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Die Geschichte der Dampfschifffahrt (Deutschland)


Einleitung: Vor dem Dampf

Jahrhundertelang war die Schiff­fahrt auf Wind und Muskel­kraft angewiesen. Auf den großen Flüssen Deutsch­lands - dem Rhein, der Elbe, der Weser und der Donau - wurden Waren und Menschen mit Segel­schiffen, Ruder­booten und so­genann­ten Treidel­kähnen be­fördert. Treideln be­deutete, dass Pferde oder Menschen die Schiffe vom Ufer aus mit langen Seilen fluss­aufwärts zogen - ein müh­sames, wetter­abhängiges und zeit­aufwendi­ges Ver­fahren. Eine Reise von Köln nach Mainz konnte Wochen dauern. Auf den Welt­meeren be­stimmten Segel­schiffe den Handel: Sie transportierten Gewürze, Textilien, Rohstoffe und Menschen zwi­schen den Kontinenten, waren aber dem Wind ausgeliefert und konnten weder Fahrplan noch Reisezeit zuverlässig garantieren. Die Unzuverlässigkeit, die Langsam­keit und die körper­li­chen Strapa­zen dieser Ära schufen den Boden, auf dem die Dampf­maschine als revolutio­näre Neue­rung wachsen konnte.


Erste Dampfschiffe auf deutschen Gewässern (1807-1830)

Den entscheidenden Durchbruch erzielte der Amerikaner Robert Fulton, der 1807 mit seinem Rad­dampfer *Clermont* auf dem Hudson River den ersten kommer­ziell erfolg­reichen Passagier­dienst mit Dampf­kraft er­öff­nete. Das Prinzip war be­stechend einfach: Eine Dampf­maschine trieb Schaufel­räder an, die das Schiff unabhängig von Wind und Strö­mung vorwärts­bewegten. Europa schaute genau hin.

In Deutschland dauerte es nicht lange, bis die neue Tech­nologie Einzug hielt. Bereits am 29. Juni 1816 fuhr die *Lady of the Lake*, ein von schot­ti­schen Unter­nehmern be­triebe­nes Schiff, auf der Elbe zwi­schen Hamburg und Cux­haven - das erste Dampf­schiff auf deut­schen Gewässern, wenn­gleich noch in fremdem Besitz. Im selben Jahr, am 27. Oktober 1816, nahm die *Prinzessin Charlotte von Preußen* ihren Betrieb auf der Havel zwi­schen Berlin und Potsdam auf, das erste in Deutsch­land gebaute Dampf­schiff über­haupt, gebaut auf der Pichels­dorfer Werft bei Berlin.

Als erstes von einem deutschen Schiff­bauer gebautes und von einem deut­schen Reeder be­triebe­nes Dampf­schiff gilt der Rad­dampfer *Die Weser*, der am 6. Mai 1817 in Betrieb ge­nommen wurde und plan­mäßig zwi­schen Bremen und Brake ver­kehrte. Er war ein Kind seiner Zeit: mit einer kleinen Dampf­maschine ausgestattet, auf einem Fluss voller Sandbänke unterwegs, und wirt­schaft­lich stets am Rand der Rentabi­lität. Dennoch markierte er den eigent­li­chen Beginn einer deut­schen Dampf­schiff­fahrt.

Die ersten Reaktionen in der Bevölke­rung waren ge­mischt. Viele Menschen be­geg­neten der neuen Technik mit Miss­trauen. Sie befürch­teten, dass Ladung durch aus­treten­des Maschinenöl kontami­niert oder durch die Kessel­wärme be­schädigt werden könnte. Mund­propaganda ver­breitete Angst vor Explo­sionen und Feuer. Doch diese Skepsis wich im Laufe der nächs­ten Jahre zunehmen­der Begeis­te­rung, als die Vorteile der Dampf­schiff­fahrt unüber­sehbar wurden.


