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Entstehung der deutschen Internet- und Open-Source-Kultur

Ich erinnere mich, wie früher der Firefox-Browser in Deutsch­land die höchs­ten Markt­anteile hatte. Warum stach Deutsch­land dabei welt­weit hervor, was war in Deutsch­land anders?

Deutschland gilt international als digitales Nachzügler­land. Langsame Behörden­portale, Fax­geräte in Arzt­praxen noch im Jahr 2025, fehlende Plattform­konzerne, träge Breit­band-Infra­struktur auf dem Land - das Bild ist be­kannt und nicht ganz falsch. Und doch ist es nur die halbe Wahrheit.

Denn gleichzeitig entwickelte Deutschland über Jahr­zehnte eine der stärks­ten tech­nischen Infra­struktur-, Linux- und Open-Source-Kulturen der west­li­chen Welt. Viele zentrale Elemente des offenen Inter­nets wurden in Deutsch­land nicht nur intensiv ge­nutzt, sondern organisa­torisch, kulturell und tech­nisch mit­geprägt. Firefox war hier jahre­lang Markt­führer, als Chrome längst welt­weit dominier­te. DE-CIX in Frankfurt wurde zu einem der größ­ten Internet­knoten der Erde. Die deutsch­sprachige Wiki­pedia galt lange als qualita­tiv hoch­wertigste Sprach­version über­haupt. Der Chaos Computer Club wurde zu einer poli­tisch ernst­genomme­nen Institu­tion, die vor Bundes­verfassungs­gerichten Gut­achten ein­reicht.

Wie passt das zusammen? Wie konnte das­selbe Land, das bis in die 2020er Jahre hinein Fax als verbind­li­ches Kommunika­tions­mittel be­trachtete, gleich­zeitig eine der lebendigs­ten Open-Source-Communitys der Welt hervor­bringen?

Die Antwort liegt tiefer als Technik. Sie liegt in Kultur­geschichte, Rechts­tradition, Industrie­identi­tät und einem folgen­reichen Miss­verständ­nis darüber, was das Inter­net über­haupt ist - und wem es gehört.


I. Das Industrieland und die Frage des Wertes

Um die deutsche Beziehung zum Internet zu ver­stehen, muss man mit einer grund­legende­ren Frage be­ginnen: Welchen Dingen messen Menschen Wert bei?

Deutschland ist seit dem späten 19. Jahr­hun­dert in seinem Selbst­verständ­nis zutiefst ein Industrie­land. „Made in Germany“ - ursprüng­lich als bri­tische Warn­kenn­zeichnung einge­führt, um Konsumen­ten vor billigen deut­schen Exporten zu schützen - wurde zum Qualitäts­merkmal und natio­nalen Stolz. Die deut­sche Wirt­schaft baute ihren globa­len Ruf auf physi­schen Produk­ten: Maschinen­bau, Auto­mobil, Chemie, Fein­mechanik, Elektro­technik. Der Ingenieur, nicht der Unternehmer, war die Leit­figur.

In dieser Kultur hat ein Produkt einen Wert, wenn man es an­fassen, prüfen, zertifi­zieren und über­geben kann. Es gibt Gewicht, Maße, Toleranzen. Es kann inspiziert werden. Es hält oder es hält nicht. Diese Denk­weise ist nicht be­schränkt - sie hat der Welt Präzisions­technik von höchs­ter Quali­tät gegeben. Aber sie bringt eine blinde Stelle mit sich: Das Immaterielle, das sich nicht in der Hand halten lässt, wird mit Skepsis be­trachtet.

Genau diese Skepsis traf das frühe Internet - und vor ihm schon BTX.

Informationen auf einem Bildschirm hat­ten in dieser Wahr­neh­mung keinen inhärenten Wert. Sie waren flüchtig, nicht greif­bar, nicht beweis­bar. Sie konnten verschwinden, verändert werden, falsch sein. Ein Brief auf Papier hingegen existierte. Er trug eine Unter­schrift. Er ließ sich aufbe­wahren, vorzeigen, vor Gericht ein­reichen. Dasselbe galt für das Fax­gerät: Was aus dem Gerät rollte, war Papier. Schwarz auf weiß. Physisch präsent. Juris­tisch ver­wert­bar.

Das Fax-Phänomen ist deshalb kein Kuriosum der deut­schen Technik­feindlich­keit, sondern ein Symptom einer tief­sitzenden Gleich­set­zung von Materiali­tät mit Ver­bind­lich­keit. In Deutsch­land galt das Fax juris­tisch lange als dem Brief ähn­lich. Eine E-Mail war „nur Text auf einem Bild­schirm“ - und wer garan­tiert, dass dieser Text morgen noch der­selbe ist? Diese Frage ist keine irratio­nale Angst. Sie ist der Ausdruck einer Rechts­kultur, die Beweis­sicher­heit höher gewichtet als Bequem­lich­keit.

