Wernher von Braun, 1912 in Wirsitz im heutigen Polen als Sohn eines preußischen Adligen geboren, war eine der widersprüchlichsten und faszinierendsten Persönlichkeiten der Raumfahrtgeschichte. Als Jugendlicher begeisterte er sich für Jules Verne und Hermann Oberth, den Pionier der Raketentechnik, und verfolgte von früh an eine Vision, die weit über bloße Militärtechnik hinausging: Er wollte, dass die Menschheit die Planeten erreicht.
Dass er dafür zunächst die V2-Rakete des Dritten Reichs entwickelte - eine Waffe, die Tausende Todesopfer forderte und in den Rüstungslagern durch Zwangsarbeit hergestellt wurde - bleibt ein dunkles Kapitel, das von Brauns Biografie nicht losgelöst werden kann. Nach dem Krieg gelangte er im Rahmen der geheimen Operation Paperclip mit rund 500 deutschen Ingenieuren in die USA, wo er seine eigentlichen Ziele verfolgen konnte.
Was die wenigsten wissen: Während von Braun in den späten 1940er Jahren auf dem texanischen Stützpunkt Fort Bliss quasi interniert war und die Amerikaner zunächst wenig mit seinen Raketenplänen anfangen konnten, schrieb er in dieser erzwungenen Wartezeit einen Roman. Das Buch war nach eigenem Bekunden literarisch mäßig - es wurde erst 2006 veröffentlicht - aber der technische Anhang war außergewöhnlich. Von Braun berechnete darin mit größter Sorgfalt eine bemannte Expedition zum Mars, mit echten Trajektorien, echten Treibstoffmengen, echten Antriebskonzepten. Dieser Anhang erschien 1952 in Deutschland als eigenständiges Werk: *Das Marsprojekt*.
Der Plan war von atemberaubendem Ausmaß. Von Braun sah eine Flotte von zehn Raumschiffen vor, jedes mit einer Masse von knapp 4.000 Tonnen, mit insgesamt 70 Besatzungsmitgliedern. Die Schiffe sollten im Erdorbit aus Einzelteilen zusammengebaut werden, die von Hunderten Raketenstarts in die Umlaufbahn gebracht wurden. Die Reisezeit zum Mars bezifferte er auf etwa acht Monate, der Aufenthalt auf der Oberfläche war auf über ein Jahr angelegt. Das Marsprojekt war die erste technisch ernsthafte, vollständig durchgerechnete Planung einer bemannten Marsmission der Geschichte.
In den 1950er Jahren popularisierte von Braun seine Visionen durch eine Zusammenarbeit mit dem Magazin *Collier's* und dem Zeichner Chesley Bonestell, dessen eindrucksvolle Illustrationen von Raumstationen, Mondbasen und Marsschiffen eine ganze Generation von Ingenieuren und Träumern prägten. Noch dazu kooperierte er mit Walt Disney für mehrere Fernsehsendungen, die Raumfahrt als erreichbare Zukunft vermittelten.
Als von Braun dann zum Direktor des NASA Marshall Space Flight Centers wurde und das Saturn-V-Programm leitete, hatte er Mars stets im Hinterkopf. Die Saturn V war zwar exakt auf die Anforderungen der Mondmission zugeschnitten - von einer absichtlichen Überdimensionierung kann keine Rede sein - aber von Braun plante von Anfang an, sie als Grundlage für weitaus Ehrgeizigeres zu nutzen. Mehrere Saturn-V-Starts sollten die Komponenten eines Marsraumschiffs in den Erdorbit bringen, wo diese dann zusammengebaut werden sollten.
Wenige Wochen nach der Mondlandung im Juli 1969 - von Braun war 57 Jahre alt - legte er der amerikanischen Regierung einen konkreten, finanziell unterlegten Plan für eine bemannte Marsreise in den 1980er Jahren vor. Die Marsmission sollte am 12. November 1981 starten, mit Landung auf dem Mars 1982. Als Antrieb waren nukleare Raketentriebwerke vorgesehen, die damals unter dem Programmnamen NERVA tatsächlich in Entwicklung waren. Zwei Schiffe mit je sechs Besatzungsmitgliedern sollten gemeinsam reisen - von Braun bestand auf dem Konvoi-Prinzip, damit ein Schiff im Notfall das andere retten konnte.
