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Die Geschichte der Hobbys

Das Wort „Hobby“ leitet sich vom englischen „hobby-horse“ ab, einem Stecken­pferd - einem Kinder­spiel­zeug, dem man nach­lief, ohne je voran­zukommen. Diese ironi­sche Herkunft ver­rät bereits etwas über die ambi­valente gesell­schaft­liche Stel­lung, die Freizeit­beschäfti­gungen lange Zeit hatten: etwas Ver­spiel­tes, nicht ganz Ernstes, das man besser nicht zu wich­tig nehmen soll­te. Und doch ent­wickel­te sich das Hobby im Laufe von kaum mehr als 150 Jah­ren von einem Privi­leg weniger zu einem der zentra­len Aus­drucks­formen moder­ner Identi­tät.

19. Jahrhundert: Hobbys als Klassenprivileg

Die Vorstellung, dass ein Mensch regel­mäßig Zeit für sich hat - Zeit, die weder der Arbeit noch dem Schlaf noch der Kirche ge­widmet ist -, ist histo­risch ge­sehen außer­ordent­lich jung. Für den Groß­teil der Be­völke­rung Europas war sie im 19. Jahr­hundert schlicht nicht vor­handen. Fabrik­arbeiter arbeite­ten 12 Stun­den am Tag, sechs Tage die Woche; Tage­löhner und Land­arbeiter waren den Rhyth­men von Ernte und Witte­rung unter­worfen. Frei­zeit war Luxus.

Es war daher die Bildungsbürger­schaft und der Adel, die das ent­wickel­ten, was wir heute als Hobby er­kennen würden. Und diese Kreise taten es mit großem Eifer. Botanisie­ren war eine der be­liebtes­ten Beschäf­ti­gun­gen des aufge­klärten Bürger­tums - man durch­streifte die Natur mit Botanisier­trommel und Lupe, press­te Pflanzen in schwere Folian­ten und ordne­te sie nach Linné. Insekten- und Käfer­sammeln folgte der­selben Logik: das Sammeln, Ordnen, Be­nennen und Be­sitzen der Natur als intellek­tuell-ästhe­ti­sches Projekt. Charles Darwin selbst war als junger Mann ein leiden­schaft­licher Käfer­sammler - ein Detail, das zeigt, wie fließend die Grenze zwi­schen Hobby und Wissen­schaft da­mals war.

Musik nahm im bürgerlichen Haushalt eine zentrale Stel­lung ein. Das Klavier war nicht nur Instru­ment, sondern Status­symbol. Töchter aus gutem Hause muss­ten spielen können; Haus­konzerte ge­hör­ten zum gesell­schaft­lichen Leben. Aquarell­malen, Sticken aufwen­diger Muster, das An­legen von Herbarien oder Brief­marken­alben - all das waren Prakti­ken, die Zeit, Bildung und ein gewisses Ein­kommen voraus­setzten.

Das Briefmarkensammeln verdient hier beson­dere Erwäh­nung, weil es das erste Hobby war, das geradezu indus­triell organi­siert wurde. Nachdem die Penny Black 1840 in Groß­britannien ein­ge­führt worden war, be­gannen Men­schen fast sofort damit, Marken zu sammeln. Bereits in den 1860er Jahren er­schie­nen die ers­ten speziali­sierten Kata­loge (Stanley Gibbons in England, Michel in Deutsch­land), und es ent­stan­den Händler­netze, Tausch­börsen und erste Sammler­zusammen­schlüsse. Hier sieht man die Keim­zelle all dessen, was das Vereins­wesen des 20. Jahr­hun­derts aus­zeich­nen würde: die Systema­ti­sie­rung der Leiden­schaft.

Was diese frühen Hobbys einte, war eine bestimm­te Haltung: Ernst­haftig­keit, Voll­ständig­keit, Kompe­tenz. Man sammelte nicht ein­fach - man strebte nach der voll­ständigen Kollektion. Man spiel­te nicht ein­fach Klavier - man übte Etüden bis zur Perfek­tion. Das Hobby war eine Sphäre, in der bürger­liche Werte wie Fleiß, Ordnung und Bildung ihre Ent­sprechung fanden - nur eben in der Frei­zeit.

