Deutschland: Am 17. Juni 2026 erreichten die letzten sieben Castor-Behälter mit hochradioaktivem Abfall aus dem britischen Sellafield das Zwischenlager am früheren Atomkraftwerk Brokdorf. Mit diesem Transport endete ein Kapitel der deutschen Energiegeschichte, das fast genauso lange dauerte wie die Bundesrepublik selbst existiert: die Wiederaufarbeitung (auch: Wiederaufbereitung) deutscher Kernbrennstoffe im Ausland.
Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth sprach 2026 von einem "Schlussstrich unter das Kapitel Wiederaufarbeitung in Deutschland" - ein Satz, der nach außen schlicht klingt, hinter dem sich aber eine fast 80 Jahre alte Geschichte voller technischer Ambitionen, politischer Kämpfe und letztlich eines fundamentalen Scheiterns verbirgt.
Was diese Geschichte besonders interessant macht, ist der Vergleich mit Frankreich. Beide Länder verfolgten ursprünglich dasselbe Ziel: einen geschlossenen Brennstoffkreislauf, in dem abgebrannte Brennelemente nicht einfach als Abfall vergraben, sondern als Rohstoff wiederverwendet werden. Während dieses Konzept in Frankreich bis heute tragender Bestandteil der nationalen Energiepolitik ist, ist es in Deutschland krachend gescheitert - und zwar nicht primär aus technischen, sondern aus politischen Gründen.
Um zu verstehen, worum es überhaupt geht, lohnt sich ein Blick auf das, was in einem Atomkraftwerk eigentlich passiert. Ein frisches Brennelement besteht fast vollständig aus Uran. Während es im Reaktor Energie liefert, verändert sich seine Zusammensetzung: Ein Teil des Urans spaltet sich und erzeugt dabei Wärme, ein anderer Teil wird durch Neutronenbeschuss in Plutonium umgewandelt. Nach einigen Jahren ist das Brennelement "abgebrannt" - nicht weil es leer wäre, sondern weil sich zu viele störende Spaltprodukte angesammelt haben, die die Kettenreaktion behindern.
Das Entscheidende: Ein abgebranntes Brennelement besteht immer noch zu rund 97% seiner Masse aus Uran und Plutonium. Nur etwa 3% sind tatsächlich die hochradioaktiven Spaltprodukte, die als eigentlicher "Abfall" gelten. Die Idee der Wiederaufarbeitung war daher naheliegend: Man trennt diese Bestandteile chemisch, gewinnt Uran und Plutonium zurück und verarbeitet sie zu neuen Brennelementen - sogenannten MOX-Brennelementen, einem Mischoxid aus Uran und Plutonium. Übrig bleiben nur die echten Spaltprodukte, die verglast und endgelagert werden müssen.
Das Versprechen dahinter war ein nahezu geschlossener Kreislauf: bessere Ausnutzung der begrenzten Uranvorräte, ein kleineres Abfallvolumen und eine wirtschaftliche Nutzung statt reiner Entsorgung. Dieses Denken war kein deutscher oder französischer Sonderweg, sondern globaler Konsens der frühen Atomzeitalters: Im Kontext der Genfer Atomkonferenzen und des amerikanischen "Atoms for Peace"-Programms errichteten praktisch alle Atomnationen der 1950er und 1960er Jahre Wiederaufarbeitungsanlagen, weil die Rückgewinnung von Brennstoff zunächst sowohl ökonomisch als auch technisch vielversprechend erschien.
Deutschlands Geschichte mit der Wiederaufarbeitung beginnt mit einem entscheidenden Nachteil: Nach dem Zweiten Weltkrieg untersagten die Besatzungsmächte jegliche Kernforschung in Deutschland. Das Kontrollratsgesetz Nr. 25 von 1946 verbot praktisch jede Form kerntechnischer Forschung - aus nachvollziehbarem Grund, hatte doch das NS-Regime selbst an einem Atomwaffenprogramm gearbeitet. Erst mit dem Petersberger Abkommen 1949 gab es erste, sehr begrenzte Lockerungen, und erst mit den Pariser Verträgen von 1954/1955 durfte die Bundesrepublik wieder zivile Kernforschung betreiben - allerdings mit einer dauerhaften Auflage: Der Bau von Atomwaffen blieb verboten, eine Beschränkung, die bis heute gilt.