Binnenschifffahrt: Der Rhein als Lebensader
(1820er - 1860er Jahre)

Das eigentliche Wachstum der deut­schen Dampf­schiff­fahrt vollzog sich zunächst auf den Flüssen, allen voran auf dem Rhein. 1816 er­reichte der englische Schaufel­rad­dampfer *Defiance* Köln - das erste Dampf­schiff auf dem Rhein. Die Reise­zeiten, die zur Zeit der Treidelschifffahrt bis zu sechs Wochen betragen hatten, verkürzten sich auf wenige Tage. Das war eine Revolution.

Am 22. September 1825 wurde in Karlsruhe die erste deut­sche Dampf­schiff­fahrts­gesell­schaft ge­gründet, Mainz und Köln folg­ten ein Jahr später. Die Mainzer Gesell­schaft be­stellte zwei Rad­dampfer in den Nieder­landen: die *Concordia* und die *Friedrich Wilhelm*. Die *Concordia* war 45 Meter lang, fünf Meter breit, konnte 230 Passagiere und knapp 60 Tonnen Fracht be­fördern und wurde von einer Ein­zylinder-Dampf­maschine mit 70 PS ange­trieben. Im ersten Betriebs­jahr beförderte sie in 55 Fahrten über 114.000 Passagiere, mehr als 30.000 Zentner Waren, 187 Wagen und 30 Pferde - beein­druckende Zahlen für ein einzel­nes Schiff.

Anfangs schleppten Dampfschiffe große Kähne mit Waren, etwa Kohle rhein­aufwärts und Schrott rhein­abwärts. Mit der Zeit kamen immer komforta­blere Passagier­schiffe hinzu. 1857 waren allein auf dem Rhein sieben Schiff­fahrts­gesell­schaf­ten mit zu­sammen 46 Schiffen für den Personen- und Güterverkehr gemeldet, dazu elf weitere Gesell­schaften, die ausschließ­lich Güter­schiffe be­trieben. Der Wett­bewerb war so heftig, dass es sogar zu absicht­lich herbei­geführten Kollisio­nen zwi­schen konkurrie­ren­den Reede­reien kam. 1853 schlossen sich die beiden größ­ten deut­schen Gesell­schaften zur Kölnisch-Düssel­dorfer Gesell­schaft für Rhein-Dampf­schiff­fahrt zu­sammen - einem Unter­neh­men, das bis heute als Köln-Düsseldorfer (KD) existiert.

Der Siegeszug der Eisenbahn ab den 1840er Jahren ver­drängte die Dampf­schiffe im Personen­verkehr zu­nehmend von den Flüssen, da die Bahn schneller und direk­ter ins Hinter­land fuhr. Die Dampf­schiff­fahrt konzen­trierte sich darauf­hin auf den Güter­transport und auf saisonale Ausflugsfahrten - eine Nische, die sie bis heute besetzt.


Die großen Reedereien:
HAPAG und Norddeutscher Lloyd

Die wahre Blütezeit der deutschen Dampf­schiff­fahrt begann mit dem Auf­stieg der großen Übersee-Reedereien. Zwei Namen dominier­ten diese Epoche: die Hamburg-Amerikani­sche Packet­fahrt-Actien-Gesell­schaft, bekannt als HAPAG, gegründet 1847 in Hamburg, und der Norddeut­sche Lloyd (NDL), gegründet am 20. Februar 1857 in Bremen von Hermann Henrich Meier und seinen Mitgründern.

Beide Reedereien begannen mit Stückgut und Passagie­ren auf der Nord­atlantik­route nach New York. Doch schon bald ent­wickel­ten sie sich zu globa­len Imperien. Die Linien­netze von HAPAG und Norddeut­schem Lloyd umspann­ten vor dem Ersten Welt­krieg den ge­samten Erd­ball. Der NDL wurde zur Triebkraft der wirt­schaft­li­chen Entwick­lung Bremens und Bremer­havens und galt dort als "Staat im Staate" - eine Institu­tion, die den Alltag der Stadt ebenso be­stimmte wie die Außenwirt­schaft.

