Die Geschichte der deutschen Atomkraft beginnt in einer Zeit des unbegrenzten technologischen Optimismus: Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bundesrepublik zunächst durch die Pariser Verträge in jeder Art der Kernforschung eingeschränkt. Erst nach der Ratifizierung dieser Verträge und der damit einhergehenden Wiedererlangung weitgehender Souveränität im Mai 1955 öffnete sich das Tor für das westdeutsche Atomprogramm. Die Planungen für das erste Kernkraftwerk Kahl in Bayern begannen bereits Mitte 1955, kaum dass der Weg frei geworden war.
Das Atomgesetz der Bundesrepublik, das die friedliche Nutzung der Atomkraft und den Schutz gegen ihre Gefahren regeln sollte, trat in den frühen Jahren der Bundesrepublik in Kraft - die Endlagerung radioaktiver Abfälle wurde darin jedoch mit keinem Wort thematisiert. Das war kein Versehen, sondern bezeichnend für die Denkweise der Epoche: Die Welt war verblüfft von der neuen Energie, und die unbequeme Frage, wohin der Abfall sollte, schob man beiseite wie ein lästiges Detail.
Am 13. November 1960 ging das erste kommerzielle Kernkraftwerk der Bundesrepublik in Betrieb, und am 17. Juni 1961 lieferte es erstmals Strom ins öffentliche Versorgungsnetz. Es folgten in rascher Folge weitere Anlagen: Gundremmingen, Lingen, Obrigheim, Stade. Alles in allem wurden in Deutschland 110 kerntechnische Anlagen für Forschung, Stromerzeugung oder die Produktion von Brennelementen gebaut. Auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze verlief die Entwicklung parallel: 1970 begann die DDR mit dem Ausbau von Morsleben als eigenem Endlager, obwohl es von Anfang an Bedenken von DDR-Gutachtern wegen mangelnder Standfestigkeit gegeben hatte.
Während die Kraftwerke sprudelten und Strom produzierten, häufte sich der Müll. Und die erste deutsche Antwort auf die Frage der Entsorgung war eine, die heute kaum zu glauben ist: Man warf ihn ins Meer.
Die Verklappung radioaktiver Abfälle im Ozean war in den ersten Jahrzehnten des Atomzeitalters internationale Praxis. Da in den Anfangstagen oft keine genauen Aufzeichnungen gemacht wurden, kann die Vollständigkeit der Vorgänge nicht garantiert werden. Belgien verklappte von 1960 bis 1982 nahezu jährlich schwachradioaktive Abfälle und ist für fast 5% der verklappten Aktivität im Nordatlantik verantwortlich.
Im Mai 1967 beteiligte sich die Bundesrepublik Deutschland an der Verklappung radioaktiver Abfälle im Atlantik, 450 km vor der Küste Portugals. 480 Fässer aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe wurden in Emden auf die „Topaz“ umgeladen, die die strahlende Fracht zu ihrem Bestimmungsort brachte. Was den Verantwortlichen dabei besonders attraktiv erschien, dokumentieren die Quellen der Zeit mit entwaffnender Offenheit: Bei der Deutschen Atomkommission war man beeindruckt von der Möglichkeit, mit einer Verklappung im Meer schon bei der vorherigen Zwischenlagerung des Atommülls Geld sparen zu können, da infolge der späteren Verklappung die billigsten Fässer verwendet werden könnten.
Dass man mit dem Inhalt dieser billigen Fässer verantwortungslos umging, zeigte sich später unmittelbar. Die Bundesregierung erklärte dazu: „Die Fässer waren nicht konzipiert, um einen dauerhaften Einschluss der Radionuklide am Meeresboden zu gewährleisten. Insofern muss davon ausgegangen werden, dass sie zumindest teilweise nicht mehr intakt sind und Radionuklide freigesetzt wurden.“ Trotzdem wurde das Monitoring eingestellt.
Insgesamt verklappte die Bundesregierung 1967 etwa 180 Tonnen Atommüll vor Madeira im Atlantik. Insgesamt wurden weltweit mehr als 100.000 Tonnen radioaktiver Abfall in den Weltmeeren versenkt - darunter Fässer im Ärmelkanal, wo ein Kamerateam des SWR später in 124 Metern Tiefe noch 28.000 teils intakte, teils ausgelaufene Fässer lokalisierte. Das globale Verbot dieser Praxis kam erst 1993 mit dem Moratorium der Londoner Konvention - zu einem Zeitpunkt, als Europa und die Welt Jahrzehnte lang die Meere als offene Kloake benutzt hatten.
