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„Keine Zukunft ohne Herkunft“

Neuerungen werden oftmals dann akzeptiert und erfolg­reich, wenn sie auf dem Verständ­nis bishe­riger Erfolge auf­bauen. Der Aus­spruch „Keine Zukunft ohne Herkunft“ formu­liert eine grund­legende Einsicht über das Ver­hält­nis von Ver­gangen­heit und Zukunft: Es geht darum die gewachse­nen Stärken, Kompe­ten­zen und Werte als Funda­ment für die Gestal­tung der Zukunft zu nutzen. Der Spruch betont die Konti­nui­tät im Wandel, näm­lich dass echte Inno­va­tion nicht im luft­leeren Raum ent­steht, sondern aus der bewuss­ten Weiter­entwick­lung dessen, was man bereits ist und kann.

In unserer Zeit rasanter technolo­gi­scher Umbrü­che er­innert er daran, dass Iden­ti­tät und Exper­tise nicht über Nacht neu erfun­den wer­den können, sondern orga­nisch wachsen müs­sen.
Z.B. in der Auto­mobil-Industrie ge­winnt dieser Gedanke in der aktuel­len Trans­forma­tion beson­dere Rele­vanz. Traditions­reiche deutsche Her­stel­ler wie Mercedes-Benz, BMW oder Volks­wagen stehen vor der Heraus­forde­rung, ihre über Jahr­zehnte aufge­baute Exper­tise im Verbren­nungs­motoren­bau in die Ära der Elektro­mobili­tät zu über­führen.

„Ohne Herkunft keine Zukunft“ bedeutet hier konkret: Die Kompe­ten­zen in Fahr­werks­technik, Fertigungs­qualität, Sicherheits­standards und Premium-Anspruch blei­ben wert­voll und unter­schei­den etablier­te Herstel­ler von neuen Playern. Wer eine erfolg­reiche Her­kunft über Bord wirft, um sich kom­plett neu zu er­finden, riskiert den Ver­lust des­sen, was die Marke einzig­artig macht.

Das Zitat „Wer seine Ver­gangen­heit nicht kennt, ist dazu ver­dammt, sie zu wieder­holen“ (George Santa­yana, 1863-1952, spani­scher Philo­soph) ergänzt die o.g. Perspek­tive um eine Warnung. Die Aus­sage stammt ur­sprüng­lich aus dem poli­ti­schen Kontext und mahnt, aus Fehlern zu lernen. Doch sie lässt sich ebenso auf Unter­nehmens­strate­gien über­tragen.

Im krassen Gegensatz dazu steht die bekannte Haltung „Das haben wir schon immer so gemacht“, die oft als Inbe­griff von Innova­tions-Verweige­rung gilt. Dieser Satz markiert den Punkt, an dem aus gesun­dem Traditions­bewusst­sein ein lähmen­des Behar­ren wird. Was gestern funktio­nierte, muss morgen nicht mehr gelten. Die Aussage „Das haben wir immer schon so ge­macht“ ignoriert, dass sich Rahmen­bedingun­gen ändern, auch durch poli­ti­schen Willen, gesetz­liche Vorga­ben oder geänder­te Kunden­erwartun­gen aufgrund neuer technolo­gi­scher Mög­lich­kei­ten und neuer Ange­bote am Markt. Der Spruch offenbart eine gefähr­liche Verwechs­lung: Tradition ist nicht das­selbe wie Träg­heit, und Kontinui­tät bedeu­tet nicht Still­stand.

Die Warnung „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ formu­liert diese Einsicht noch drasti­scher und betont die Unaus­weich­lich­keit von Anpas­sung. Sie macht deut­lich, dass Wandel keine Option, sondern eine Not­wendig­keit ist - wer sich verwei­gert, wird nicht nur zurück­bleiben, sondern ver­schwin­den.

In der Automobilbranche lässt sich dies gut beobach­ten: Herstel­ler wie Saab, Rover oder Borgward verschwan­den vom Markt, weil sie auf tief­greifen­de Markt- und Struktur­verände­run­gen nicht aus­reichend oder nicht recht­zeitig reagie­ren konn­ten, oft ver­stärkt durch Manage­ment- und Finanz-Probleme.

Aktuell zeigt sich dies am Aufstieg chinesi­scher E-Auto-Hersteller wie BYD, die inner­halb weniger Jahre von Außen­seitern zu ernst­haften Konkur­renten wurden, während etablierte west­liche Marken noch mit der internen Trans­for­mation kämpfen. Der Spruch impliziert eine gewisse Härte: Der Markt kennt keine Senti­mentali­tät, und wer zu lange zögert, wird von agile­ren Wettbe­werbern über­holt. Gleich­zeitig birgt er die Gefahr, blinden Aktionis­mus zu recht­ferti­gen: nicht jeder Trend muss mit­ge­macht werden, und nicht jede Verände­rung ist sinn­voll. Die unter­nehme­ri­sche Kunst besteht darin, relevan­te Ent­wick­lun­gen von Mode-Erschei­nun­gen zu unter­schei­den und recht­zeitig, aber nicht über­stürzt zu handeln.