Kaiser Wilhelm II. förderte die deutschen Reede­reien aus nationa­lem Prestige: Er wollte Deutsch­land zu einer See­macht auf­bauen und ent­sandte staat­lich sub­ventio­nierte Reichs­post­dampfer, die regelmäßige Ver­bindun­gen über die Welt­meere sicherten und damit die Handels- und Wirt­schaftsbeziehungen des Deutschen Reichs stärkten. Das Wett­rüsten um das so­genann­te *Blaue Band* - den Ehren­titel für das schnellste Schiff auf dem Nord­atlantik - wurde zum Symbol natio­nalen Selbst­bewusst­seins. 1900 ge­wann der HAPAG-Dampfer *Deutsch­land* das Blaue Band mit einer Durch­schnitts­geschwindig­keit von 22,42 Knoten. 1902 holte der NDL-Dampfer *Kron­prinz Wilhelm* den Titel mit 23,09 Knoten, 1904 folgte die *Kaiser Wilhelm II.* mit 23,58 Knoten. Es war das "Jahr­zehnt der Deutschen" auf dem Nord­atlantik, in dem NDL und HAPAG neben der bri­ti­schen Cunard Line und der White Star Line zu den größ­ten Schiff­fahrts­gesell­schaf­ten der Welt wurden.


Millionen Auswanderer:
Das Dampfschiff als Tor zur neuen Welt

Kein Aspekt der deutschen Dampf­schiff­fahrt hat das Leben so vieler Men­schen un­mittel­bar be­rührt wie die Auswande­rung. Zwischen 1820 und 1920 wander­ten aus den deut­schen Staaten fast sechs Millio­nen Menschen aus, mehr als 5,5 Millio­nen davon in die Vereinig­ten Staaten. Zwischen 1850 und 1890 stellten Deutsche die zahlenmäßig größte Einwanderer­gruppe in den USA. Allein in den Jahren 1880 bis 1889 wander­ten mehr als 1,4 Millio­nen Deutsche nach Amerika aus.

Die Gründe waren vielfältig: Armut, Hungersnöte, poli­tische Ver­folgung nach der ge­scheiter­ten Revolu­tion von 1848, Land­knapp­heit und der durch die Industriali­sie­rung ver­ursachte Unter­gang ganzer Berufs­gruppen. Das Dampf­schiff machte diese Massen­bewe­gung erst möglich, indem es die Atlantikque­rung von einem Abenteuer mit ungewissem Aus­gang in eine plan­bare Reise ver­wandelte. Während Segel­schiffe oft sechs bis zehn Wochen für die Über­fahrt benötig­ten und die Sterb­lich­keits­rate auf manchen Schiffen er­schreckend hoch war, verkürz­ten Dampf­schiffe die Fahrt auf 13 bis 19 Tage.

Die frühen Auswandererschiffe auf Segel­basis waren keine Passagier­schiffe, sondern umge­baute Fracht­schiffe. Die Aus­wande­rer reisten als eine Art mensch­liche Zusatz­ladung: auf der Hin­fahrt aus Amerika kamen Waren, auf der Rück­fahrt war Platz für Menschen. Die Zustände in den Zwischendecks waren unmensch­lich - kein Tageslicht, kaum Frischluft, keine ge­regelte Ver­pflegung, katastro­phale Hygiene. Typhus und andere Seuchen koste­ten viele das Leben.

Mit dem Aufstieg der Dampfschiff­fahrt und dem wachsen­den Wett­bewerb zwi­schen den Reedereien ver­besserten sich die Bedin­gun­gen schritt­weise. Aus­wanderer­schutz­gesetze aus den 1870er und 1880er Jah­ren ver­pflichte­ten die Reede­reien, für jeden Passagier eine Koje bereit­zustellen, regelmäßige Mahlzeiten zu stellen und für Hygiene und medizini­sche Be­treuung zu sorgen. Selbst in der unters­ten Klasse ver­setzte der be­scheidene Komfort viele einfache Leute aus länd­li­chen Gegenden in Er­staunen. Die Über­fahrt wurde billi­ger: 1879 kostete eine Passage im Zwischen­deck 120 Mark - erschwing­lich auch für weniger Begüterte.