Parallel zur Meeresverklappung suchte die Bundesrepublik nach einer unterirdischen Lösung im eigenen Land. Das Ergebnis einer Fachbesichtigung der Schachtanlage „Asse II“ bei Remlingen im Landkreis Wolfenbüttel lautete: „Die Anlage Asse erscheint für die Einrichtung eines Endlagers grundsätzlich geeignet.“ In dem ehemaligen Salzbergwerk wollte die Bundesregierung die Entsorgung von Atommüll für das geplante nationale Endlager erproben und erforschen. Das bereits zu diesem Zeitpunkt bekannte Auftreten von Sickerwasser glaubte man durch Zementieren eindämmen zu können.
Am 4. April 1967 kam schließlich die erste Ladung Atommüll in der Asse an. In den folgenden Jahren wurden weitere rund 126.000 Fässer mit leicht- oder mittelradioaktivem Atommüll eingelagert. Was offiziell als Forschungsvorhaben firmierte, war in Wirklichkeit etwas anderes: Offiziell als Forschungsbergwerk betrieben, diente die Einlagerung ab 1971 der faktischen Endlagerung nahezu aller schwach- und mittelradioaktiven Abfälle der Bundesrepublik.
Die Wirtschaftlichkeit stand dabei deutlich über der Sicherheit. Durch Ermittlungen eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses wurde später bekannt, dass die Behälter zur Einlagerung des radioaktiven Materials nur auf eine Haltbarkeit von drei Jahren ausgelegt waren. Es wurde somit in Kauf genommen, dass sie innerhalb kurzer Zeit verrotten würden. Und man wusste, was man tat: Seit 1971 wurden die Abfälle hauptsächlich mit Hilfe eines Radladers verkippt. Spätestens mit Anwendung dieser Technik wird deutlich, dass die Abfälle in der Schachtanlage Asse II verbleiben sollen. Eine Rückholung war nicht vorgesehen. Mögliche Schäden an den Abfallbehältern wurden vernachlässigt.
Das frühe Warnsignal wurde ignoriert: Ein Lehrer namens Walter Randig hatte bereits damals in einem Leserbrief an die Lokalzeitung angemerkt: „Auch der in Frage kommende Asse-Schacht hat bereits einen kleinen Wassereinbruch, der bisher laufend unter Kontrolle gehalten werden musste. Wenn das Grundwasser durch den Atommüll verseucht ist, dürfte es für Überlegungen zu spät sein.“ Der verantwortliche Gutachter Klaus Kühn hielt dagegen, dass „die Gefahr von Wasser- oder Laugeneinbrüchen als minimal anzusehen bzw. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sogar auszuschließen“ sei.
Das Drama nahm seinen Lauf. 1988 stellte die Betreibergesellschaft neue Lösungszutritte in der Südwestflanke des Salzstocks fest, fünf Jahre später wurde bereits ein Wassereintritt von fünf Kubikmetern pro Tag gemessen. 1994 konnte ein vom niedersächsischen Umweltministerium in Auftrag gegebenes Gutachten einen „nicht beherrschbaren Wassereinbruch“ nicht mehr ausschließen. Heute fließen Tag für Tag rund 12.000 Liter salzhaltiges Grundwasser ins Bergwerk - das entspricht dem Inhalt von rund 50 Badewannen. Niemand weiß, wie viele der rund 126.000 eingelagerten Fässer und Gebinde inzwischen Leck geschlagen haben. Fest steht: Radioaktive Lauge sickert aus den Atommüllkammern.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel brachte die Dimension des Debakels später auf den Punkt: Er nannte die Asse „einen der größten Problemfälle, die wir in Europa haben“ und erklärte, es sei skandalös, dass die Atomindustrie ein Bergwerk „löcherig wie ein Käse“ für eine „Billigentsorgung“ genutzt habe.
Nach einem Vergleich verschiedener Varianten sprach sich das Bundesamt für Strahlenschutz für die Bergung sämtlicher Abfälle aus - ein ambitioniertes Unterfangen, denn ein nukleares Endlager wurde noch nirgends auf der Welt geräumt. Die Kostenschätzungen für die Bergung des Atommülls belaufen sich bislang auf knapp acht Milliarden Euro. Nach heutigem Planungsstand soll die Rückholung der Abfälle im Jahr 2033 beginnen. Ob dieser Zeitplan eingehalten werden kann, ist unter Experten umstritten.