Dasselbe Muster zog sich durch: die Skepsis gegen­über der digita­len Signatur, die Bevorzu­gung des beglaubig­ten Papier­ausdrucks vor dem elektro­nischen Dokument, die jahr­zehnte­lange Weige­rung vieler Behörden, digitale Ein­reichun­gen als rechts­verbind­lich an­zuerkennen. Deutsch­land war hier nicht rück­ständig aus Ignoranz, sondern vor­sichtig aus Prinzip - einem Prinzip, das im Industrie­zeitalter gut funktio­niert hatte und sich nur lang­sam an neue Realitä­ten an­passte.


II. BTX: Visionäre Technik, institutionelles Scheitern

Vor diesem kulturellen Hintergrund muss man BTX ver­stehen - und das bedeutet zunächst, eine weit ver­breitete Verein­fachung zu korrigie­ren: Die Deutsche Bundes­post war beim Thema digitale Kommunika­tion keines­wegs rück­ständig. Sie war, im Gegen­teil, technisch ihrer Zeit weit voraus.

Bereits 1977 präsentierte Postminister Kurt Gscheidle auf der Internatio­nalen Funkausstel­lung in Berlin den Bildschirm­text, kurz BTX. Das war ein Zeit­punkt, zu dem in den USA der Heim­computer gerade erst ent­stand und an ein öffent­li­ches digitales Netz für Konsumen­ten noch niemand ernst­haft dachte. BTX kombi­nierte Telefon und Fernseh­gerät zu einem Kommunika­tions­medium: Informa­tio­nen abrufen, Waren be­stellen, Bank­geschäfte er­ledigen, mit anderen Teil­nehmern kommuni­zie­ren. Das alles war konzeptio­nell vor­handen - in einer Epoche, in der das World Wide Web noch gut ein Jahr­zehnt ent­fernt war.

Die Bundespost entwickelte damit früh etwas, das man rück­blickend als Vorform des Browsers be­zeichnen kann: einen universel­len Zugangs­punkt zu ver­netzten Informa­tions- und Trans­aktions­diensten. Bereits 1980 führ­ten 200 Test­kunden in Neuss Online-Banking durch - die Verbraucher­bank bewarb sich als „meine Bank im Wohn­zimmer“. Das PIN/TAN-Verfahren, das bis heute im deut­schen Online-Banking ver­wendet wird, wurde für BTX er­funden. Große Versand­häuser wie Otto und Quelle boten ihren Waren­katalog digital an. Banken, Luft­hansa, die Deutsche Bundes­bahn - das institutio­nelle Deutsch­land er­kannte früh das Potenzial.

Und dann kam die Bundespost sich selbst in die Quere.

Das Problem war nicht die Technologie. Es war das Geschäfts­modell und die Monopol-Mentali­tät. Die Anschluss­gebühr betrug 55 DM, dazu eine monat­liche Grund­gebühr von 8 DM - in einer Zeit, in der das Durch­schnitts­gehalt weit weniger Spiel­raum ließ als heute. Jeder einzelne Seiten­aufruf kostete extra, von einem Pfennig bis zu 9,99 DM. Die Hard­ware war teuer und musste von der Bundes­post bezogen werden; externe Modem-Herstel­ler wurden in den Anfangs­jahren schlicht nicht zuge­lassen. Techni­sche Innova­tion durch Dritt­anbieter - genau das, was ein Öko­system zum Leben er­weckt hätte - wurde per Regulie­rung ver­hindert.

Die Folgen waren absehbar. Die Bundes­post hatte für 1986 eine Million Nutzer prognosti­ziert. Tatsäch­lich waren es 60.000. Die Millionen­marke wurde erst 1995 er­reicht - und nur des­halb, weil T-Online BTX zu diesem Zeit­punkt mit echtem Internet­zugang und E-Mail koppelte. Da war BTX als eigen­ständi­ges System bereits ge­scheitert.

Hier offenbart sich ein struktu­relles Problem, das über BTX hinaus­geht: Die Bundes­post dachte in Katego­rien des Monopol­anbieters, nicht des Plattform­betreibers. Sie wollte kontrol­lieren, wer was anbietet und die Leistun­gen direkt be­zahlt nehmen. Dahin­gegen funktio­niert das Inter­net nach dem ent­gegen­gesetz­ten Prinzip: offen, dezentral, von nieman­dem kontrol­liert. BTX und das Internet waren nicht nur tech­nisch ver­schieden - sie repräsen­tier­ten zwei grund­verschie­dene Vorstel­lun­gen davon, wie ein Kommunika­tions­netz organi­siert sein sollte.

