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Vom Mist zum Stickstoff

Die Geschichte des Düngers ist im Grunde die Ge­schich­te der mensch­li­chen Zivili­sa­tion in Kurz­form. Der mittel­alter­liche Bauer, der Mist auf sein Feld fuhr und die Drei-Felder-Wirt­schaft pflegte, löste das­selbe funda­men­tale Problem wie später der Chemiker, der heute Erdgas in Ammoniak um­wandelt: Wie er­nähre ich eine wachsende Gesell­schaft von einem be­grenz­ten Boden? Die Ant­wor­ten wurden raffi­nier­ter, die Er­träge größer - aber auch die Ab­hängig­kei­ten komplexer und fragi­ler.

Dünger und Bodenwirtschaft im Mittelalter

Die mittelalterliche Landwirt­schaft war in weiten Teilen Europas eine Subsistenz-Wirt­schaft: Man produ­zierte, um zu über­leben, aber nicht um Über­schüsse zu er­zielen. Ent­sprechend gering waren die Erträge nach heuti­gen Maß­stäben. Für ein aus­gesä­tes Korn Getreide erntete man im frühen Mittel­alter oft nur drei bis vier Körner zurück - ein Ver­hält­nis, das kaum Spiel­raum für schlechte Jahre ließ und regel­mäßige Hungers­nöte be­günstig­te. Zum Ver­gleich: Moderne Land­wirt­schaft erzielt Ver­hält­nisse von 1:50 oder mehr.

Der Bauer des Mittelalters wusste aus Er­fahrung, dass der Boden er­schöpft werden kann. Wenn man Jahr für Jahr die­selbe Pflanze auf dem­selben Feld an­baut, werden die Erträge schlech­ter. Was dahinter­steckt - dass Pflan­zen dem Boden be­stimmte Nähr­stoffe ent­ziehen, die dann fehlen - ver­stand man noch nicht. Aber man be­obachte­te die Folgen und ent­wickel­te pragma­tische Ant­wor­ten darauf.

Die Dreifelderwirtschaft

Die wichtigste agronomische Innova­tion des Mittel­alters war die Drei-Felder-Wirt­schaft, die sich vom 8. und 9. Jahr­hun­dert an in Mittel- und West­europa durch­setzte und die ältere Zwei-Felder-Wirt­schaft (Feld und Brache im jähr­li­chen Wechsel) ver­dräng­te. Das Prinzip war ein­fach: Das Acker­land einer Dorfgemein­schaft wurde in drei große Schläge auf­geteilt. Einer trug Winter­getreide (Weizen, Roggen), einer Sommer­getreide (Hafer, Gerste, Hülsen­früchte), und einer lag brach. Nach einem Jahr rotierte die Nut­zung, sodass jedes Feld­stück im Drei-Jahres-Rhythmus einmal Winter­getreide, einmal Sommer­getreide und einmal Ruhe er­hielt.

Der Vorteil gegenüber der Zweifelderwirt­schaft war er­heblich: Statt der Hälfte lagen nun nur noch ein Drittel der Flächen brach, die Gesamt­ernte stieg also merk­lich. Außer­dem ver­teilte sich das Ernte­risiko auf zwei Saaten mit unter­schied­li­chen Wachstums­perioden - fiel die Winter­ernte aus, konnte die Sommer­ernte noch retten, was blieb.

Das Brachfeld war dabei keineswegs ungenutzt. Es diente als Weide für das Vieh, das es gleich­zeitig mit Dung an­reicher­te. Hier ver­bindet sich die Drei­felder­wirt­schaft organisch mit der Dünger­frage.

Natür­li­cher Dünger im Mittelalter

Tiermist war die wichtigste Düngermethode des Mittelalters, und er war ent­sprechend wert­voll. Rinder-, Pferde- und Schweine-Mist wurden auf die Felder aus­gebracht, Jauche auf Wiesen. In Küsten­regio­nen nutzte man Meeres­algen und Fisch­mehl; in manchen Gegenden wurde Mergel (ein kalk­haltiger Ton) in den Boden ein­gearbei­tet, um den pH-Wert saurer Böden zu ver­bessern. Holz­asche liefer­te Kalium und Kalk. Städte ent­sorg­ten mensch­liche Fäka­lien, die so­genann­te Nacht­stühle oder „Gold­mist“, auf um­liegen­de Felder - ein Kreis­lauf, der in Ost­asien noch viel systema­ti­scher be­trie­ben wurde als in Europa.