Während die Asse ihren schleichenden Verfall erlebte, wurde im Wendland in Niedersachsen eine neue Seite des deutschen Atommüll-Dramas aufgeschlagen. Als der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) Anfang 1977 bekannt gab, dass in Gorleben ein nationales Endlager für hochradioaktiven Atommüll entstehen soll, löste er ein Beben unter Atomkraftgegnern und eine Jahrzehnte währende politische Debatte aus.
Was folgte, ist eine der längsten und kostspieligsten Irrfahrten der deutschen Energiepolitik. Schon früh zeigten wissenschaftliche Untersuchungen erhebliche Zweifel an der geologischen Eignung des Salzstocks. Gorleben war niemals ein geeigneter Endlagerplatz für hochradioaktiven Atommüll. Jahrzehntelang wurde der Salzstock in Gorleben als einzig mögliches Atommüll-Endlager diskutiert, obwohl wissenschaftliche Untersuchungen ihn als geologisch ungeeignet eingestuft hatten. Die unbequeme Frage, warum ein politisch ungeliebtes Gebiet nahe der damaligen Grenze zur DDR als einziger ernsthafter Kandidat betrieben wurde, beschäftigte später einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss.
Am 25. April 1995 wurde zum ersten Mal hochradioaktives Material in Castor-Behältern ins Zwischenlager Gorleben transportiert. Es kam zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Von da an rollte fast jährlich ein Castor-Transport. Diese Transporte wurden zu rituellen Kräftemessen zwischen dem Staat und einer hartnäckigen Bürgerbewegung, die aus dem Wendland heraus zu einer der wirkungsmächtigsten Protestbewegungen der deutschen Nachkriegsgeschichte heranwuchs.
Am 1. Oktober 2000 trat im Salzstock Gorleben ein Moratorium in Kraft. Die Erkundungsarbeiten wurden vorläufig gestoppt, um auf politischer Ebene noch einmal grundsätzliche Fragen zur Endlagerung zu klären. Doch die Unterbrechung war nur vorübergehend: Im März 2010 erklärte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), dass das von Rot-Grün verhängte Moratorium aufgehoben werde. Die Uhr drehte sich zurück.
Das Ende kam erst ein Jahrzehnt später. Am 28. September 2020 schloss die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) in ihrem Zwischenbericht Gorleben aus der weiteren Suche nach einem Atommülllager aus. Nach über 40 Jahren Protestgeschichte war es vorbei. Am 29. November 2024 begann der offizielle Rückbau des Erkundungsbergwerks Gorleben. Der Salzstock wird mit den ersten Ladungen Salz zugeschüttet. Insgesamt 400.000 Kubikmeter Salz sollen in den kommenden drei Jahren in die Hohlräume verfüllt werden. Vier Jahrzehnte Erkundung, Milliarden investierter Steuergelder, eine zermürbende gesellschaftliche Auseinandersetzung - und am Ende war der Standort das, was kritische Wissenschaftler von Anfang an gesagt hatten: ungeeignet.
Die deutsche Wiedervereinigung 1990 brachte neben allem anderen auch das nukleare Erbe der DDR mit sich. Die DDR hatte 1965 das marode Bergwerk Bartensleben in Sachsen-Anhalt als Endlager Morsleben bestimmt. Dieses Endlager wurde nach der Wiedervereinigung weiter betrieben - unter der Ägide westdeutscher Bundesminister. Zwischen 1994 und 1998 wurden unter Angela Merkel als Bundesumweltministerin weiter Abfälle in das marode „Endlager“ Morsleben eingelagert. Erst eine Klage des BUND, der Bürgerinitiative Morsleben und Greenpeace stoppte die weitere Einlagerung. Seitdem wird die sichere Stilllegung verschleppt.
Morsleben ist bis heute nicht geschlossen. Das Bergwerk gilt als geologisch instabil, der Bund ringt seit Jahrzehnten um ein Stilllegungskonzept. Es ist ein weiteres Kapitel in der deutschen Tradition, Atommüllprobleme zu vertagen statt zu lösen.
