Zurück  •  Startseite Herkunft.de  •  Impressum & Datenschutz

Deutschlands strahlendes Erbe

Die 1950er und 1960er Jahre

Die Geschichte der deutschen Atomkraft beginnt in einer Zeit des unbe­grenzten tech­nolo­gischen Opti­mis­mus: Nach dem Zweiten Welt­krieg war die Bundes­republik zu­nächst durch die Pariser Verträge in jeder Art der Kern­forschung einge­schränkt. Erst nach der Ratifi­zie­rung dieser Ver­träge und der damit einher­gehenden Wieder­erlan­gung weit­gehender Souverä­nität im Mai 1955 öffnete sich das Tor für das west­deut­sche Atom­programm. Die Planun­gen für das erste Kern­kraft­werk Kahl in Bayern be­gannen bereits Mitte 1955, kaum dass der Weg frei ge­worden war.

Das Atomgesetz der Bundesrepublik, das die fried­liche Nut­zung der Atom­kraft und den Schutz gegen ihre Gefah­ren regeln sollte, trat in den frühen Jahren der Bundes­republik in Kraft - die Endlage­rung radio­aktiver Abfälle wurde darin jedoch mit keinem Wort themati­siert. Das war kein Ver­sehen, sondern be­zeich­nend für die Denk­weise der Epoche: Die Welt war ver­blüfft von der neuen Energie, und die un­bequeme Frage, wohin der Abfall sollte, schob man bei­seite wie ein lästi­ges Detail.

Am 13. November 1960 ging das erste kommer­zielle Kern­kraft­werk der Bundes­republik in Betrieb, und am 17. Juni 1961 lieferte es erst­mals Strom ins öffent­liche Ver­sorgungs­netz. Es folgten in rascher Folge weitere An­lagen: Gundremmingen, Lingen, Obrigheim, Stade. Alles in allem wurden in Deutsch­land 110 kern­techni­sche An­lagen für Forschung, Strom­erzeu­gung oder die Produk­tion von Brenn­elementen ge­baut. Auf der ande­ren Seite der inner­deut­schen Grenze ver­lief die Entwick­lung parallel: 1970 be­gann die DDR mit dem Ausbau von Morsleben als eige­nem End­lager, obwohl es von Anfang an Be­denken von DDR-Gutachtern wegen mangeln­der Stand­festig­keit ge­geben hatte.

Während die Kraftwerke sprudelten und Strom produ­zier­ten, häufte sich der Müll. Und die erste deut­sche Ant­wort auf die Frage der Entsor­gung war eine, die heute kaum zu glauben ist: Man warf ihn ins Meer.

Das Meer als Mülleimer: Die Ära der Verklappung

Die Verklappung radioaktiver Abfälle im Ozean war in den ersten Jahr­zehn­ten des Atom­zeit­alters inter­natio­nale Praxis. Da in den Anfangs­tagen oft keine genauen Auf­zeich­nungen ge­macht wurden, kann die Voll­ständig­keit der Vor­gänge nicht garan­tiert werden. Belgien ver­klappte von 1960 bis 1982 nahezu jähr­lich schwach­radio­aktive Abfälle und ist für fast 5% der ver­klapp­ten Aktivität im Nord­atlantik ver­antwort­lich.

Im Mai 1967 beteiligte sich die Bundesrepublik Deutsch­land an der Ver­klappung radio­aktiver Abfälle im Atlan­tik, 450 km vor der Küste Portugals. 480 Fässer aus dem Kern­forschungs­zentrum Karlsruhe wurden in Emden auf die „Topaz“ umgeladen, die die strahlen­de Fracht zu ihrem Be­stimmungs­ort brachte. Was den Ver­antwort­li­chen dabei beson­ders attrak­tiv er­schien, dokumen­tieren die Quellen der Zeit mit ent­waffnen­der Offen­heit: Bei der Deut­schen Atom­kommis­sion war man be­eindruckt von der Möglich­keit, mit einer Ver­klappung im Meer schon bei der vor­heri­gen Zwischen­lage­rung des Atom­mülls Geld sparen zu können, da infolge der späte­ren Ver­klap­pung die billigs­ten Fässer ver­wendet werden könn­ten.

