Von Faradays erstem Funken 1831 bis zur Trümmerlandschaft von 1945 und dem mühsamen Neuanfang danach: Die Geschichte der Elektrifizierung ist keine glatte Erfolgsstory, sondern ein Prozess voller technischer Umwege, wirtschaftlicher Kämpfe, politischer Entscheidungen und sozialer Ungleichheiten. Deutschland spielte darin keine Nebenrolle, sondern war von Anfang an ein Zentrum der Erfindung, der Industrialisierung und der organisierten Versorgung - ein Umstand, der die Grundlagen für das moderne Deutschland wie kaum ein anderer Faktor geprägt hat.
Doch bevor Strom erzeugt werden konnte, musste er überhaupt erst verstanden werden. Es war Michael Faraday, der britische Autodidakt und Experimental-Genie, der 1831 das Prinzip der elektromagnetischen Induktion entdeckte: Bewegt man einen elektrischen Leiter in einem Magnetfeld, entsteht ein elektrischer Strom. Diese Erkenntnis war der eigentliche Urknall der Elektrotechnik. Faraday selbst konstruierte eine primitive Dynamo-Maschine, einen Vorläufer aller späteren Generatoren, und legte damit das physikalische Fundament, auf dem alle nachfolgenden Ingenieure aufbauen sollten.
In Deutschland fand diese Grundlagenforschung rasch ihre praktische Entsprechung. Werner von Siemens, Preuße aus Lenthe bei Hannover, gelang 1866 die Entdeckung des dynamoelektrischen Prinzips: Er erkannte, dass ein Generator seinen eigenen Betrieb durch den erzeugten Strom aufrechterhalten und verstärken kann, anstatt auf permanente Magnete angewiesen zu sein. Damit wurde der Dynamo zur leistungsfähigen, skalierbaren Maschine. Siemens war jedoch nicht nur Wissenschaftler, er war zugleich Unternehmer und verstand früh, dass die Zukunft in der praktischen Anwendung lag. Seine 1847 gegründete Telegraphen-Bauanstalt, später Siemens & Halske, sollte zu einem der prägendsten Unternehmen der Elektrifizierungsgeschichte werden.
Auf der anderen Seite des Atlantiks arbeitete Thomas Alva Edison, der amerikanische Erfinder aus Ohio, mit gänzlich anderem Temperament an denselben Fragen. Edison war kein Theoretiker, er war ein unermüdlicher Pragmatiker, der sein Menlo-Park-Labor in New Jersey zu einer regelrechten Erfindungsfabrik ausbaute. 1879 gelang ihm nach zahllosen Versuchen die Entwicklung einer praktisch brauchbaren Glühlampe mit einem Kohlefadenglühfaden, der lange genug hielt, um kommerziell nutzbar zu sein. Gleichzeitig erkannte Edison etwas, was viele seiner Zeitgenossen nicht sahen: Eine Glühlampe allein war wertlos ohne ein System, das sie mit Strom versorgte. Er begann deshalb sofort, das gesamte Ökosystem der Stromversorgung zu entwerfen: Kraftwerke, Leitungsnetze, Zähler, Sicherungen und Schalter.
Am 4. September 1882 schaltete Edison in der Pearl Street in Manhattan sein erstes kommerzielles Kraftwerk in Betrieb. Es versorgte 59 Kunden in einem Radius von etwa einem Kilometer mit Gleichstrom, um insgesamt 400 Glühlampen zu betreiben. Das klingt nach wenig, war aber eine Revolution. Zum ersten Mal in der Geschichte gab es eine zentrale Station, die kontinuierlich elektrische Energie für private und gewerbliche Abnehmer produzierte und über ein Netz verteilte. Edison hatte bewiesen, dass Elektrizität nicht nur im Labor funktionierte, sondern als stadtweiter Dienst organisiert werden konnte.