Die verpasste B2B-Chance

Rückblickend drängt sich eine Frage auf: Wäre BTX erfolg­reicher ge­wesen, wenn es primär als Industrie­kommunikations­netz ver­marktet worden wäre?

Die Vermutung ist nicht abwegig. Deutschland hatte - und hat - eine der dichtes­ten Zuliefe­rer- und Produktions­netzwerke der Welt. Die Auto­mobil-Industrie koordi­niert täg­lich Tausende von Liefer­beziehun­gen. Maschinen­bauer tauschen tech­nische Spezifika­tio­nen aus. Pharma­unterneh­men brauchen sichere Daten­kanäle zu Behörden und Labors. All das sind Anwendungs­felder, für die ein staat­lich betriebe­nes, sicheres digita­les Daten­netz ideal ge­wesen wäre - und die perfekt zur deut­schen Industrie-Identi­tät ge­passt hätten. Elektro­ni­scher Daten­austausch zwi­schen Unter­neh­men (EDI) war in dieser Zeit ein auf­kommen­des Thema, und eine natio­nale Infra­struk­tur hätte hier eine starke Rolle spielen können.

Stattdessen wurde BTX als Heimdienst positio­niert - als elektro­nische Unterhal­tung und Einkaufs­möglich­keit für den Verbraucher, visuali­siert am Wohn­zimmer-Fernseh­gerät. Das war kulturell un­passend. Der deut­sche Mittel­stand und die Industrie hät­ten einem Werk­zeug ver­traut; dem Verbraucher ver­kaufte man eine Neu­heit, die teurer war als ihr Nutzen.

Der Vergleich mit Frankreich ist hier lehr­reich: Das französi­sche Minitel war technisch ähn­lich konzipiert wie BTX, wurde aber von France Télécom kostenlos als Terminal an Haus­halte ver­teilt. Die Hürde ent­fiel - und Minitel er­reichte Millio­nen Nutzer und wurde zum festen Bestand­teil des französi­schen Alltags, bis das Internet es ver­drängte. Deutsch­land scheiterte nicht am fehlen­den Konzept, sondern an der Preis­politik und der Monopol­kontrolle.


III. Die Gegenkultur: Mailboxen, Hacker, dezentrale Netze

Während die Bundespost ihr zentralis­ti­sches Netz ver­waltete und dabei an Gebühren und Kontrolle fest­hielt, ent­stand parallel dazu eine voll­kommen andere digitale Welt - dezentral, selbst­organisiert, oft illegal im Grenz­bereich der Post­monopol­regulierung.

Die Mailbox-Szene der 1980er Jahre ist der ver­gessene Gründungs­mythos der deut­schen Internet­kultur. Über selbst gebaute oder modifi­zierte Computer, Akustik­koppler und Telefon­leitun­gen ent­standen private Bulletin Board Systems (BBS), auf denen sich tech­nisch interes­sierte Menschen aus­tausch­ten, Dateien teil­ten, diskutier­ten. Netzwerke wie das Z-Netz und das MausNet organi­sier­ten dezentra­len Nachrichten­austausch - ohne Bundes­post, ohne Genehmi­gung, oft in einer recht­li­chen Grau­zone.

Diese Szene war klein, aber kulturell folgen­reich. Sie etablierte eine Grund­haltung, die das spätere deut­sche Internet prägen sollte: Netze ge­hören ihren Nutzern, nicht ihren Betreibern. Kommunika­tion soll offen und unkontrol­liert sein. Wissen ist Gemeingut. Der Zugang zu Informa­tion ist ein Recht, kein Produkt.

Der Chaos Computer Club als kulturelle Institution

Nirgendwo wurde diese Haltung sicht­barer und poli­tisch wirk­samer als im Chaos Computer Club, gegründet am 12. Septem­ber 1981 in Berlin, bald darauf in Hamburg zur prägen­den Kraft ge­worden.

International waren Hackergruppen oft Rand­erscheinun­gen, von der Öffent­lich­keit besten­falls als Kuriosi­tät, schlimmsten­falls als Bedrohung wahr­genommen. Der CCC ent­wickelte sich dagegen zu etwas in der Hacker­geschichte weit­gehend Einzig­artigem: einer zivil­gesell­schaft­li­chen Organisa­tion, die tech­nische Themen mit Bürger­rechts­fragen ver­knüpfte und dabei von Medien und Poli­tik ernst genommen wurde.

