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Das war das deutsche Internet

In den USA gab es mit Diensten wie CompuServe (Online­dienst seit 1979) und AOL (begonnen 1985 als Online­dienst für C-64) die ersten Online-Welten mit E-Mail, Foren und Chat - Jahrzehnte, bevor das eigent­liche World Wide Web über­haupt existierte.

Für die meisten Deutschen spielte das prak­tisch keine Rolle. Diese amerikani­sche Vor­geschichte war fern, fremd und teuer, und sie wurde für die breite Bevölke­rung erst relevant, als sie sich in den Neunzigern mit dem Internet verband - und auch dann nur am Rande des ge­sell­schaft­lichen Be­wusst­seins.

Der mühsame Anfang

Der eigentliche Einstieg vieler Deutscher lag irgendwo zwi­schen Mitte und Ende der Neunziger, und er hatte wenig von der Selbst­verständlich­keit, mit der amerikani­sche Jugend­liche zur gleichen Zeit längst in Chat­rooms saßen oder eigene Web­seiten bastel­ten. Bis Ende 1997 hielt die Deutsche Telekom das Monopol auf der Leitung, und jede Online-Minute wurde über die Telefon­rechnung minuten­genau abgerechnet. Das Surfen war damit kein Alltag, sondern eine kleine, ständig kalkulierte Investi­tion - ein Blick auf den Sekunden­zähler im Einwahl­programm gehörte ebenso zum Ritual wie das Warten auf den Verbindungston.

In dieser Zeit kursierten unter technik­begeister­ten Schülern und Studenten erste Gerüchte über GeoCities und Tripod, jene amerikani­schen Dienste, auf denen man kostenlos eine eigene Homepage anlegen konnte - bunt, chaotisch, mit blinkenden "Under Construction"-Bannern, Gäste­büchern und Besucher­zählern. Es war faszinie­rend, aber auch unweiger­lich fremd: amerikanisch in Sprache, Ton und Publikum. Eine eigene Seite dort zu bauen, fühlte sich für viele an, als würde man in einem fremden Vorgarten campieren.

Eine echte deutsche Entsprechung ließ lange auf sich warten. Erst 1999, gegründet von einem gerade sechzehn­jährigen Schüler aus Herdecke, ent­stand mit Beepworld so etwas wie eine deut­sche Heimat im Netz - mit Baukasten, Gäste­buch und Hit­counter, fast wie das amerikani­sche Original, nur eben gefühlte Ewig­kei­ten später.


Kurze Blütezeit deutscher Suchmaschinen

Bevor Google überhaupt ein Name war, der irgend­jemandem etwas sagte, dominierten in Deutsch­land die Such­maschinen Altavista, Lycos - und, mit einem gewissen lokalen Stolz: MetaGer und Fireball.

MetaGer ist ein hübscher Sonderfall - mit einem wichtigen tech­nischen Unter­schied zu Fireball. MetaGer ist eine deutsche Meta­such­maschine, die an der Universi­tät Hannover als Dienst des Regionalen Rechen­zentrums für Nieder­sachsen seit April 1996 entwickelt wurde. Der Unter­schied zu Fireball ist ent­scheidend: MetaGer hat keinen eigenen Such­index und keinen eige­nen Web­crawler. Statt­dessen durch­sucht es mehrere andere Such­maschinen gleich­zeitig und fasst deren Ergebnisse zusammen - ursprüng­lich, weil man Mitte der Neunziger noch jede einzelne der rund ein Dutzend verfüg­baren Such­maschinen (Altavista, Lycos, Hotbot, Infoseek und so weiter) separat nacheinander absuchen musste und die Idee aufkam, das per Programm gleichzeitig zu erledigen. Das ist also etwas anderes als eine "richtige" Suchmaschine mit eigenem Index, wie Fireball oder später Google sie hatten.