Demokratisierung der Freizeit

Die entscheidende Voraussetzung für das Hobby als Massen­phänomen im frühen 20. Jahr­hun­dert war eine poli­tische und soziale Er­rungen­schaft: die Verkür­zung der Arbeits­zeit. Der 8-Stunden-Tag, für den die Arbeiter­bewegung jahrzehnte­lang kämpfte und der sich in Europa und Nord­amerika zwi­schen 1900 und 1930 schritt­weise durch­setzte, schuf erst­mals für breite Be­völke­rungs­schich­ten echte Frei­zeit. Der be­zahlte Jahres­urlaub, in Deutsch­land erst durch das Reichs­urlaubs­gesetz 1938 ge­regelt und in der Nach­kriegs­zeit kontinu­ier­lich aus­gebaut, ver­stärkte diesen Effekt.

Nun strömten Menschen in Vereine. Angler­vereine, Kaninchen­züchter­vereine, Brief­tauben-Vereine, Kegel­klubs, Schreber­garten-Vereine (Sozietä­ten) - die Liste ist nahezu end­los. In Deutsch­land wurde das Vereins­wesen zu einer eigen­tüm­lich star­ken Institu­tion, die das gesell­schaft­liche Leben auf eine Weise struk­tu­rier­te, die in ande­ren Ländern so nicht existierte. „Ein Deutscher, ein Vereins­meier“ war zwar eine Karika­tur, ent­hielt aber einen wahren Kern: Der Verein war der sozia­le Rahmen, inner­halb dessen Hobbys ge­lebt wurden.

Dieser Rahmen hatte mehrere Funktionen. Er lieferte Wissen - Mit­glieder teilten Erfah­run­gen, Techni­ken, Bezugs­quellen. Er liefer­te Prestige - inner­halb des Vereins gab es Hierar­chien des Könnens und der Samm­lung, die nach außen kaum sicht­bar, nach innen aber von großer Bedeu­tung waren. Und er liefer­te Ge­mein­schaft - für viele Men­schen war der Vereins­abend die wichtigs­te soziale Ver­anstal­tung der Woche.

Die Zwischenkriegszeit brachte neue Hobbys hervor, die eng mit tech­nischen Ent­wicklun­gen verbun­den waren. Amateur­funk (Kurz­welle) wurde in den 1920er Jah­ren zu einer Leiden­schaft für tech­nisch ver­sierte Männer welt­weit. Modell­flugzeug­bau, Motorrad­fahren, Foto­grafie für den priva­ten Ge­brauch - all das waren Aus­läufer der tech­nischen Revolu­tion, über­setzt in die Sprache der Frei­zeit. Auch die Foto­grafie folgte der klassi­schen Hobby­logik: Man brauch­te speziel­les Gerät, speziel­les Wissen, und man tauschte sich in Clubs aus.

Goldene Ära: Die Nachkriegs-Jahrzehnte

Die 1950er bis 1980er Jahre waren in West­europa und Nord­amerika die eigent­liche Blüte­zeit der traditio­nellen Hobbys. Wirt­schafts­wunder und steigende Real­löhne be­deute­ten, dass nun auch Schich­ten mit Hobbys be­gannen, für die frühere Gene­ra­tio­nen weder Zeit noch Geld gehabt hat­ten. Gleich­zeitig exis­tier­ten noch keine kon­kurrie­renden Freizeit­angebote in der Inten­si­tät des späte­ren Medien­zeit­alters - Fern­sehen war vor­handen, aber noch nicht all­gegen­wärtig und noch nicht jeder­zeit ver­füg­bar.