Diese zehnjährige Verzögerung wog schwer, denn andere Länder hatten diese Zeit ungehindert nutzen können. Erst 1956 wurde mit der Gründung des ↗Kernforschungszentrums Karlsruhe der erste konkrete Schritt zurück in die zivile Atomforschung gemacht. Die eigentliche Projektierung einer deutschen Wiederaufarbeitungsanlage folgte erst 1964 mit der Gründung der Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (GWK), die im Auftrag des Forschungszentrums Karlsruhe die ↗Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) plante und baute. Diese nahm 1971 ihren Betrieb auf - allerdings nur als kleine Pilotanlage mit einer Jahreskapazität von gerade einmal 35 Tonnen, gedacht als Erfahrungsbasis für eine später geplante große kommerzielle Anlage.
Diese große Anlage sollte im bayerischen Wackersdorf entstehen, wurde aber nach massiven Protesten nie gebaut. Stattdessen schickte Deutschland seine abgebrannten Brennelemente fortan ins Ausland - nach ↗La Hague in Frankreich und nach ↗Sellafield im Norden Englands. Insgesamt wurden zwischen 1973 und 2005 rund 6.670 Tonnen bestrahlter Brennelemente aus deutschen Kraftwerken dorthin gebracht.
Parallel dazu gab es jedoch tatsächlich eine eigene deutsche MOX-Produktion - ein Detail, das oft übersehen wird. Bis etwa 1990 stellte die ALKEM GmbH, eine Siemens-Tochter im hessischen Hanau, MOX-Brennelemente her. In bis zu zehn der damals 17 deutschen Reaktoren kamen solche ↗Mischoxid-Brennelemente zum Einsatz, hergestellt teils im eigenen Land, teils aus importiertem Plutonium aus La Hague und Sellafield. Zwischen 2000 und 2008 wurden in neun deutschen Kernkraftwerken MOX-Brennelemente zusammen mit gewöhnlichen Uranbrennelementen eingesetzt.
Der eigentliche Bruch kam mit dem Versuch, diese kleine MOX-Produktion durch eine deutlich größere, moderne Anlage zu ersetzen. Ende der 1980er Jahre begann Siemens am selben Standort in Hanau mit dem Bau einer neuen Brennelementefabrik, die das bei der Wiederaufarbeitung anfallende Plutonium in großem Maßstab verarbeiten sollte. Die Anlage wurde zu 95% fertiggestellt - ging aber nie in Betrieb.
Der Grund dafür war im Kern politisch. Im Dezember 1985 bildete sich in Hessen die erste rot-grüne Landesregierung, in der Joschka Fischer Umweltminister wurde - ein Zeitpunkt, der noch vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 lag. Mit der neuen Regierung hatte ein grüner Minister direkte Zuständigkeit für die atomrechtliche Aufsicht in Hessen, und er nutzte diese Position, um das Genehmigungsverfahren für die neue Hanauer Anlage gezielt zu erschweren. Die Gerichte gaben den Gegnern dabei teilweise Recht: 1993 hob der hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel drei von sechs Teilgenehmigungen für die Anlage wieder auf. Hinzu kamen berechtigte technische Sorgen um den sicheren Umgang mit hochkonzentriertem Plutonium - etwa das Risiko unkontrollierter Kettenreaktionen oder die Gefährdung der Belegschaft durch lungengängigen Plutoniumstaub.
Als sich der Rechtsstreit über Jahre hinzog, ohne dass eine Lösung absehbar war, zog Siemens 1995 schließlich selbst die Reißleine und verzichtete auf die Betriebsgenehmigung - aus wirtschaftlichen Gründen, denn schon das alte, kleinere Werk hatte enorme Verluste eingefahren. Damit war die deutsche MOX-Produktion endgültig am Ende, noch bevor mit dem Atomausstiegsbeschluss von 2002 auch die Wiederaufarbeitung im Ausland politisch beendet wurde.
Was folgte, war ein jahrzehntelanger Rücktransport: 2024 kamen die letzten Behälter aus La Hague zurück, 2026 schließlich die letzten aus Sellafield - Material, das nach der Trennung von Uran und Plutonium längst keinen Rohstoffwert mehr hat, sondern reiner Endlagerabfall ist, den Deutschland gemäß dem sogenannten Verursacherprinzip zurücknehmen musste.
Die französische Geschichte verlief von Anfang an völlig anders - und das aus einem Grund, der mit Energiepolitik zunächst gar nichts zu tun hatte. Als Siegermacht des Zweiten Weltkriegs unterlag Frankreich keinen Forschungsbeschränkungen. Unter Präsident Charles de Gaulle fasste das Land die Entscheidung, eigene Atommacht zu werden, und benötigte dafür eine eigenständige Methode zur Plutoniumherstellung. Bereits 1958 nahm in Marcoule bei Avignon die erste französische Wiederaufarbeitungsanlage UP1 ihren Betrieb auf - zu einem Zeitpunkt, als Deutschland gerade erst wieder begann, überhaupt zivile Atomforschung zu betreiben.
