zwei­ten Sohle durch Verfül­lung und Abdich­tung ver­sperrt wurden und die Brände unter Tage lange nicht er­loschen - die Anlage muss­te im Sommer 1947 sogar ge­flutet werden, um die immer wieder auf­flackernden Brände end­gültig zu löschen - konn­ten die meis­ten Leichen nicht ge­borgen werden. Für die Opfer war die Grube ihr ewiges Grab.

283 Frauen in Bergkamen und Umgebung werden an diesem Tag zu Witwen, 433 Kinder ver­lieren ihren Vater. Es gibt damals kaum eine Familie im Groß­raum Berg­kamen, die nicht in irgend­einer Weise von der Katas­trophe betroffen ist. Die ent­sprechen­den Berg­arbeiter­siedlun­gen werden im Volks­mund fortan als „Witwen­siedlung“ bezeich­net.

Die wirtschaftliche Not der Hinter­bliebe­nen ist in der Nachkriegs­zeit immens. Zwar löst die Katas­trophe eine landes­weite Spenden­bereit­schaft aus und 2,8 Millio­nen Reichs­mark kommen zu­sammen. Doch die Vertei­lung der Gelder wird von den Be­trof­fe­nen stark kriti­siert, und die Währungs­reform von 1948 ver­nichtet schließ­lich den größ­ten Teil der noch nicht ausge­zahlten zwei­ten Hälfte der Spende: Von 1,4 Millio­nen Reichs­mark bleiben den Hinter­bliebenen nach der Reform nur noch 140.000 Deut­sche Mark. Die Sonder­zuwen­dung der Zeche von 200 Reichs­mark pro Familie sowie der Ver­zicht auf das Sterbe­geld der Ruhr­knapp­schaft können die materiel­le Not kaum lindern. Viele Familien, deren Ernährer nun tot war, stehen buch­stäb­lich vor dem Nichts.

Die Ursache: Ungeklärt bis heute

Die genaue Ursache der Katastrophe konnte trotz monate­langer Untersuchun­gen und zahl­reicher Verneh­mungen über­lebender Berg­leute nie zweifels­frei ge­klärt werden. Als ge­sichert gilt, dass eine Schlag­wetter­explosion eine Kohlen­staub-Explosion aus­löste, wobei letztere die eigent­lich ver­heeren­de Wirkung hatte. Offen blieb, was den ersten Funken ver­ursachte: Ein Blitz­einschlag während des gleich­zeitig statt­finden­den Gewitters wurde ebenso als mög­lich be­trachtet wie ein elektri­scher Funken aus der Anlage. Sogar Gerüch­te über Sabotage kursier­ten - der Betriebs­rat setzte eine Be­lohnung von 1000 Reichs­mark für die Klärung aus, ohne dass diese je be­ansprucht wurde.

Was indes nicht im Zweifel steht, sind die struktu­rellen Bedingun­gen, die das Ausmaß der Katas­trophe erst ermöglich­ten: der hohe Methan-Gehalt der Flöze, die massi­ven Kohlen­staub-Ablagerun­gen mangels aus­reichen­der Reini­gung, das Druck­gefälle durch das Gewit­ter sowie der Förder­rausch unter dem Druck der briti­schen Besat­zungs­behörde, der alle sicher­heits­relevan­ten Über­legun­gen zurück­gedrängt hatte. Der Unter­suchungs­bericht hält nüchtern fest, was Zeugen be­schrieben hatten: Man lief im Gruben­bau wie über einen Teppich.

Konsequenzen für den Betrieb der Anlage

Nach der Katastrophe war Grimberg 3/4 für Jahre still­gelegt. Schacht 3 wurde zunächst bis auf 800 Meter Teufe ver­füllt; im Sommer 1947 wurde die Anlage ge­flutet, um die unter­irdi­schen Brände zu be­kämpfen. Erst 1948 konn­te Schacht 4 wieder er­öffnet werden, 1951 folgte der wieder auf­gewältigte Schacht 3. Ab 1952 wurde auf Grimberg 3/4 nach aufwendi­gem Neu­aufbau wieder Kohle ge­för­dert. In den 1950er und 1960er Jah­ren wurden beim Wieder­aufnahme des Betriebs immer wieder mensch­liche Über­reste von Opfern des Unglücks ge­funden. Sie wurden unter dem 1952 er­richte­ten Ehren­mal auf dem Wald­friedhof in Bergkamen-Wedding­hofen beige­setzt - ein neun Meter hoher Gedenk­turm mit eingra­vier­ten Namen aller über 400 Opfer, ge­staltet vom Bild­hauer Wilhelm Wulff.

Ob die Anlage jemals vollständig sicher gemacht werden konnte, darf be­zweifelt werden. Schon 1953 forder­te eine weitere Schlag­wetter­explosion auf der be­nachbar­ten Anlage Grimberg 1/2 fünf Tote. Und auch auf Grimberg 3/4 selbst kam es 1992, kurz vor der Still­legung, erneut zu einer schweren Schlag­wetter­explosion mit sieben Todes­opfern. Wie der damali­ge Museums­leiter be­tonte: Die Schacht­anlage war auf­grund ihrer Geologie insge­samt hoch­gefähr­lich, denn Methan konn­te sich dort immer wieder schnell an­sammeln. 1994 wurde Schacht 3 end­gültig still­gelegt und verfüllt, 1995 folgte Schacht 4. Im Jahr 1996 wurden die Schächte abge­brochen, 2003 auch die übrigen Tages­anlagen.