Hamburg und Bremen wurden zu den wichtigs­ten Auswanderer­häfen Europas, die den französi­schen Hafen Le Havre über­flügel­ten. Die Zahl der Dampf­schiffe, die vom Hamburger Hafen starte­ten, vervier­fachte sich zwi­schen den 1870er und den 1890er Jah­ren. 1897 verließen nur noch zwei Segelschiffe den Hamburger Hafen mit Auswanderern an Bord - die Ära des Segels war end­gültig vorbei. Der HAPAG-General­direktor Albert Ballin ließ in Hamburg eine eigene Aus­wanderer­stadt auf der Veddel bauen, mit Bahn­anschluss, Unterkunfts­gebäuden, Speise­hallen, Kirche, Synagoge und Lazarett - ein einzig­artiges Zeug­nis dafür, welch gigan­tische wirt­schaft­liche und humani­täre Dimension das Aus­wanderungs­geschäft an­genommen hatte.


Technik und Brennstoffe:
Von Holz über Kohle zu Schweröl

Die technische Entwicklung der Dampf­schiff­fahrt verlief in klaren Phasen. In der Frühzeit wurden die Kessel mit Holz be­feuert, das auf den Flüssen leicht ver­füg­bar war, aber eine geringe Energie­dichte besaß und riesige Mengen erforderte. Schon ab den 1830er Jahren setzte sich Kohle als Brennstoff durch. Sie lieferte deut­lich mehr Energie pro Gewichtsein­heit und war in Deutsch­land - dank der Ruhr­reviere und des Saar­lands - reich­lich vor­handen.

Das Heizen der Kessel mit Kohle war schwere körper­liche Arbeit. Die so­genann­ten Heizer und Trimmer schaufel­ten Tonnen von Kohle pro Schicht in die Feuer­büchsen, bei extremer Hitze und in beengten Ver­hält­nissen tief im Schiffs­rumpf. Diese Männer waren das unsicht­bare Herz eines jeden Dampfers.

Parallel zur Brennstoff­entwick­lung schritt auch die Antriebs­technik voran. Die frühen Schaufel­rad­dampfer hatten einen ent­scheiden­den Nach­teil: Bei hohem See­gang tauch­ten die Räder ungleich­mäßig ins Wasser und verloren an Schub­kraft. Die Erfindung der Schiffs­schraube löste dieses Problem. Ab den 1840er Jah­ren setzte sich der Schrauben­antrieb auf Hochsee­schiffen zunehmend durch und ermög­lichte auch bei rauem Wetter zu­verlässi­gen Betrieb.

Nach dem Ersten Weltkrieg vollzog sich ein weite­rer Wandel: die Umstel­lung von Kohle auf Schweröl. Bei den großen Dampfern wurden die Kessel auf Ölfeue­rung um­gerüs­tet, Neubau­ten direkt dafür konzi­piert. Der Haupt­antrieb war wirt­schaft­li­cher Druck - der Wett­bewerb auf dem Nord­atlantik zwang die Reede­reien zu Kosten­einsparun­gen, und Ölfeue­rung erlaubte eine deut­lich kleinere Be­satzung, da die schwere Arbeit der Kohle­schaufler ent­fiel. Deutsch­land selbst besaß kaum eigene Öl­vorkommen; vor dem Zwei­ten Welt­krieg lag die Import­quote bei 65% bis 70%, wobei drei Viertel des Öls aus Nord- und Latein­amerika kam. Diese Abhängig­keit von Öl­importen sollte sich in beiden Welt­kriegen als strate­gisches Problem er­weisen.


