Ich erinnere mich, wie früher der Firefox-Browser in Deutschland die höchsten Marktanteile hatte. Warum stach Deutschland dabei weltweit hervor, was war in Deutschland anders?
Deutschland gilt international als digitales Nachzüglerland. Langsame Behördenportale, Faxgeräte in Arztpraxen noch im Jahr 2025, fehlende Plattformkonzerne, träge Breitband-Infrastruktur auf dem Land - das Bild ist bekannt und nicht ganz falsch. Und doch ist es nur die halbe Wahrheit.
Denn gleichzeitig entwickelte Deutschland über Jahrzehnte eine der stärksten technischen Infrastruktur-, Linux- und Open-Source-Kulturen der westlichen Welt. Viele zentrale Elemente des offenen Internets wurden in Deutschland nicht nur intensiv genutzt, sondern organisatorisch, kulturell und technisch mitgeprägt. Firefox war hier jahrelang Marktführer, als Chrome längst weltweit dominierte. DE-CIX in Frankfurt wurde zu einem der größten Internetknoten der Erde. Die deutschsprachige Wikipedia galt lange als qualitativ hochwertigste Sprachversion überhaupt. Der Chaos Computer Club wurde zu einer politisch ernstgenommenen Institution, die vor Bundesverfassungsgerichten Gutachten einreicht.
Wie passt das zusammen? Wie konnte dasselbe Land, das bis in die 2020er Jahre hinein Fax als verbindliches Kommunikationsmittel betrachtete, gleichzeitig eine der lebendigsten Open-Source-Communitys der Welt hervorbringen?
Die Antwort liegt tiefer als Technik. Sie liegt in Kulturgeschichte, Rechtstradition, Industrieidentität und einem folgenreichen Missverständnis darüber, was das Internet überhaupt ist - und wem es gehört.
Um die deutsche Beziehung zum Internet zu verstehen, muss man mit einer grundlegenderen Frage beginnen: Welchen Dingen messen Menschen Wert bei?
Deutschland ist seit dem späten 19. Jahrhundert in seinem Selbstverständnis zutiefst ein Industrieland. „Made in Germany“ - ursprünglich als britische Warnkennzeichnung eingeführt, um Konsumenten vor billigen deutschen Exporten zu schützen - wurde zum Qualitätsmerkmal und nationalen Stolz. Die deutsche Wirtschaft baute ihren globalen Ruf auf physischen Produkten: Maschinenbau, Automobil, Chemie, Feinmechanik, Elektrotechnik. Der Ingenieur, nicht der Unternehmer, war die Leitfigur.
In dieser Kultur hat ein Produkt einen Wert, wenn man es anfassen, prüfen, zertifizieren und übergeben kann. Es gibt Gewicht, Maße, Toleranzen. Es kann inspiziert werden. Es hält oder es hält nicht. Diese Denkweise ist nicht beschränkt - sie hat der Welt Präzisionstechnik von höchster Qualität gegeben. Aber sie bringt eine blinde Stelle mit sich: Das Immaterielle, das sich nicht in der Hand halten lässt, wird mit Skepsis betrachtet.
Genau diese Skepsis traf das frühe Internet - und vor ihm schon BTX.
Informationen auf einem Bildschirm hatten in dieser Wahrnehmung keinen inhärenten Wert. Sie waren flüchtig, nicht greifbar, nicht beweisbar. Sie konnten verschwinden, verändert werden, falsch sein. Ein Brief auf Papier hingegen existierte. Er trug eine Unterschrift. Er ließ sich aufbewahren, vorzeigen, vor Gericht einreichen. Dasselbe galt für das Faxgerät: Was aus dem Gerät rollte, war Papier. Schwarz auf weiß. Physisch präsent. Juristisch verwertbar.
Das Fax-Phänomen ist deshalb kein Kuriosum der deutschen Technikfeindlichkeit, sondern ein Symptom einer tiefsitzenden Gleichsetzung von Materialität mit Verbindlichkeit. In Deutschland galt das Fax juristisch lange als dem Brief ähnlich. Eine E-Mail war „nur Text auf einem Bildschirm“ - und wer garantiert, dass dieser Text morgen noch derselbe ist? Diese Frage ist keine irrationale Angst. Sie ist der Ausdruck einer Rechtskultur, die Beweissicherheit höher gewichtet als Bequemlichkeit.
