Wir alle kennen Sätze wie: „Wir mussten früher barfuß zur Schule gehen!“ Häufig ergänzt: „durch meterhohen Schnee“ und kombiniert mit scherzhaften Übertreibungen wie: „kilometerlang immer nur bergauf“ und „bergauf in beide Richtungen“.
Die Aussagen hatten einen wahren Kern aus der Zeit des Materialmangels im Ersten Weltkrieg,
in glückloser Kombination mit strengen Wintern und Missernten.
Heutzutage werden solche Sprüche trotz des relativen Wohlstands (auch der Elterngeneration) weiterbenutzt, um auszudrücken:
Stell dich mal nicht so an, wir hatten es auch nicht immer einfach.
Kaum ein Satz wird so zuverlässig zitiert, variiert und ironisiert, wenn es darum geht,
Unterschiede zwischen den Generationen zu markieren.
Doch hinter dieser Redensart verbirgt sich ein realer historischer Kern, der vor allem im Ersten Weltkrieg liegt. Das Deutsche Reich war schon vor 1914 in hohem Maße von Lebensmittel-Importen abhängig - sogar viel stärker abhängig als Deutschland heute. Insbesondere Getreide, Futtermittel, Eiweißpflanzen und Düngemittel wurden in großen Mengen eingeführt. Mit Kriegsbeginn änderte sich diese Lage abrupt: Die britische Seemacht nutzte ihre maritime Überlegenheit, um eine umfassende Seeblockade gegen das Reich durchzusetzen, wodurch der Import aus Übersee faktisch zum Erliegen kam.
Außerdem war das Deutsche Reich wegen des Kriegs selbst zunehmend von Material- und Rohstoffmangel geprägt. Spätestens ab 1916 war Leder ein strategisch wichtiger Rohstoff, der fast vollständig für militärische Zwecke reserviert wurde. Stiefel für Soldaten hatten Vorrang vor ziviler Schuhproduktion. Ersatzmaterialien waren von minderer Qualität, und Reparaturen waren aufgrund des Mangels erschwert.
Kinder, deren Füße bekanntlich schnell wachsen, waren vom Mangel an (passenden) Schuhen besonders betroffen. In vielen Familien gab es schlicht nicht genug Schuhe, um sie täglich zu tragen. Vorhandenes Schuhwerk wurde geschont und für besondere Anlässe aufbewahrt. Schulen, Kommunen und Eltern reagierten pragmatisch: Im Sommer wurde empfohlen (auch von Schulen), Kinder barfuß gehen zu lassen. Daher die Erzählung, dass man (tatsächlich!) barfuß zur Schule gehen musste. Und im Winter griff man auf Holzschuhe zurück, die zwar unbequem, kalt und rutschig waren, aber kein Leder benötigten.
Der Mangel beschränkte sich aber nicht nur auf Schuhe.
Auch Heizmaterial war knapp, denn Kohle wurde ebenso wie Leder kriegswichtig.
Deshalb mussten zivile Haushalte frieren und auch Klassenräume blieben ungeheizt oder nur notdürftig gewärmt.
Unglücklicherweise kam hinzu, dass der Winter 1916/1917 besonders lange kalt war.
Anfang 1917 kam es zu mehrwöchigem Dauerfrost, weshalb der Schnee nicht wegtaute.
In vielen Gegenden herrschten geschlossene Schneedecken, die sich durch wiederholten Schneefall weiter verdichteten.
Und hiervon haben wir die Erzählung vom meterhohen Schnee.
Der sogenannte Steckrübenwinter 1916/1917 steht exemplarisch für Hunger, Unterversorgung und körperliche Schwächung, besonders bei Kindern.
Der Schulweg, ohnehin oft lang (ohne Auto, ohne Bus und i.d.R. ohne Fahrrad) und vielleicht sogar unbefestigt,
wurde unter diesen Bedingungen zu einer realen Belastung.
Barfuß zu gehen oder Holzschuhe zu tragen war kein Ausdruck von Mode, Freiheit, Coolness oder Abhärtungsidealen, sondern
eine Notlösung während eines Ausnahmezustands.