Deutschland folgte nahezu auf dem Fuß. Bereits im Oktober 1882, also nur wenige Wochen nach Edison, eröffnete in München die Internationale Elektrotechnische Ausstellung, bei der Siemens & Halske eine elektrische Straßenbahn und Beleuchtungsanlagen demonstrierte. Doch das eigentliche Symbol der deutschen Elektrifizierung war das Kraftwerk in der Berliner Markgrafenstraße, das Siemens & Halske 1884 in Betrieb nahm - das erste öffentliche Elektrizitätswerk Deutschlands. Es war kleiner als Edisons Pearl Street Station und versorgte zunächst nur die Straßenbeleuchtung einiger Berliner Straßen, aber es markierte den Eintritt Deutschlands in das elektrische Zeitalter.
Für diese frühen Kraftwerke nutzte man überwiegend Dampfmaschinen, die Kohle verbrannten, um Wasser zu verdampfen, dessen Druck Turbinen antrieb, die wiederum die Generatoren in Bewegung versetzten. Diese Technik war ineffizient und dreckig, aber sie war vorhanden und skalierbar. In Gegenden mit Gefälle - also an Flüssen und in Gebirgsregionen - begann man schon früh, die Kraft des Wassers zu nutzen. Die erste Wasserkraftanlage der Welt, die Strom für öffentliche Beleuchtung lieferte, entstand 1882 in Godalming in England. In den Alpen und im Schwarzwald, in der Schweiz und in Österreich wurden Wasserkraftwerke schnell zur bevorzugten Lösung, da Kohle dort teuer und Wasserkraft im Überfluss vorhanden war.
Die erste große technische und wirtschaftliche Auseinandersetzung der Elektrifizierungsgeschichte war der sogenannte „War of Currents“, der Stromkrieg der späten 1880er Jahre. Edison hatte sein gesamtes System auf Gleichstrom aufgebaut. Gleichstrom hat einen entscheidenden Nachteil: Er lässt sich mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts kaum transformieren, also in seiner Spannung verändern. Das bedeutete, dass die Kraftwerke in geringer Spannung arbeiten mussten, da die Verbraucher - Glühlampen, Motoren - keine hohen Spannungen vertragen. Bei niedriger Spannung aber gehen in den Leitungen enorme Mengen an Energie als Wärme verloren. Edisons System funktionierte daher nur über kurze Distanzen, Kraftwerke mussten buchstäblich um die Ecke gebaut werden.
Der serbische Erfinder Nikola Tesla, der eine Zeit lang bei Edison gearbeitet hatte, bevor er sich von ihm trennte, entwickelte gemeinsam mit dem Unternehmer George Westinghouse ein Wechselstrom-System. Der entscheidende Vorteil des Wechselstroms: Er lässt sich mithilfe von Transformatoren leicht auf sehr hohe Spannungen heraufsetzen, über weite Distanzen mit minimalen Verlusten transportieren und am Ziel wieder auf Gebrauchsspannung herabsetzen. Das war eine grundlegende Überlegenheit, die das Wechselstromsystem letztlich unaufhaltsam machte.
Edison wehrte sich mit allen Mitteln, einschließlich spektakulärer öffentlicher Hinrichtungen von Tieren mit Wechselstrom, um dessen Gefährlichkeit zu demonstrieren. Doch die Physik ließ sich nicht politisch besiegen. Die Weltausstellung in Chicago 1893, bei der Westinghouse das Beleuchtungssystem stellte, und das kurz darauf eingeweihte Kraftwerk an den Niagarafällen 1895, das Strom über mehr als 30 Kilometer nach Buffalo lieferte, besiegelten den Sieg des Wechselstroms.