Dasselbe Muster zog sich durch: die Skepsis gegenüber der digitalen Signatur, die Bevorzugung des beglaubigten Papierausdrucks vor dem elektronischen Dokument, die jahrzehntelange Weigerung vieler Behörden, digitale Einreichungen als rechtsverbindlich anzuerkennen. Deutschland war hier nicht rückständig aus Ignoranz, sondern vorsichtig aus Prinzip - einem Prinzip, das im Industriezeitalter gut funktioniert hatte und sich nur langsam an neue Realitäten anpasste.
Vor diesem kulturellen Hintergrund muss man BTX verstehen - und das bedeutet zunächst, eine weit verbreitete Vereinfachung zu korrigieren: Die Deutsche Bundespost war beim Thema digitale Kommunikation keineswegs rückständig. Sie war, im Gegenteil, technisch ihrer Zeit weit voraus.
Bereits 1977 präsentierte Postminister Kurt Gscheidle auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin den Bildschirmtext, kurz BTX. Das war ein Zeitpunkt, zu dem in den USA der Heimcomputer gerade erst entstand und an ein öffentliches digitales Netz für Konsumenten noch niemand ernsthaft dachte. BTX kombinierte Telefon und Fernsehgerät zu einem Kommunikationsmedium: Informationen abrufen, Waren bestellen, Bankgeschäfte erledigen, mit anderen Teilnehmern kommunizieren. Das alles war konzeptionell vorhanden - in einer Epoche, in der das World Wide Web noch gut ein Jahrzehnt entfernt war.
Die Bundespost entwickelte damit früh etwas, das man rückblickend als Vorform des Browsers bezeichnen kann: einen universellen Zugangspunkt zu vernetzten Informations- und Transaktionsdiensten. Bereits 1980 führten 200 Testkunden in Neuss Online-Banking durch - die Verbraucherbank bewarb sich als „meine Bank im Wohnzimmer“. Das PIN/TAN-Verfahren, das bis heute im deutschen Online-Banking verwendet wird, wurde für BTX erfunden. Große Versandhäuser wie Otto und Quelle boten ihren Warenkatalog digital an. Banken, Lufthansa, die Deutsche Bundesbahn - das institutionelle Deutschland erkannte früh das Potenzial.
Und dann kam die Bundespost sich selbst in die Quere.
Das Problem war nicht die Technologie. Es war das Geschäftsmodell und die Monopol-Mentalität. Die Anschlussgebühr betrug 55 DM, dazu eine monatliche Grundgebühr von 8 DM - in einer Zeit, in der das Durchschnittsgehalt weit weniger Spielraum ließ als heute. Jeder einzelne Seitenaufruf kostete extra, von einem Pfennig bis zu 9,99 DM. Die Hardware war teuer und musste von der Bundespost bezogen werden; externe Modem-Hersteller wurden in den Anfangsjahren schlicht nicht zugelassen. Technische Innovation durch Drittanbieter - genau das, was ein Ökosystem zum Leben erweckt hätte - wurde per Regulierung verhindert.
Die Folgen waren absehbar. Die Bundespost hatte für 1986 eine Million Nutzer prognostiziert. Tatsächlich waren es 60.000. Die Millionenmarke wurde erst 1995 erreicht - und nur deshalb, weil T-Online BTX zu diesem Zeitpunkt mit echtem Internetzugang und E-Mail koppelte. Da war BTX als eigenständiges System bereits gescheitert.
Hier offenbart sich ein strukturelles Problem, das über BTX hinausgeht: Die Bundespost dachte in Kategorien des Monopolanbieters, nicht des Plattformbetreibers. Sie wollte kontrollieren, wer was anbietet und die Leistungen direkt bezahlt nehmen. Dahingegen funktioniert das Internet nach dem entgegengesetzten Prinzip: offen, dezentral, von niemandem kontrolliert. BTX und das Internet waren nicht nur technisch verschieden - sie repräsentierten zwei grundverschiedene Vorstellungen davon, wie ein Kommunikationsnetz organisiert sein sollte.