Schon kurz darauf folgte ein noch größerer Schritt: 1961 wurde der Bedarf einer weiteren Anlage zur Plutoniumgewinnung festgestellt, die Bauarbeiten in La Hague begannen 1962, und 1966 nahm die Anlage mit der ersten Ladung abgebrannter Brennelemente aus dem Kernkraftwerk Chinon ihren Betrieb auf. Während Deutschland 1971 gerade erst seine winzige Pilotanlage WAK mit 35 Tonnen Jahreskapazität in Betrieb nahm, lief in Frankreich also bereits eine Großanlage - fünf Jahre früher und von Beginn an auf weit größere Mengen ausgelegt.
Interessant ist der Wandel um 1969: Unter Präsident Georges Pompidou änderte sich die Atompolitik, und La Hague verlor seine militärische Bedeutung, weil der Plutoniumbestand für die Force de frappe inzwischen ausreichte. Statt die Anlage zu schließen, wurde sie einfach umgewidmet und verarbeitete fortan zivile Brennelemente - eine Bedeutung, die nach der ersten Ölkrise 1973 unter Präsident Valéry Giscard d'Estaing noch weiter zunahm.
Der entscheidende Unterschied zu Deutschland liegt darin, dass Frankreich auch den zweiten, ebenso wichtigen Baustein besaß: eine eigene, funktionierende MOX-Fertigung. Das aus La Hague gewonnene Plutonium geht bis heute in die Fabrik Melox in Südfrankreich, wo daraus tatsächlich neue Brennelemente entstehen - genau der Schritt, der in Deutschland nach 1995 politisch und wirtschaftlich gestoppt wurde. Frankreich konnte diesen Kreislauf schließen, weil es selbst über einen riesigen Reaktorpark von rund 56 Anlagen verfügt, der als Abnehmer für den MOX-Brennstoff dient. Es gibt also tatsächlich einen Markt für das wiederaufgearbeitete Material - etwas, das in Deutschland mit dem Scheitern von Hanau und dem späteren Atomausstieg fehlte.
Hinzu kommt ein struktureller Vorteil: Frankreichs Nuklearpolitik wurde stets zentralistisch von Präsident und staatlicher Atomkommission (CEA, später Areva, heute Orano) bestimmt, ohne die föderale Blockademöglichkeit, die deutsche Bundesländer über ihre atomrechtliche Genehmigungshoheit besaßen - genau jener Hebel, mit dem Hessen das Hanauer Projekt zu Fall brachte. Frankreich plant entsprechend langfristig weiter: Die Lebensdauer der Anlagen in La Hague soll bis mindestens 2100 verlängert werden, und es laufen bereits Studien für eine neue MOX-Fabrik sowie eine neue Wiederaufarbeitungsanlage am gleichen Standort.
Bei aller Funktionsfähigkeit des französischen Modells löst die Wiederaufarbeitung das grundsätzliche Abfallproblem aber auch dort nicht vollständig - sie verkleinert es nur. Tatsächlich sinkt das Volumen des hochradioaktiven Abfalls durch die Wiederaufarbeitung um etwa 80%, weil nur noch die reinen Spaltprodukte verglast werden müssen.
Gleichzeitig steigt aber das Volumen an mittel- und schwachradioaktivem Abfall, der durch den Wiederaufarbeitungsprozess selbst entsteht - kontaminierte Anlagenteile, Filter, Werkzeuge, Chemikalien aus Betrieb und späterer Stilllegung der Anlage. Auch die MOX-Fertigung selbst erzeugt zusätzliche radioaktive Reststoffe, und einmal eingesetzte MOX-Brennelemente lassen sich praktisch nicht mehr sinnvoll weiter aufarbeiten, weil sich die Plutonium-Isotopenzusammensetzung ungünstig verändert. MOX ist also im Wesentlichen eine Einweglösung, kein wiederholt nutzbarer Kreislauf.
Auch die MOX-Nutzung selbst hat physikalische Grenzen, die selbst Frankreich nie überwunden hat - kein Land setzte MOX je in allen seinen Reaktoren ein. Plutonium verhält sich neutronenphysikalisch anders als Uran: Es reduziert die Wirksamkeit von Steuerstäben, führt zu höheren Leistungsspitzen und reagiert empfindlicher auf Änderungen des Reaktorzustands. Aus diesem Grund war MOX in normalen Reaktoren stets nur als Teilbeladung zugelassen, nicht als vollständiger Kernbrennstoff, und jeder Reaktortyp musste dafür einzeln überprüft und neu lizenziert werden. Hinzu kommt ein einfacher mengenmäßiger Flaschenhals: Es entsteht immer nur so viel Plutonium, wie zuvor an Uranbrennstoff abgebrannt und wiederaufgearbeitet wurde - die Verfügbarkeit lässt sich nicht beliebig steigern.