Präsident Nixon lehnte den Plan ab. Er stoppte nicht nur die Marsplanung, sondern auch das NERVA-Nuklearantriebsprogramm und nahezu alle Post-Apollo-Missionen der Saturn V - mit Ausnahme der Raumstation Skylab. Von Braun, zunehmend frustriert und von einem Krebsleiden geschwächt, verließ NASA 1972 und starb 1977. Sein einziges hinterlassenes Element aus dem großen Zukunftsplan war das wiederverwendbare Raumflugzeug - das später als Space Shuttle Realität wurde, freilich als bescheidenere und teurere Lösung, als von Braun sie sich vorgestellt hatte.
Was von Braun hinterließ, war jedoch mehr als Technik: Er hinterließ eine Denkweise. Die Idee, dass Mars kein Traum, sondern ein Ingenieursproblem ist - lösbar, planbar, erreichbar - prägt die Raumfahrt-Diskussion bis heute.
Die Geschichte der unbemannten Mars-Erkundung beginnt mit einer langen Serie von Misserfolgen, die eindrücklich zeigt, wie schwer der Mars zu erreichen ist. Ab Herbst 1960 startete die Sowjetunion erste Sonden zum Roten Planeten - und scheiterte gleich reihenweise. Die ersten Sonden verließen die Erdumlaufbahn nicht einmal. Auch Mars 1, 1962 gestartet, verlor auf dem Weg die Verbindung zur Erde und flog wortlos am Mars vorbei.
Die USA hatten zunächst ähnliche Probleme. Mariner 3 scheiterte 1964 an einem technischen Defekt kurz nach dem Start. Doch dann, im November 1964, gelang Mariner 4 der Durchbruch: Die Sonde flog am 15. Juli 1965 am Mars vorbei und übermittelte 21 Fotos - die ersten Nahaufnahmen eines anderen Planeten in der Geschichte der Menschheit. Die Bilder zeigten eine wüstenhafte, von Kratern übersäte Oberfläche, kühl und leblos. Der Mars war kein zweites Eden, wie manche Optimisten gehofft hatten. Die Erkenntnisse waren ernüchternd, aber wissenschaftlich wertvoll.
Mariner 6 und Mariner 7 ergänzten 1969 das Bild mit weiteren Vorbeiflügen und Hunderten neuer Fotos.
1971 markierte einen Wendepunkt. Mariner 9 der NASA wurde zum ersten künstlichen Satelliten des Mars - er umkreiste den Planeten und lieferte über Monate eine vollständige fotografische Karte. Erstmals wurden gewaltige Vulkane sichtbar, darunter der Olympus Mons, der größte Vulkan des Sonnensystems, sowie ein Canyonsystem von kontinentalem Ausmaß, der Valles Marineris. Mariner 9 zeigte einen Mars, der geologisch aktiv gewesen war und einst fließendes Wasser besessen haben musste.
Gleichzeitig versuchte die Sowjetunion mit den Sonden Mars 2 und Mars 3, als erste eine weiche Landung zu schaffen. Mars 2 stürzte ab, Mars 3 landete tatsächlich weich - und sendete genau 20 Sekunden lang Daten, bevor der Kontakt für immer abbrach. Ein globaler Staubsturm hatte wahrscheinlich den Lander zum Kippen gebracht. Es war ein Teilerfolg und zugleich eine bittere Erinnerung daran, wie unberechenbar der Mars ist.
Die sowjetischen Missionen Mars 4 bis 7 aus dem Jahr 1973 endeten großteils ebenfalls enttäuschend: mangelhafte Orbitaleinschüsse, Absturz beim Landen, Kontaktverluste.
Der nächste große Meilenstein kam 1975, als NASA die beiden Viking-Sonden startete. Viking 1 landete am 20. Juli 1976 - sieben Jahre nach der Mondlandung - erfolgreich auf dem Mars und sendete die ersten Farbfotos von der Oberfläche. Viking 2 folgte wenige Wochen später an einem anderen Ort. Beide Lander waren mit Instrumenten ausgestattet, die nach Spuren von Leben suchen sollten: Sie entnahmen Bodenproben und testeten diese auf biochemische Aktivität. Die Ergebnisse waren rätselhaft - zunächst schienen sie auf chemische Aktivität hinzudeuten, die jedoch letztlich nicht eindeutig biologischen Ursprungs war. Bis heute ist die genaue Interpretation dieser Daten unter Wissenschaftlern nicht vollständig geklärt. Die Viking-Orbitersonden lieferten zudem tausende hochauflösende Bilder und kartierten den gesamten Planeten.
Nach Viking herrschte eine lange Pause in der Marserkundung. Erst 1988 startete die Sowjetunion mit Phobos 1 und Phobos 2 neue Sonden zum Mars - beide gingen auf dem Weg verloren, Phobos 1 wegen eines falschen Steuerbefehls bereits kurz nach dem Start. 1992 folgte der US-Orbiter Mars Observer, der kurz vor der Ankunft ebenfalls den Geist aufgab - vermutlich durch einen Druckbehälterdefekt.
