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Die Geschichte der Elektrifizierung bis 1950

Von Faradays erstem Funken 1831 bis zur Trümmer­land­schaft von 1945 und dem müh­samen Neu­anfang danach: Die Geschich­te der Elektrifi­zie­rung ist keine glatte Erfolgs­story, sondern ein Prozess voller tech­nischer Umwege, wirt­schaft­li­cher Kämpfe, poli­ti­scher Entscheidun­gen und sozialer Ungleich­heiten. Deutsch­land spielte darin keine Neben­rolle, sondern war von Anfang an ein Zentrum der Erfin­dung, der Industria­lisie­rung und der organi­sier­ten Versor­gung - ein Umstand, der die Grund­lagen für das moder­ne Deutsch­land wie kaum ein anderer Faktor geprägt hat.

Doch bevor Strom erzeugt werden konnte, musste er über­haupt erst ver­standen werden. Es war Michael Faraday, der bri­tische Autodidakt und Experi­mental-Genie, der 1831 das Prinzip der elektro­magne­ti­schen Induk­tion ent­deckte: Bewegt man einen elektri­schen Leiter in einem Magnet­feld, ent­steht ein elektri­scher Strom. Diese Erkennt­nis war der eigent­liche Urknall der Elektro­technik. Faraday selbst konstru­ierte eine primitive Dynamo-Maschine, einen Vor­läufer aller späteren Genera­toren, und legte damit das physika­lische Funda­ment, auf dem alle nach­folgenden Ingenieure auf­bauen sollten.

In Deutschland fand diese Grundlagen­forschung rasch ihre prak­tische Ent­sprechung. Werner von Siemens, Preuße aus Lenthe bei Hannover, gelang 1866 die Ent­deckung des dynamo­elektri­schen Prinzips: Er er­kannte, dass ein Genera­tor seinen eigenen Betrieb durch den erzeug­ten Strom aufrecht­erhal­ten und ver­stärken kann, anstatt auf perma­nente Magnete ange­wiesen zu sein. Damit wurde der Dynamo zur leistungs­fähigen, skalier­baren Maschine. Siemens war jedoch nicht nur Wissen­schaftler, er war zugleich Unter­nehmer und verstand früh, dass die Zukunft in der prak­ti­schen Anwendung lag. Seine 1847 ge­gründete Telegraphen-Bau­anstalt, später Siemens & Halske, sollte zu einem der prägends­ten Unter­neh­men der Elektrifizierungsgeschichte werden.

Auf der anderen Seite des Atlantiks arbeite­te Thomas Alva Edison, der amerika­ni­sche Erfinder aus Ohio, mit gänz­lich ande­rem Tempera­ment an den­selben Fragen. Edison war kein Theoreti­ker, er war ein unermüd­li­cher Pragmati­ker, der sein Menlo-Park-Labor in New Jersey zu einer regel­rechten Erfin­dungs­fabrik aus­baute. 1879 ge­lang ihm nach zahl­losen Ver­suchen die Entwick­lung einer prak­tisch brauch­baren Glühlampe mit einem Kohle­faden­glühfaden, der lange genug hielt, um kommer­ziell nutzbar zu sein. Gleich­zeitig er­kannte Edison etwas, was viele seiner Zeit­genossen nicht sahen: Eine Glüh­lampe allein war wert­los ohne ein System, das sie mit Strom ver­sorgte. Er begann des­halb sofort, das gesamte Ökosystem der Stromversor­gung zu ent­werfen: Kraft­werke, Leitungs­netze, Zähler, Siche­run­gen und Schalter.

Die ersten Kraftwerke

Am 4. September 1882 schaltete Edison in der Pearl Street in Manhattan sein erstes kommerziel­les Kraft­werk in Betrieb. Es ver­sorgte 59 Kunden in einem Radius von etwa einem Kilometer mit Gleich­strom, um insge­samt 400 Glüh­lampen zu be­treiben. Das klingt nach wenig, war aber eine Revolu­tion. Zum ersten Mal in der Ge­schichte gab es eine zentrale Station, die kontinuier­lich elektrische Energie für private und gewerb­liche Ab­nehmer produ­zierte und über ein Netz ver­teilte. Edison hatte be­wiesen, dass Elektri­zität nicht nur im Labor funktio­nierte, sondern als stadt­weiter Dienst organi­siert werden konnte.