In dieser Ära entwickelten sich die Hobbys zu hoch­speziali­sier­ten Sub­kulturen mit eigener Infra­struktur: Fach­zeit­schrif­ten, speziali­sierte Einzel­handels­geschäf­te, Messen und Aus­stel­lun­gen, Wett­bewerbe auf lokaler, natio­naler und inter­natio­naler Ebene. Wer Brief­marken sammel­te, abonnier­te den „Michel“-Katalog und mehre­re Philatelie-Zeit­schriften; wer Modell­bahnen be­trieb, kannte die tech­nischen Unter­schiede zwischen Fleisch­mann, Märklin und Arnold aus­wendig; wer Brief­tauben züchtete, wusste über Ab­stammungs­linien und Flugleistungen Bescheid wie ein Züchtungsexperte.

Was diese Ära besonders prägte, war die Müh­sal der Be­schaffung - und die damit verbun­dene emotio­nale Intensi­tät des Erfolgs.

Beschaffung als Abenteuer: Die vordigitale Welt

Man kann den Unterschied zur heutigen Zeit kaum über­schätzen. Wer heute ein selte­nes Objekt sucht - eine be­stimmte Brief­marke, eine Spielzeug-Lokomo­tive aus den 1950ern, ein ver­grif­fenes Fach­buch - tippt eine Such­anfrage in eine Platt­form und be­kommt inner­halb von Minuten Dutzende Ange­bote aus aller Welt.

Vor dem Internet war das völlig anders. Informa­tio­nen waren fragmen­tiert und oft schwer zu­gäng­lich. Wer wissen wollte, ob eine be­stimmte Marke selten war, muss­te den Katalog konsul­tie­ren - und Kataloge hatten ihre eige­nen Lücken und Fehler. Wer ein be­stimm­tes Modell suchte, fragte zunächst im loka­len Fach­geschäft nach, das viel­leicht ein paar hun­dert Artikel vor­rätig hatte. Wenn das nicht half, wandte man sich an Vereins­kollegen oder schrieb Briefe an spezia­li­sierte Händ­ler in anderen Städten oder ande­ren Ländern.

Netzwerke waren dabei alles. Der Briefmarken­händler in einer Klein­stadt kannte seine Kunden persön­lich und wusste, wen man fragen muss­te, wenn man etwas Be­stimm­tes suchte. Man baute über Jahre Kontak­te auf - zu Mit­samm­lern, zu Händ­lern, zu Tausch­partnern im Aus­land. Eine Adresse in einer Fach­zeit­schrift, jemand in der Schweiz oder in Eng­land, der etwas anzu­bieten hat­te: das war wert­voll. Man schrieb Briefe, warte­te auf Ant­worten, schick­te Bank­noten oder Brief­marken-Selten­hei­ten im Um­schlag. Es gab Risiken, Ent­täuschun­gen und Warte­zeiten - aber auch echte Freude über Kontakte, die sich über Jahr­zehnte er­hielten.

Fachzeitschriften spielten in diesem System eine zentrale Rolle, die heute kaum mehr nach­voll­zieh­bar ist. Sie waren nicht nur Infor­mations­quelle, sondern Kommunika­tionsplattform: Im hinte­ren Teil standen Tausch- und Kauf­anzeigen von Privat­perso­nen, durch die man Ver­bindun­gen knüpfte. Man las sie von vorne bis hinten, auch die Anzei­gen, weil man nie wuss­te, wo etwas Interes­santes auf­tauchte.

Messen und Ausstellungen waren Höhe­punkte des Jahres. Die große Brief­marken­messe in Frank­furt, die Nürn­berger Spiel­waren­messe (zumindest für den Fach­handel), Modell­bahn­ausstel­lun­gen der Vereine - das waren Ereig­nisse, auf die man hinarbei­tete und bei denen Tausch, Kauf, Fach­simpelei und sozia­les Leben zu­sammen­fielen. Man fuhr stunden­lang an, um viel­leicht ein einzi­ges gesuch­tes Stück zu finden, und die Chance, es zu finden, war ein Teil der Faszina­tion.