Rückblickend drängt sich eine Frage auf: Wäre BTX erfolgreicher gewesen, wenn es primär als Industriekommunikationsnetz vermarktet worden wäre?
Die Vermutung ist nicht abwegig. Deutschland hatte - und hat - eine der dichtesten Zulieferer- und Produktionsnetzwerke der Welt. Die Automobil-Industrie koordiniert täglich Tausende von Lieferbeziehungen. Maschinenbauer tauschen technische Spezifikationen aus. Pharmaunternehmen brauchen sichere Datenkanäle zu Behörden und Labors. All das sind Anwendungsfelder, für die ein staatlich betriebenes, sicheres digitales Datennetz ideal gewesen wäre - und die perfekt zur deutschen Industrie-Identität gepasst hätten. Elektronischer Datenaustausch zwischen Unternehmen (EDI) war in dieser Zeit ein aufkommendes Thema, und eine nationale Infrastruktur hätte hier eine starke Rolle spielen können.
Stattdessen wurde BTX als Heimdienst positioniert - als elektronische Unterhaltung und Einkaufsmöglichkeit für den Verbraucher, visualisiert am Wohnzimmer-Fernsehgerät. Das war kulturell unpassend. Der deutsche Mittelstand und die Industrie hätten einem Werkzeug vertraut; dem Verbraucher verkaufte man eine Neuheit, die teurer war als ihr Nutzen.
Der Vergleich mit Frankreich ist hier lehrreich: Das französische Minitel war technisch ähnlich konzipiert wie BTX, wurde aber von France Télécom kostenlos als Terminal an Haushalte verteilt. Die Hürde entfiel - und Minitel erreichte Millionen Nutzer und wurde zum festen Bestandteil des französischen Alltags, bis das Internet es verdrängte. Deutschland scheiterte nicht am fehlenden Konzept, sondern an der Preispolitik und der Monopolkontrolle.
Während die Bundespost ihr zentralistisches Netz verwaltete und dabei an Gebühren und Kontrolle festhielt, entstand parallel dazu eine vollkommen andere digitale Welt - dezentral, selbstorganisiert, oft illegal im Grenzbereich der Postmonopolregulierung.
Die Mailbox-Szene der 1980er Jahre ist der vergessene Gründungsmythos der deutschen Internetkultur. Über selbst gebaute oder modifizierte Computer, Akustikkoppler und Telefonleitungen entstanden private Bulletin Board Systems (BBS), auf denen sich technisch interessierte Menschen austauschten, Dateien teilten, diskutierten. Netzwerke wie das Z-Netz und das MausNet organisierten dezentralen Nachrichtenaustausch - ohne Bundespost, ohne Genehmigung, oft in einer rechtlichen Grauzone.
Diese Szene war klein, aber kulturell folgenreich. Sie etablierte eine Grundhaltung, die das spätere deutsche Internet prägen sollte: Netze gehören ihren Nutzern, nicht ihren Betreibern. Kommunikation soll offen und unkontrolliert sein. Wissen ist Gemeingut. Der Zugang zu Information ist ein Recht, kein Produkt.
Nirgendwo wurde diese Haltung sichtbarer und politisch wirksamer als im Chaos Computer Club, gegründet am 12. September 1981 in Berlin, bald darauf in Hamburg zur prägenden Kraft geworden.
International waren Hackergruppen oft Randerscheinungen, von der Öffentlichkeit bestenfalls als Kuriosität, schlimmstenfalls als Bedrohung wahrgenommen. Der CCC entwickelte sich dagegen zu etwas in der Hackergeschichte weitgehend Einzigartigem: einer zivilgesellschaftlichen Organisation, die technische Themen mit Bürgerrechtsfragen verknüpfte und dabei von Medien und Politik ernst genommen wurde.