Deutschland spielte in diesem Streit eine eigentümliche, aber wichtige Rolle. Hier war es vor allem die 1883 gegründete Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft, die AEG des Unternehmers Emil Rathenau, die mit amerikanischen und europäischen Patenten arbeitete und das Wechselstromsystem in Deutschland einführte. Rathenau hatte Edison auf der Pariser Weltausstellung 1881 erlebt und die Rechte an Edisons Patenten für Deutschland erworben. Doch schon früh erkannte die AEG die Überlegenheit des Wechselstroms und begann, ihre Anlagen entsprechend umzurüsten. Das Kraftwerk Lauffen am Neckar, das 1891 zur Frankfurter Elektrotechnischen Ausstellung Strom über 175 km nach Frankfurt übertrug, war ein Meilenstein der Wechselstromtechnik und demonstrierte der Welt, dass Fernübertragung von Strom möglich war. Diese Übertragung, von dem Ingenieur Oskar von Miller organisiert und von der Maschinenfabrik Oerlikon technisch ausgeführt, machte international Aufsehen und gilt als eine der bedeutendsten Demonstrationen der Elektrotechnik überhaupt.
Der erste Bereich, in dem Strom öffentlich sichtbar wurde, war die Straßenbeleuchtung. Schon vor der Glühlampe gab es das elektrische Bogenlicht, ein blendend helles, aber hartes und schwer zu regulierendes Licht, das nur für große Flächen und öffentliche Räume geeignet war. Paris, das sich selbst gerne „Ville Lumière“ nannte, ließ 1878 die Avenue de l'Opéra mit Bogenlampen beleuchten. In Deutschland folgte Berlin rasch, und auch andere Großstädte begannen, ihre Gaslaternen schrittweise durch elektrisches Licht zu ersetzen.
Die Gas-Beleuchtung war jedoch ein mächtiger Konkurrent. Gas-Unternehmen hatten massive wirtschaftliche Interessen und waren politisch gut vernetzt. In vielen deutschen Städten waren die Gaswerke in städtischem Besitz und finanzierten kommunale Haushalte mit ihren Gewinnen. Die Einführung der Elektrizität war deshalb nicht nur eine technische, sondern auch eine politische Frage. Stadtväter zögerten, denn sie fürchteten, mit dem Bau von Elektrizitätswerken ihre profitable Gasversorgung zu kannibalisieren. Dennoch setzte sich das elektrische Licht durch, weil seine Vorteile für Verbraucher und Gewerbetreibende unübersehbar waren: Es war heller, sicherer, flexibler und erzeugte keine Rußablagerungen oder Verbrennungsgase in Innenräumen.
Berlin entwickelte sich in den 1880er und 1890er Jahren zu einem der fortschrittlichsten Orte der Elektrifizierung weltweit. Die Straßenbahn war dabei ein Schlüsselelement: Siemens eröffnete 1881 in Lichterfelde bei Berlin die erste elektrische Straßenbahn der Welt, eine Pionierleistung, die das städtische Leben grundlegend verändern sollte. Elektrische Straßenbahnen ersetzten die schmutzigen Pferdebahnen in Städten überall in Europa und Amerika, und ihr Betrieb erforderte Kraftwerke, die den Aufbau ganzer Versorgungsinfrastrukturen beschleunigte.
Die Elektrifizierung der Städte verlief jedoch nicht gleichmäßig. Sie war zunächst ein Phänomen der Großstädte und wohlhabenden Stadtteile. Ein elektrischer Anschluss war teuer, und Vermieter hatten wenig Anreiz, ältere Gebäude nachzurüsten. In deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg, München oder Frankfurt konzentrierte sich die frühe Elektrifizierung auf Geschäftsviertel, Hotels, Theater und die Wohnungen des Bürgertums. Arbeiterviertel und Mietshäuser blieben oft jahrzehntelang ohne Strom. Noch um 1900 war in Deutschland nur ein Bruchteil der Haushalte an das Stromnetz angeschlossen, und Kerzen sowie Petroleumlampen blieben für die Mehrheit der Bevölkerung Alltag.