Diese Mühsal war keine Fehl­funktion des Systems - sie war ein wesent­licher Teil des emotio­nalen Erleb­nisses. Der Wert eines selte­nen Fundes be­maß sich nicht nur nach seinem objek­ti­ven Markt­preis, sondern nach der Ge­schich­te seiner Be­schaf­fung: Wo hatte man es ge­funden? Wer hat­te einem dabei ge­holfen? Wie lange hatte man ge­sucht? Das Objekt war Träger einer Er­zählung.

Stolz, Expertise und Identität

Hobbys waren im 20. Jahr­hundert nie nur Zeit­vertreib - sie waren Identi­täts­projekte. In einer Gesell­schaft, in der die beruf­liche Stel­lung und die soziale Herkunft Identi­tät zwar präg­ten, aber nicht voll­ständig definier­ten, boten Hobbys einen Raum der Selbst­definition.

Man konnte jemand sein. Inner­halb des Vereins galt man viel­leicht als der führen­de Experte für badische Eisen­bahn­marken des Kaiser­reichs, oder als der Züchter mit der besten Flug­leistung seiner Tauben­rasse. Diese Exper­tise war real und wurde von Gleich­gesinn­ten respek­tiert. Der Schreiner, der im Beruf nur aus­führte, was andere ent­worfen hat­ten, konnte in seinem Modell­bau­verein der­jenige sein, dem andere zu­hörten.

Dieser Stolz hatte eine wichtige psycho­logi­sche Funk­tion. Er ent­schädigte für Bereiche des Lebens, in denen man wenig Kon­trolle und An­erken­nung hatte. Gleich­zeitig war er eine Form sozia­ler Bindung: Wer stolz auf sein Hobby ist, sucht andere, die diesen Stolz teilen und be­werten können. Das ist der anthropo­logi­sche Kern des Vereins­wesens.

Hobbyexperten entwickelten ein Spezial­wissen, das akade­mi­schen Diszi­pli­nen nicht un­ähn­lich war. Einen er­fahre­nen Philatelis­ten zu täuschen, war schwierig; er kannte Wasser­zeichen, Zähnun­gen, Druck­varian­ten und Stempel-Besonder­heiten besser als mancher Museums­kura­tor. Brief­tauben­züchter kann­ten die Genetik ihrer Be­stände und die geo­graphi­schen Be­sonder­heiten der Flug­routen in einem Detail­grad, der Fach­leute ver­blüff­te. Dieses Wissen wurde im Verein weiter­gegeben, in Vereins­zeit­schrif­ten publi­ziert, auf Jahres­haupt­versammlun­gen disku­tiert.

Das Fernsehen: Ein erster Riss

Bevor das Internet die Hobbyland­schaft grund­legend ver­änderte, hatte bereits das Fern­sehen einen ersten, sub­tilen Wandel einge­leitet. In den 1960er und 1970er Jah­ren zog das Fern­sehen zu­nehmend Abend­stunden auf sich, die früher dem Vereins­leben, der hand­werk­lichen Freizeit­beschäfti­gung oder dem inten­siven Sammler­tum gewid­met ge­wesen waren.

Das Fernsehen war jedoch in einer ent­scheiden­den Hinsicht anders als das Inter­net: Es war passiv und hatte be­grenz­te Sende­zeiten. Man konnte die Tages­schau schauen und danach noch zwei Stunden an der Modell­bahn sitzen. Das Fern­sehen konkur­rier­te mit den Hobbys, ver­dräng­te sie aber nicht. Es lehrte jedoch eine neue Haltung - die des Konsu­mierens statt des Produ­zierens, des Schauens statt des Tuns.

Bedeutsamer für die Hobbys waren viel­leicht die gesell­schaft­lichen Ver­änderun­gen der 1970er und 1980er Jahre: mehr Mobili­tät, weniger stabile Wohn­biogra­phien, wachsende Frei­zeit durch kürze­re Arbeits­zeiten aber auch viel­fälti­gere Freizeit­angebote durch kommerzi­elle Dienst­leister (Fitness-Studios, Reisen, Restau­rants). Der Vereins­abend am Dienstag stand nun in Kon­kur­renz mit mehr Alter­nati­ven als zuvor.