Dampfschiffe im Ersten und Zweiten Weltkrieg

Die deutsche Dampfschifffahrt wurde durch beide Welt­kriege tief er­schüttert und verlor jeweils ihre gesamte Handels­flotte.

Im Ersten Weltkrieg errichtete die bri­tische Royal Navy eine groß­räumige Fern­blockade der Nordsee, die Deutsch­land prak­tisch vom Welthandel ab­schnitt. Deutsche Handels- und Passagier­schiffe lagen still in ihren Häfen oder wurden inter­niert. Die Kaiser­liche Marine setzte im Gegen­zug fünfzehn Hilfs­kreuzer ein - umgerüs­tete Passagier­schiffe und Fracht­dampfer -, um den alliier­ten Handels­verkehr auf den Welt­meeren zu stören. Diese Schiffe muss­ten zunächst unbe­merkt die bri­tische Blockade durch­brechen, bevor sie auf den Ozeanen operieren konn­ten. Die deut­schen Hilfs­kreuzer ver­nichte­ten in ihrer Gesamt­heit mehrere Hundert­tausend Brutto­register­tonnen alliier­ter Tonnage. Dennoch war ihre strate­gische Wirkung be­grenzt. Die Blockade der Royal Navy blieb be­stehen und zwang Deutsch­land wirt­schaft­lich in die Knie - ein wesent­li­cher Faktor für die Nieder­lage 1918.

Die Kriegsmarine begann zwar, neue Schiffe auf Ölfeue­rung um­zustellen, doch Deutsch­land hinkte Groß­britan­nien hinter­her: Während die bri­tische Flotte schon vor dem Krieg systema­tisch auf Ölfeue­rung gesetzt hatte, ver­wendete die deut­sche Marine noch über­wiegend Kohle und stellte erst bei Neu­bauten während des Krieges auf Öl um.

Nach dem Krieg musste Deutschland gemäß dem Versailler Vertrag den Groß­teil seiner Handels­flotte an die Sieger­mächte ab­geben. Sowohl HAPAG als auch der Norddeut­sche Lloyd be­gannen daraufhin prak­tisch bei null und bauten ihre Flotten in den 1920er Jah­ren müh­sam wieder auf - unter ande­rem mit den berühm­ten Schnell­dampfern *Bremen* und *Europa*, die 1929 bzw. 1930 das Blaue Band zurück­holten.

Im Zweiten Weltkrieg wiederholte sich das Muster, dies­mal mit noch ver­heerende­ren Folgen. Die Handels­flotte verlor erneut fast alle Schiffe, diesmal durch Bomben­angriffe, Torpedos und die Kapitula­tion 1945. Die Kriegs­marine konzen­trierte sich auf den U-Boot-Krieg, der zwar zeit­weise enorme alliierte Verluste ver­ursachte, letzt­lich aber scheiterte. Umgebaute Handels­dampfer dien­ten im Zwei­ten Welt­krieg erneut als Hilfs­kreuzer, dies­mal unter dem Begriff Handels­störkreuzer. Sie agier­ten mit falscher Flagge auf den Ozeanen und ver­senkten alliierte Handels­schiffe. Daneben wurden Passagier­dampfer als Truppen­transpor­ter, Lazarett­schiffe und schwimmen­de Kasernen ein­gesetzt.


Niedergang: Diesel und Düsenjet verdrängen den Dampf

Das Ende der Dampfschiff­fahrt voll­zog sich nicht abrupt, sondern in einem langen, schleichen­den Pro­zess über mehrere Jahr­zehnte.