Der BTX-Hack von 1984 war das erste große öffentliche Ausrufezeichen. Der CCC nutzte eine Sicherheitslücke im BTX-System, um 134.000 DM vom Konto der Hamburger Sparkasse abzubuchen - und gab das Geld am nächsten Tag zurück. Die Botschaft war klar: Das System, das die Bundespost als sicher verkaufte, war es nicht. Der CCC demonstrierte das, anstatt es zu verschweigen, und erzwang damit eine öffentliche Auseinandersetzung mit digitaler Sicherheit zu einem Zeitpunkt, als die meisten Politiker noch nicht wussten, was ein Modem ist.
In den folgenden Jahrzehnten wurde der CCC zu einer Institution, die weit über eine Hackergruppe hinausging. Er gab Gutachten für Gerichte ab, beriet Parlamentarier, deckte Staatstrojaner auf, analysierte Wahlcomputer und prägte den Begriff der Netzpolitik als legitimes politisches Feld. In Deutschland entstand dadurch etwas, was anderen Ländern weitgehend fehlte: eine Kultur, in der technische Themen als gesellschaftlich relevant galten und öffentlich diskutiert wurden.
Diese Kultur war der ideale Nährboden für Linux, Open Source und später Firefox.
Die deutsche Linux- und Open-Source-Szene ist kein Zufall. Mehrere historische Stränge liefen zusammen und verstärkten sich gegenseitig.
Linux verbreitete sich in Deutschland Anfang der 1990er Jahre zunächst an Universitäten, Fachhochschulen und Forschungsinstituten. Unix war im akademischen Umfeld bereits etabliert; Linux erschien als frei verfügbare Alternative für normale PC-Hardware. Informatikstudenten, Systemadministratoren und Ingenieure kamen früh damit in Berührung - in einem Umfeld, das Offenheit und Wissensteilung als Norm verstand.
Kaum ein anderes Land verfügte über eine ähnlich starke, technisch tiefgehende Computerpresse wie Deutschland. Das c't-Magazin des Heise-Verlags, Golem.de und ähnliche Publikationen erreichten eine technisch versierte Leserschaft in einer Breite, die international ihresgleichen suchte. Die c't veröffentlichte Linux-Sonderhefte mit Installations-CDs, ausführliche Sicherheitsanalysen, Open-Source-Berichte und Browser-Vergleiche. Für viele Nutzer begann der erste Linux-Kontakt mit einer Heft-CD aus dem Zeitschriftenhandel - eine niedrigschwellige Verbreitungsform, die ideal zu einer Kultur passte, die das Lesen von Handbüchern nicht scheute.
Ein oft unterschätzter Faktor ist die spezifisch deutsche Datenschutzkultur, die erheblich älter ist als das Internet.
1983 erließ das Bundesverfassungsgericht sein Volkszählungsurteil - eine Entscheidung, die das Recht auf informationelle Selbstbestimmung als Grundrecht etablierte. Bürger haben das Recht zu wissen, wer welche Daten über sie speichert, und das Recht, dieser Speicherung zu widersprechen. Das war in dieser juristischen Schärfe international einzigartig - in den USA etwa existiert kein vergleichbares verfassungsrechtlich verankertes Datenschutzrecht.
Dieses Grundrecht war nicht nur juristische Theorie. Es prägte eine gesellschaftliche Haltung: Daten sind etwas Persönliches, das Schutz verdient. Große Unternehmen, die Daten sammeln, sind mit Misstrauen zu betrachten. Wer seine eigene Software kontrolliert, kontrolliert auch seine eigenen Daten.
Diese Haltung machte Open Source, Firefox und Linux zu mehr als technischen Alternativen. Sie machten sie zu einer kulturellen Haltung: Ich vertraue keinem Konzern die Kontrolle über mein Werkzeug an. Ich benutze Software, deren Quellcode ich einsehen kann. Diese Überzeugung war in Deutschland verbreiteter als anderswo - und sie erklärt einen Teil der außergewöhnlichen Firefox-Dominanz.
Der Browser-Markt ist ein aufschlussreiches Barometer für Internetkultur. Und hier war Deutschland lange ein Ausreißer.