Deutschland folgte nahezu auf dem Fuß. Bereits im Oktober 1882, also nur wenige Wochen nach Edison, er­öffnete in München die Inter­nationale Elektro­technische Aus­stel­lung, bei der Siemens & Halske eine elektri­sche Straßen­bahn und Beleuch­tungs­anlagen demons­trierte. Doch das eigent­liche Symbol der deut­schen Elektri­fizie­rung war das Kraft­werk in der Berliner Markgrafen­straße, das Siemens & Halske 1884 in Betrieb nahm - das erste öffent­liche Elektri­zitäts­werk Deutsch­lands. Es war kleiner als Edisons Pearl Street Sta­tion und versorgte zu­nächst nur die Straßen­beleuch­tung einiger Berliner Straßen, aber es markierte den Eintritt Deutsch­lands in das elektri­sche Zeit­alter.

Für diese frühen Kraftwerke nutzte man über­wiegend Dampf­maschinen, die Kohle ver­brann­ten, um Wasser zu ver­dampfen, dessen Druck Turbinen an­trieb, die wiederum die Genera­toren in Bewe­gung versetz­ten. Diese Technik war ineffi­zient und dreckig, aber sie war vorhan­den und skalier­bar. In Gegenden mit Gefälle - also an Flüssen und in Gebirgs­regionen - begann man schon früh, die Kraft des Wassers zu nutzen. Die erste Wasser­kraft­anlage der Welt, die Strom für öffent­liche Beleuch­tung lieferte, ent­stand 1882 in Godalming in England. In den Alpen und im Schwarzwald, in der Schweiz und in Öster­reich wurden Wasser­kraft­werke schnell zur be­vorzug­ten Lösung, da Kohle dort teuer und Wasser­kraft im Über­fluss vorhanden war.

Der Wechselstrom-Streit

Die erste große technische und wirt­schaft­liche Aus­einanderset­zung der Elektri­fi­zierungs­geschich­te war der so­genannte „War of Currents“, der Strom­krieg der späten 1880er Jahre. Edison hatte sein gesam­tes System auf Gleich­strom aufge­baut. Gleich­strom hat einen ent­scheiden­den Nach­teil: Er lässt sich mit den Mitteln des 19. Jahr­hun­derts kaum transfor­mieren, also in seiner Spannung verändern. Das be­deutete, dass die Kraft­werke in gerin­ger Spannung arbei­ten muss­ten, da die Ver­braucher - Glühlampen, Motoren - keine hohen Spannungen ver­tragen. Bei niedri­ger Spannung aber gehen in den Lei­tun­gen enorme Mengen an Energie als Wärme verloren. Edisons System funktionierte daher nur über kurze Distanzen, Kraftwerke muss­ten buchstäb­lich um die Ecke ge­baut werden.

Der serbische Erfinder Nikola Tesla, der eine Zeit lang bei Edison ge­arbeitet hatte, bevor er sich von ihm trennte, ent­wickelte ge­mein­sam mit dem Unter­nehmer George Westinghouse ein Wechsel­strom-System. Der ent­scheidende Vorteil des Wechsel­stroms: Er lässt sich mit­hilfe von Transfor­matoren leicht auf sehr hohe Spannun­gen herauf­setzen, über weite Distanzen mit minima­len Ver­lusten transpor­tieren und am Ziel wieder auf Ge­brauchs­spannung herab­setzen. Das war eine grund­legende Über­legenheit, die das Wechsel­strom­system letzt­lich un­aufhalt­sam machte.