Hülsenfrüchte - Erbsen, Linsen, Bohnen, später Klee - spielten ebenfalls eine Rolle in der Frucht­folge, ohne dass man die chemi­sche Ur­sache kann­te. Wir wissen heute, dass an den Wurzeln dieser Pflanzen Bakte­rien (Rhizobien) leben, die Luft­stickstoff binden und dem Boden ver­füg­bar machen. Der mittel­alter­liche Bauer wusste nur: Nach Hülsen­früchten wächst das Getreide besser.

Ausgelaugte Böden und ihre Folgen

Trotz all dieser Maßnahmen war der struktu­relle Druck auf die Böden enorm. Die wachsende Be­völke­rung des Hoch­mittel­alters (etwa 10. bis 13. Jahr­hun­dert) zwang zur Rodung von Wäldern und zur Er­schließung margi­naler Böden, die oft sandiger und nähr­stoff­armer waren als die alt­eingeses­se­nen Fluren. Wenn die Tierhal­tung nicht mit dem Acker­bau Schritt hielt - und das tat sie häufig nicht -, fehlte schlicht der Mist. Die mittel­alter­liche Land­wirt­schaft stand in einem struktu­rel­len Dilemma: Um mehr Tiere halten zu können, brauch­te man mehr Futter­anbau; um mehr Futter an­zubauen, brauch­te man mehr Fläche; und mehr Fläche be­deute­te weniger Weide und wieder weniger Tiere.

Ausgelaugte Böden, verbunden mit Klimaabküh­lun­gen (die so­genannte „Kleine Eis­zeit“ begann sich ab dem späten 13. Jahr­hun­dert an­zukündi­gen), trugen zum Zu­sammen­bruch des 14. Jahr­hun­derts bei. Die große Hungers­not von 1315-1322 und dann der Schwarze Tod (1347-1353) töte­ten in Europa zusam­men viel­leicht ein Drittel der Be­völke­rung. Paradoxer­weise ver­besser­te sich die Lage der Über­leben­den dadurch: Weniger Men­schen be­deute­ten mehr Land pro Kopf, bessere Er­nährung, und die nun brache­ren Flächen konn­ten sich er­holen.

Die Agrarrevolution - Ein neues Denken

Die eigentliche Agrarrevolu­tion voll­zog sich zwi­schen dem 17. und frühen 19. Jahr­hun­dert, mit England als Vor­reiter. Sie war weniger ein einzel­nes Er­eignis als ein Bündel von Ver­änderun­gen, die sich gegen­seitig ver­stärkten: neue Frucht­folgen, neue Werk­zeuge, neue Eigen­tums­struk­turen und schließ­lich eine neue Einstel­lung zur Landwirt­schaft als rationa­ler, gewinn­orientier­ter Tätig­keit.

Zentral war die Norfolksche Vier-Felder-Wirt­schaft, die im 18. Jahr­hun­dert in England populär wurde und sich von dort nach Kontinen­tal­europa ver­brei­tete. Statt drei Felder gab es vier, und die ent­scheiden­de Neue­rung war: Es gab keine Brache mehr. An deren Stelle trat der Anbau von Klee und Rüben. Klee bindet Stick­stoff (das ver­stand man nun lang­sam), und beide Pflanzen dien­ten als Vieh­futter. Mehr Futter be­deute­te mehr Vieh, mehr Vieh be­deute­te mehr Mist, und mehr Mist be­deute­te bessere Getreide­ernten. Der Teufels­kreis der mittel­alter­li­chen Landwirt­schaft wurde so zum Kreis­lauf um­gekehrt.

Die Enclosures und ihre gesell­schaft­liche Wirkung

Gleichzeitig mit den agronomischen Neue­run­gen vollzog sich in England ein radika­ler Wandel der Eigen­tums­struktur: die Einhegungen (Enclosures). Gemein­schafts­land, das jahr­hunderte­lang von Dorf­gemein­schaften gemein­sam ge­nutzt worden war, wurde von Groß­grund­besitzern privati­siert, einge­hegt und effizienter bewirt­schaftet. Für die Bauern, die dieses Land als Weide, zur Holzsamm­lung oder zum Klein­anbau ge­nutzt hatten, war das eine Katas­trophe.