Dass man mit dem Inhalt dieser billigen Fässer ver­ant­wortungs­los umging, zeigte sich später un­mittel­bar. Die Bundes­regie­rung er­klärte dazu: „Die Fässer waren nicht konzi­piert, um einen dauer­haften Ein­schluss der Radionuklide am Meeres­boden zu ge­währleis­ten. Insofern muss davon aus­gegan­gen werden, dass sie zumindest teil­weise nicht mehr intakt sind und Radionuklide frei­gesetzt wurden.“ Trotzdem wurde das Monitoring einge­stellt.

Insgesamt verklappte die Bundesregie­rung 1967 etwa 180 Tonnen Atom­müll vor Madeira im Atlan­tik. Insgesamt wurden welt­weit mehr als 100.000 Tonnen radio­akti­ver Abfall in den Welt­meeren ver­senkt - darunter Fässer im Ärmel­kanal, wo ein Kamera­team des SWR später in 124 Metern Tiefe noch 28.000 teils intakte, teils aus­gelaufe­ne Fässer lokali­sierte. Das globale Verbot dieser Praxis kam erst 1993 mit dem Moratorium der Londoner Konven­tion - zu einem Zeit­punkt, als Europa und die Welt Jahr­zehnte lang die Meere als offene Kloake be­nutzt hatten.

Asse II: Das erste „Endlager“ wird zur tickenden Zeitbombe

Parallel zur Meeresverklappung suchte die Bundes­republik nach einer unter­irdischen Lösung im eige­nen Land. Das Ergeb­nis einer Fach­besichti­gung der Schacht­anlage „Asse II“ bei Remlingen im Landkreis Wolfenbüttel lautete: „Die Anlage Asse er­scheint für die Einrich­tung eines End­lagers grund­sätz­lich ge­eignet.“ In dem ehemali­gen Salz­bergwerk wollte die Bundes­regie­rung die Entsor­gung von Atom­müll für das ge­plante natio­nale End­lager er­proben und er­forschen. Das bereits zu diesem Zeit­punkt be­kannte Auf­treten von Sicker­wasser glaubte man durch Zemen­tieren ein­dämmen zu können.

Am 4. April 1967 kam schließ­lich die erste Ladung Atommüll in der Asse an. In den folgen­den Jah­ren wurden weitere rund 126.000 Fässer mit leicht- oder mittel­radioakti­vem Atom­müll ein­gelagert. Was offi­ziell als Forschungs­vorhaben firmierte, war in Wirklich­keit etwas anderes: Offiziell als Forschungs­bergwerk be­trieben, diente die Einlage­rung ab 1971 der fak­ti­schen Endlage­rung nahezu aller schwach- und mittel­radio­aktiven Abfälle der Bundes­republik.

Die Wirtschaftlichkeit stand dabei deut­lich über der Sicher­heit. Durch Ermitt­lun­gen eines parlamen­tari­schen Unter­suchungs­ausschusses wurde später be­kannt, dass die Be­hälter zur Einlage­rung des radio­aktiven Materials nur auf eine Haltbar­keit von drei Jahren aus­gelegt waren. Es wurde somit in Kauf ge­nommen, dass sie inner­halb kurzer Zeit ver­rotten würden. Und man wusste, was man tat: Seit 1971 wurden die Ab­fälle haupt­säch­lich mit Hilfe eines Radladers ver­kippt. Spätes­tens mit Anwen­dung die­ser Tech­nik wird deut­lich, dass die Abfälle in der Schacht­anlage Asse II ver­bleiben sollen. Eine Rück­holung war nicht vor­gesehen. Mög­liche Schäden an den Abfall­behäl­tern wurden ver­nach­lässigt.

Das frühe Warnsignal wurde ignoriert: Ein Lehrer namens Walter Randig hatte bereits damals in einem Leser­brief an die Lokalzei­tung ange­merkt: „Auch der in Frage kommende Asse-Schacht hat bereits einen kleinen Wasser­einbruch, der bisher laufend unter Kontrolle ge­halten werden musste. Wenn das Grund­wasser durch den Atom­müll ver­seucht ist, dürfte es für Überle­gun­gen zu spät sein.“ Der ver­antwort­liche Gut­achter Klaus Kühn hielt da­gegen, dass „die Gefahr von Wasser- oder Laugen­einbrüchen als minimal an­zusehen bzw. mit an Sicher­heit grenzen­der Wahr­scheinlich­keit sogar aus­zuschließen“ sei.