Während Google Chrome weltweit nach seinem Start 2008 rasant Marktanteile gewann und bald dominierte, blieb Deutschland jahrelang ein Firefox-Land. Um 2013 lag Firefox auf deutschen Desktop-Systemen bei rund 45% Marktanteil - ein Wert, den Chrome weltweit zu diesem Zeitpunkt längst überschritten hatte. Noch 2015 war das Rennen in Deutschland deutlich enger als international.
Das ist erklärungsbedürftig. Firefox bot keine überlegene Geschwindigkeit; Chrome war oft schneller. Firefox hatte keine überlegene Integration in andere Dienste; das hatte Chrome durch Google. Firefox gewann keine Werbekampagnenschlacht; Google hatte dafür das größte Werbenetzwerk der Welt.
Firefox gewann in Deutschland etwas anderes: Vertrauen durch Transparenz und Unabhängigkeit.
Mozilla war keine Tochter eines Konzerns, der Werbeeinnahmen mit Nutzerdaten verdiente. Firefox war Open Source - der Quellcode war einsehbar, überprüfbar, unabhängig auditierbar. Für die technisch versierte deutsche Nutzerschaft, die durch CCC, Heise und Datenschutz-Tradition sozialisiert war, war das ein starkes Signal.
Hinzu kam ein spezifisches Moment der deutschen Internetgeschichte: das NSA-Überwachungs-Skandal-Jahr 2013. Edward Snowdens Enthüllungen trafen in Deutschland auf eine bereits vorhandene Grundskepsis gegenüber amerikanischen Technologiekonzernen. Der Satz „Unter Freunden spioniert man nicht“ - gesprochen von Bundeskanzlerin Merkel über das Abhören ihres Mobiltelefons - traf einen Nerv. In diesem Klima erschien Google Chrome als Browser eines Unternehmens, das Daten sammelte und an amerikanische Geheimdienste weitergeben musste, als denkbar schlechte Wahl für Nutzer, denen Privatheit wichtig war.
Firefox war in Deutschland nie nur ein Browser. Er war auch eine Aussage.
Das Bild Deutschlands als digitales Entwicklungsland war immer dann am stärksten, wenn man Digitalisierung mit Consumer-Internet gleichsetzte: mit Social Media, Smartphones, Plattformen, Apps. In dieser Messung schnitt Deutschland tatsächlich schlecht ab.
Misst man dagegen nach technischer Infrastruktur, sieht die Bilanz fundamental anders aus.
Frankfurt am Main entwickelte sich mit DE-CIX - dem Deutschen Commercial Internet Exchange - zu einem der größten Internetknoten der Welt. Gemessen am Datendurchsatz gehört DE-CIX regelmäßig zur Weltspitze. Das ist kein Zufall: Frankfurt ist geographisch zentral in Europa, Deutschland verfügt über stabile Rechtssicherheit, und der deutsche Hosting- und Rechenzentrumsmarkt ist einer der größten Europas.
Die deutsche Domain-Endung .de war zeitweise die größte länderspezifische Top-Level-Domain weltweit - ein Indiz dafür, wie früh und dicht die deutsche Wirtschaft und Zivilgesellschaft das Web besiedelten. Nicht mit Plattformen, sondern mit Websites, Shops, Diensten.
Strato, 1&1, Hetzner - deutsche Hosting-Unternehmen bauten Infrastruktur, auf der ein erheblicher Teil des deutschen und europäischen Internets läuft. DENIC, die Genossenschaft, die .de verwaltet, ist selbst ein Ausdruck der beschriebenen Vereinskultur: dezentral organisiert, gemeinschaftlich betrieben, nicht gewinnorientiert im klassischen Sinne.
Deutschland war schwach im digitalen Konsumkapitalismus. Es war stark im digitalen Maschinenbau.
Ein strukturelles Merkmal, das im internationalen Vergleich auffällt, ist die Organisationsform der deutschen Open-Source-Welt.