Edison wehrte sich mit allen Mitteln, einschließ­lich spektaku­lärer öffent­li­cher Hinrich­tun­gen von Tieren mit Wechsel­strom, um dessen Gefähr­lich­keit zu demons­trieren. Doch die Physik ließ sich nicht poli­tisch be­siegen. Die Welt­ausstel­lung in Chicago 1893, bei der Westinghouse das Beleuch­tungs­system stellte, und das kurz darauf einge­weihte Kraft­werk an den Niagara­fällen 1895, das Strom über mehr als 30 Kilometer nach Buffalo lieferte, besiegel­ten den Sieg des Wechsel­stroms.

Deutschland spielte in diesem Streit eine eigen­tümliche, aber wichtige Rolle. Hier war es vor allem die 1883 ge­grün­dete Allge­meine Elektricitäts-Gesell­schaft, die AEG des Unter­nehmers Emil Rathenau, die mit amerika­nischen und europä­ischen Patenten arbei­tete und das Wechsel­strom­system in Deutsch­land ein­führte. Rathenau hatte Edison auf der Pariser Welt­ausstel­lung 1881 erlebt und die Rechte an Edisons Patenten für Deutsch­land er­worben. Doch schon früh er­kannte die AEG die Überlegen­heit des Wechselstroms und begann, ihre Anlagen ent­sprechend um­zurüsten. Das Kraft­werk Lauffen am Neckar, das 1891 zur Frank­furter Elektro­techni­schen Aus­stel­lung Strom über 175 km nach Frank­furt über­trug, war ein Meilen­stein der Wechsel­strom­technik und demons­trierte der Welt, dass Fern­übertra­gung von Strom mög­lich war. Diese Über­tragung, von dem Ingenieur Oskar von Miller organi­siert und von der Maschinen­fabrik Oerlikon tech­nisch aus­geführt, machte inter­natio­nal Auf­sehen und gilt als eine der be­deutends­ten Demonstra­tio­nen der Elektro­technik über­haupt.

Die Elektrifizierung der Städte - Licht für die Massen

Der erste Bereich, in dem Strom öffent­lich sicht­bar wurde, war die Straßen­beleuch­tung. Schon vor der Glüh­lampe gab es das elek­trische Bogen­licht, ein blendend helles, aber hartes und schwer zu regulieren­des Licht, das nur für große Flächen und öffent­liche Räume geeignet war. Paris, das sich selbst gerne „Ville Lumière“ nannte, ließ 1878 die Avenue de l'Opéra mit Bogenlampen be­leuchten. In Deutsch­land folgte Berlin rasch, und auch andere Groß­städte be­gannen, ihre Gas­laternen schritt­weise durch elektri­sches Licht zu er­setzen.

Die Gas-Beleuchtung war jedoch ein mächtiger Konkur­rent. Gas-Unternehmen hat­ten massive wirt­schaft­liche Interessen und waren poli­tisch gut ver­netzt. In vielen deut­schen Städten waren die Gas­werke in städti­schem Besitz und finanzierten kommunale Haus­halte mit ihren Gewinnen. Die Einfüh­rung der Elektri­zität war deshalb nicht nur eine tech­nische, sondern auch eine poli­tische Frage. Stadt­väter zöger­ten, denn sie fürchte­ten, mit dem Bau von Elektri­zitäts­werken ihre profita­ble Gas­versor­gung zu kannibali­sieren. Dennoch setzte sich das elektri­sche Licht durch, weil seine Vor­teile für Ver­braucher und Gewerbe­treibende un­überseh­bar waren: Es war heller, sicherer, flexibler und er­zeugte keine Rußablage­run­gen oder Verbrennungsgase in Innenräumen.

Berlin ent­wickelte sich in den 1880er und 1890er Jah­ren zu einem der fort­schritt­lichs­ten Orte der Elektrifi­zie­rung weltweit. Die Straßen­bahn war dabei ein Schlüssel­element: Siemens er­öffnete 1881 in Lichterfelde bei Berlin die erste elektri­sche Straßen­bahn der Welt, eine Pionier­leistung, die das städ­tische Leben grund­legend ver­ändern sollte. Elektri­sche Straßen­bahnen er­setz­ten die schmutzi­gen Pferde­bahnen in Städten über­all in Europa und Amerika, und ihr Betrieb er­forderte Kraft­werke, die den Aufbau ganzer Ver­sorgungs­infrastruk­turen be­schleunigte.

