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Die Geschichte der Elektrik und Elektronik in Fahrzeugen

Kaum ein Bereich innerhalb eines Autos hat sich in den letz­ten 120 Jah­ren so grund­legend ver­ändert wie die Elektrik und Elek­tronik. Aus einem rein mechani­schen Fort­bewegungs­mittel mit ein paar Öl­lampen wurde ein rollender Computer mit bis zu 150 ver­netz­ten Steuer­geräten.

Die mechanische Frühzeit (bis ca. 1910)

Als Carl Benz 1886 seinen Patent-Motorwagen zum Patent an­meldete, gab es im Auto prak­tisch keine Elektrik. Beleuch­tet wurde mit Öl­lampen, später mit Karbid- beziehungs­weise Acetylen­lampen, die mit offener Flamme brann­ten und keinen Strom benötigten. Gestartet wurde der Ver­brennungs­motor aus­schließ­lich durch An­kurbeln - ein müh­samer und nicht ungefähr­li­cher Vorgang, bei dem es immer wieder zu Rück­schlag­verlet­zun­gen kam.

Interessanterweise war in dieser Frühzeit der Elektro­antrieb dem Ver­brenner in mancher Hinsicht sogar über­legen: Um 1900 liefen in den USA rund 38% aller Auto­mobile elek­trisch, nur 2% hatten einen Ver­brennungs­motor, der Rest fuhr mit Dampf. Elektro­autos galten als leiser, einfacher zu be­dienen und zu­verlässi­ger. Aus­gerech­net eine spätere Er­findung der Kfz-Elektrik sollte diesem Vorsp­rung ein Ende setzen.

Der erste elektrische Durchbruch:
Anlasser, Licht, Zündung (1911-1912)

Der amerikanische Ingenieur Charles F. Kettering ent­wickelte 1911 den elektri­schen Anlasser, der 1912 erst­mals in Serie ging, bekannt ge­worden vor allem durch den Cadillac Model 30. Entschei­dend war dabei nicht nur der Anlasser selbst, sondern dass Kettering ihn gleich als Teil eines integrier­ten elektri­schen Bord­systems konzipierte: Eine einzige Batterie ver­sorgte fortan Anlasser, elektri­sches Licht und Zünd­anlage ge­meinsam.

Diese Neuerung hatte eine paradoxe Neben­wirkung. Ausge­rech­net weil das Starten von Benzin­motoren durch den Anlasser so viel bequemer wurde, verloren die bis dahin be­lieb­ten reinen Elektro­autos rasch an Boden. Ab etwa 1910 setzte ihr Nieder­gang ein, be­günstigt zusätz­lich durch billiges Öl und die größere Reich­weite der Ver­brenner. Die Elek­trik hatte also, kaum ein­geführt, bereits ihre erste große Markt­wirkung ent­faltet - nur nicht zu­guns­ten des Elektro­antriebs, sondern zu des­sen Lasten.

Reine Elektrik ohne Elektronik (1910er bis 1960er)

In den folgenden fünf Jahrzehnten blieb die Fahrzeug­elektrik im Kern das, was Kettering be­gründet hatte, nur schritt­weise er­weitert: Licht­maschine (zunächst als Gleich­strom-Dynamo), Batterie, Zündspule mit mechanisch getakteten Unter­brecher­kontakten, Blink­relais, einfache mechani­sche oder elektromagne­tische Mess­instrumente sowie, als Sonder­ausstat­tung, ein Röhren­radio.

Elektronik im heutigen Sinn - also Halbleiter-Bauteile, Steuer­geräte, Sensor­logik - existierte noch nicht. Was es gab, war reine Elektrik: Strom­kreise, Relais, Spulen, mechanische Schalter. Die Auto­mobil-Industrie be­gegnete den in Radios und Fern­sehern bereits etablier­ten elektroni­schen Komponen­ten zunächst mit Skepsis; Elektrik, Mechanik, Hydrau­lik und Pneu­matik galten als die verläss­li­chen Kern­begriffe zu­verlässi­ger Fahr­zeug­technik.