Hunderttausende verloren ihre Lebensgrund­lage und ström­ten in die Städte - genau in dem Moment, als dort die Indus­trielle Revolu­tion Arbeits­kräfte suchte. Histori­ker disku­tie­ren bis heute, ob die Enclosures die Indus­trialisie­rung er­möglich­ten oder ob sie eher parallele Entwick­lun­gen waren. Klar ist: Die Freiset­zung von Arbeits­kräften aus der Land­wirt­schaft war eine not­wendige Bedin­gung für die Urbani­sie­rung und Indus­triali­sie­rung. In Deutsch­land ver­lief dieser Prozess lang­samer und durch die Bauern­befreiung (in Preußen 1807) anders organi­siert, aber mit ähn­li­cher Rich­tung.

Ertragssteigerung und Bevölkerungswachstum

Die Erträge stiegen in England zwi­schen 1700 und 1850 drama­tisch. Gleich­zeitig explo­dierte die Be­völke­rung: In Europa leb­ten um 1700 etwa 100 Millio­nen Men­schen, um 1900 bereits über 400 Millio­nen. Dieser Zu­sammen­hang ist kein Zufall. Mehr Nah­rung er­laubt mehr Be­völkerungs­wachstum - aber mehr Be­völke­rung er­höht auch den Druck, noch mehr zu produ­zieren. Der Malthusianische Dämon (der Gedanke, dass Bevölke­run­gen immer an die Grenzen der Nahrungs­produk­tion stoßen) schien zeit­weise ge­bannt, aber er wartete im Hinter­grund. Es war klar, dass die Agrar­revolu­tion allein nicht ewig aus­reichen würde.

Warum Pflanzen Nährstoffe brauchen

Bevor man Kunstdünger verstehen kann, muss man ver­stehen, was Pflanzen eigent­lich brauchen.

Eine Pflanze besteht hauptsäch­lich aus Wasser und organi­schen Ver­bindun­gen - also aus Kohlen­stoff, Wasserstoff und Sauer­stoff. Diese drei Elemente be­zieht sie aus Wasser (H₂O) und Kohlen­dioxid (CO₂) aus der Luft, die sie mit­hilfe von Sonnen­licht in der Photo­synthese zu Zucker und anderen Ver­bindun­gen zusammen­setzt. Insofern wächst eine Pflanze buch­stäb­lich aus Luft und Licht - der Groß­teil ihrer Masse kommt tat­säch­lich aus CO₂.

Aber für diesen Prozess - und für viele andere lebens­wichtige Funk­tio­nen - braucht die Pflanze noch weitere Elemente in kleine­ren Mengen, die sie aus dem Boden über die Wurzeln auf­nimmt:

Stickstoff (N) ist das wichtigs­te und häufig limitie­rende Nähr­element. Stick­stoff ist Bestand­teil aller Proteine und der DNA. Ohne Stick­stoff kann eine Pflanze kein Chloro­phyll bilden (das grüne Pigment der Photo­synthese), keine Enzyme produ­zieren, nicht wachsen. Stick­stoff­mangel zeigt sich klassisch als Ver­gilbung der Blätter - die Pflanze baut Chloro­phyll ab, um den knappen Stick­stoff darin zu recyceln. Obwohl die Luft zu fast 80% aus Stick­stoff­gas (N₂) besteht, können Pflanzen diesen nicht direkt nutzen - sie brauchen ihn in Form von Ammonium (NH₄⁺) oder Nitrat (NO₃⁻) im Boden.

Phosphor (P) ist zentral für die Energie­übertra­gung in der Zelle (als ATP), für die DNA und für die Wurzel­entwick­lung. Phosphor­mangel bremst vor allem das Wurzel­wachstum und die Samen­bildung.

Kalium (K) reguliert den Wasser­haus­halt der Pflanze, stärkt die Zell­wände und ist wichtig für die Quali­tät von Früch­ten. Es wirkt wie ein allge­mei­ner „Stabili­sa­tor“ des pflanz­li­chen Stoff­wechsels.

Diese drei - Stickstoff, Phosphor, Kalium, kurz NPK - sind die Makro­nährstoffe, die in jedem Handels­dünger an­gege­ben werden. Daneben gibt es Sekundär­nährstoffe (Calcium, Magne­sium, Schwefel) und Spurenelemente (Eisen, Mangan, Zink usw.), die in kleineren Mengen ge­braucht werden.