Lehren für Sicherheit und Rettung im Bergbau

Das Grimberg-Unglück wurde zur Zäsur für den deut­schen Stein­kohlen­bergbau. Noch bevor die Trauer ver­blasst war, zogen die Verant­wort­lichen im Bergbau- und Sicher­heits­wesen weit­reichen­de Konse­quen­zen aus den bitter er­kauf­ten Er­kennt­nissen.

Der offenkundigste Mangel bei der Rettungs­aktion war die unzurei­chende Ausrüs­tung der Gruben­wehren. Die damals verfüg­baren Sauer­stoff-Atemgeräte erlaub­ten nur einen begrenz­ten Aktions­radius und konn­ten nicht ver­hindern, dass die Rettungs­kräfte nicht bis zur zwei­ten Sohle - dem Aus­gangs­punkt der Explo­sion - vor­dran­gen. Als unmittel­bare Konse­quenz wurden neue Sauerstoff­geräte mit deut­lich ver­länger­ter Einsatz­fähig­keit ent­wickelt und für alle Gruben­wehren zuge­lassen. Der Rettungs­einsatz unter äußerst gefähr­lichen Verhält­nissen soll­te fortan länger und tiefer mög­lich sein.

Noch wichtiger war die Einführung des ↗Filter­selbst­retters für alle unter Tage täti­gen Berg­leute. Dieses persön­liche Atem­schutz­gerät, das Kohlen­monoxid aus der Atem­luft filtert, gab jedem einzel­nen Kumpel erst­mals ein indivi­duelles Schutz­instru­ment an die Hand, um im Falle einer Explo­sion und den dabei frei­gesetz­ten gifti­gen Verbren­nungs­gasen zumin­dest für einen begrenz­ten Zeit­raum eigen­ständig handlungs­fähig zu bleiben und sich in Sicher­heit zu brin­gen. Für Über­lebende wie Hägerling, die sich nach der Explo­sion selbst retten muss­ten, wären solche Geräte 1946 potenziell lebens­rettend ge­wesen.

Darüber hinaus wurden nach Grimberg die Vor­schrif­ten zur Kohlen­staub-Bekämpfung erheb­lich ver­schärft. Die regel­mäßige Be­sprengung von Strecken und Streb­gängen mit Kalk­staub - der eine Kohlen­staub-Explo­sion hemmt - und die konse­quente Nass­behand­lung von Kohlen­staub wurden verbind­lich vorge­schrie­ben und strenger kon­trol­liert. Das Be­wetterungs­system, also die kontrol­lierte Belüf­tung unter Tage zur Verdün­nung explosi­ver Gas­gemische, wurde tech­nisch weiter­entwickelt und intensi­ver über­wacht.

Auf institutioneller Ebene wurden die Berg­behörden in der Nachkriegs­zeit mit mehr Befug­nissen ausge­stattet und die Sicher­heitsinspek­tionen intensi­viert. Der poli­tische Druck zur Förder­maximie­rung auf Kosten der Sicher­heit, wie er durch die briti­sche Be­sat­zungs­macht ausge­übt worden war, soll­te sich nach 1946 nie wieder so unge­hemmt ent­falten können - wenngleich der wirt­schaft­liche Druck im Berg­bau stets eine latente Gefähr­dung der Sicher­heits­standards dar­stellt.

Erinnerung und Vermächtnis

Das Grimberg-Unglück hat in Bergkamen tiefe Spuren hinter­lassen, die bis heute spür­bar sind. Jedes Jahr organi­siert der Knappen­verein Glück Auf Wedding­hofen am 20. Febru­ar eine Gedenk­feier am Ehren­mal auf dem Wald­friedhof. Knappen­vereine aus der ganzen Region er­schei­nen in Tracht und mit Traditions­fahnen, um der Toten zu ge­denken. Das Steiger­lied und „Ich hatt' einen Kameraden“ erklin­gen, und noch hoch­betagte Kinder der damals Ver­unglückten nehmen teil - Menschen, die oft zwei Monate nach der Katas­trophe zur Welt kamen und nie­mals ihren Vater kann­ten.

Der WDR hat 2021 mit dem Dokumentar­film „Lebendig begraben“ das Grimberg-Unglück für eine neue Genera­tion auf­berei­tet und dabei mit Zeit­zeugen, Experten und Archiv­material rekons­truiert, wie es zu der Katas­trophe kommen konn­te. Das Stadt­museum Berg­kamen wid­met dem Ereig­nis eine digi­tale Aus­stel­lung unter dem Titel „12:05 Uhr“.

Das Grimberg-Unglück steht exemplarisch für eine Epoche, in der die Kohle das Ruhr­gebiet er­nährte und gleich­zeitig immer wieder forder­te. Es zeigt, wie fatale Konse­quen­zen wirt­schaft­licher Rück­sichts­losig­keit und miss­achte­ter Sicher­heits­standards sein können - und wie aus solchen Katas­tro­phen, wenn auch auf bittere Weise, der Antrieb für bessere Schutz­maßnahmen er­wächst. Die 405 Toten von Grimberg haben mit ihrem Leben er­kauft, was heute selbst­verständ­lich er­scheint: dass kein Berg­mann ohne persön­liche Schutz­ausrüs­tung unter Tage fahren darf und dass Gruben­wehren mit Geräten ausge­rüstet sein müssen, die ihnen erlauben, dorthin vor­zudringen, wo die Gefahr am größ­ten ist.


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