Auf dem Gebiet der genehmigten Endlagerung gibt es in Deutschland genau einen Lichtblick - und auch der ist von Verzögerungen geprägt. Das ehemalige Eisenerzbergwerk Schacht Konrad in Salzgitter-Bleckenstedt wird seit 1976 auf seine Eignung als Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle erkundet. Das Planfeststellungsverfahren erstreckte sich über Jahrzehnte; erst 2007 erlangte die Genehmigung von Schacht Konrad mit einem Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts Rechtskraft. Der Bau läuft seither - mit erheblichen Kostenüberschreitungen und Verzögerungen. Schacht Konrad löst aber nur einen Teil des Problems: Es ist für schwach- und mittelradioaktiven Müll konzipiert, nicht für den gefährlichsten, wärmeentwickelnden Hochradioaktivmüll.
Die Geschichte des deutschen Atomausstiegs ist vielschichtig und voller Wendungen. Der erste Schritt war das Ergebnis von Verhandlungen: Am 14. Juni 2000 wurde der sogenannte Atomausstieg beschlossen - ein Kompromiss zwischen der rot-grünen Bundesregierung und den Energieversorgern. Dann kam die Laufzeitverlängerung unter Schwarz-Gelb 2010, die unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima 2011 rasch zurückgenommen wurde. Am 15. April 2023 gingen die letzten drei deutschen Reaktoren vom Netz.
Das Ende der Atomkraft löste die Entsorgungsfrage nicht - im Gegenteil verschärfte es in einem strukturellen Sinne den Druck: Es gibt nun ein abgeschlossenes, wenn auch noch wachsendes Inventar an Abfall, für das eine Lösung her muss, ohne dass neue Einnahmen aus dem Kraftwerksbetrieb die Kosten tragen können. Die Atomkonzerne entledigten sich 2017 für 23 Milliarden Euro ihrer Verantwortung für den Atommüll, der ab sofort der Allgemeinheit „gehört“. Diese Summe fließt in einen staatlichen Fonds, der die Zwischen- und Endlagerung finanzieren soll - ob sie ausreicht, ist ungeklärt.
In Deutschland befinden sich derzeit über 120.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Zwischenlagern. Darüber hinaus gibt es in den Zwischenlagern mehrere hundert Behälter (Castoren) mit hochradioaktiven Abfällen. Laut einer Kommission beliefen sich 2016 die Kosten für die nukleare Entsorgung in Deutschland auf etwa 48,8 Milliarden Euro.
Die Zwischenlager selbst wurden ursprünglich für eine begrenzte Laufzeit geplant. Sollte die Endlagersuche tatsächlich bis 2074 dauern, werden die Castorbehälter an ihren über das ganze Land verteilten Standorten ein Jahrhundert lang in Hallen stehen - weit länger als ihre ursprüngliche Auslegung. Genehmigungen müssen verlängert, Behälter womöglich neu verpackt, Sicherheitskonzepte erneuert werden. Das „Zwischen“ im Zwischenlager droht zum Dauerzustand zu werden.
Das Auswahlverfahren für den Beschluss des Atommüll-Endlagers hatten Bundestag und Bundesrat 2017 mit großer Mehrheit beschlossen. Es war ein echter Neustart: auf der weißen Landkarte, ohne vorausgewählten Favoriten, mit gesetzlich verankerter Bürgerbeteiligung. Der Zwischenbericht zur Suche eines Endlagers für Atommüll schlägt 90 Regionen zur weiteren Erforschung vor. Als geeignet gelten demnach Granitvorkommen im Bayerischen Wald, im Harz, in Sachsen, Baden-Württemberg und Hessen, außerdem Gebiete mit Tongestein in Niedersachsen, Bayern und weiteren Ländern sowie Salzgesteinsvorkommen in Sachsen-Anhalt und dem Thüringer Becken.
Doch selbst dieser sorgfältig konstruierte Neubeginn hat die strukturellen Probleme nicht gelöst. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung betont, dass die Atomenergie in Deutschland von einer bis zwei Generationen genutzt wurde, während die Folgen der Endlagerung mehr als 33.000 zukünftige Generationen betreffen werden. Dieses Missverhältnis zwischen Nutzung und Verantwortung ist der Kern der gesamten Problematik.
Zuletzt hat das Bundesumweltministerium nun selbst eingeräumt, dass das bisherige Zieljahr 2031 für die Standortentscheidung nicht realistisch war - und es ersatzlos gestrichen. Das Verfahren könnte bis in die 2070er-Jahre dauern.
Wer die Geschichte des deutschen Atommüllproblems überblickt, erkennt wiederkehrende Muster, die erklären, warum Deutschland trotz beachtlicher technischer und wissenschaftlicher Kompetenz in dieser Frage so weit hinter Ländern wie Finnland und Schweden zurückliegt.