Der BTX-Hack von 1984 war das erste große öffent­liche Ausrufe­zeichen. Der CCC nutzte eine Sicherheits­lücke im BTX-System, um 134.000 DM vom Konto der Hamburger Spar­kasse ab­zubuchen - und gab das Geld am nächs­ten Tag zurück. Die Bot­schaft war klar: Das System, das die Bundes­post als sicher ver­kaufte, war es nicht. Der CCC demons­trierte das, anstatt es zu ver­schweigen, und erzwang damit eine öffent­liche Aus­einander­setzung mit digita­ler Sicher­heit zu einem Zeit­punkt, als die meisten Poli­tiker noch nicht wuss­ten, was ein Modem ist.

In den folgenden Jahrzehnten wurde der CCC zu einer Institu­tion, die weit über eine Hacker­gruppe hinaus­ging. Er gab Gut­achten für Gerichte ab, beriet Parlamenta­rier, deckte Staats­trojaner auf, analysierte Wahl­computer und prägte den Begriff der Netzpoli­tik als legitimes poli­ti­sches Feld. In Deutsch­land ent­stand dadurch etwas, was anderen Ländern weit­gehend fehlte: eine Kultur, in der tech­nische Themen als gesell­schaft­lich relevant galten und öffent­lich disku­tiert wurden.

Diese Kultur war der ideale Nährboden für Linux, Open Source und später Firefox.


IV. Warum Deutschland eine außergewöhnliche Linux-Community entwickelte

Die deutsche Linux- und Open-Source-Szene ist kein Zufall. Mehrere histo­rische Stränge liefen zu­sammen und ver­stärkten sich gegen­seitig.

Universitäten und Unix-Tradition

Linux verbreitete sich in Deutschland Anfang der 1990er Jahre zunächst an Universi­tä­ten, Fach­hoch­schulen und Forschungs­instituten. Unix war im akade­mi­schen Umfeld bereits etabliert; Linux er­schien als frei verfüg­bare Alter­native für normale PC-Hardware. Informatik­studenten, System­administra­toren und Ingenieure kamen früh damit in Berüh­rung - in einem Umfeld, das Offen­heit und Wissenstei­lung als Norm verstand.

Die Technikpresse als Multiplikator

Kaum ein anderes Land verfügte über eine ähn­lich starke, tech­nisch tief­gehende Computer­presse wie Deutsch­land. Das c't-Magazin des Heise-Verlags, Golem.de und ähn­liche Publika­tio­nen er­reich­ten eine tech­nisch versierte Leser­schaft in einer Breite, die interna­tional ihres­gleichen suchte. Die c't veröffent­lichte Linux-Sonder­hefte mit Installa­tions-CDs, ausführ­liche Sicherheits­analysen, Open-Source-Berichte und Browser-Vergleiche. Für viele Nutzer begann der erste Linux-Kontakt mit einer Heft-CD aus dem Zeitschriften­handel - eine niedrig­schwellige Ver­breitungs­form, die ideal zu einer Kultur passte, die das Lesen von Hand­büchern nicht scheute.

Die Datenschutz-Tradition als ideologischer Unterbau

Ein oft unterschätzter Faktor ist die spezifisch deut­sche Daten­schutz­kultur, die erheb­lich älter ist als das Internet.

1983 erließ das Bundesverfassungsgericht sein Volks­zählungs­urteil - eine Ent­scheidung, die das Recht auf informa­tionelle Selbst­bestim­mung als Grund­recht etablierte. Bürger haben das Recht zu wissen, wer welche Daten über sie speichert, und das Recht, dieser Speiche­rung zu wider­sprechen. Das war in dieser juris­ti­schen Schärfe interna­tional einzig­artig - in den USA etwa existiert kein vergleich­bares verfassungs­recht­lich veranker­tes Daten­schutz­recht.

Dieses Grundrecht war nicht nur juris­tische Theorie. Es prägte eine gesell­schaft­liche Haltung: Daten sind etwas Persön­liches, das Schutz ver­dient. Große Unter­neh­men, die Daten sammeln, sind mit Miss­trauen zu be­trachten. Wer seine eigene Soft­ware kontrol­liert, kontrol­liert auch seine eige­nen Daten.

Diese Haltung machte Open Source, Firefox und Linux zu mehr als tech­nischen Alter­nati­ven. Sie machten sie zu einer kultu­rellen Haltung: Ich vertraue keinem Konzern die Kontrolle über mein Werk­zeug an. Ich benutze Software, deren Quell­code ich ein­sehen kann. Diese Überzeu­gung war in Deutsch­land ver­breite­ter als anderswo - und sie er­klärt einen Teil der außer­gewöhn­li­chen Firefox-Dominanz.


V. Firefox als deutsches Kulturphänomen

Der Browser-Markt ist ein aufschlussreiches Barometer für Internet­kultur. Und hier war Deutsch­land lange ein Aus­reißer.