Der Einzug der Halbleiter: elektronische Einspritzung (1960er)

Den eigentlichen Bruch mit der rein mechanisch-elektri­schen Ära brachte die elektroni­sche Benzin-Einsprit­zung. Bereits 1958 ver­kaufte Chrysler mit dem Modell 300 ein Fahrzeug mit dem elek­tronisch gesteuerten System Electrojector des Zu­lieferers Bendix, das sich jedoch nicht durch­setzte. Der eigent­liche Sieges­zug begann 1967 mit der Bosch D-Jetronic, die im VW 1600 debütierte. Damit hielt das erste elek­troni­sche Steuer­gerät im Wort­sinn Einzug ins Serien­auto: ein System, das aus Sensor­daten wie Luft­menge, Dreh­zahl und Tempera­tur die passende Ein­spritz­menge be­rech­nete.

Parallel dazu setzte sich die Transistor­zündung durch, die die mechani­schen Unterbrecher­kontakte der klassi­schen Zünd­anlage ablöste und die Zündung präziser und wartungs­ärmer machte. Auch die Licht­maschine wandelte sich in dieser Zeit vom Gleich­strom-Dynamo zum Dreh­strom­generator mit Dioden-Gleich­richter - ein früher, aber folgen­reicher Halb­leiter­einsatz im Bord­netz.

Die 1970er: erste digitale Assistenzsysteme

In den 1970er-Jahren trat die Elektronik erst­mals in ein Feld, das bis dahin der reinen Mechanik vor­behalten war: die aktive Fahr­sicher­heit. Mercedes-Benz und der Zu­lieferer Bosch brach­ten 1978 das erste digitale, elek­tronisch ge­steuerte Anti­blockier­system (ABS) in der S-Klasse (Baureihe W 116) in Serie - als kosten­pflichtige Sonder­ausstat­tung für damals um­gerech­net über 2.200 D-Mark. Vorläufer­versuche mit analoger Elek­tronik hatte Daimler bereits ab 1970 zu­sammen mit der Firma Teldix unter­nommen, scheiter­ten aber zunächst an mangeln­der Zu­verlässig­keit der frühen analo­gen Tech­nik - ein Vor­geschmack auf die Probleme, die der Elektro­nik im folgen­den Jahr­zehnt noch be­vor­standen.

1980 folgte mit dem Fahrer-Airbag, kombiniert mit einem Gurt­straffer, eine weitere Welt­neuheit im Serien­fahrzeug­bau, ebenfalls zuerst in der Mercedes S-Klasse.

Die 1980er: Höhenflug und Zuverlässigkeitskrise

Die 1980er-Jahre waren zugleich die Dekade des größ­ten Elektronik-Zuwachses und der größten Zu­verlässig­keits­probleme. Die neue, als fort­schritt­lich geltende Technik hielt nun in breite­rer Front Einzug in die Fahr­zeuge, ohne dass zu jener Zeit über Langzeitfolgen nach­gedacht wurde. Typische Schwach­stellen waren empfind­liche Sensoren wie Luft­mengen­messer, die schon nach eini­gen Jah­ren zu Start­problemen und un­rundem Leer­lauf führen konnten, sowie Steck­kontakte an frühen Motor­steuer­geräten, die unter chemi­schen, mechani­schen und thermi­schen Be­las­tun­gen litten.

Ein wesentlicher struktureller Grund für diese An­fällig­keit war, dass die einzel­nen elektroni­schen Regel­kreise noch bis in die 1990er Jahre analog arbeite­ten und strikt von­einander sowie von der übrigen Bord­elektrik ge­trennt ein­gebaut wurden. Es gab also weder eine ge­meinsame Diagnose­fähig­keit noch redundante Systeme, die Fehler hätten ab­fangen können - ein Fehler blieb ein Fehler, ohne dass Bord­computer ihn hätten er­kennen oder kompensie­ren können.

1985 erweiterte Mercedes-Benz mit der Antriebs­schlupf-Rege­lung (ASR) die elektro­nische Fahr­dynamik­rege­lung um eine weitere Funktion, die auf der ABS-Sensorik auf­baute.