Trotz dieser Rückschläge gelang 1996/97 ein kleiner, medial sehr erfolgreicher Neustart: Mars Pathfinder landete am 4. Juli 1997, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, auf dem Mars und setzte den ersten Rover ab - Sojourner, kaum größer als ein Schuhkarton. Sojourner rollte einige Meter von der Landestation weg, untersuchte Gesteine und lieferte Bilder, die die Öffentlichkeit begeisterten. Es war ein Beweis, dass man mit relativ bescheidenen Mitteln erfolgreich landen konnte. Gleichzeitig trat der Mars Global Surveyor in die Marsumlaufbahn ein und lieferte über Jahre hinweg hochauflösende Karten der Oberfläche.
Doch der Mars bewies erneut seinen Ruf als schwieriges Ziel: 1998 scheiterte Japans erste Marssonde Nozomi, und kurz darauf wurden zwei NASA-Missionen innerhalb weniger Monate zu Lehrstücken über die Tücken der Raumfahrt. Der Mars Climate Orbiter ging 1999 beim Einschuss in den Orbit verloren - weil ein Team in metrischen Einheiten arbeitete, das andere in angloamerikanischen, und niemand die Diskrepanz bemerkt hatte. Kurz darauf verschwand auch der Mars Polar Lander beim Abstieg spurlos, vermutlich durch einen Softwarefehler beim Ausfahren der Landbeine.
Das neue Jahrtausend brachte eine Reihe bemerkenswerter Erfolge. 2001 erreichte Mars Odyssey den Orbit und entdeckte mit seinem Gammastrahlendetektor große Mengen Wassereis unter der Oberfläche - ein Befund, der bis heute als einer der wichtigsten der Mars-Erkundung gilt. 2003 startete Europas erste Marssonde, Mars Express, und ist bis heute in Betrieb; ihr Radar bestätigte später Hinweise auf unterirdische Wasserseen unter dem Südpol. Der mitgeführte Lander Beagle 2 stürzte leider ab.
Ebenfalls 2003 schickte NASA die Zwillingsrover Spirit und Opportunity auf die Reise. Sie sollten für 90 Tage arbeiten. Spirit hielt sechs Jahre durch, bevor er 2010 endgültig zum Schweigen kam. Opportunity übertraf alle Erwartungen dramatisch: Er rollte bis 2018, fast 15 Jahre lang, und legte dabei über 45 Kilometer zurück - ein Rekord. Beide Rover lieferten eindeutige geologische Beweise dafür, dass Mars in seiner Frühgeschichte flüssiges Wasser besessen hatte.
2007 landete Phoenix in der Arktisregion des Mars und bestätigte direkt mit seiner Schaufel: Wassereis liegt wenige Zentimeter unter der Oberfläche. 2011 startete Curiosity, der erste nuklear betriebene Rover - rund 900 Kilogramm schwer, ausgestattet mit einem Chemielabor. Curiosity ist bis heute aktiv und hat im Gale-Krater organische Verbindungen sowie saisonale Methan-Spuren in der Atmosphäre nachgewiesen - Befunde, die die Frage nach Leben nicht beantworten, aber sie offenhalten.
2013 erreichte Indiens erste Marssonde Mangalyaan den Orbit - das erste Mal, dass eine asiatische Mission beim ersten Anlauf den Mars erreichte, und das zu einem Bruchteil der üblichen Kosten. 2016 setzte die ESA in Zusammenarbeit mit Russland den Trace Gas Orbiter in die Marsumlaufbahn, der seitdem die Zusammensetzung der Atmosphäre analysiert. Der mitgereiste Testlander Schiaparelli stürzte ab, lieferte aber wertvolle Daten für die Planung zukünftiger Landungen.
Das Jahr 2020 war außergewöhnlich: Gleich drei Nationen nutzten das günstige Startfenster. Die Vereinigten Arabischen Emirate schickten mit Hope ihren ersten Mars-Satelliten, der Klimadaten aus der Umlaufbahn sammelt. China startete Tianwen-1, eine kombinierte Mission aus Orbiter, Lander und Rover - der Rover Zhurong rollte 2021 auf dem Mars, ein fulminanter Erstversuch. Und NASA schickte Perseverance, den bislang wissenschaftlich anspruchsvollsten Rover: Er entnimmt systematisch Gesteinsproben, die in versiegelten Behältern auf dem Mars deponiert werden und - sofern eine Rückholmission gelingt - zur Erde gebracht werden sollen. Perseverance brachte auch Ingenuity mit, einen kleinen Hubschrauber, der als erster Flugkörper überhaupt in der Atmosphäre eines anderen Planeten flog und damit Aeronautik auf dem Mars begründete.