Das erste Muster ist die Verdrängung. Vom ersten Tag des Atomgesetzes, das die Entsorgungsfrage ignorierte, über die Billigfässer im Atlantik bis zum jahrzehntelangen Festhalten an Gorleben trotz wissenschaftlicher Gegenindikationen - immer wieder wurde die unbequeme Wahrheit aufgeschoben. Die Atomkraft sollte erst die Welt retten, dann die Wirtschaft stärken; wer nach dem Abfall fragte, störte den Enthusiasmus.
Das zweite Muster ist die Politisierung der Wissenschaft. An der Asse wurde frühzeitig vor Wassereinbrüchen gewarnt - die Warnung wurde beiseitegeschoben. In Gorleben zeigten wissenschaftliche Erkundungen erhebliche geologische Mängel - der Standort blieb jahrzehntelang in der Diskussion, weil politische Pfadabhängigkeiten und wirtschaftliche Interessen stärker wogen als geophysikalische Fakten. Die Wissenschaft wurde nicht als Navigationshilfe genutzt, sondern als Legitimationsmasse für bereits getroffene Entscheidungen.
Das dritte Muster ist der strukturelle Interessenkonflikt. Die schiere Menge der in der Asse eingelagerten Fässer macht deutlich, dass dort nicht nur erprobt und geforscht wurde - für die Atomindustrie war dies eine Gelegenheit, radioaktiv verseuchtes Material kostengünstig loszuwerden. Und mehr als 85% der in der Asse eingelagerten radioaktiven Gesamtaktivität stammte aus den Anlagen der heutigen Kernkraftwerksbetreiber E.on, Vattenfall Europe, RWE und EnBW. Privatisierte Gewinne, sozialisierte Kosten - das Grundprinzip der deutschen Atommüllwirtschaft.
Das vierte Muster ist die gesellschaftliche Zerrissenheit. Der Widerstand im Wendland, die Castor-Proteste, die Demonstrationen in Wyhl, Brokdorf und andernorts - all das hat Deutschland in eine jahrzehntelange Auseinandersetzung geworfen, die tiefes Misstrauen zwischen Staat und Bevölkerung in Fragen der Nuklearpolitik hinterlassen hat. Dieses Misstrauen ist nicht irrational: Es wurde von den Verantwortlichen durch Vertuschung, falsche Zusicherungen und politische Manipulation verdient. „Es gab nie ein sicheres Endlager Asse, sondern es wurden bewusst Informationen zu Laugenzutritten unterdrückt“, musste Umweltminister Gabriel einräumen.
Deutschland steht heute vor der eigentümlichen Situation, das Atomzeitalter für beendet erklärt zu haben, aber mit seinem gefährlichsten Vermächtnis noch mindestens fünf weitere Jahrzehnte ringen zu müssen. Zwischen 1961 und Ende 2021 erzeugten deutsche Atomkraftwerke rund 5.560 Milliarden Kilowattstunden Strom. Über viele Jahre lieferte die Kernenergie rund ein Drittel des deutschen Stroms. Dieses Kapitel ist abgeschlossen. Das Kapitel der Verantwortung ist es nicht.
In der Asse lagern 126.000 Fässer, deren Bergung bis zu acht Milliarden Euro kosten könnte. In Morsleben wartet ein instabiles DDR-Erbe auf seine Stilllegung. Über ganz Deutschland verteilt stehen Castor-Behälter in Zwischenlagergebäuden, die für eine Generation ausgelegt wurden, aber womöglich für zwei oder drei reichen müssen. Und die Suche nach dem eigentlichen Endlager für den gefährlichsten Hochradioaktivmüll - jenen 27.000 Kubikmetern, die für eine Million Jahre sicher verwahrt werden müssen - hat zwar neu begonnen, aber noch kaum Fahrt aufgenommen.
Finnland hat gezeigt, dass es anders geht: mit früher gesetzlicher Verpflichtung, transparenter Einbindung der Bevölkerung und konsequenter Trennung von wissenschaftlicher Standortbewertung und politischen Interessen. Deutschland hätte diese Lektionen schon viel früher lernen können - und müssen. Stattdessen hat es sich in seiner Atommüllpolitik selbst ein Monument der Verdrängung errichtet: teuer, marode und strahlend gefährlich, für Tausende von Generationen.