Das Drama nahm seinen Lauf. 1988 stellte die Betreiber­gesell­schaft neue Lösungs­zutritte in der Süd­west­flanke des Salzstocks fest, fünf Jahre später wurde bereits ein Wasser­eintritt von fünf Kubik­metern pro Tag ge­messen. 1994 konnte ein vom nieder­sächsi­schen Umwelt­ministe­rium in Auftrag gegebenes Gut­achten einen „nicht be­herrsch­baren Wasser­einbruch“ nicht mehr aus­schließen. Heute fließen Tag für Tag rund 12.000 Liter salz­halti­ges Grund­wasser ins Bergwerk - das ent­spricht dem Inhalt von rund 50 Bade­wannen. Niemand weiß, wie viele der rund 126.000 einge­lager­ten Fässer und Gebinde inzwi­schen Leck ge­schlagen haben. Fest steht: Radio­aktive Lauge sickert aus den Atom­müll­kammern.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel brachte die Dimension des Debakels später auf den Punkt: Er nannte die Asse „einen der größ­ten Problem­fälle, die wir in Europa haben“ und er­klärte, es sei skandalös, dass die Atom­industrie ein Berg­werk „löcherig wie ein Käse“ für eine „Billig­entsorgung“ genutzt habe.

Nach einem Vergleich verschiedener Varianten sprach sich das Bundes­amt für Strahlen­schutz für die Ber­gung sämt­li­cher Abfälle aus - ein ambitio­niertes Unter­fangen, denn ein nuklea­res End­lager wurde noch nirgends auf der Welt ge­räumt. Die Kosten­schät­zun­gen für die Ber­gung des Atom­mülls be­laufen sich bis­lang auf knapp acht Milliar­den Euro. Nach heuti­gem Planungs­stand soll die Rückho­lung der Ab­fälle im Jahr 2033 be­ginnen. Ob dieser Zeit­plan ein­gehal­ten werden kann, ist unter Exper­ten um­strit­ten.

Gorleben: Vier Jahrzehnte poli­ti­scher Irrweg

Während die Asse ihren schleichenden Verfall erlebte, wurde im Wendland in Nieder­sachsen eine neue Seite des deut­schen Atommüll-Dramas auf­ge­schlagen. Als der damalige nieder­sächsi­sche Minister­präsident Ernst Albrecht (CDU) Anfang 1977 be­kannt gab, dass in Gorleben ein natio­nales End­lager für hoch­radio­aktiven Atommüll ent­stehen soll, löste er ein Beben unter Atomkraft­gegnern und eine Jahr­zehnte währende poli­tische Debatte aus.

Was folgte, ist eine der längsten und kost­spieligs­ten Irr­fahrten der deut­schen Energiepoli­tik. Schon früh zeigten wissen­schaft­liche Unter­suchun­gen erheb­liche Zweifel an der geo­logischen Eignung des Salz­stocks. Gorleben war nie­mals ein ge­eigne­ter Endlager­platz für hoch­radio­aktiven Atom­müll. Jahrzehnte­lang wurde der Salz­stock in Gorleben als einzig mög­li­ches Atom­müll-Endlager disku­tiert, obwohl wissen­schaft­liche Unter­suchungen ihn als geologisch un­geeignet einge­stuft hat­ten. Die un­bequeme Frage, warum ein poli­tisch unge­liebtes Gebiet nahe der damali­gen Grenze zur DDR als einzi­ger ernst­hafter Kandidat be­trieben wurde, beschäf­tigte später einen Parla­menta­ri­schen Unter­suchungs­ausschuss.

Am 25. April 1995 wurde zum ersten Mal hoch­radio­aktives Material in Castor-Behältern ins Zwischen­lager Gorleben transpor­tiert. Es kam zu massiven Aus­einander­set­zun­gen zwi­schen Polizei und Demons­tran­ten. Von da an rollte fast jähr­lich ein Castor-Transport. Diese Trans­porte wurden zu rituel­len Kräfte­messen zwi­schen dem Staat und einer hart­näcki­gen Bürger­bewegung, die aus dem Wendland heraus zu einer der wirkungs­mächtigs­ten Protest­bewe­gun­gen der deut­schen Nach­kriegs­geschich­te heran­wuchs.

Am 1. Oktober 2000 trat im Salzstock Gorleben ein Moratorium in Kraft. Die Er­kundungs­arbeiten wurden vor­läufig ge­stoppt, um auf poli­ti­scher Ebene noch einmal grund­sätz­liche Fragen zur Endlage­rung zu klären. Doch die Unter­brechung war nur vorüber­gehend: Im März 2010 er­klärte Bundes­umwelt­minister Norbert Röttgen (CDU), dass das von Rot-Grün ver­hängte Moratorium auf­gehoben werde. Die Uhr drehte sich zurück.