Was die Erfahrungen aus sechs Jahrzehnten unbemannter Erkundung gelehrt haben, lässt sich auf wenige, aber gewaltige Herausforderungen verdichten: Die kosmische Strahlung im interplanetaren Raum ist das bislang schwerwiegendste ungelöste Problem für Astronauten. Monatelange Schwerelosigkeit baut den menschlichen Körper ab. Die dünne, giftige Mars-Atmosphäre erfordert permanenten Schutz auf der Oberfläche. Globale Staubstürme können Wochen andauern und Solarsysteme lahmlegen. Und der Rückflug setzt voraus, dass auf dem Mars bereits vor der Ankunft der Crew Treibstoff produziert worden ist - eine logistische Herausforderung ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit. Eine bemannte Marsmission erfordert für alle diese Probleme gleichzeitig zuverlässige Lösungen, über eine Missionsdauer von rund zweieinhalb Jahren, ohne jede Möglichkeit einer Rettungsmission.
Die gegenwärtige Landschaft der Marsplanung ist so aktiv wie nie zuvor - und gleichzeitig von erheblicher Unsicherheit geprägt.
SpaceX, das ambitionierteste kommerzielle Raumfahrtunternehmen, hatte ursprünglich für 2026 erste unbemannte Starship-Flüge zum Mars angekündigt. Im Februar 2026 wurde dieser Plan jedoch verschoben: SpaceX konzentriert sich vorrangig auf das NASA-Artemis-Mondprogramm, für das Starship als Mondlandefähre ausgewählt wurde. Erste unbemannte Marsflüge sind nun realistisch erst für die frühen bis mittleren 2030er Jahre zu erwarten. Technisch stellt das In-Orbit-Auftanken von bis zu 1.200 Tonnen Treibstoff die größte noch unbewiesene Hürde dar.
NASA verfolgt weiterhin den Stufenplan: erst Mondmissionen im Rahmen von Artemis, dann langfristig der Mars. Einen festen Zeitplan für eine bemannte Marsreise gibt es bei NASA nicht. Das Mars-Sample-Return-Programm, das die von Perseverance gesammelten Proben zur Erde bringen sollte, wurde Anfang 2026 durch den US-Kongress beendet - die Proben liegen vorerst unabgeholt auf dem Mars.
China verfolgt den konsequentesten Zeitplan. Tianwen-3, eine unbemannte Probenrückholmission, soll 2028 starten und um 2031 mindestens 500 Gramm Marsgestein zur Erde bringen. Für bemannte Missionen plant China Starts in den Jahren 2033, 2035 und 2037 - mit dem Fernziel einer dauerhaft bewohnten Marsbasis. Ob diese Zeitpläne realistisch einzuhalten sind, bleibt abzuwarten, aber China hat in den letzten Jahren mehrfach bewiesen, dass es Pläne tatsächlich umsetzt.
Die ESA setzt auf Partnerschaft und Spezialisierung. Ihr wichtigstes unmittelbares Vorhaben ist der Rosalind-Franklin-Rover, der 2028 mit einer SpaceX Falcon Heavy starten soll. Der Rover wird als erster überhaupt systematisch nach Lebenszeichen unter der Marsoberfläche suchen, mit einer zwei Meter tiefen Bohranlage. NASA steuert Triebwerke, Heizgeräte und wissenschaftliche Instrumente bei. Für den Earth Return Orbiter, der ursprünglich für die Probenrückkehr geplant war, sucht die ESA nach einer neuen Verwendung als Atmosphärenforschungssonde. Bemannte Marsmissionen plant die ESA nicht eigenständig, sieht sich aber als unverzichtbaren Partner in einer internationalen Mission.
Von Wernher von Brauns handgeschriebenen Berechnungen auf einem texanischen Stützpunkt bis zu den autonomen Rovern, die heute Marsboden auf chemische Lebensspuren untersuchen, liegen rund acht Jahrzehnte. Es ist eine Geschichte des Scheiterns und Lernens, der politischen Entscheidungen und ihrer Folgen, des technischen Fortschritts in kleinen und manchmal großen Schritten.
Von Brauns eigentliches Erbe ist vielleicht nicht die Saturn V, nicht der Mond, sondern diese Überzeugung: Der Mars ist kein Mythos und keine Science-Fiction-Idee, sondern ein handfestes Ingenieursproblem. Es hat länger gedauert als er hoffte. Aber die Richtung war immer dieselbe.