Das Internet: Eine Zäsur

Die Verbreitung des Internets in den späten 1990er Jah­ren und ihre Be­schleuni­gung durch Breitband­zugänge und Smart­phones in den 2000er und 2010er Jah­ren war für die tradi­tio­nellen Hobbys eine Zäsur von histori­schem Aus­maß - aller­dings eine, die gleich­zeitig vernich­tend und be­lebend wirkte, je nach Blick­winkel.

Die vernichtende Wirkung betraf zunächst die soziale Infra­struktur. Wenn man Gleich­gesinn­te sofort und welt­weit über Foren, später über soziale Netz­werke finden konnte, brauchte man den Orts­verein weniger. Die Mit­glieder­zahlen der klassi­schen Hobby­vereine sanken in Deutsch­land ab den 2000er Jah­ren konti­nuier­lich; heute sind viele Ver­bände demo­gra­phisch auf einem Durch­schnitts­alter von über 60 Jah­ren ange­langt, mit wenig Nach­wuchs.

Die Fachzeitschriften litten ebenfalls. Informa­tio­nen, die man früher nur durch lang­jährige Er­fah­rung oder durch teure Spezial-Litera­tur er­hielt, waren nun frei ver­füg­bar. Warum einen Jahres­abonne­ment für eine Philatelie-Zeit­schrift be­zahlen, wenn Foren und Daten­banken im Netz das­selbe boten? Die Auflage der meis­ten Hobby­magazine halbier­te sich in den 2010er Jah­ren.

Am dramatischsten war der Wandel in der Be­schaffung. eBay, ge­gründet 1995, war für viele Hobby­isten der erste und direk­tes­te Ein­schlag. Plötz­lich war nicht mehr der Kontakt zum rich­ti­gen Händler, nicht mehr die jahre­lange Vereins­zugehörig­keit, nicht mehr das Glück des Fundes auf einer Messe ent­scheidend - man suchte, bot, gewann. Die Be­schaf­fung war demokra­ti­siert worden. Was früher Monate der Suche er­fordert hatte, fand man nun inner­halb von Minu­ten.

Dieser Effekt hatte eine paradoxe Kehr­seite: Er redu­zierte den emotio­nalen Wert des Fundes. Ein Objekt, das man auf eBay für 30 Euro kaufen kann, trägt keine Ge­schichte. Es ist ein Trans­aktion, kein Erleb­nis. Die Ge­schich­ten, die ältere Samm­ler über müh­sam auf­gebaute Kontak­te und glück­liche Zufalls­funde er­zählen, haben eine emotio­nale Quali­tät, die die reibungs­lose Online-Beschaf­fung nicht repli­zie­ren kann.

Verfall und Aufblühen

Und doch wäre es falsch, die Ge­schich­te der Hobbys im Internet­zeit­alter als bloßen Nieder­gang zu er­zählen. Das Inter­net hat die Hobby­land­schaft nicht zer­stört - es hat sie trans­for­miert und in mancher Hin­sicht be­reichert.

Nischeninteressen, die in einer Stadt oder auch einem Land keine kriti­sche Masse von Gleich­gesinn­ten ge­funden hät­ten, können nun online eine globale Ge­mein­schaft bilden. Wer sich für hand­gefertig­te Holz­löffel aus be­stimm­ten Regio­nen Skandina­viens interes­siert, findet heute eine Communi­ty; früher wäre er ein Exzentri­ker ohne Ge­sprächs­partner ge­blieben. Das Inter­net hat die Nische salon­fähig gemacht.

YouTube und ähnliche Platt­formen haben eine neue Form der Hobby­kultur ge­schaf­fen, in der das Teilen von Exper­tise einen neuen, öffent­lichen Rahmen be­kommen hat. Ein pensio­nier­ter Uhr­macher aus Bayern, der seine Restaura­tions­techni­ken in Videos doku­men­tiert und damit Hundert­tausende er­reicht, prakti­ziert in ge­wisser Weise das Vereins­wesen des 20. Jahr­hun­derts - nur eben global und ohne Mit­glieds­beiträge. Die Logik ist die­selbe: Wissen teilen, Respekt er­halten, Gemein­schaft er­leben.