Der Boden als Speicher: Natür­liche Böden speichern diese Nähr­stoffe in ver­schiede­nen chemi­schen Ver­bindun­gen und geben sie lang­sam ab. Wenn man Pflan­zen erntet und die Bio­masse vom Feld ent­fernt, exportiert man diese Nähr­stoffe. Der Boden leert sich. Früher schloss sich der Kreis­lauf durch Ver­rottung, Mist und Brache; mit wachsen­der Be­völke­rung und intensi­ver Landwirt­schaft reicht das nicht mehr.

Aus Energie wird Kunstdünger

Den ersten großen intellektuellen Durch­bruch liefer­te der deut­sche Chemiker Justus von Liebig mit seinem 1840 er­schiene­nen Werk *Die organi­sche Chemie in ihrer An­wendung auf Agri­cultur und Physiologie*. Liebig formu­lierte, dass Pflan­zen ihre Nähr­stoffe als Mineral­salze aus dem Boden be­ziehen - eine damals keines­wegs selbst­verständ­liche Er­kennt­nis. Er prägte außer­dem das so­genannte Minimum­gesetz: Das Wachstum einer Pflanze wird durch den Nähr­stoff be­grenzt, der im Ver­hält­nis zum Bedarf am knapps­ten vor­handen ist. Es nützt nichts, zehn­mal so viel Stick­stoff zu geben, wenn Phos­phor fehlt. Das Fass wächst nur so weit, wie die kürzeste Daube es erlaubt.

Liebig selbst versuchte, daraus Kunst­dünger zu ent­wickeln, scheiter­te aber, weil er die Nähr­stoffe in schwer lös­li­cher Form bereit­stell­te. Andere grif­fen seine Ideen auf und ver­besser­ten sie: In England begann John Bennet Lawes in den 1840er Jah­ren, Super­phosphat her­zustellen - aufge­schlosse­nes Knochen­mehls oder Gestein, das die Pflanze tat­säch­lich auf­nehmen konnte. Die Phosphat­dünger-Industrie war ge­boren.

Das Problem des Stickstoffs

Phosphor und Kalium ließen sich aus Gestein ge­winnen. Stick­stoff war das große Problem. Mitte des 19. Jahr­hun­derts suchte man fieber­haft nach Stick­stoff­quellen. Man impor­tier­te Guano (versteiner­te Vogel-Exkremen­te) aus Peru in riesi­gen Mengen - ein Raub­bau, der die Lager in weni­gen Jahr­zehn­ten er­schöpfte. Man nutzte Salpeter (Natrium­nitrat) aus der Atacama-Wüste in Chile. Diese Vor­kommen waren end­lich und weit ent­fernt. Es war klar, dass die Mensch­heit ein grund­legende­res Problem lösen musste: Wie kommt man an den Stick­stoff der Luft heran?

Haber und Bosch: Energie wird zu Dünger

Die Antwort kam in den Jahren vor dem Ersten Welt­krieg aus Deutsch­land. Der Chemiker Fritz Haber gelang 1909 im Labor die Synthese von Ammoniak (NH₃) aus Stick­stoff (N₂) und Wasserstoff (H₂) unter hohem Druck und hoher Tempera­tur und mithilfe eines Kataly­sators. Die Reak­tion lautet:

N₂ + 3 H₂ → 2 NH₃

Das klingt simpel, ist aber technisch enorm an­spruchs­voll, denn der Stick­stoff in der Luft ist außer­ordent­lich reaktions­träge - die Dreifach­bindung zwi­schen den beiden Stick­stoff-Atomen ist eine der stabils­ten in der Chemie. Man muss enorme Energie­mengen auf­wenden, um sie zu brechen. Genau des­halb war diese Reak­tion jahr­zehnte­lang nicht be­herrsch­bar.

Carl Bosch vom Chemieunternehmen BASF über­setzte Habers Labor­befund in einen indus­triel­len Prozess - eine ingenieurs-tech­nische Meister­leistung, die neue Hoch­druck­behälter, neue Stahllegie­run­gen und völlig neue Apparate er­forder­te. 1913 ging die erste Anlage in Oppau (Rheinland-Pfalz) in Betrieb. Das Haber-Bosch-Verfah­ren war ge­boren.