Die Elektrifizierung der Städte verlief jedoch nicht gleich­mäßig. Sie war zunächst ein Phänomen der Groß­städte und wohl­habenden Stadt­teile. Ein elektri­scher An­schluss war teuer, und Ver­mieter hatten wenig Anreiz, ältere Gebäude nach­zurüsten. In deut­schen Groß­städten wie Berlin, Hamburg, München oder Frank­furt konzen­trierte sich die frühe Elektri­fizie­rung auf Geschäfts­viertel, Hotels, Theater und die Wohnun­gen des Bürger­tums. Arbeiter­viertel und Miets­häuser blieben oft jahr­zehnte­lang ohne Strom. Noch um 1900 war in Deutsch­land nur ein Bruchteil der Haus­halte an das Strom­netz an­ge­schlossen, und Kerzen sowie Petroleumlampen blieben für die Mehr­heit der Bevölke­rung Alltag.

In den Vereinigten Staaten verlief dieser Prozess ähn­lich. New York, Chicago und Boston hat­ten um 1890 elektri­sche Beleuch­tung in Teilen ihrer Stadt­zentren, aber länd­liche Gebiete und ärmere Stadt­teile blieben aus­gegrenzt. Der Unter­schied zwi­schen den USA und Deutsch­land lag nicht so sehr im Tempo der frühen Stadt-Elektri­fi­zie­rung, sondern in der Organi­sations­form: In den USA dominierte priva­tes Kapital mit Franchise­verträgen und regio­nalen Monopolen, während in Deutsch­land - beson­ders nach der Jahr­hun­dertwende - Städte und Kommunen zu­nehmend die Elektri­zitäts­versor­gung in eigene Hände nahmen. Die Kommunali­sie­rung der Elektri­zitäts­werke war in Deutsch­land ein be­wusster poli­ti­scher Akt, der sicherstellen sollte, dass ein lebenswichtiger Dienst der öffent­li­chen Kontrolle unterlag und Gewinne dem Gemeinwesen zugutekamen.

Die Elektrifizierung der Industrie

So spektakulär das elektrische Licht auch war: Die eigent­liche wirt­schaft­liche Triebkraft der Elektri­fizie­rung war nicht das Licht, sondern der Elektro­motor. Fabriken hatten bis zur Elektrifizie­rung mit Dampf­maschinen ge­arbeitet, deren Kraft über Transmissions­riemen und Wellen auf einzelne Maschinen ver­teilt wurde. Das war eine unflexible und gefähr­liche An­ordnung, bei der eine einzige zentrale Dampf­maschine eine gesamte Fabriks­halle an­trieb. Fiel sie aus, stand alles still. Zudem ver­brauchte das Transmissions­system selbst erheb­liche Energie, lärm und Ver­schleiß waren enorm.

Der Elektromotor revolutionierte die Fabrik­organisa­tion grundlegend. Nun konnte jede Maschine ihren eigenen Motor be­kommen, der nur dann lief, wenn er ge­braucht wurde. Fabriken konnten flexibler ge­staltet, heller be­leuchtet und sicherer be­trieben werden. Außer­dem konnte man eine Fabrik nun über­all er­richten, wo ein Strom­anschluss ver­füg­bar war, anstatt an Kohle­lager oder Wasser­läufe gebunden zu sein.

In Deutschland vollzog sich dieser Wandel in der Indus­trie mit bemerkens­werter Schnellig­keit, beson­ders in den chemi­schen Fabriken, der Maschinen­bau-Industrie und der ent­stehenden Elektro­industrie selbst. Die AEG und Siemens waren nicht nur Lieferan­ten, sondern zugleich die größ­ten indus­triel­len Ab­nehmer von Strom. Sie bauten ihre eigenen Kraft­werke, schufen Aus­bildungs­systeme für Elektri­ker und Ingenieure und trugen dazu bei, dass Deutsch­land um die Jahr­hun­dertwende zur führenden Elektro­industrie­nation der Welt wurde.