Das Ende kam erst ein Jahrzehnt später. Am 28. Septem­ber 2020 schloss die Bundes­gesell­schaft für End­lage­rung (BGE) in ihrem Zwischen­bericht Gorleben aus der weite­ren Suche nach einem Atom­müll­lager aus. Nach über 40 Jah­ren Protest­geschich­te war es vorbei. Am 29. Novem­ber 2024 begann der offi­zielle Rück­bau des Er­kundungs­bergwerks Gorleben. Der Salz­stock wird mit den ersten Ladungen Salz zu­geschüt­tet. Insge­samt 400.000 Kubik­meter Salz sollen in den kommen­den drei Jahren in die Hohl­räume ver­füllt werden. Vier Jahr­zehnte Er­kun­dung, Milliar­den inves­tier­ter Steuer­gelder, eine zer­mürben­de gesell­schaft­liche Aus­einander­setzung - und am Ende war der Standort das, was kri­tische Wissen­schaftler von Anfang an gesagt hatten: unge­eignet.

Das Erbe der DDR: Morsleben und Greifswald

Die deutsche Wiedervereinigung 1990 brachte neben allem anderen auch das nukleare Erbe der DDR mit sich. Die DDR hatte 1965 das marode Bergwerk Bartensleben in Sachsen-Anhalt als End­lager Morsleben be­stimmt. Dieses Endlager wurde nach der Wieder­vereini­gung weiter be­trieben - unter der Ägide westdeut­scher Bundes­minister. Zwischen 1994 und 1998 wurden unter Angela Merkel als Bundes­umwelt­ministe­rin weiter Abfälle in das marode „Endlager“ Morsleben ein­gelagert. Erst eine Klage des BUND, der Bürger­initiative Morsleben und Greenpeace stoppte die weitere Ein­lage­rung. Seitdem wird die sichere Still­legung ver­schleppt.

Morsleben ist bis heute nicht geschlossen. Das Bergwerk gilt als geo­logisch instabil, der Bund ringt seit Jahr­zehn­ten um ein Still­legungs­konzept. Es ist ein weiteres Kapitel in der deut­schen Tradition, Atommüll­probleme zu ver­tagen statt zu lösen.

Schacht Konrad: Das einzige genehmigte Endlager

Auf dem Gebiet der genehmigten Endlage­rung gibt es in Deutsch­land genau einen Licht­blick - und auch der ist von Verzöge­run­gen geprägt. Das ehemali­ge Eisen­erz­bergwerk Schacht Konrad in Salzgitter-Bleckenstedt wird seit 1976 auf seine Eignung als End­lager für schwach- und mittel­radio­aktive Abfälle er­kundet. Das Plan­feststel­lungs­verfah­ren er­streck­te sich über Jahr­zehnte; erst 2007 er­langte die Ge­nehmi­gung von Schacht Konrad mit einem Be­schluss des Bundes­verwaltungs­gerichts Rechtskraft. Der Bau läuft seither - mit erheb­li­chen Kostenüberschrei­tun­gen und Ver­zöge­run­gen. Schacht Konrad löst aber nur einen Teil des Problems: Es ist für schwach- und mittel­radio­aktiven Müll konzi­piert, nicht für den ge­fähr­lichs­ten, wärme­entwickeln­den Hoch­radio­aktiv­müll.

Der Atomausstieg und seine Paradoxie

Die Geschichte des deutschen Atom­ausstiegs ist viel­schichtig und voller Wendungen. Der erste Schritt war das Ergebnis von Ver­hand­lungen: Am 14. Juni 2000 wurde der so­genannte Atom­ausstieg be­schlos­sen - ein Kompro­miss zwi­schen der rot-grünen Bundes­regie­rung und den Energie­versor­gern. Dann kam die Lauf­zeit­verlänge­rung unter Schwarz-Gelb 2010, die unter dem Ein­druck der Katas­tro­phe von Fukushima 2011 rasch zurück­genom­men wurde. Am 15. April 2023 gingen die letz­ten drei deut­schen Reakto­ren vom Netz.