Während Google Chrome weltweit nach seinem Start 2008 rasant Markt­anteile gewann und bald dominierte, blieb Deutsch­land jahre­lang ein Firefox-Land. Um 2013 lag Firefox auf deut­schen Desktop-Systemen bei rund 45% Markt­anteil - ein Wert, den Chrome welt­weit zu diesem Zeit­punkt längst über­schrit­ten hatte. Noch 2015 war das Rennen in Deutsch­land deut­lich enger als interna­tional.

Das ist erklärungsbedürftig. Firefox bot keine über­legene Ge­schwindig­keit; Chrome war oft schneller. Firefox hatte keine über­legene Integra­tion in andere Dienste; das hatte Chrome durch Google. Firefox ge­wann keine Werbe­kampagnen­schlacht; Google hatte dafür das größte Werbe­netzwerk der Welt.

Firefox gewann in Deutschland etwas anderes: Vertrauen durch Transpa­renz und Unabhängig­keit.

Mozilla war keine Tochter eines Konzerns, der Werbe­einnahmen mit Nutzer­daten ver­diente. Firefox war Open Source - der Quell­code war einseh­bar, über­prüf­bar, un­abhängig auditier­bar. Für die tech­nisch versierte deut­sche Nutzer­schaft, die durch CCC, Heise und Daten­schutz-Tradi­tion soziali­siert war, war das ein starkes Signal.

Hinzu kam ein spezifisches Moment der deutschen Internet­geschichte: das NSA-Überwachungs-Skandal-Jahr 2013. Edward Snowdens Enthül­lun­gen trafen in Deutsch­land auf eine bereits vor­handene Grund­skepsis gegen­über amerika­nischen Tech­nologie­konzernen. Der Satz „Unter Freunden spioniert man nicht“ - gesprochen von Bundes­kanzlerin Merkel über das Abhören ihres Mobil­telefons - traf einen Nerv. In diesem Klima er­schien Google Chrome als Browser eines Unter­neh­mens, das Daten sammelte und an amerikani­sche Geheim­dienste weiter­geben musste, als denk­bar schlechte Wahl für Nutzer, denen Privat­heit wichtig war.

Firefox war in Deutschland nie nur ein Browser. Er war auch eine Aussage.


VI. Deutschland als Infrastruktur-Nation

Das Bild Deutschlands als digitales Entwicklungs­land war immer dann am stärks­ten, wenn man Digitalisie­rung mit Consumer-Internet gleich­setzte: mit Social Media, Smart­phones, Platt­formen, Apps. In dieser Messung schnitt Deutsch­land tatsäch­lich schlecht ab.

Misst man dagegen nach technischer Infra­struktur, sieht die Bilanz fundamen­tal anders aus.

Frankfurt am Main entwickelte sich mit DE-CIX - dem Deutschen Commercial Internet Exchange - zu einem der größ­ten Internet­knoten der Welt. Gemessen am Daten­durchsatz gehört DE-CIX regel­mäßig zur Welt­spitze. Das ist kein Zufall: Frankfurt ist geogra­phisch zentral in Europa, Deutsch­land ver­fügt über stabile Rechts­sicher­heit, und der deut­sche Hosting- und Rechen­zentrums­markt ist einer der größ­ten Europas.

Die deutsche Domain-Endung .de war zeit­weise die größte länder­spezifische Top-Level-Domain welt­weit - ein Indiz dafür, wie früh und dicht die deut­sche Wirt­schaft und Zivil­gesell­schaft das Web be­siedel­ten. Nicht mit Platt­formen, sondern mit Web­sites, Shops, Diensten.

Strato, 1&1, Hetzner - deut­sche Hosting-Unter­neh­men bauten Infra­struktur, auf der ein erheb­li­cher Teil des deut­schen und europäi­schen Inter­nets läuft. DENIC, die Genossen­schaft, die .de ver­waltet, ist selbst ein Aus­druck der be­schriebe­nen Vereins­kultur: dezentral organi­siert, gemein­schaft­lich betrieben, nicht gewinn­orientiert im klassi­schen Sinne.

Deutschland war schwach im digitalen Konsum­kapitalismus. Es war stark im digita­len Maschinen­bau.


VII. Die Vereinskultur als Organisationsform der digitalen Gemeinschaft

Ein strukturelles Merkmal, das im internatio­nalen Ver­gleich auf­fällt, ist die Organisa­tions­form der deut­schen Open-Source-Welt.