Der Anteil der deut­schen Elektroindustrie am Weltmarkt war um 1900 außergewöhn­lich hoch. Bri­tische und amerika­nische Konkur­ren­ten be­klag­ten, dass deut­sche Ingenieure und Unter­neh­men schneller, systema­ti­scher und staat­lich besser unter­stützt agierten als ihre angel­sächsischen Mit­bewerber. Das Zusammen­wirken von Hoch­schulen, die seit der Reichs­gründung systema­tisch Elektro­ingenieure aus­bildeten, von Groß­unternehmen wie Siemens und AEG, die in Forschung inves­tierten, und von kommuna­len sowie staat­li­chen Institu­tionen, die Elektrizi­täts­werke bauten und finanzier­ten, schuf in Deutsch­land ein Öko­system der Elektri­fi­kation, das seines­gleichen suchte.

Die Jahr­hun­dertwende und die Systembildung

Um 1900 begann der Übergang von isolierten Stadt­netzen zu regio­nalen und schließ­lich überregio­nalen Verbund­netzen. Einzelne Kraft­werke ver­sorgten zunächst nur ihre unmittelbare Umgebung. Doch bald er­kannte man, dass ver­netzte Systeme widerstands­fähiger und effizien­ter waren: Ein Kraft­werk konnte bei Ausfall eines anderen ein­springen, und die Last­spitzen verschie­dener Regionen und Verbraucher­typen ergänzten sich zeitlich.

In Deutschland ent­standen in dieser Zeit die ersten Überland­zentralen, Kraft­werke, die nicht nur eine Stadt, sondern ganze Regio­nen ver­sorgten. Beson­ders in Preußen wurden staat­liche Elektri­zitäts­werke als Teil der Infra­strukturpoli­tik gefördert. Das Rheinisch-Westfälische Elektri­zitäts­werk, gegründet 1898, wurde zu einem der größten und tech­nisch fort­schrittlichs­ten Verbund­unternehmen Europas. Es nutzte die Kohle des Ruhr­gebiets, um Strom in die Industrie-Regionen Nordrhein-Westfalens zu liefern und später auch Fernlei­tun­gen in andere Regio­nen zu bauen.

Bayern und Baden wiederum setzten stärker auf Wasser­kraft. Die bayeri­schen Alpen­flüsse und der Rhein boten her­vorragende Bedin­gun­gen für den Bau von Wasser­kraft­werken, und zahlreiche Anlagen ent­standen in den ersten Jahr­zehnten des 20. Jahr­hun­derts. Diese regio­nale Diversi­fizie­rung - Kohle­strom im Norden und in der Mitte, Wasserkraft im Süden - prägte die deut­sche Stromland­schaft für Jahr­zehnte.

In den Vereinigten Staaten verlief die System­bildung schneller und stärker durch private Groß­konzerne ge­steuert. Samuel Insull, ein ehema­liger Assistent Edisons, baute in Chicago ein gewaltiges Ver­sorgungs­imperium auf, das auf dem Prinzip basierte, möglichst viele Kunden zu mög­lichst niedrigen Preisen zu ver­sorgen. Insull er­kannte, dass große Kraft­werke mit hoher Auslas­tung pro Kilowatt­stunde billiger produ­zieren konn­ten als viele kleine, und drängte aggres­siv auf Massenfizie­rung des Stroms. Seine Strategie war es, Strom so billig zu machen, dass er unentbehr­lich wurde - eine Strategie, die im Amerika der 1910er und 1920er Jahre auf­ging, aber auch zu einer riskan­ten Monopoli­sie­rung führte.