Ein Endlager für die übrig bleibenden hochradioaktiven Abfälle wird also auch mit Wiederaufarbeitung weiterhin benötigt, nur in geringerem Volumen. Hier zeigt sich ein weiterer markanter Unterschied zwischen beiden Ländern: Frankreich treibt mit dem Tiefenlagerprojekt Cigéo den Bau eines Endlagers konkret voran, mit einem öffentlichen Stellungnahmeverfahren im Frühsommer 2026, bevor die Regierung per Dekret über die endgültige Genehmigung entscheidet.
Deutschland hingegen sucht seit 2017 in einem eigens dafür geschaffenen, bewusst wissenschaftsbasierten und partizipativen Standortauswahlverfahren noch immer nach einem geeigneten Standort. Im Arbeitsstand von November 2025 waren noch 25% der Fläche Deutschlands im Rennen, ein Vorschlag für engere Standortregionen wird erst für Ende 2027 erwartet. Mit einem tatsächlichen Endlagerbetrieb ist nach Einschätzung von Fachleuten kaum vor den 2060er oder sogar 2070er Jahren zu rechnen - bis dahin bleibt aller hochradioaktiver Abfall, einschließlich des gerade erst zurückgeholten Materials aus Sellafield, in oberirdischen Zwischenlagern.
Dass dieses langwierige, transparente Verfahren überhaupt so gestaltet wurde, ist direkte Folge der ↗jahrzehntelangen Proteste gegen die Atompolitik, die sich besonders an den ↗Castor-Transporten entzündeten. Von 1995 bis 2011 begleiteten massive Blockaden, Gleisbesetzungen und Mahnwachen praktisch jeden Transport nach ↗Gorleben, mit einem Höhepunkt 2011, als anhaltende Blockaden den Transport um die längste Zeit in der Geschichte dieser Transporte verzögerten. Auch das Zwischenlager Ahaus war betroffen, unter anderem nachdem 1998 bekannt wurde, dass Castor-Behälter mit überhöhter radioaktiver Verschmutzung transportiert worden waren. Gorleben wurde so zum Symbol einer sozialen Bewegung, die nachhaltig auf die deutsche Atompolitik und letztlich auch auf die heutige, bewusst nicht-politische Standortsuche eingewirkt hat.
Ein letzter, aktueller Problemkomplex betrifft die Versorgung mit dem Ausgangsmaterial Uran selbst. Deutschland besaß nie nennenswerte eigene Uranvorkommen und musste Natururan stets importieren, vor allem aus Kanada, Niger, Australien und Namibia, während die Anreicherung über die deutsch-britisch-niederländische Firma Urenco im westfälischen Gronau erfolgte. Auch nach dem deutschen Atomausstieg laufen diese Anlagen - Gronau und die Brennelementefabrik Lingen - weiter, allerdings inzwischen für ausländische Kunden.
Pikant dabei: Beide Anlagen haben in den vergangenen Jahren erhebliche Mengen Uran aus Russland und Kasachstan verarbeitet, und trotz des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wurde der russische Atomsektor bislang nicht von EU-Sanktionen erfasst - ein Beleg dafür, wie tief die europäische Abhängigkeit von russischem Nuklearmaterial nach wie vor reicht.
Die Geschichte der Wiederaufarbeitung in Deutschland und Frankreich zeigt eindrücklich, wie wenig eine Technologie allein über ihren Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Beide Länder verfolgten dieselbe Grundidee eines geschlossenen Brennstoffkreislaufs, beide stießen auf dieselben physikalischen Grenzen von MOX-Brennstoff, beide müssen sich bis heute mit ungelösten Endlagerfragen auseinandersetzen. Der Unterschied liegt in den politischen und historischen Rahmenbedingungen: Frankreichs Wiederaufarbeitung entstand aus einem militärischen Programm mit zentralistischer staatlicher Steuerung und konnte sich danach zivil etablieren, während Deutschland nach einem zehnjährigen Forschungsverbot rein zivil und unter föderalen Blockademöglichkeiten von Grund auf neu beginnen musste - und genau an dieser Stelle, in Hessen, im Streit um die Hanauer MOX-Fabrik, scheiterte das deutsche Projekt am Ende endgültig.
Mit dem letzten Castor-Transport aus Sellafield im Juni 2026 ist dieses Kapitel nun formal abgeschlossen. Was bleibt, ist eine doppelte Aufgabe: die immer noch ungelöste Suche nach einem deutschen Endlager - und die Erkenntnis, dass auch ein scheinbar erfolgreiches Modell wie das französische am Ende nur einen Teil des grundsätzlichen Problems löst, nicht das Problem selbst.