In den Vereinigten Staaten verlief dieser Prozess ähnlich. New York, Chicago und Boston hatten um 1890 elektrische Beleuchtung in Teilen ihrer Stadtzentren, aber ländliche Gebiete und ärmere Stadtteile blieben ausgegrenzt. Der Unterschied zwischen den USA und Deutschland lag nicht so sehr im Tempo der frühen Stadt-Elektrifizierung, sondern in der Organisationsform: In den USA dominierte privates Kapital mit Franchiseverträgen und regionalen Monopolen, während in Deutschland - besonders nach der Jahrhundertwende - Städte und Kommunen zunehmend die Elektrizitätsversorgung in eigene Hände nahmen. Die Kommunalisierung der Elektrizitätswerke war in Deutschland ein bewusster politischer Akt, der sicherstellen sollte, dass ein lebenswichtiger Dienst der öffentlichen Kontrolle unterlag und Gewinne dem Gemeinwesen zugutekamen.
So spektakulär das elektrische Licht auch war: Die eigentliche wirtschaftliche Triebkraft der Elektrifizierung war nicht das Licht, sondern der Elektromotor. Fabriken hatten bis zur Elektrifizierung mit Dampfmaschinen gearbeitet, deren Kraft über Transmissionsriemen und Wellen auf einzelne Maschinen verteilt wurde. Das war eine unflexible und gefährliche Anordnung, bei der eine einzige zentrale Dampfmaschine eine gesamte Fabrikshalle antrieb. Fiel sie aus, stand alles still. Zudem verbrauchte das Transmissionssystem selbst erhebliche Energie, lärm und Verschleiß waren enorm.
Der Elektromotor revolutionierte die Fabrikorganisation grundlegend. Nun konnte jede Maschine ihren eigenen Motor bekommen, der nur dann lief, wenn er gebraucht wurde. Fabriken konnten flexibler gestaltet, heller beleuchtet und sicherer betrieben werden. Außerdem konnte man eine Fabrik nun überall errichten, wo ein Stromanschluss verfügbar war, anstatt an Kohlelager oder Wasserläufe gebunden zu sein.
In Deutschland vollzog sich dieser Wandel in der Industrie mit bemerkenswerter Schnelligkeit, besonders in den chemischen Fabriken, der Maschinenbau-Industrie und der entstehenden Elektroindustrie selbst. Die AEG und Siemens waren nicht nur Lieferanten, sondern zugleich die größten industriellen Abnehmer von Strom. Sie bauten ihre eigenen Kraftwerke, schufen Ausbildungssysteme für Elektriker und Ingenieure und trugen dazu bei, dass Deutschland um die Jahrhundertwende zur führenden Elektroindustrienation der Welt wurde.
Der Anteil der deutschen Elektroindustrie am Weltmarkt war um 1900 außergewöhnlich hoch. Britische und amerikanische Konkurrenten beklagten, dass deutsche Ingenieure und Unternehmen schneller, systematischer und staatlich besser unterstützt agierten als ihre angelsächsischen Mitbewerber. Das Zusammenwirken von Hochschulen, die seit der Reichsgründung systematisch Elektroingenieure ausbildeten, von Großunternehmen wie Siemens und AEG, die in Forschung investierten, und von kommunalen sowie staatlichen Institutionen, die Elektrizitätswerke bauten und finanzierten, schuf in Deutschland ein Ökosystem der Elektrifikation, das seinesgleichen suchte.
Um 1900 begann der Übergang von isolierten Stadtnetzen zu regionalen und schließlich überregionalen Verbundnetzen. Einzelne Kraftwerke versorgten zunächst nur ihre unmittelbare Umgebung. Doch bald erkannte man, dass vernetzte Systeme widerstandsfähiger und effizienter waren: Ein Kraftwerk konnte bei Ausfall eines anderen einspringen, und die Lastspitzen verschiedener Regionen und Verbrauchertypen ergänzten sich zeitlich.
In Deutschland entstanden in dieser Zeit die ersten Überlandzentralen, Kraftwerke, die nicht nur eine Stadt, sondern ganze Regionen versorgten. Besonders in Preußen wurden staatliche Elektrizitätswerke als Teil der Infrastrukturpolitik gefördert. Das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk, gegründet 1898, wurde zu einem der größten und technisch fortschrittlichsten Verbundunternehmen Europas. Es nutzte die Kohle des Ruhrgebiets, um Strom in die Industrie-Regionen Nordrhein-Westfalens zu liefern und später auch Fernleitungen in andere Regionen zu bauen.