Der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg war für die Elektrifizie­rung beider Länder ein Be­schleu­niger, wenn auch auf unter­schied­liche Weise. In Deutsch­land wurde der Strom­bedarf durch die Kriegs­industrie drama­tisch erhöht: Munitions­fabriken, Metall­hütten und chemische Werke zur Herstel­lung von Spreng­stoff und Kunst­dünger (das Haber-Bosch-Verfahren zur Stickstoff-Bindung war aus­gesprochen Strom-intensiv) benötig­ten gewaltige Mengen an elektri­scher Energie. Der Staat koordi­nierte die Strom­produk­tion und -vertei­lung mit einer Intensi­tät, die in Friedens­zeiten undenk­bar ge­wesen wäre. Viele der im Krieg ge­schaffe­nen Struk­tu­ren der zentrali­sier­ten Versor­gung blieben auch nach dem Krieg be­stehen und legten die Grundlage für ein ausgebauteres nationales Netz.

Gleichzeitig war der Krieg ein Einschnitt in die zivile Elektri­fi­zierung: Private Haushalte er­hielten kaum noch neue An­schlüsse, Materialien und Arbeits­kräfte wurden für die Rüs­tung benötigt, und der Aus­bau städ­ti­scher Netze stagnierte. Die wirt­schaft­liche Not der Nachkriegs­jahre, Infla­tion und poli­tische Instabili­tät ver­langsam­ten die zivile Elektrifizie­rung in Deutsch­land in den frühen 1920er Jah­ren erheblich.

In den USA hingegen hatte der Krieg - trotz der späten Beteili­gung ab 1917 - die Industrie mobilisiert, ohne das Heimat­land direkt zu belasten. Die amerika­nische Wirt­schaft der 1920er Jahre boomte, und die Elektrifi­zie­rung der Haus­halte be­schleunigte sich enorm. Neue Haushalts­geräte - Kühl­schrank, Staub­sauger, Wasch­maschine, Radio - wurden in Amerika in dieser Dekade zur Massen­ware, be­gleitet von aggressi­ven Werbe­kampagnen der Strom­versorger, die ihre Ab­nehmer zu höherem Ver­brauch animie­ren woll­ten.

Die Zwischenkriegszeit

Die 1920er und 1930er Jahre waren die eigent­liche Phase der Massifizie­rung der Haus­halts­elektri­zität, zunächst in den USA, dann auch in Deutsch­land und dem rest­li­chen Europa. In Amerika führte die Kombina­tion aus steigen­den Real­löhnen, sinken­den Strom­preisen und einer florieren­den Konsum­güter-Industrie dazu, dass der Anteil elektri­fi­zierter Haushalte von rund 35 Prozent im Jahr 1920 auf über 68% im Jahr 1930 stieg. Der typische amerika­nische Mittel­klasse-Haushalt der späten 1920er Jahre hatte elektri­sches Licht, ein Radio und möglicher­weise einen Kühl­schrank.

In Deutschland verlief diese Entwick­lung langsamer, nicht zuletzt wegen der ver­heeren­den Infla­tion von 1923 und der allge­meinen wirt­schaft­li­chen Instabili­tät der Weimarer Repu­blik. Gleich­wohl machte die deut­sche Strom­versor­gung in dieser Zeit erheb­liche strukturelle Fort­schritte. Das 1924 ge­gründete Reichs­elektrizi­täts­werk und die systema­tische Förde­rung regio­naler Verbundnetze durch staat­liche Planung und Finanzie­rung legten die Grund­lagen für ein natio­nales Netz. Das Reichs­gesetz über die Elektri­zitäts- und Gasversor­gung von 1935, unter den National­sozialis­ten er­lassen, gab dem Staat weit­reichen­de Planungs­kompeten­zen über die Stromversor­gung und be­schleunigte die Vernet­zung erheblich.