Der polemische Spruch „Get woke, go broke“ fügt dieser Diskus­sion eine ideologie­kritische Dimen­sion hinzu. Ursprüng­lich aus dem amerika­nischen Kultur­kampf stammend, kritisiert er Unter­nehmen, die ihre Produkt­strategie zugunsten politi­scher oder morali­scher Positio­nierun­gen auf­geben und damit ihre Kunden­basis ent­fremden.

Auf die Automobil­industrie über­tragen könnte man argumen­tieren: Wenn Hersteller ihre traditio­nelle Identi­tät (Fahr­spaß, Motor­sound, PS-Zahlen) auf­geben, nur um klima­poli­tisch progres­siv zu er­schei­nen, riskie­ren sie ihre Stamm­kunden zu verlie­ren, ohne zwingend neue zu ge­winnen. Wenn die emotionale Bindung im Namen der E-Mobili­tät gekappt wird, ohne eine neue, gleich­wertige Identi­tät aufzu­bauen, könnte dies tatsäch­lich wirt­schaft­lich schäd­lich sein.
Allerdings greift diese Analo­gie zu kurz: Die Trans­forma­tion zur Elektro­mobili­tät ist nicht nur ideolo­gisch moti­viert, sondern wird durch technolo­gi­schen Fort­schritt, gesetz­liche Regu­lie­rung und sich ändern­de Märkte er­zwungen. Dennoch enthält der Spruch eine berech­tigte Warnung: Authenti­zität zählt, und Kunden merken, wenn Wandel nur ober­fläch­lich oder opportu­nis­tisch ist.

Das Prinzip „Im Alten das Neue ehren, im Neuen das Alte bewahren“ (Konfuzius) bietet dage­gen eine versöhn­liche Syn­these und kommt dem Gedan­ken von „Keine Zukunft ohne Herkunft“ sehr nahe. Es fordert einen scharfen Ver­stand: Im Bewähr­ten bereits die Keime zukünf­tiger Entwick­lun­gen er­kennen und in Innova­tion die Kontinui­tät mit der Vergan­gen­heit sicht­bar machen.

Für Autohersteller bedeutet dies konkret: Das Streben nach Ingenieurs-Exzellenz, das Mercedes oder BMW seit Jahr­zehnten aus­zeich­net, muss nicht mit dem Verbren­nungs­motor sterben. Es könn­te sich in Elektro­motoren-Technik, Software-Integra­tion oder autono­mem Fahren fort­setzen. Das ist geleb­te Ver­bin­dung von Alt und Neu.
Das o.g. Prinzip er­for­dert Demut und Weit­sicht: Es ver­langt, dass man die eigene Ge­schichte wert­zuschät­zen lernt, ohne ihr hörig zu sein, und dass man Neues ent­wickelt, ohne die Wurzeln zu kappen.

Schließlich bietet die Rede­wendung „Man kann den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“ eine pragma­tische Handlungs­anlei­tung für Trans­forma­tions­prozesse. Sie akzep­tiert äußere Zwänge als ge­geben (regulato­rische Vorga­ben, technolo­gische Disrup­tion, Markt­verschie­bun­gen) und fokus­siert auf das Gestalt­bare inner­halb dieser Rahmen­bedingun­gen.

Für die Autoindustrie heißt das: Die CO2-Regulie­rung, das Erstarken Chinas als Produk­tions­standort, die Digitali­sie­rung des Fahrzeugs sind Reali­täten, die einzel­ne Her­steller nicht auf­halten können. Doch wie man darauf rea­giert, welche Strate­gie man wählt, welche Stär­ken man aus­spielt, liegt in der eige­nen Hand. Ein deut­scher Premium­herstel­ler kann nicht im Preis­wett­bewerb mit chinesi­schen Massen­herstellern mit­halten, aber er kann auf Quali­tät, Fahr­dynamik oder Service-Netz­werke setzen.

Der Spruch erinnert daran, dass Opfer­haltung und Schicksals­ergeben­heit keine Optio­nen sind. Statt­dessen geht es darum, die eige­nen Ressour­cen - tech­nolo­gisches Know-how, Marken-Reputa­tion, finan­zielle Kraft - strate­gisch ein­zuset­zen, um den unvermeid­baren Wandel zu ge­stal­ten statt nur zu erlei­den. Die Segel anders setzen be­deutet auch, die eige­ne Herkunft als Start­position zu ver­stehen: Ein Her­steller mit Jahr­zehn­ten Erfah­rung im Leicht­bau hat andere Optio­nen als ein Start-up ohne diese Exper­tise.

Der Seitentitel „Keine Zukunft ohne Herkunft“ fungiert hier als leiten­des Prinzip, das weder naive Technik­gläubig­keit noch defensi­ve Fort­schritts­verweige­rung propa­giert. Der Spruch fordert statt­dessen eine bewusste, reflek­tierte Trans­forma­tion, die das Beste aus beiden Welten ver­bindet: die Stabili­tät, Kompe­tenz und Identi­tät der Ver­gangen­heit mit der Flexi­bili­tät, Innova­tion und Zukunfts­orientie­rung, die das Über­leben in sich wandeln­den Märk­ten sichert. Z.B. die deutsche Auto­mobil­industrie wird nur dann weiter erfolg­reich sein, wenn sie ver­steht, dass Elektro­mobili­tät nicht das Ende ihrer Ge­schich­te bedeu­tet, sondern ein neues Kapitel, das auf den vorheri­gen auf­baut.


Text: Jörg Rosenthal, 2024.
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