Der entscheidende Punkt: Ammoniak-Synthese ver­braucht enorme Mengen Energie, heute haupt­säch­lich in Form von Erdgas, das gleich­zeitig als Wasserstoff­quelle dient. Kunst­dünger ist im Wesent­li­chen konservier­te Energie. Wenn man heute eine Tonne Stick­stoff­dünger her­stellt, stecken darin mehrere Tonnen fossile Brenn­stoffe. Erdgas wird buch­stäb­lich in Nah­rung um­ge­wandelt - mit Stick­stoff aus der Luft als Vehikel.

Ertragssteigerung durch Kunstdünger

Die Auswirkungen des Haber-Bosch-Verfah­rens auf die Land­wirt­schaft waren revolu­tio­när - tat­säch­lich wohl die größte Trans­forma­tion der Nahrungs­mittel­erzeu­gung in der Ge­schichte.

In der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts wurden Kunst­dünger zu­nächst vor allem in indus­triali­sier­ten Ländern ein­gesetzt. Nach dem Zweiten Welt­krieg be­schleunigte sich die Ver­brei­tung enorm. Die so­genannte Grüne Revolu­tion der 1960er und 70er Jah­re - benannt nach dem Agrono­men Norman Borlaug, der Hoch­ertrags­sorten von Weizen und Reis züchte­te - wäre ohne Kunst­dünger nicht denk­bar ge­wesen. Die neuen Pflanzen­sorten waren darauf opti­miert, mit viel Dünger um­zugehen: kurze, stabile Halme (damit die Pflanze bei üppiger Stick­stoff­versor­gung nicht „ins Stroh schießt“), riesige Körner, schnel­les Wachstum.

Die Ergebnisse waren spektakulär. Indien und Pakis­tan, die in den 1960er Jah­ren vor Hungers­nöten standen, wurden zu Getreide-Exporteu­ren. Die globale Getreide­produk­tion ver­dreifachte sich zwi­schen 1960 und 2000, obwohl die landwirt­schaft­liche Nutz­fläche kaum wuchs. Der Hektar-Ertrag von Weizen in Deutsch­land beispiels­weise stieg von etwa 2 Tonnen (1950) auf über 7 Tonnen heute.

Populationsforscher schätzen, dass ohne das Haber-Bosch-Verfah­ren die Erde viel­leicht 3 bis 4 Milliar­den Men­schen er­nähren könnte - statt der heute leben­den 8 Milliar­den. Rund die Hälfte des Stick­stoffs im mensch­li­chen Körper stammt aus synthe­tisch erzeugtem Ammoniak. Das ist eine der er­staun­lichs­ten Zahlen, die die Chemie­geschich­te zu bieten hat: Wir sind buch­stäb­lich zu einem erheb­li­chen Teil aus Erdgas ge­macht.

Gesellschaftliche Auswirkungen und heutige Abhängigkeit

Der Kunstdünger hat das Verhält­nis des Men­schen zum Boden funda­men­tal ver­ändert. In der vor­industriel­len Landwirt­schaft war der Nährstoff-Kreis­lauf immer lokal: Was dem Boden ent­nommen wurde, musste lokal wieder zu­geführt werden, durch Mist, Kompost, Brache. Mit Kunstdünger wurde dieser Kreis­lauf auf­gebrochen. Man kann einen Boden dauer­haft inten­siv bewirt­schaften, solange man synthe­tische Nähr­stoffe zufügt. Das er­möglich­te eine nie da­gewese­ne Speziali­sie­rung der Landwirt­schaft: Regio­nen bauen an, was klima­tisch und wirt­schaft­lich am günstigs­ten ist, und nicht mehr das, was den Nähr­stoff­kreislauf lokal schließt.

Das hat enorme Vorteile (Effizienz, niedrige Nahrungs­preise), aber auch Kosten: Böden werden strukturell de­gradiert, weil Humus­aufbau und biolo­gi­sche Viel­falt ver­nach­lässigt werden. Nitrat sickert ins Grund­wasser. Überdün­gung führt zur Eutrophie­rung von Gewässern (zu starkes Algen­wachstum, dann Sauer­stoff­mangel, dann tote Zonen). Diese Pro­bleme sind real und nehmen zu.

Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und globalen Lieferketten

Die vielleicht größte strukturelle Schwäche des moder­nen Er­nährungs­systems ist seine Abhängig­keit von Erdgas für die Stick­stoff-Dünger­produk­tion. Erdgas macht rund 70% - 80% der Produk­tions­kosten von Ammoniak aus. Steigt der Gas­preis, steigt der Dünger­preis, steigen die Nahrungs­mittel­preise. Das ist kein theore­ti­sches Risiko: Als nach dem russi­schen An­griff auf die Ukraine 2022 die europäi­schen Gas­preise explodier­ten, schlossen viele europäi­sche Dünge­mittel­fabriken ihre Produk­tion oder drossel­ten sie massiv. Die Welt­markt­preise für Stick­stoff­dünger ver­sechsfach­ten sich zeit­weise. Für Bauern in Europa war das schmerz­haft; für Klein­bauern in ärme­ren Ländern war es existenz­bedrohend.

Russland, Belarus und China sind zudem die weltweit führen­den Produzen­ten von Stick­stoff-, Kalium- und Phosphor­dünger. Russland und Belarus allein liefern rund 40% des welt­weiten Kali (Kalium­dünger). Sanktio­nen, Export­beschrän­kun­gen oder geopoli­tische Spannun­gen wirken sich un­mittel­bar auf die globale Nahrungs­sicher­heit aus. Dünger ist geopoli­tisch ge­worden.

Phosphor ist ein besonderes Problem: Er kann - anders als Stick­stoff - nicht aus der Luft syntheti­siert werden. Er muss aus Phosphat­gestein ab­gebaut werden, und die größ­ten Vor­kommen liegen in Marokko (über 70% der be­kann­ten Reser­ven), China und einigen ande­ren Ländern. Phosphor, der ins Meer ge­spült wird, ist ver­loren. Ein Kreis­lauf wie beim Stick­stoff exis­tiert in der moder­nen Land­wirt­schaft kaum. Manche Wissen­schaftler warnen vor einem „Peak Phosphorus“ - dem Punkt, an dem die ein­fach abbau­baren Reserven er­schöpft sind - und halten das für eine der unter­schätz­ten lang­fris­tigen Be­drohun­gen der Er­nährungs­sicherheit.

Kann die Welt ohne Kunstdünger auskommen?

Diese Frage wird ernsthaft diskutiert. Ökologi­sche Land­wirt­schaft ver­zichtet auf Kunst­dünger und nutzt statt­dessen Kompost, Mist, Grün­düngung und sorg­fälti­ge Frucht­folgen. Die Erträge sind dabei im Schnitt 20% - 25% niedri­ger als in konven­tio­neller Land­wirt­schaft. Bei einer Welt­bevölke­rung von 8 Milliar­den Men­schen und prognos­ti­zier­ten 10 Milliar­den bis Mitte des Jahr­hun­derts ist das eine enorme Lücke. Zudem würde voll­ständige Öko­landwirt­schaft deut­lich mehr Fläche be­anspru­chen, was auf Kosten natür­li­cher Öko­systeme ginge.

Realistischere Ansätze zielen auf eine Effizienz­steige­rung: Präzisions­landwirt­schaft mit GPS und Sensoren, die Dünger nur dort und dann aus­bringt, wo er ge­braucht wird; gene­tisch ver­änderte Pflanzen, die Stick­stoff besser nutzen; industriel­le Ver­wer­tung von Klär­schlamm und Lebens­mittel­abfällen zur Nähr­stoff-Rück­gewin­nung. Lang­fristig wird auch die Herstel­lung von grünem Ammoniak disku­tiert - also das Haber-Bosch-Verfah­ren mit Strom aus er­neuer­baren Energien statt Erdgas. Das wäre eine funda­men­tale Entkopp­lung der Dünger­produk­tion von fossilen Brenn­stoffen, scheitert heute aber noch an den Kosten.

Wir leben heute in einer Welt, in der Milliar­den Men­schen nur deshalb existie­ren, weil Fritz Haber und Carl Bosch vor über hundert Jah­ren lern­ten, Luft in Brot zu ver­wandeln. Diese Er­rungen­schaft ist atem­beraubend. Aber sie hat eine Voraus­set­zung, die oft ver­gessen wird: billiges, ver­füg­bares Erd­gas und stabile globale Liefer­ketten. Beides ist nicht selbst­verständ­lich - und wird es in Zukunft noch weniger sein.


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