Vernet­zung statt Insellösungen: der CAN-Bus (1983-1991)

Die Lösung für das Nebeneinander unverbunde­ner Einzel­systeme ent­wickelte sich in eben dieser Zeit: Bosch ent­warf ab 1983 das Controller Area Network (CAN), stellte es 1986 auf dem Kon­gress der Society of Auto­motive Engineers in Detroit offiziell vor, woraufhin 1987 die ersten CAN-Chips von Intel und Philips auf den Markt kamen. Mercedes-Benz setzte den CAN-Bus als einer der ersten Her­steller ab 1991 in der S-Klasse-Bau­reihe W 140 serien­mäßig ein.

Der CAN-Bus löste ein zunehmend drängendes Problem: Statt für jedes Steuer­gerät eigene Kabel­stränge zu jedem Sensor und Aktor zu verlegen, tauschen seit­her alle Steuer­geräte ihre Daten über eine ge­meinsame, zwei­adrige Leitung aus. Das senkte nicht nur den Verkabelungs­aufwand er­heblich, sondern er­möglichte erst­mals auch, dass ver­schiedene Systeme - etwa Motor­steuerung, ABS und Getriebe - Informa­tio­nen gegen­seitig nutzen konn­ten. Damit war die tech­nische Grund­lage für ver­netzte, sich gegen­seitig ab­stimmende Fahr­zeug­elektro­nik gelegt, ohne die spätere Systeme wie ESP oder gar by-Wire-Technik nicht denk­bar ge­wesen wären.

Die 1990er: Stabilität durch Vernetzung

Mit der Vernetzung wuchs auch die Regelungs­tiefe. 1995 führte Mercedes-Benz ge­meinsam ent­wickelt das Elektroni­sche Stabilitäts­programm (ESP) ein, das erst­mals gezielt einzelne Räder ab­bremsen konnte, um ein Schleudern des Fahr­zeugs zu verhindern - ein System, das direkt auf der CAN-Vernet­zung von ABS-Sensorik und Motor­steue­rung auf­baute. 1996 präsen­tierte Mercedes-Benz mit dem Forschungs­fahrzeug F 200 zudem erst­mals Tech­nolo­gien wie „Drive by Wire“ und „Keyless Go“ - zu diesem Zeit­punkt noch reine Zukunfts­visionen, die aber die Rich­tung der kommen­den Jahr­zehnte vor­zeich­neten.

Parallel dazu etablierte sich in den 1990er Jah­ren die On-Board-Diagnose (OBD), die es er­laubte, Fehler­codes der Steuer­geräte aus­zulesen und damit die Fehler­suche und War­tung grund­legend zu ver­einfachen - ein direkter Fort­schritt gegenüber den schwer diagnosti­zier­baren Problemen der 1980er Jahre.

Die 2000er: Elektrohydraulik und erste by-Wire-Ansätze

Mit der Jahrtausendwende hielt Elektronik auch in die sicher­heits­kritisch­sten Bereiche Einzug, die bis dahin aus gutem Grund rein mechanisch-hydraulisch ge­blieben waren: Bremse und Lenkung. 2001/2002 brachte Mercedes-Benz mit der Senso­tronic Brake Control (SBC) im Modell W 211 die erste elektro­hydrauli­sche Bremse in Serie - Elek­tronik steuerte die Brems­kraft, eine mechani­sche Rück­fall­ebene blieb aber als Sicher­heits­netz erhalten. Ähn­liche Konzepte fanden sich auch in frühen Hybrid­fahr­zeugen wie dem Toyota Prius, um Rekupera­tions­bremse und mechani­sche Bremse elektro­nisch auf­einander ab­zustimmen.

Auch Steer-by-Wire nahm in dieser Zeit erste konkrete Formen an, zunächst jedoch nicht im Groß­serien­auto, sondern in der Behinderten­mobilität: Das Unter­neh­men Paravan brachte 2003 mit „Space Drive“ ein System auf den Markt, das quer­schnitt­gelähmten Menschen erlaubte, ein Fahr­zeug über einen Joy­stick statt über Lenkrad und Pedale zu steuern - voll­ständig ohne mechani­sche Lenk­säule, dafür mit drei­facher Redundanz zur Ab­sicherung.