Die Entstehungs­geschichte hat einen schönen menschlichen Kern: die Idee kam dem Ingenieur Dr. Wolfgang Sander-Beuermann während der CeBIT beim Mittag­essen, er skizzierte sie sofort auf einer Papier­serviette und begann noch am selben Abend mit dem ersten Proto­typ. Nach drei Nächten Programmieren funktio­nierte es tat­sächlich - wobei er anfangs glaubte, die welt­weit erste Metasuchmaschine erfunden zu haben, bis er erfuhr, dass ein Team der University of Washington mit "Meta­Crawler" einen Monat schneller gewesen war. Genau deshalb fokussierte er sein Projekt konsequent auf den deutschsprachigen Raum und nannte es MetaGer (Meta + Germania). Ab Anfang 1997 gab es rasanten Zulauf, und um das Jahr 2001 lief etwa ein Drittel des gesamten Daten­verkehrs der Uni Hannover über MetaGer - ein bemerkens­wert ziviles, fast amateur­haftes Wachstum, denn das Projekt hatte dafür keine Förder­mittel oder Forschungs­aufträge.

Fireball, entwickelt an der TU Berlin, stieg Ende der Neunziger zur be­liebtes­ten deutsch­sprachigen Such­maschine auf und ver­sorgte zeit­weise sogar die Web­suche von T-Online. Es gab diesen kurzen, fast ver­gessenen Moment, in dem deut­sche Nutzer eine eigene, gute Lösung hatten, die nicht aus Amerika kam - eine kleine tech­nologische Eigen­ständig­keits­erklä­rung mitten im sonst so amerikanisch geprägten Netz.

Der Moment verflog schnell. Im April 2000 startete die deut­sche Version von Google, und binnen kurzer Zeit verlor Fireball nahezu seinen gesamten Markt­anteil. Aus Nutzer­sicht war der Wechsel folge­richtig - Google war schlicht besser, schneller, auf­geräumter. Im Rück­blick liest sich diese Episode aber auch wie ein kleines Lehr­stück: Eine zeitweilige deut­sche Führungs­position hielt nicht lange, sobald der amerikani­sche Wett­bewerber tech­nologisch aufholte und in den Markt drängte.


Der Run auf den eigenen Namen

Ein Wendepunkt für viele private Nutzer war das Jahr 1998, als der Berliner Anbieter Strato mit seiner Kampagne "wunschname.de" eine eigene Internet-Adresse plötz­lich für ein paar Mark im Monat verfüg­bar machte, samt Web­space gleich dazu. Was bis dahin nach Firmen­website und teurem Spezial­wissen gek­lun­gen hatte, war auf einmal Sache jedes Hobby­bastlers.

Die Wirkung war beeindruckend: Von rund 50.000 registrier­ten .de-Domains zum Start der Kampagne wuchs die Zahl bis Oktober 1999 auf eine Million, und nur ein gutes halbes Jahr später schon auf zwei Millio­nen. Hinter jeder dieser Domains stand kein Konzern, sondern meistens ein einzel­ner Mensch, der zum ersten Mal das Gefühl hatte, eine eigene, feste Adresse im Netz zu besitzen.


Goldrausch und Kater

Die Jahre 1999 und 2000 hatten etwas Fieber­haftes. Im Fern­sehen warb Schau­spieler Manfred Krug für die Telekom-Aktie, in den Zei­tun­gen häuften sich Meldungen über neue Börsen­gänge am "Neuen Markt", dem deut­schen Pendant zur amerikani­schen Nasdaq, und Firmen­namen wie Mobilcom, EM.TV oder Intershop wurden zum Gesprächs­stoff am Mittags­tisch. Am 10. März 2000 erreichte der Index des Neuen Marktes seinen Höchst­stand - auf den Tag genau am selben Tag wie die Nasdaq in den USA.

Was folgte, war ernüchternd, und in mancher Hinsicht sogar schärfer als in Amerika: Binnen gut zwei Jahren verlor der Index über neunzig Prozent seines Wertes. Hinzu kamen Skandale, die es in dieser Häufung in den USA nicht gab - der Telematik-Anbieter ComROAD etwa hatte seine Umsätze prak­tisch voll­ständig er­funden, der Firmen­gründer wurde später zu mehreren Jahren Haft ver­urteilt. 2003 wurde der Neue Markt schließ­lich ganz ge­schlossen, ein stilles Ende einer lauten Episode.