Der entscheidende technologi­sche Gegner war der Diesel­motor. Bereits 1903 hatte das erste diesel­getriebene Schiff auf der Wolga seine Jung­fern­fahrt ab­solviert. 1912 be­suchte der deut­sche Kaiser das Motor­schiff *Fionia* während der Kieler Woche - ein Schiff, das inmitten rauchen­der Dampfer ohne jeden Schorn­stein er­schien. Der Diesel­motor hatte gegen­über der Dampf­maschine ent­scheidende Vorteile: Er ver­brauchte weniger Brenn­stoff, benötigte weniger Besat­zung und war ein­facher zu warten. Während eine Dampf­maschine nur einen Wirkungs­grad von 15% bis 20% erreichte, erzielte der Diesel­motor 30% bis 35%. In den 1920er Jah­ren setz­ten sich Diesel­motoren bei kleinen und mittle­ren Schiffen durch; bei großen Ozean­riesen dauerte es länger, da dort die Dampf­turbine noch konkurrenz­fähig blieb.

Doch der Dieselmotor allein hätte die Dampf­schiff­fahrt nicht voll­ständig ver­drängt. Es war die Kombina­tion mit einem zwei­ten, noch radikale­ren Wandel, die das Ende be­siegelte: dem Düsen­flugzeug. Ab den 1960er Jah­ren wurden schnelle Passagier­dampfer zu­nehmend durch Linien­flugzeuge er­setzt. Was ein Dampfer in fünf Tagen zurück­legte, schaffte ein Jet in weni­gen Stunden. Die Reede­reien ver­loren ihren Passagier­verkehr auf dem Nord­atlantik fast voll­ständig. Auch bei großen Fracht­schiffen wurden ab den 1960er Jah­ren meist Diesel­antriebe ein­gebaut. Der letzte neu­gebaute Trans­atlantik-Passagier­schnell­dampfer war die 1968 fertig­gestellte *Queen Elizabeth 2* - und selbst sie wurde später auf Diesel­antrieb um­gestellt.

Die großen deutschen Reedereien HAPAG und Nord­deutscher Lloyd fusio­nier­ten 1970 zur Hapag-Lloyd AG und konzen­trier­ten sich auf den auf­kommen­den Container­verkehr - eine völlig neue Form des Güter­transports, die mit Dampf nichts mehr zu tun hatte.


Das Erbe: Dampfschiffe als lebendes Museum

Das letzte Kapitel der deutschen Dampf­schiff­fahrt ist noch nicht ab­geschlossen - es hat sich in eine andere Form ver­wandelt. In Deutsch­land fahren noch heute elf aktive Rad­dampfer, darunter neun histori­sche Rad­dampfer der Sächsi­schen Dampf­schiff­fahrt, deren Flotte als die älteste und größte der Welt gilt. Auf der Elbe zwi­schen Dresden und der Sächsi­schen Schweiz schaufeln sie noch immer ihre Räder durchs Wasser, befeuert heute meist mit Heizöl statt Kohle, aber tech­nisch im Kern un­verändert.

Der letzte Raddampfer auf dem Rhein, die *Oscar Huber* von 1922, liegt heute als Museums­schiff im Duisbur­ger Schiff­fahrts­museum. In Berlin be­wahrt der Histori­sche Hafen mehrere Schlepp­dampfer. Auf dem Bodensee ver­kehrt der kleine Schrauben­dampfer *Gustav Prym*.

Diese Schiffe sind mehr als technische Denk­mäler. Sie ver­körpern eine Epoche, in der die Dampf­schiff­fahrt die Welt ver­ändert hat: die erste Globali­sie­rung des Handels be­schleunigt, Millio­nen Men­schen neue Heimaten er­mög­licht, Kontinente ver­bunden und Hafen­städte wie Hamburg und Bremen groß gemacht hat. Die Ge­schich­te der deut­schen Dampf­schiff­fahrt ist zugleich eine Ge­schich­te von tech­nischem Aufbruch, wirt­schaft­li­chem Ehrgeiz, mensch­li­chen Schicksalen und den Brüchen zweier Welt­kriege - ein Panorama, das kaum ein ande­res Kapitel der Industrie­geschich­te in dieser Dichte bietet.


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