Bayern und Baden wiederum setzten stärker auf Wasserkraft. Die bayerischen Alpenflüsse und der Rhein boten hervorragende Bedingungen für den Bau von Wasserkraftwerken, und zahlreiche Anlagen entstanden in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Diese regionale Diversifizierung - Kohlestrom im Norden und in der Mitte, Wasserkraft im Süden - prägte die deutsche Stromlandschaft für Jahrzehnte.
In den Vereinigten Staaten verlief die Systembildung schneller und stärker durch private Großkonzerne gesteuert. Samuel Insull, ein ehemaliger Assistent Edisons, baute in Chicago ein gewaltiges Versorgungsimperium auf, das auf dem Prinzip basierte, möglichst viele Kunden zu möglichst niedrigen Preisen zu versorgen. Insull erkannte, dass große Kraftwerke mit hoher Auslastung pro Kilowattstunde billiger produzieren konnten als viele kleine, und drängte aggressiv auf Massenfizierung des Stroms. Seine Strategie war es, Strom so billig zu machen, dass er unentbehrlich wurde - eine Strategie, die im Amerika der 1910er und 1920er Jahre aufging, aber auch zu einer riskanten Monopolisierung führte.
Der Erste Weltkrieg war für die Elektrifizierung beider Länder ein Beschleuniger, wenn auch auf unterschiedliche Weise. In Deutschland wurde der Strombedarf durch die Kriegsindustrie dramatisch erhöht: Munitionsfabriken, Metallhütten und chemische Werke zur Herstellung von Sprengstoff und Kunstdünger (das Haber-Bosch-Verfahren zur Stickstoff-Bindung war ausgesprochen Strom-intensiv) benötigten gewaltige Mengen an elektrischer Energie. Der Staat koordinierte die Stromproduktion und -verteilung mit einer Intensität, die in Friedenszeiten undenkbar gewesen wäre. Viele der im Krieg geschaffenen Strukturen der zentralisierten Versorgung blieben auch nach dem Krieg bestehen und legten die Grundlage für ein ausgebauteres nationales Netz.
Gleichzeitig war der Krieg ein Einschnitt in die zivile Elektrifizierung: Private Haushalte erhielten kaum noch neue Anschlüsse, Materialien und Arbeitskräfte wurden für die Rüstung benötigt, und der Ausbau städtischer Netze stagnierte. Die wirtschaftliche Not der Nachkriegsjahre, Inflation und politische Instabilität verlangsamten die zivile Elektrifizierung in Deutschland in den frühen 1920er Jahren erheblich.
In den USA hingegen hatte der Krieg - trotz der späten Beteiligung ab 1917 - die Industrie mobilisiert, ohne das Heimatland direkt zu belasten. Die amerikanische Wirtschaft der 1920er Jahre boomte, und die Elektrifizierung der Haushalte beschleunigte sich enorm. Neue Haushaltsgeräte - Kühlschrank, Staubsauger, Waschmaschine, Radio - wurden in Amerika in dieser Dekade zur Massenware, begleitet von aggressiven Werbekampagnen der Stromversorger, die ihre Abnehmer zu höherem Verbrauch animieren wollten.
Die 1920er und 1930er Jahre waren die eigentliche Phase der Massifizierung der Haushaltselektrizität, zunächst in den USA, dann auch in Deutschland und dem restlichen Europa. In Amerika führte die Kombination aus steigenden Reallöhnen, sinkenden Strompreisen und einer florierenden Konsumgüter-Industrie dazu, dass der Anteil elektrifizierter Haushalte von rund 35 Prozent im Jahr 1920 auf über 68% im Jahr 1930 stieg. Der typische amerikanische Mittelklasse-Haushalt der späten 1920er Jahre hatte elektrisches Licht, ein Radio und möglicherweise einen Kühlschrank.