Das Ende der Atomkraft löste die Entsorgungs­frage nicht - im Gegenteil ver­schärfte es in einem struktu­rellen Sinne den Druck: Es gibt nun ein ab­ge­schlossenes, wenn auch noch wachsendes Inventar an Abfall, für das eine Lösung her muss, ohne dass neue Ein­nahmen aus dem Kraft­werks­betrieb die Kosten tragen können. Die Atom­konzerne ent­ledig­ten sich 2017 für 23 Milliar­den Euro ihrer Ver­antwor­tung für den Atom­müll, der ab sofort der All­gemein­heit „gehört“. Diese Summe fließt in einen staat­li­chen Fonds, der die Zwischen- und Endlage­rung finan­zie­ren soll - ob sie aus­reicht, ist un­ge­klärt.

In Deutschland befinden sich derzeit über 120.000 Kubik­meter schwach- und mittel­radio­aktive Abfälle in Zwischen­lagern. Darüber hinaus gibt es in den Zwischen­lagern mehrere hundert Behälter (Castoren) mit hoch­radio­aktiven Abfällen. Laut einer Kommission be­liefen sich 2016 die Kosten für die nukleare Ent­sor­gung in Deutsch­land auf etwa 48,8 Milliar­den Euro.

Die Zwischenlager selbst wurden ursprüng­lich für eine be­grenzte Lauf­zeit geplant. Sollte die End­lager­suche tatsäch­lich bis 2074 dauern, werden die Castor­behälter an ihren über das ganze Land ver­teil­ten Standorten ein Jahr­hun­dert lang in Hallen stehen - weit länger als ihre ur­sprüng­liche Aus­legung. Genehmi­gun­gen müssen ver­längert, Behälter womög­lich neu ver­packt, Sicher­heits­konzepte er­neuert werden. Das „Zwischen“ im Zwischen­lager droht zum Dauer­zustand zu werden.

Der Neustart von 2017 und die aktuelle Lage

Das Auswahlverfahren für den Beschluss des Atom­müll-Endlagers hatten Bundes­tag und Bundes­rat 2017 mit großer Mehr­heit be­schlossen. Es war ein echter Neu­start: auf der weißen Land­karte, ohne voraus­gewählten Favoriten, mit gesetz­lich verankerter Bürgerbeteiligung. Der Zwischenbericht zur Suche eines End­lagers für Atom­müll schlägt 90 Regio­nen zur weite­ren Er­forschung vor. Als ge­eignet gelten dem­nach Granit­vorkommen im Bayeri­schen Wald, im Harz, in Sachsen, Baden-Württem­berg und Hessen, außerdem Gebiete mit Ton­gestein in Nieder­sachsen, Bayern und weite­ren Ländern sowie Salz­gesteins­vorkommen in Sachsen-Anhalt und dem Thüringer Becken.

Doch selbst dieser sorgfältig konstruierte Neubeginn hat die struktu­rel­len Probleme nicht gelöst. Das Bundes­amt für die Sicher­heit der nuklea­ren Entsor­gung betont, dass die Atom­energie in Deutsch­land von einer bis zwei Genera­tio­nen genutzt wurde, während die Folgen der Endlage­rung mehr als 33.000 zu­künf­tige Genera­tio­nen betref­fen werden. Dieses Miss­verhält­nis zwi­schen Nut­zung und Ver­antwor­tung ist der Kern der gesam­ten Problema­tik.

Zuletzt hat das Bundesumweltministerium nun selbst ein­geräumt, dass das bis­herige Zieljahr 2031 für die Standort­entschei­dung nicht realis­tisch war - und es ersatz­los ge­strichen. Das Verfahren könnte bis in die 2070er-Jahre dauern.

Strukturelle Muster eines Scheiterns

Wer die Geschichte des deutschen Atommüllproblems über­blickt, erkennt wieder­kehrende Muster, die erklären, warum Deutsch­land trotz beacht­li­cher tech­nischer und wissen­schaft­li­cher Kompetenz in dieser Frage so weit hinter Ländern wie Finnland und Schweden zurückliegt.

Das erste Muster ist die Verdrängung. Vom ersten Tag des Atom­gesetzes, das die Ent­sorgungs­frage ignorierte, über die Billig­fässer im Atlantik bis zum jahr­zehnte­langen Fest­halten an Gorleben trotz wissen­schaft­li­cher Gegenindika­tio­nen - immer wieder wurde die unbequeme Wahr­heit aufge­schoben. Die Atom­kraft sollte erst die Welt retten, dann die Wirt­schaft stärken; wer nach dem Abfall fragte, störte den Enthusias­mus.