Das drückendste Problem der Zwischenkriegs­zeit war in beiden Ländern die länd­liche Elektri­fi­zie­rung. Städte hat­ten bis in die 1920er Jahre in vielen Regio­nen nahezu voll­ständige Ver­sorgung, aber auf dem Land sah es gänz­lich anders aus. Die Investi­tions­kosten für die Verle­gung von Lei­tun­gen über große, dünn be­siedelte Flächen waren enorm, und der erziel­bare Umsatz pro Kilometer Lei­tung war gering. Private Ver­sorger hatten deshalb wenig Interesse am Land, und die Bauern­schaft blieb in vielen Regionen ohne Strom.

In den USA versuchte man dieses Problem zunächst über die Bundes­staaten zu lösen, aber erst Franklin D. Roosevelts New Deal brachte die ent­scheidende Wende. 1935 gründete Roosevelt die Rural Electrifica­tion Administra­tion, kurz REA, eine Bundes­behörde, die zins­günstige Kredite an genossen­schaft­lich organi­sierte Ver­sorger auf dem Land vergab. Das Programm war ein außer­gewöhn­li­cher Erfolg: Der Anteil elektrifi­zierter Land­haushalte stieg in den USA von rund 11% im Jahr 1935 auf über 40% im Jahr 1942. Das Tennessee Valley Authority-Projekt, ebenfalls ein Kind des New Deal, baute an einem der ärms­ten Flüsse des Landes ein gigan­ti­sches System aus Stau­dämmen und Kraft­werken auf, das eine ganze Region elektri­fi­zierte und modernisierte.

In Deutschland verfolgte das NS-Regime ebenfalls ehr­geizige Elektrifi­zierungs­pläne, wenn auch mit ganz anderen ideolo­gischen Vor­zeichen. Die National­sozialis­ten propagier­ten die Elektrifizie­rung des Landes als Teil ihrer Blut-und-Boden-Ideologie: Der deut­sche Bauer sollte modern und produk­tiv sein, seine Frau von harter körper­li­cher Arbeit befreit, und das Dorf sollte An­schluss an die Moderne finden. Ob dieses propagan­dis­tische Bild der Realität ent­sprach, war eine andere Frage, aber die tatsäch­li­chen Investi­tio­nen in länd­liche Netze wurden in den 1930er Jah­ren erheb­lich erhöht. Bis 1938 war der Anschluss­grad deut­scher Haushalte deut­lich gestiegen, wenn auch immer noch hinter dem amerikanischen Niveau zurücklag.

Kraftwerke und Energieträger bis 1950

Die technologische Geschichte der Kraftwerke bis 1950 ist im Wesent­li­chen die Geschichte der Dampf­turbine und der Wasser­kraft. Die erste prak­tisch nutzbare Dampf­turbine wurde 1884 vom bri­ti­schen Ingenieur Charles Parsons ent­wickelt und fand rasch Eingang in Kraft­werke, da sie leiser, effizien­ter und schneller rotierte als Kolben­dampf­maschinen. Parsons' Turbinen­konzept wurde über die folgenden Jahr­zehnte kontinuier­lich ver­bessert, und die Wirkungs­grade der Kohle­kraft­werke stiegen stetig, wenn auch langsam.

Kohle war in Deutschland und Großbritan­nien der dominie­rende Energie­träger, da beide Länder über große heimische Kohle­vorkommen ver­füg­ten. Das Ruhr­gebiet, das Saarland und das schlesische Kohlegebiet waren die Herz­stücke der deut­schen Energie­erzeugung. Die enorme Nach­frage der Indus­trie und später der wachsen­den Haushalts­versor­gung machte den Bergbau zu einem der wichtigs­ten Wirt­schafts­zweige des Landes. In den USA war Kohle eben­falls dominant, ergänzt durch die reichen Öl- und Gas-Vorkommen im Süden und Westen des Landes, die vor allem für die Hei­zung und immer stärker auch für die Strom­erzeu­gung genutzt wurden.