In Deutschland verlief diese Entwicklung langsamer, nicht zuletzt wegen der verheerenden Inflation von 1923 und der allgemeinen wirtschaftlichen Instabilität der Weimarer Republik. Gleichwohl machte die deutsche Stromversorgung in dieser Zeit erhebliche strukturelle Fortschritte. Das 1924 gegründete Reichselektrizitätswerk und die systematische Förderung regionaler Verbundnetze durch staatliche Planung und Finanzierung legten die Grundlagen für ein nationales Netz. Das Reichsgesetz über die Elektrizitäts- und Gasversorgung von 1935, unter den Nationalsozialisten erlassen, gab dem Staat weitreichende Planungskompetenzen über die Stromversorgung und beschleunigte die Vernetzung erheblich.
Das drückendste Problem der Zwischenkriegszeit war in beiden Ländern die ländliche Elektrifizierung. Städte hatten bis in die 1920er Jahre in vielen Regionen nahezu vollständige Versorgung, aber auf dem Land sah es gänzlich anders aus. Die Investitionskosten für die Verlegung von Leitungen über große, dünn besiedelte Flächen waren enorm, und der erzielbare Umsatz pro Kilometer Leitung war gering. Private Versorger hatten deshalb wenig Interesse am Land, und die Bauernschaft blieb in vielen Regionen ohne Strom.
In den USA versuchte man dieses Problem zunächst über die Bundesstaaten zu lösen, aber erst Franklin D. Roosevelts New Deal brachte die entscheidende Wende. 1935 gründete Roosevelt die Rural Electrification Administration, kurz REA, eine Bundesbehörde, die zinsgünstige Kredite an genossenschaftlich organisierte Versorger auf dem Land vergab. Das Programm war ein außergewöhnlicher Erfolg: Der Anteil elektrifizierter Landhaushalte stieg in den USA von rund 11% im Jahr 1935 auf über 40% im Jahr 1942. Das Tennessee Valley Authority-Projekt, ebenfalls ein Kind des New Deal, baute an einem der ärmsten Flüsse des Landes ein gigantisches System aus Staudämmen und Kraftwerken auf, das eine ganze Region elektrifizierte und modernisierte.
In Deutschland verfolgte das NS-Regime ebenfalls ehrgeizige Elektrifizierungspläne, wenn auch mit ganz anderen ideologischen Vorzeichen. Die Nationalsozialisten propagierten die Elektrifizierung des Landes als Teil ihrer Blut-und-Boden-Ideologie: Der deutsche Bauer sollte modern und produktiv sein, seine Frau von harter körperlicher Arbeit befreit, und das Dorf sollte Anschluss an die Moderne finden. Ob dieses propagandistische Bild der Realität entsprach, war eine andere Frage, aber die tatsächlichen Investitionen in ländliche Netze wurden in den 1930er Jahren erheblich erhöht. Bis 1938 war der Anschlussgrad deutscher Haushalte deutlich gestiegen, wenn auch immer noch hinter dem amerikanischen Niveau zurücklag.
Die technologische Geschichte der Kraftwerke bis 1950 ist im Wesentlichen die Geschichte der Dampfturbine und der Wasserkraft. Die erste praktisch nutzbare Dampfturbine wurde 1884 vom britischen Ingenieur Charles Parsons entwickelt und fand rasch Eingang in Kraftwerke, da sie leiser, effizienter und schneller rotierte als Kolbendampfmaschinen. Parsons' Turbinenkonzept wurde über die folgenden Jahrzehnte kontinuierlich verbessert, und die Wirkungsgrade der Kohlekraftwerke stiegen stetig, wenn auch langsam.
Kohle war in Deutschland und Großbritannien der dominierende Energieträger, da beide Länder über große heimische Kohlevorkommen verfügten. Das Ruhrgebiet, das Saarland und das schlesische Kohlegebiet waren die Herzstücke der deutschen Energieerzeugung. Die enorme Nachfrage der Industrie und später der wachsenden Haushaltsversorgung machte den Bergbau zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes. In den USA war Kohle ebenfalls dominant, ergänzt durch die reichen Öl- und Gas-Vorkommen im Süden und Westen des Landes, die vor allem für die Heizung und immer stärker auch für die Stromerzeugung genutzt wurden.