Deutschland besitzt eine außergewöhn­lich starke Vereins­kultur. Sportvereine, Musik­vereine, Bürger­vereine, Amateur­funk-Clubs, Technik­vereine - die kollektive Selbstorganisa­tion in Vereins­form ist in Deutsch­land tief kultu­rell ver­ankert. Nach Schät­zun­gen gibt es über 600.000 einge­tragene Vereine; pro Kopf der Bevölke­rung ist das im interna­tiona­len Ver­gleich sehr hoch.

Diese Struktur passte bemerkenswert gut zur Open-Source-Welt.

Softwareprojekte wurden in Deutschland selten primär als Start­ups ver­standen - also als Vehikel für privaten Reich­tum durch Wachstum und Exit. Sie wurden häufiger als gemein­schaft­lich ge­pflegte Infra­struk­tur betrach­tet: als etwas, das man zu­sammen auf­baut, pflegt und nutzt, wie ein Sport­platz oder eine Biblio­thek. Wikimedia Deutsch­land, die Gesell­schaft für Frei­heit im Netz (GFF), der Förder­verein für freie Netz­werke - alle diese Organisa­tio­nen bedienen sich der Vereins­form und spiegeln damit eine kultu­relle Grund­haltung: Das Netz gehört seinen Nutzern, und seine Pflege ist eine kollek­tive Aufgabe.

Der CCC selbst ist ein eingetragener Verein.

Diese Denkweise erklärt auch, warum in vielen Open-Source-Projekten welt­weit über­proportio­nal viele deut­sche Namen auf­tauchen - nicht als Gründer globaler Platt­formen, sondern als lang­jährige Main­tainer, Paket­pfleger, Dokumenta­tions­schreiber, Community-Organisa­toren. Open Source belohnt Kontinui­tät und Verläss­lich­keit. Die deut­sche Ingenieurs­kultur - Stabili­tät, Standard­konformität, lang­fristige War­tung - passt dazu gut.


VIII. OpenOffice, Wikimedia und LiMux: Das digitale Gemeingut

Drei Projekte verdeutlichen diese Kultur beson­ders an­schaulich.

OpenOffice und die Hamburger Wurzeln

Die Wurzeln von OpenOffice liegen in der Firma Star Division, gegründet 1985 vom damals 16-jähri­gen Marco Börries in Lüneburg, bald darauf nach Hamburg umge­zogen. StarOffice war ein voll­ständi­ges Office-Paket, das in Deutsch­land mit beacht­lichem Erfolg als kosten­günstige Alter­native zu Micro­soft Office ver­marktet wurde. 1999 kaufte Sun Micro­systems Star Division - und ver­öffent­lichte 2000 den Quell­code als Open­Office.org.

In Deutschland war OpenOffice außergewöhn­lich populär: in Schulen, Behörden, Linux-Umgebun­gen und daten­schutz­sensiblen Organisa­tionen. Die Software stammte aus Deutsch­land, war kostenlos und offen­legte ihren Code - das war eine Kombina­tion, die zur be­schriebe­nen Kultur­haltung ideal passte. Aus Open­Office.org ent­standen später Libre­Office und weitere Ableger, die bis heute aktiv weiter­entwickelt werden.

Wikimedia Deutschland

Wikimedia Deutschland entwickelte sich zu einem der größ­ten und einfluss­reichs­ten Wikimedia-Chapter welt­weit. Die deutsch­sprachige Wiki­pedia galt lange als qualita­tiv beson­ders hoch­wertig - mit strengen Relevanz­kriterien, sorg­fälti­ger Quellen­arbeit und einer aktiven Community, die Artikel disku­tiert und ver­bessert. Auch hier zeigt sich das Muster: nicht das größte Projekt (das ist die englisch­sprachige Wiki­pedia), aber eines mit Qualitäts­anspruch und lang­fristi­ger Pflege­bereit­schaft.

LiMux: Symbol und Mahnung

Das LiMux-Projekt der Stadt München ist das ambivalen­teste Bei­spiel. Ab 2003 ver­suchte München, rund 15.000 Verwaltungs-PCs auf Linux um­zustellen - ein Projekt, das welt­weit als Symbol für mög­liche digitale Souverä­ni­tät im öffent­li­chen Sektor rezipiert wurde.

Das Projekt hatte echte Erfolge: Tausende Arbeits­plätze wurden migriert, OpenOffice.org flächen­deckend einge­führt, Abhängig­kei­ten von Micro­soft redu­ziert. Es hatte aber auch struktu­relle Probleme: fehlende Kompatibi­lität mit Fach­software, Wider­stände in der Verwal­tung, poli­tische Richtungs­wechsel. 2017 be­schloss die neue Stadt­rats­mehrheit aus SPD und CSU die Rück­kehr zu Micro­soft.