Die Kunst der schnellen Kopie

Eine Episode dieser Jahre erzählt im Kleinen, wie deut­sche Gründer mit dem amerikani­schen Vor­sprung um­gingen. Während eBay in den USA längst etabliert war, aber noch nicht nach Deutsch­land expandiert hatte, bauten die Brüder Samwer in Windes­eile eine fast iden­tische Kopie namens Alando. Im Sommer 1999, nur wenige Monate nach dem Start, kaufte eBay dieses Alando für rund 43 Millio­nen US-Dollar auf, um sich selbst den Markt­eintritt zu sichern.

Ähnliche Versuche, etwa das von einem Verlags­konsortium betriebene Andsold.de, scheiterten, wurden aber eben­falls in Partner­schaften mit dem amerikani­schen Original aufgelöst. Aus diesen Ge­schich­ten ließ sich ein eigenes deut­sches Geschäfts­modell heraus­lesen: nicht erfinden, sondern schnell nach­bauen, bevor das amerikani­sche Original selbst ankommt - und dann mit Gewinn ver­kaufen, sobald es tatsäch­lich auftaucht.


Das unsichtbare Fundament

Inmitten dieser Geschichte von Verspätung und Nach­ahmung gibt es einen Bereich, der bis heute kaum bekannt ist, obwohl er welt­weit ganz oben steht: die physische Infrastruk­tur des Internets. 1995, im selben Jahr, in dem auch der Neue Markt ent­stand, schlossen sich drei deut­sche Internet­anbieter in einem alten Post­gebäude im Frankfurter Gutleut­viertel zusammen, um einen eigenen Internet­knoten zu bauen - den DE-CIX.

Der Anlass war ärgerlich konkret: Bis dahin mussten deut­sche Daten­pakete oft zweimal den Atlantik über­queren, selbst wenn Sender und Empfänger nur wenige Kilometer voneinander ent­fernt saßen, weil der Daten­austausch prak­tisch aus­schließ­lich über amerikani­sche Knoten­punkte lief.

Aus einem schuhkartongroßen Gerät mit zehn Anschlüssen und gerade einmal zehn Megabit Kapazität wurde im Laufe der folgenden Jahr­zehnte der größte Internet­knoten der Welt, durch den heute mehr als sechs Terabit Daten pro Sekunde fließen und an dem selbst amerikani­sche Technologie­konzerne an­geschlossen sind.

Es ist eine kleine Ironie der Geschichte: Während Deutsch­land bei Such­maschinen, Portalen und privaten Home­pages meist den Ameri­kanern hinterher­lief oder ihre Ideen kopierte, blieb aus­gerech­net die unsicht­bare Schicht darunter - Leitungen, Knoten­punkte, die Verwal­tung der .de-Domains durch die eigens ge­gründete DENIC - fest in deut­scher Hand und internatio­nal konkurrenz­fähig, ohne dass es im Alltag der meisten Nutzer je groß auf­fiel.


Wikipedia deutsch

Ein anderes Kapitel betrifft die deutsch­sprachige Wikipedia. Sie ging am 16. März 2001 online, nur zwei Monate nach der englisch­sprachigen Ausgabe und noch vor den meisten anderen Sprach­versionen - damit zählt sie zu den aller­ersten Ablegern des Projekts über­haupt.

Bis heute hat sie diese Stellung in beacht­lichem Umfang gehalten: Zieht man zur Artikel-Anzahl auch noch die Zahl der aktiven Autoren, Bearbei­tun­gen und Administra­toren heran, ist die deutsch­sprachige Wiki­pedia nach der englischen die zweit­größte der Welt - und wurde von der Wikimedia-Geschäfts­führerin selbst einmal als die qualita­tiv beste Sprach­version über­haupt be­zeichnet. Anders als bei den Such­maschinen oder den Online-Auktions­häusern handelte es sich hier nicht um einen Wett­lauf, den man gegen ein amerikani­sches Original verlor oder gewann, sondern um eine Gemein­schafts­leistung, die innerhalb eines amerikanisch er­funde­nen Rahmens über zwei Jahr­zehnte lang kontinuier­lich ge­wachsen ist und bis heute Bestand hat.