Nach dem Ende des Krieges verschwanden diese Zustände allmählich aus dem Alltag, doch sie verschwanden nicht aus der Erinnerung. Die Generation, die als Kinder den Krieg erlebt hatte, trug diese Erfahrungen weiter. In den Familien wurden sie erzählt, zunächst als konkrete Berichte über erlebten Mangel, Kälte und Improvisation. Dabei wirkten typische Mechanismen des Erinnerns: Extreme Situationen prägen sich stärker ein als der Alltag, körperliches Unbehagen wird rückblickend verdichtet, zeitlich begrenzte Ausnahmezustände erscheinen im Gedächtnis allgegenwärtiger und als länger als sie tatsächlich waren. Was in bestimmten Wintern (in nur wenigen Jahren) oder in bestimmten Regionen galt, wurde später als allgemeine Erfahrung formuliert.
Diese Erinnerung wurde 30 Jahre später noch mal aufgefrischt, verstärkt bzw. von der nachfolgenden Generation nachempfunden. Denn der Hungerwinter 1946/47 brachte erneut Kälte, Nahrungsmangel und unzureichende Versorgung, diesmal nach dem Zweiten Weltkrieg. Für viele Erwachsene verbanden sich die neuen Entbehrungen mit den Kindheits-Erinnerungen im Ersten Weltkrieg. In diesem Prozess erneuerte und verfestigte sich das Bild vom beschwerlichen Schulweg, vom Frieren und vom Gehen ohne angemessene Kleidung oder Schuhe. Die Erfahrungen zweier Krisenzeiten überlagerten sich im kollektiven Gedächtnis.
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegs-Jahrzehnte wandelte sich die Funktion dieser Erzählungen. Aus konkreten Erinnerungen wurden Vergleichsgeschichten. Sie dienten dazu, den eigenen Lebensweg einzuordnen, den Wohlstand der Gegenwart zu betonen (Wirtschaftswunderzeit) oder jüngeren Generationen Dankbarkeit und Durchhaltevermögen zu vermitteln.
Die Wendung „früher barfuß zur Schule gegangen“ gehört fest zum deutschen kollektiven Gedächtnis in der Sprache. Dabei nahm die Übertreibung zu. Aus "mit Holzschuhen im Winter" wurde "barfuß im Schnee", aus dem Schulweg ein scheinbar endloser Marsch, aus einzelnen harten Wintern eine gesamte Kindheit unter Extrembedingungen. Diese Zuspitzungen waren weniger bewusste Unwahrheit als rhetorische Verdichtungen, die das Gefühl der damaligen Entbehrung transportieren sollten.
Die formelhafte Wendung kann eine Funktion als "Topos der Entbehrung" oder "Tops der Härte" haben. Der Satz dient dann als Argumentation, um die eigene Lebenserfahrung aufzuwerten, Ansprüche aus der Gegenwart zu relativieren, oder um Disziplin, Genügsamkeit oder Dankbarkeit einzufordern. Dabei ist nicht entscheidend, ob er der gesprochene Satz historisch exakt stimmt.
In der heutigen scherzhaften Wiedergabe ist diese Überzeichnung offen sichtbar. Wenn der Satz vom Barfuß-Schulweg zitiert wird, dann meist mit ironischem Unterton und bewusst absurden Ergänzungen. Die Übertreibung wird Teil des Witzes, und gerade ihre Unglaubwürdigkeit macht sie anschlussfähig für Generationen-Gespräche. Gleichzeitig bleibt der historische Kern erhalten, wenn auch oft nur schemenhaft. Die Redensart erinnert daran, dass der Alltag früherer Generationen tatsächlich von Mangel, Unsicherheit und körperlicher Härte geprägt sein konnte.
So ist „barfuß zur Schule gegangen“ heute kein Tatsachenbericht mehr, eher ein gesellschaftliches Erinnerungsbild. In ihrer heutigen humorvollen Verwendung verliert sie den Anspruch auf wörtliche Wahrheit, bewahrt aber ihre Funktion als kulturelle Kurzformel für Entbehrungen und den langen Weg vom Mangel zum Wohlstand.