Wasserkraft spielte in Ländern ohne große Kohle­vorkommen eine beson­ders wichtige Rolle. Norwegen, die Schweiz, Öster­reich und Schweden setz­ten früh und massiv auf Wasser­kraft und erreichten damit eine Un­abhängig­keit von teuren Kohleimporten, die ihnen erheb­liche Vorteile ver­schaffte. In Deutsch­land konzen­trierte sich die Wasser­kraft auf die Alpen­region und die großen Flüsse. Das Walchensee-Kraft­werk in Bayern, 1924 er­öffnet und von dem Ingenieur Oskar von Miller maßgeb­lich initiiert, war eines der leistungs­stärksten Wasser­kraft­werke Europas seiner Zeit und ein Symbol bayeri­scher Energie­poli­tik.

Der Zweite Weltkrieg bedeutete für die Elektri­fizie­rung beider Länder erneut eine Phase der Deforma­tion. In Deutsch­land wurde die ge­samte Strom­produk­tion auf die Kriegswirt­schaft ausgerichtet: Rüstungs­fabriken, Aluminium­hütten für den Flug­zeug­bau, chemi­sche Werke wurden prioritär ver­sorgt, während zivile Versor­gung ratio­niert wurde. Alliierte Bomben­angriffe zielten systema­tisch auf Kraft­werke, Umspann­werke und Hoch­spannungs­leitun­gen, da die Unter­brechung der Strom­versor­gung die gesamte Kriegs­industrie lahmlegen konnte. Gegen Kriegs­ende 1945 war die deut­sche Strom­versorgungs­infrastruk­tur in großen Teilen zerstört oder schwer be­schädigt. In et­li­chen Städten gab es für Monate überhaupt keinen Strom.

Der Wiederaufbau nach 1945 war deshalb auch ein Wieder­aufbau der Strom-Infra­struktur, der im Westen Deutsch­lands rasch und mit amerika­ni­scher Unterstüt­zung durch den Marshall­plan gelang, im Osten hingegen unter sowje­ti­scher Demontage und plan­wirt­schaft­li­cher Reorganisa­tion deut­lich langsamer verlief.

Ein Blick auf den Stand um 1950

Um 1950 hatte die Elektrifizie­rung in den west­li­chen Indus­trie­ländern einen Stand erreicht, der das All­tags­leben grund­legend ver­ändert hatte. In den Vereinig­ten Staaten waren über 90% aller Haus­halte mit Strom ver­sorgt, auf dem Land waren es nach den massi­ven Investi­tio­nen des New Deal inzwi­schen eben­falls weit über 70%. Elektri­sches Licht, Radio, Kühl­schrank und zu­nehmend Fernseh­geräte ge­hörten zum selbst­verständ­li­chen Lebens­standard des amerika­nischen Mittel­stands.

In Westdeutschland hatte der Anschluss­grad der Haus­halte trotz Kriegs­zerstö­rung und Neu­anfang ein beacht­li­ches Niveau erreicht. Der Wieder­aufbau der 1940er und frühen 1950er Jahre ver­lief in mancher­lei Hinsicht moderni­sierend: Zerstörte Netze wurden nicht einfach wieder­herge­stellt, sondern neu geplant und moder­ner aus­geführt als zuvor. Die Strom­wirt­schaft der Bundes­republik, mit ihren großen regio­nalen Verbund­unternehmen wie RWE, Preussen­Elektra und Bayern­werk, bildete eine leistungs­fähige Infra­struktur, auf der der Wirt­schafts­aufschwung der 1950er Jahre auf­bauen konnte.

Was um 1950 noch fehlte, war vor allem die voll­ständige Gleich­mäßig­keit der Ver­sorgung. Zwar waren die großen Städte und Industrie-Regionen gut ver­sorgt, aber in länd­li­chen Regionen, beson­ders in ärmeren Teilen Europas und in den Ent­wicklungs­ländern, war Elektri­zität immer noch ein Privileg. Und die Art, wie Strom erzeugt wurde, sollte sich bald radikal ver­ändern: Die Atom­kraft wartete bereits hinter dem Horizont - ein Kapitel, das die Ge­schichte der Energie so tief­greifend um­schrei­ben würde wie der Dynamo von Siemens oder Edisons Kraft­werk an der Pearl Street.


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