Das zweite Muster ist die Politisie­rung der Wissen­schaft. An der Asse wurde früh­zeitig vor Wasser­einbrüchen ge­warnt - die Warnung wurde bei­seite­geschoben. In Gorleben zeigten wissen­schaft­liche Erkundun­gen erheb­liche geologische Mängel - der Standort blieb jahrzehntelang in der Diskus­sion, weil poli­tische Pfadabhängig­kei­ten und wirt­schaft­liche Interes­sen stär­ker wogen als geo­physika­lische Fakten. Die Wissen­schaft wurde nicht als Navigations­hilfe ge­nutzt, sondern als Legitima­tions­masse für bereits ge­troffene Ent­scheidun­gen.

Das dritte Muster ist der strukturelle Interessen­konflikt. Die schiere Menge der in der Asse einge­lagerten Fässer macht deut­lich, dass dort nicht nur erprobt und ge­forscht wurde - für die Atom­industrie war dies eine Gelegen­heit, radioaktiv verseuchtes Material kostengünstig loszuwerden. Und mehr als 85% der in der Asse eingelagerten radioaktiven Gesamt­aktivi­tät stammte aus den An­lagen der heuti­gen Kern­kraftwerks­betreiber E.on, Vattenfall Europe, RWE und EnBW. Privati­sierte Gewinne, soziali­sier­te Kosten - das Grund­prinzip der deut­schen Atommüllwirt­schaft.

Das vierte Muster ist die gesell­schaft­liche Zer­rissen­heit. Der Wider­stand im Wendland, die Castor-Proteste, die Demonstra­tio­nen in Wyhl, Brokdorf und andern­orts - all das hat Deutsch­land in eine jahr­zehnte­lange Auseinanderset­zung geworfen, die tiefes Misstrauen zwi­schen Staat und Be­völke­rung in Fragen der Nuklearpoli­tik hinter­lassen hat. Dieses Miss­trauen ist nicht irratio­nal: Es wurde von den Ver­antwort­li­chen durch Ver­tuschung, falsche Zu­siche­run­gen und poli­tische Manipula­tion ver­dient. „Es gab nie ein sicheres End­lager Asse, sondern es wurden be­wusst Informa­tio­nen zu Laugen­zutritten unter­drückt“, musste Umwelt­minister Gabriel ein­räumen.

Ausblick: Ein Problem ohne Horizont

Deutschland steht heute vor der eigentüm­li­chen Situation, das Atomzeitalter für be­endet er­klärt zu haben, aber mit seinem ge­fähr­lichs­ten Ver­mächt­nis noch mindes­tens fünf weitere Jahr­zehnte ringen zu müssen. Zwischen 1961 und Ende 2021 erzeugten deut­sche Atomkraftwerke rund 5.560 Milliar­den Kilo­watt­stunden Strom. Über viele Jahre lieferte die Kern­energie rund ein Drittel des deut­schen Stroms. Dieses Kapitel ist abge­schlos­sen. Das Kapitel der Verantwor­tung ist es nicht.

In der Asse lagern 126.000 Fässer, deren Ber­gung bis zu acht Milliar­den Euro kosten könnte. In Morsleben wartet ein instabi­les DDR-Erbe auf seine Still­legung. Über ganz Deutsch­land verteilt stehen Castor-Behälter in Zwischenlagergebäuden, die für eine Genera­tion ausgelegt wurden, aber womög­lich für zwei oder drei reichen müssen. Und die Suche nach dem eigent­li­chen End­lager für den ge­fährlichs­ten Hoch­radioaktiv­müll - jenen 27.000 Kubik­metern, die für eine Million Jahre sicher ver­wahrt werden müssen - hat zwar neu be­gonnen, aber noch kaum Fahrt auf­ge­nommen.

Finnland hat gezeigt, dass es anders geht: mit früher gesetz­li­cher Ver­pflich­tung, transpa­renter Ein­bindung der Bevölke­rung und konse­quenter Trennung von wissen­schaft­li­cher Standortbewer­tung und poli­ti­schen Interessen. Deutschland hätte diese Lek­tio­nen schon viel früher lernen können - und müssen. Statt­dessen hat es sich in seiner Atommüll­politik selbst ein Monument der Ver­drän­gung er­richtet: teuer, marode und strahlend ge­fähr­lich, für Tausende von Genera­tionen.


Zurück  •  nach oben  • Startseite Herkunft.de