Wasserkraft spielte in Ländern ohne große Kohlevorkommen eine besonders wichtige Rolle. Norwegen, die Schweiz, Österreich und Schweden setzten früh und massiv auf Wasserkraft und erreichten damit eine Unabhängigkeit von teuren Kohleimporten, die ihnen erhebliche Vorteile verschaffte. In Deutschland konzentrierte sich die Wasserkraft auf die Alpenregion und die großen Flüsse. Das Walchensee-Kraftwerk in Bayern, 1924 eröffnet und von dem Ingenieur Oskar von Miller maßgeblich initiiert, war eines der leistungsstärksten Wasserkraftwerke Europas seiner Zeit und ein Symbol bayerischer Energiepolitik.
Der Zweite Weltkrieg bedeutete für die Elektrifizierung beider Länder erneut eine Phase der Deformation. In Deutschland wurde die gesamte Stromproduktion auf die Kriegswirtschaft ausgerichtet: Rüstungsfabriken, Aluminiumhütten für den Flugzeugbau, chemische Werke wurden prioritär versorgt, während zivile Versorgung rationiert wurde. Alliierte Bombenangriffe zielten systematisch auf Kraftwerke, Umspannwerke und Hochspannungsleitungen, da die Unterbrechung der Stromversorgung die gesamte Kriegsindustrie lahmlegen konnte. Gegen Kriegsende 1945 war die deutsche Stromversorgungsinfrastruktur in großen Teilen zerstört oder schwer beschädigt. In etlichen Städten gab es für Monate überhaupt keinen Strom.
Der Wiederaufbau nach 1945 war deshalb auch ein Wiederaufbau der Strom-Infrastruktur, der im Westen Deutschlands rasch und mit amerikanischer Unterstützung durch den Marshallplan gelang, im Osten hingegen unter sowjetischer Demontage und planwirtschaftlicher Reorganisation deutlich langsamer verlief.
Um 1950 hatte die Elektrifizierung in den westlichen Industrieländern einen Stand erreicht, der das Alltagsleben grundlegend verändert hatte. In den Vereinigten Staaten waren über 90% aller Haushalte mit Strom versorgt, auf dem Land waren es nach den massiven Investitionen des New Deal inzwischen ebenfalls weit über 70%. Elektrisches Licht, Radio, Kühlschrank und zunehmend Fernsehgeräte gehörten zum selbstverständlichen Lebensstandard des amerikanischen Mittelstands.
In Westdeutschland hatte der Anschlussgrad der Haushalte trotz Kriegszerstörung und Neuanfang ein beachtliches Niveau erreicht. Der Wiederaufbau der 1940er und frühen 1950er Jahre verlief in mancherlei Hinsicht modernisierend: Zerstörte Netze wurden nicht einfach wiederhergestellt, sondern neu geplant und moderner ausgeführt als zuvor. Die Stromwirtschaft der Bundesrepublik, mit ihren großen regionalen Verbundunternehmen wie RWE, PreussenElektra und Bayernwerk, bildete eine leistungsfähige Infrastruktur, auf der der Wirtschaftsaufschwung der 1950er Jahre aufbauen konnte.
Was um 1950 noch fehlte, war vor allem die vollständige Gleichmäßigkeit der Versorgung. Zwar waren die großen Städte und Industrie-Regionen gut versorgt, aber in ländlichen Regionen, besonders in ärmeren Teilen Europas und in den Entwicklungsländern, war Elektrizität immer noch ein Privileg. Und die Art, wie Strom erzeugt wurde, sollte sich bald radikal verändern: Die Atomkraft wartete bereits hinter dem Horizont - ein Kapitel, das die Geschichte der Energie so tiefgreifend umschreiben würde wie der Dynamo von Siemens oder Edisons Kraftwerk an der Pearl Street.