LiMux scheiterte nicht an der Open-Source-Idee, sondern an mangeln­der poli­ti­scher Kontinui­tät und einem unter­schätz­ten Change-Management. Die Tech­nik funktio­nierte - die Organisa­tion nicht.


IX. Der neue Anlauf: München und die europäische Souveränitätsdebatte

Bemerkenswert ist, dass München heute einen zweiten, institutio­nell deut­lich durch­dachte­ren Anlauf unter­nimmt.

Anfang 2024 etablierte die Stadt ein Open Source Program Office (OSPO) als zentra­les Kompetenz­zentrum. Seine Auf­gaben um­fassen die Prüfung und Bewer­tung von Open-Source-Projekten, recht­liche Bera­tung der Verwal­tung, Qualitäts­siche­rung und die Pflege von Kontak­ten zur Open-Source-Community. Selbst ent­wickelte Soft­ware wird auf öffent­li­chen Platt­formen ver­öffent­licht - dem Prinzip „Public Money, Public Code“ folgend.

Dazu kommt ein institutionell innovatives Instru­ment: das Open Source Sabbatical. Professio­nellen Ent­wicklern aus aller Welt wird für sechs Monate eine be­zahlte Aus­zeit er­möglicht, in der sie ein Open-Source-Projekt voran­bringen und eng mit der Stadt­verwal­tung zusammen­arbeiten. 200.000 Euro stehen jähr­lich bereit - kein großes Budget, aber ein Signal.

Dieses Modell vermeidet den Fehler von LiMux: Es versucht keine er­zwungene Groß­migration, sondern baut lang­sam Kompetenz, Community und Infra­struk­tur auf. Es denkt in Ökosyste­men, nicht in Be­schaffungs­entschei­dungen.

München ist dabei nicht allein. Die Bundes­regie­rung be­schloss 2025, öffent­liche Dokumente nur noch in offenen Formaten aus­zugeben. Schleswig-Holstein meldete, dass 80% der Landes­verwaltungs-Arbeits­plätze von Microsoft-Software auf Open-Source-Alternati­ven umge­stellt worden seien. Der Sovereign Tech Fund fördert auf Bundes­ebene die War­tung kri­ti­scher Open-Source-Infra­struk­tur. OpenDesk, eine vom Bund ge­förderte Alterna­tive zu Micro­soft 365, befindet sich im Aufbau.

Hinter all dem steht ein neuer politi­scher Kontext: Die zu­nehmend ange­spann­ten Be­ziehun­gen zu den USA unter der Trump-Regie­rung haben die europäi­sche Debatte um digitale Souveräni­tät be­schleunigt. Die Abhängig­keit öffent­li­cher Institu­tio­nen von amerikani­schen Cloud-Diensten, Betriebs­systemen und Produkti­vitäts-Suiten wird als strate­gisches Risiko neu be­wertet. In diesem Klima ist Open Source nicht mehr nur eine ideolo­gische Präferenz von Technikern - sie ist eine Option, die Regie­run­gen ernst­haft prüfen.


X. Das Missverständnis der Digitalisierung

Warum entstand überhaupt das Bild Deutsch­lands als digita­lem Nachzügler­land - trotz DE-CIX, Firefox-Dominanz, Open­Office, Wiki­media und einer lebendi­gen Linux-Community?

Die Antwort liegt in einem Definitionswandel. In den 1990er und frühen 2000er Jahren be­deutete Digitali­sie­rung vor allem: Netz­werke, Server, Protokolle, Betriebs­systeme, Infra­struktur. In dieser Messung war Deutsch­land vorne dabei.

Ab den 2010er Jahren verschob sich die Defini­tion funda­men­tal: Digitali­sie­rung wurde ge­messen an Smart­phones, sozialen Netz­werken, App-Ökonomien, Cloud-Diensten und digita­len Verwal­tungs­services. Und in dieser Messung schnitt Deutsch­land tatsäch­lich schlechter ab.

Deutschland hatte keine globale Such­maschine hervor­gebracht. Keine soziale Platt­form. Kein dominan­tes Betriebs­system für Smart­phones. Die Venture-Capital-Kultur, die in den USA und später in China der­artige Platt­formen finanziert hatte, existierte in Deutsch­land in dieser Stärke nicht - teils aus Risiko­aversion, teils aus regula­to­rischer Zurück­haltung, teils weil das kultu­relle Leit­bild des Mittel­stands eher auf organi­sches Wachstum und Bestands­pflege setzte als auf „move fast and break things“.

Das führte zu einem paradoxen Ergebnis: Deutsch­land war digital stark in dem, was unsicht­bar ist: Infrastruk­tur, Protokolle, System­software, Community-Beiträge zu Open Source. Es war schwächer in dem, was sicht­bar ist: Plattformen, Apps, Konsumenten­produkte. Und weil Diskurse sich natur­gemäß an Sicht­barem orien­tieren, ent­stand früh das Bild der deut­schen Digital­schwäche.