Ein Nachklang

Betrachtet man diese Jahre aus der Distanz, ergibt sich kein Bild von Deutsch­land als reinem Trittbrett­fahrer, aber auch keines gleich­wertiger Innovations­kraft. Es war eher ein eigenes, spezifi­sches Muster: direkte Über­nahme, wo es keine deut­sche Alter­na­tive gab, wie bei den ersten privaten Home­pages; kurzes eigenes Auf­blühen, das ver­schwand, sobald der amerikani­sche Wett­bewerber tech­nologisch aufholte, wie bei Fireball; schnelle Kopien, die man mit Gewinn an das amerikani­sche Original ver­kaufte, wie bei Alando. Und aus­gerechnet bei der Frage, wie die Daten überhaupt durch die Lei­tun­gen kommen, war Deutsch­land leise, aber nach­haltig führend.

Was bleibt, ist eine Mischung aus Wehmut über verpasste Chancen, leiser Belusti­gung über die Goldgräber­stimmung jener Jahre mit all ihren Skandalen - und einer bis heute anhalten­den Über­raschung darüber, dass mitten in Frankfurt, fernab der großen Plattform-Schlachten, tatsäch­lich etwas von Welt­rang ent­standen ist, das kaum jemand aus jener Generation, die einst dem Pfeifen ihres Modems lauschte, damals über­haupt be­merkt hat.


Nachwort: Das Verschwinden des Sichtbaren

Was damals als Befreiung begann - die eigene Homepage, die eigene Domain, die eigene Such­maschine -, verlor in den folgenden zwei Jahrzehnten still und stetig an Bedeutung. Schon ab etwa 2010, mit dem Sieges­zug des Smart­phones und der großen sozialen Netz­werke, verschob sich der digitale Alltag von der offenen Seiten­land­schaft des Web hin zu ge­schlosse­nen Apps. Wer früher eine Home­page besuchte, öffnete nun eine App; wer früher von Link zu Link surfte, scrollte nun durch einen Feed, der von einem einzigen Unter­neh­men kuratiert wurde. Die bunte, oft chao­tische Vielfalt der GeoCities- und Beepworld-Jahre wich der glatten Ein­heit­lich­keit standardi­sierter Platt­formen.

Für die nachwachsenden Generatio­nen wurde das offene Web dadurch zu­nehmend zu einer Rand­erscheinung. Bis etwa 2025 kannte die Jugend das Web vor allem noch als Werkzeug für ge­zielte Such­anfragen, fast aus­schließ­lich über Google - nicht mehr als einen Ort, durch den man streifte, sondern als ein Mittel, das man kurz benutzte, um eine konkrete Frage zu be­antwor­ten, bevor man wieder in eine App zurück­kehrte. Das Surfen im eigent­li­chen Sinn, jenes ziellose Klicken von einer Seite zur nächsten, das einst den Charme der frühen Jahre aus­machte, war für viele junge Menschen kaum noch eine ver­traute Er­fahrung.

Und dann, spätestens ab 2026, übernahmen KI-Chats end­gültig die Funktion, die zuvor Such­maschinen erfüllt hatten. Der ent­scheidende Unter­schied lag in der Form der Antwort: Wo eine Such­maschine eine Liste von Links präsen­tierte, durch die man sich selbst klicken musste, lieferte der KI-Chat nun eine fertige Antwort, in der das Web nur noch als Quellen­angabe am Rande auf­tauchte - zitiert, aber nicht mehr besucht. Das Web wurde damit, nach Jahr­zehnten als sicht­barer, anklick­barer Ort, zu einer Art unsicht­barem Unter­grund: weiterhin die Grund­lage, auf der alles auf­baute, aber kaum noch ein Ort, an den man sich selbst begab.

So schließt sich, ein Viertel­jahrhundert nach dem Rauschen des ersten Modems, ein eigentüm­li­cher Kreis. Was als sichtbare, von Menschen liebevoll und chao­tisch gestaltete Seiten­landschaft begann, endete als unsicht­bares Fundament hinter einer einzi­gen Antwort­zeile. Die Domains, die Such­maschinen, die Homepages - sie existie­ren noch, doch betreten werden sie kaum noch. Vielleicht ist das die letzte, leiseste Pointe dieser Ge­schichte: Das Web, einst der Ort, an dem man etwas wurde, ist zu einem Ort geworden, von dem man nur noch zitiert wird.


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