Auch das Making-Bewegung - der Trend zum selbst­stän­di­gen Her­stel­len, zu Hand­werk, Reparie­ren und DIY - ist eine direkte Reak­tion auf die Passivi­tät des Konsum­zeit­alters. 3D-Druck, Arduino-Basteln, das Wieder­entdecken von Buch­binden oder Töpfern, Urban Garden­ing: Das sind neue Hobbys, die aus dem­selben mensch­li­chen Bedürf­nis ent­stehen wie die alten - dem Wunsch, etwas mit den eige­nen Händen zu er­schaffen und dabei Exper­tise zu ent­wickeln.

Das veränderte Verhältnis zur Zeit

Was sich jedoch fundamental verän­dert hat, ist das Ver­hält­nis zur Zeit. Die klassi­schen Hobbys des 20. Jahr­hun­derts leb­ten von Lang­sam­keit. Ein Brief­marken­album auf­zubauen dauer­te Jahre; eine perfek­te Modell-Land­schaft zu ge­stal­ten, konnte ein Lebens­werk sein. Diese Langsam­keit war kein Defi­zit, sondern das eigent­liche Wesen des Hobbys - die ge­duldi­ge Akkumu­la­tion von Kompe­tenz, Samm­lung und Ge­schichte.

Das digitale Zeitalter hat eine andere Zeit­ökonomie ge­schaf­fen. Auf­merksam­keit ist knapp und um­kämpft; die Erwar­tung des schnel­len Er­gebnis­ses ist tief einge­soffen. Junge Men­schen wech­seln Hobbys häufi­ger, inves­tie­ren weniger Zeit in die Ver­tie­fung eines einzel­nen Interes­ses. Das Vereins­leben er­fordert Bin­dung - einen fes­ten Termin in der Woche, über Monate und Jahre -, und genau diese Bindung fällt vielen schwer in einer Welt, die Flexibi­lität als höchs­ten Wert propa­giert.

Was Hobbys über Gesellschaften verraten

Die Geschichte der Hobbys ist keine bloße Kultur­geschich­te der Freizeit­gestal­tung. Sie ist ein Spiegel gesell­schaft­licher Struk­turen: Wer hat Zeit? Wer hat Geld? Welche Werte werden in der Frei­zeit reprodu­ziert? Welche sozia­len Räume ent­stehen, und welche ver­schwin­den?

Das bürgerliche Hobby des 19. Jahr­hun­derts spiegel­te die Klassen­verhält­nisse seiner Zeit. Das Massen­hobby­wesen des 20. Jahr­hun­derts spiegelte den Wohl­stand, aber auch die Sehn­sucht nach Gemein­schaft und Exper­tise in einer zu­nehmend anony­men Indus­trie­gesell­schaft. Die Hobby­land­schaft des frühen 21. Jahr­hun­derts spiegelt die Ambiva­lenz unse­rer Zeit: globale Ver­net­zung und lokale Isola­tion, Informa­tions­über­fluss und Sehn­sucht nach dem Hand­gemachten, soforti­ge Ver­fügbar­keit und der heim­liche Wunsch nach der Langsam­keit des Fundes.

Was sich nicht verändert hat, ist das Grund­bedürf­nis selbst: der Wunsch, in einem kleinen Aus­schnitt der Welt Kompe­tenz zu ent­wickeln, Dinge zu ordnen und zu ver­stehen, Gleich­gesinnte zu finden und von ihnen an­erkannt zu werden. Der Brief­marken­händler im Kaiser­reich und der YouTuber, der heute seine Restaura­tion eines alten Radios doku­men­tiert, folgen dem­selben inne­ren An­trieb. Die Form wandelt sich; das Mensch­liche da­hinter bleibt.


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