Die 2010er: by-Wire erreicht den Großserienmarkt

2013 setzte Infiniti mit dem Q50 als einer der ersten Groß­serien­hersteller Steer-by-Wire in einem regulären Personen­wagen ein - aller­dings noch mit einer mechani­schen Rück­fall­ebene für den Fehler­fall, da die gesetz­li­chen Zulassungsanforde­run­gen den voll­ständigen Ver­zicht auf jede mechani­sche Ver­bindung noch nicht erlaub­ten. 2016 brachte der Zu­lieferer Continental sein erstes eigenes elektro­hydrauli­sches Brems­system in Serie, eben­falls noch mit mechani­scher Not­verbindung zwi­schen Pedal und Hydraulik.

Die 2020er: die letzte Hürde fällt

Erst in den 2020er-Jahren rückte echtes by-Wire, also der voll­ständige Ver­zicht auf jede mechani­sche Rück­fall­ebene, in Reich­weite der Serien­produk­tion. Bosch kündigte an, ab 2025 den ersten Auto­hersteller mit einem Brake-by-Wire-System ohne jede mechanische Verbindung zwi­schen Pedal und Brems­scheibe zu be­liefern; der Zulieferer Hella meldete für den­selben Zeit­raum den Serien­start eines voll­elektri­schen Brems­pedalsensors für einen deut­schen Her­steller. Bei der Lenkung zog Mercedes-Benz mit dem EQS nach: Als erster deut­scher Her­steller bietet Mercedes seit Mitte 2026 eine Steer-by-Wire-Lenkung an, ent­wickelt gemein­sam mit ZF, gegen einen Auf­preis von rund 2.500 Euro - zunächst als Op­tion im Top­modell, wie es die Markt­logik für teure Sicher­heits­innova­tio­nen seit jeher vor­sieht.

Dass ausgerechnet Bremse und Lenkung die letzten Bas­tio­nen der reinen Mechanik waren, hat einen ein­fachen sicher­heits­techni­schen Grund: Fällt beim elek­troni­schen Gas­pedal die Elek­tronik aus, ist der sichere Zustand ein­fach zu er­reichen, der Motor liefert keine Leis­tung mehr. Bei Bremse und Lenkung ist es um­gekehrt: Ein Aus­fall darf gerade nicht dazu führen, dass nichts mehr passiert. Diese Umkeh­rung der Fail-safe-Logik erklärt, warum diese Systeme jahr­zehnte­lange Ent­wicklungs- und Zulassungs­vorläufe brauch­ten, während das elektro­nische Gas­pedal bereits in den 1990ern zum Standard wurde.

Fazit

Die Geschichte der Fahrzeug­elektrik und -elektronik lässt sich als eine stetige Ver­schiebung der Fehler­toleranz lesen. Was 1911 mit einer einzi­gen Batterie für An­lasser, Licht und Zündung be­gann, blieb bis in die 1960er Jahre reine, robuste Elektrik. Die Einfüh­rung von Halbleitern in Zündung und Einsprit­zung ab den späten 1960ern brachte neue Möglich­keiten, aber auch - wie die be­rüchtig­ten 1980er Jahre zeig­ten - neue Zu­verlässig­keits­probleme, die erst mit Ver­netzung, Diagnose­fähig­keit und jahr­zehnte­langer Erfah­rung in den Griff zu be­kommen waren. Auf­bauend auf dieser ge­wachsenen Ver­trauens­basis konnte sich die Elek­tronik schließ­lich auch an die sicher­heits­kritischs­ten Funk­tio­nen des Autos heran­wagen: zunächst an Brems­regelung und Stabilitäts­kontrolle, zuletzt sogar an die physische Ver­bindung zwi­schen Fahrer und Fahr­zeug selbst, wie sie Bremse und Lenkung jahr­zehnte­lang dar­gestellt hatten. Vom Karbid­licht zum Steer-by-Wire war es ein Weg von gut 115 Jah­ren - und er ist, wie die aktuel­len An­kündi­gun­gen für 2026 zeigen, noch nicht an seinem Ende.


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