Deutschland besitzt eine außergewöhnlich starke Vereinskultur. Sportvereine, Musikvereine, Bürgervereine, Amateurfunk-Clubs, Technikvereine - die kollektive Selbstorganisation in Vereinsform ist in Deutschland tief kulturell verankert. Nach Schätzungen gibt es über 600.000 eingetragene Vereine; pro Kopf der Bevölkerung ist das im internationalen Vergleich sehr hoch.
Diese Struktur passte bemerkenswert gut zur Open-Source-Welt.
Softwareprojekte wurden in Deutschland selten primär als Startups verstanden - also als Vehikel für privaten Reichtum durch Wachstum und Exit. Sie wurden häufiger als gemeinschaftlich gepflegte Infrastruktur betrachtet: als etwas, das man zusammen aufbaut, pflegt und nutzt, wie ein Sportplatz oder eine Bibliothek. Wikimedia Deutschland, die Gesellschaft für Freiheit im Netz (GFF), der Förderverein für freie Netzwerke - alle diese Organisationen bedienen sich der Vereinsform und spiegeln damit eine kulturelle Grundhaltung: Das Netz gehört seinen Nutzern, und seine Pflege ist eine kollektive Aufgabe.
Der CCC selbst ist ein eingetragener Verein.
Diese Denkweise erklärt auch, warum in vielen Open-Source-Projekten weltweit überproportional viele deutsche Namen auftauchen - nicht als Gründer globaler Plattformen, sondern als langjährige Maintainer, Paketpfleger, Dokumentationsschreiber, Community-Organisatoren. Open Source belohnt Kontinuität und Verlässlichkeit. Die deutsche Ingenieurskultur - Stabilität, Standardkonformität, langfristige Wartung - passt dazu gut.
Drei Projekte verdeutlichen diese Kultur besonders anschaulich.
Die Wurzeln von OpenOffice liegen in der Firma Star Division, gegründet 1985 vom damals 16-jährigen Marco Börries in Lüneburg, bald darauf nach Hamburg umgezogen. StarOffice war ein vollständiges Office-Paket, das in Deutschland mit beachtlichem Erfolg als kostengünstige Alternative zu Microsoft Office vermarktet wurde. 1999 kaufte Sun Microsystems Star Division - und veröffentlichte 2000 den Quellcode als OpenOffice.org.
In Deutschland war OpenOffice außergewöhnlich populär: in Schulen, Behörden, Linux-Umgebungen und datenschutzsensiblen Organisationen. Die Software stammte aus Deutschland, war kostenlos und offenlegte ihren Code - das war eine Kombination, die zur beschriebenen Kulturhaltung ideal passte. Aus OpenOffice.org entstanden später LibreOffice und weitere Ableger, die bis heute aktiv weiterentwickelt werden.
Wikimedia Deutschland entwickelte sich zu einem der größten und einflussreichsten Wikimedia-Chapter weltweit. Die deutschsprachige Wikipedia galt lange als qualitativ besonders hochwertig - mit strengen Relevanzkriterien, sorgfältiger Quellenarbeit und einer aktiven Community, die Artikel diskutiert und verbessert. Auch hier zeigt sich das Muster: nicht das größte Projekt (das ist die englischsprachige Wikipedia), aber eines mit Qualitätsanspruch und langfristiger Pflegebereitschaft.
Das LiMux-Projekt der Stadt München ist das ambivalenteste Beispiel. Ab 2003 versuchte München, rund 15.000 Verwaltungs-PCs auf Linux umzustellen - ein Projekt, das weltweit als Symbol für mögliche digitale Souveränität im öffentlichen Sektor rezipiert wurde.
Das Projekt hatte echte Erfolge: Tausende Arbeitsplätze wurden migriert, OpenOffice.org flächendeckend eingeführt, Abhängigkeiten von Microsoft reduziert. Es hatte aber auch strukturelle Probleme: fehlende Kompatibilität mit Fachsoftware, Widerstände in der Verwaltung, politische Richtungswechsel. 2017 beschloss die neue Stadtratsmehrheit aus SPD und CSU die Rückkehr zu Microsoft.