XI. Zwei Kulturen, eine Gesell­schaft

Es wäre jedoch zu einfach, Deutschland als einheit­lich zu be­schrei­ben. Tatsäch­lich existier­ten und existie­ren zwei digitale Kulturen neben­inander - mit erstaun­lich wenig Überschneidung.

Auf der einen Seite: die industriell-bürokra­tische Kultur des Materiel­len. Behörden, die Fax­nummern an­geben. Mittel­ständ­ler, die Papier­kataloge drucken. Arztpraxen, die Befunde per Brief ver­senden. Anwälte, die be­glaubigte Aus­drucke ein­reichen. Diese Welt ver­traut dem Physischen, miss­traut dem Digita­len, und wenn sie digitale Werk­zeuge benutzt, dann solche mit einem etablier­ten Anbieter und einem Support­vertrag.

Auf der anderen Seite: die technisch-community-orientierte Kultur des offenen Netzes. Entwickler, die Linux-Kernel-Patches ein­reichen. CCC-Mitglieder, die Sicher­heits­lücken in Wahl­systemen demons­trie­ren. Piraten­partei. Wikipedia-Autoren, die Artikel disku­tie­ren. Paket-Maintainer, die Open-Source-Software pflegen. Diese Welt miss­traut Konzernen, schätzt Transpa­renz und be­trachtet das Netz als kollek­tiv ver­waltete Infra­struktur.

Beide Kulturen sind deutsch. Sie haben aber kaum mit­einander ge­sprochen. Das er­klärt, warum Deutsch­land in der Breite oft hinter Erwar­tun­gen blieb: Die tech­nisch versierte Schicht baute eine hervor­ragende Infra­struk­tur - aber sie hatte wenig Einfluss auf die Digitali­sierungs­poli­tik von Behörden, auf die Kauf­entschei­dun­gen des Mittel­stands oder auf das Konsu­menten­verhalten. Und die breite Bevölke­rung übernahm schließ­lich amerika­nische Platt­formen, weil diese komfor­tabel, kostenlos und omni­präsent wurden.


Fazit: Was bleibt

Die Geschichte der deutschen Internet- und Open-Source-Kultur ist keine Ge­schich­te des Scheiterns. Sie ist eine Ge­schich­te einer ande­ren Stärke - einer, die im globalen Plattform­kapitalis­mus unsicht­bar blieb, aber im tech­nischen Funda­ment des Inter­nets tief ver­ankert ist.

Firefox war in Deutschland kultu­rell ver­wurzelt, weil er zu einer Tradi­tion passte, die Daten­schutz als Bürger­recht ver­stand und Vertrauen nicht durch Markt­macht, sondern durch Transpa­renz ver­diente. DE-CIX wurde welt­bedeutend, weil Deutsch­land eine Rechts- und Infra­struktur­kultur mit­brachte, die Ver­läss­lich­keit über Dynamik stellte. Open Source fand in Deutsch­land frucht­baren Boden, weil die Vereins­kultur und die Ingenieurs­ethik - lang­fristige Pflege, tech­nische Solidi­tät, gemein­schaft­liche Ver­antwor­tung - hervor­ragend zur Open-Source-Logik passen.

BTX scheiterte nicht, weil Deutschland das Digitale nicht ver­stand. Es scheiterte, weil die Institu­tion, die es betrieb, das Offene nicht wollte. Die Ironie der Ge­schich­te besteht darin, dass genau dieser Miss­erfolg - durch das Miss­trauen, das er schuf, und die Gegen­kultur, die er be­förderte - mit­ver­antwort­lich war für die Ent­stehung einer der stärks­ten Open-Source-Communitys der Welt.

Das Fax-Deutschland und das Firefox-Deutsch­land sind zwei Seiten der­selben Gesell­schaft. Die eine hielt an Materie und Kontrolle fest, als die Welt digital wurde. Die andere baute in der Zwischen­zeit das Funda­ment, auf dem das offene Internet bis heute steht.

Vielleicht liegt in dieser Spannung auch die Chance für die Zukunft: Wenn Deutsch­land seine Ingenieurs-Tradition, seine Daten­schutz­kultur, seine Vereins­logik und seine Open-Source-Stärken mit ernst­hafter poli­ti­scher Unterstüt­zung verbindet - so wie es München mit seinem OSPO und der Bund mit dem Sovereign Tech Fund gerade ver­suchen -, dann ist die be­schriebene Stärke keine Nostal­gie. Dann ist sie ein Aus­gangs­punkt.


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