LiMux scheiterte nicht an der Open-Source-Idee, sondern an mangelnder politischer Kontinuität und einem unterschätzten Change-Management. Die Technik funktionierte - die Organisation nicht.
Bemerkenswert ist, dass München heute einen zweiten, institutionell deutlich durchdachteren Anlauf unternimmt.
Anfang 2024 etablierte die Stadt ein Open Source Program Office (OSPO) als zentrales Kompetenzzentrum. Seine Aufgaben umfassen die Prüfung und Bewertung von Open-Source-Projekten, rechtliche Beratung der Verwaltung, Qualitätssicherung und die Pflege von Kontakten zur Open-Source-Community. Selbst entwickelte Software wird auf öffentlichen Plattformen veröffentlicht - dem Prinzip „Public Money, Public Code“ folgend.
Dazu kommt ein institutionell innovatives Instrument: das Open Source Sabbatical. Professionellen Entwicklern aus aller Welt wird für sechs Monate eine bezahlte Auszeit ermöglicht, in der sie ein Open-Source-Projekt voranbringen und eng mit der Stadtverwaltung zusammenarbeiten. 200.000 Euro stehen jährlich bereit - kein großes Budget, aber ein Signal.
Dieses Modell vermeidet den Fehler von LiMux: Es versucht keine erzwungene Großmigration, sondern baut langsam Kompetenz, Community und Infrastruktur auf. Es denkt in Ökosystemen, nicht in Beschaffungsentscheidungen.
München ist dabei nicht allein. Die Bundesregierung beschloss 2025, öffentliche Dokumente nur noch in offenen Formaten auszugeben. Schleswig-Holstein meldete, dass 80% der Landesverwaltungs-Arbeitsplätze von Microsoft-Software auf Open-Source-Alternativen umgestellt worden seien. Der Sovereign Tech Fund fördert auf Bundesebene die Wartung kritischer Open-Source-Infrastruktur. OpenDesk, eine vom Bund geförderte Alternative zu Microsoft 365, befindet sich im Aufbau.
Hinter all dem steht ein neuer politischer Kontext: Die zunehmend angespannten Beziehungen zu den USA unter der Trump-Regierung haben die europäische Debatte um digitale Souveränität beschleunigt. Die Abhängigkeit öffentlicher Institutionen von amerikanischen Cloud-Diensten, Betriebssystemen und Produktivitäts-Suiten wird als strategisches Risiko neu bewertet. In diesem Klima ist Open Source nicht mehr nur eine ideologische Präferenz von Technikern - sie ist eine Option, die Regierungen ernsthaft prüfen.
Warum entstand überhaupt das Bild Deutschlands als digitalem Nachzüglerland - trotz DE-CIX, Firefox-Dominanz, OpenOffice, Wikimedia und einer lebendigen Linux-Community?
Die Antwort liegt in einem Definitionswandel. In den 1990er und frühen 2000er Jahren bedeutete Digitalisierung vor allem: Netzwerke, Server, Protokolle, Betriebssysteme, Infrastruktur. In dieser Messung war Deutschland vorne dabei.
Ab den 2010er Jahren verschob sich die Definition fundamental: Digitalisierung wurde gemessen an Smartphones, sozialen Netzwerken, App-Ökonomien, Cloud-Diensten und digitalen Verwaltungsservices. Und in dieser Messung schnitt Deutschland tatsächlich schlechter ab.
Deutschland hatte keine globale Suchmaschine hervorgebracht. Keine soziale Plattform. Kein dominantes Betriebssystem für Smartphones. Die Venture-Capital-Kultur, die in den USA und später in China derartige Plattformen finanziert hatte, existierte in Deutschland in dieser Stärke nicht - teils aus Risikoaversion, teils aus regulatorischer Zurückhaltung, teils weil das kulturelle Leitbild des Mittelstands eher auf organisches Wachstum und Bestandspflege setzte als auf „move fast and break things“.
Das führte zu einem paradoxen Ergebnis: Deutschland war digital stark in dem, was unsichtbar ist: Infrastruktur, Protokolle, Systemsoftware, Community-Beiträge zu Open Source. Es war schwächer in dem, was sichtbar ist: Plattformen, Apps, Konsumentenprodukte. Und weil Diskurse sich naturgemäß an Sichtbarem orientieren, entstand früh das Bild der deutschen Digitalschwäche.
Es wäre jedoch zu einfach, Deutschland als einheitlich zu beschreiben. Tatsächlich existierten und existieren zwei digitale Kulturen nebeninander - mit erstaunlich wenig Überschneidung.
Auf der einen Seite: die industriell-bürokratische Kultur des Materiellen. Behörden, die Faxnummern angeben. Mittelständler, die Papierkataloge drucken. Arztpraxen, die Befunde per Brief versenden. Anwälte, die beglaubigte Ausdrucke einreichen. Diese Welt vertraut dem Physischen, misstraut dem Digitalen, und wenn sie digitale Werkzeuge benutzt, dann solche mit einem etablierten Anbieter und einem Supportvertrag.
Auf der anderen Seite: die technisch-community-orientierte Kultur des offenen Netzes. Entwickler, die Linux-Kernel-Patches einreichen. CCC-Mitglieder, die Sicherheitslücken in Wahlsystemen demonstrieren. Piratenpartei. Wikipedia-Autoren, die Artikel diskutieren. Paket-Maintainer, die Open-Source-Software pflegen. Diese Welt misstraut Konzernen, schätzt Transparenz und betrachtet das Netz als kollektiv verwaltete Infrastruktur.
Beide Kulturen sind deutsch. Sie haben aber kaum miteinander gesprochen. Das erklärt, warum Deutschland in der Breite oft hinter Erwartungen blieb: Die technisch versierte Schicht baute eine hervorragende Infrastruktur - aber sie hatte wenig Einfluss auf die Digitalisierungspolitik von Behörden, auf die Kaufentscheidungen des Mittelstands oder auf das Konsumentenverhalten. Und die breite Bevölkerung übernahm schließlich amerikanische Plattformen, weil diese komfortabel, kostenlos und omnipräsent wurden.
Die Geschichte der deutschen Internet- und Open-Source-Kultur ist keine Geschichte des Scheiterns. Sie ist eine Geschichte einer anderen Stärke - einer, die im globalen Plattformkapitalismus unsichtbar blieb, aber im technischen Fundament des Internets tief verankert ist.
Firefox war in Deutschland kulturell verwurzelt, weil er zu einer Tradition passte, die Datenschutz als Bürgerrecht verstand und Vertrauen nicht durch Marktmacht, sondern durch Transparenz verdiente. DE-CIX wurde weltbedeutend, weil Deutschland eine Rechts- und Infrastrukturkultur mitbrachte, die Verlässlichkeit über Dynamik stellte. Open Source fand in Deutschland fruchtbaren Boden, weil die Vereinskultur und die Ingenieursethik - langfristige Pflege, technische Solidität, gemeinschaftliche Verantwortung - hervorragend zur Open-Source-Logik passen.
BTX scheiterte nicht, weil Deutschland das Digitale nicht verstand. Es scheiterte, weil die Institution, die es betrieb, das Offene nicht wollte. Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass genau dieser Misserfolg - durch das Misstrauen, das er schuf, und die Gegenkultur, die er beförderte - mitverantwortlich war für die Entstehung einer der stärksten Open-Source-Communitys der Welt.
Das Fax-Deutschland und das Firefox-Deutschland sind zwei Seiten derselben Gesellschaft. Die eine hielt an Materie und Kontrolle fest, als die Welt digital wurde. Die andere baute in der Zwischenzeit das Fundament, auf dem das offene Internet bis heute steht.
Vielleicht liegt in dieser Spannung auch die Chance für die Zukunft: Wenn Deutschland seine Ingenieurs-Tradition, seine Datenschutzkultur, seine Vereinslogik und seine Open-Source-Stärken mit ernsthafter politischer Unterstützung verbindet - so wie es München mit seinem OSPO und der Bund mit dem Sovereign Tech Fund gerade versuchen -, dann ist die beschriebene Stärke keine Nostalgie. Dann ist sie ein Ausgangspunkt.