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Generationenkonflikte

Ok, Boomer

„Ok, Boomer“ - zwei Worte, die 2019 das Internet er­oberten und eine ganze ältere Genera­tion auf die Palme brach­te. Was als TikTok-Trend begann, entwickel­te sich zum kulturel­len Phänomen. Der Satz ist mehr als ein Meme. Er ist ein Symptom für etwas Größe­res: ein Genera­tionen­konflikt, der so hef­tig öffent­lich brodelt wie lange nicht mehr.

Dabei ist Streit zwischen Jung und Alt eigent­lich ein alter Hut. Schon Sokrates soll sich vor über 2.000 Jah­ren darüber be­schwert haben, dass die Jugend keine Manie­ren mehr habe und die Autori­tät nicht respek­tiere. Jede Genera­tion hielt die nächste für respekt­los, faul oder irgend­wie daneben. Warum eigent­lich?

Verschiedene Welten, verschiedene Spielregeln

Ein Hauptgrund liegt darin, dass die Lebens­welten so unter­schied­lich sind, dass man fast von paral­lelen Uni­versen sprechen könnte. Nehmen wir mal als Beispiel Opa Klaus, Jahrgang 1950. Klaus hat nach der Real­schule im Alter von 14 seine Aus­bildung begonnen. Mit 20 war er in Fest­anstel­lung und hat dort 40 Jah­re ge­arbeitet. Mit Über­stunden und evtl. zusätz­lich Schwarz­arbeit. Mit 28 hat er ein Haus ge­baut, mit Eigen­leistung und Hilfe von Ver­wand­ten und Be­kann­ten - dann den Kredit ab­bezahlt. Seine Rente ist sicher, das Haus längst ab­bezahlt, im Garten stand der Wohn­wagen für den nächs­ten Italien-Urlaub.

Jetzt schauen wir uns seine Enkelin Lisa an, geboren 1998. Lisa hat Abi­tur ge­macht, dann studiert, neben­bei drei Praktika absol­viert (natürlich unbe­zahlt, für die „Erfahrung“). Mit 25 hatte sie ihren Master-Abschluss und einen be­friste­ten Vertrag in einer Agentur. Von einer Eigentums­wohnung kann sie nur träumen - allein die Kaution für ihre 35-qm-Miet­wohnung hat ihre Erspar­nisse aufge­fressen. Rente? Darüber macht sie sich Witze mit ihren Freun­den, weil Galgen­humor besser ist als Panik.

Wenn Opa Klaus jetzt sagt: „Also zu meiner Zeit haben wir ge­arbei­tet und nicht rumge­jammert“, dann klingt das für Lisa wie ein schlech­ter Witz. Nicht weil Klaus ein böser Mensch ist, sondern weil er buch­stäb­lich nicht ver­stehen kann, wie anders die Regeln des Spiels ge­worden sind. Die Mieten in deut­schen Groß­städten sind allein seit den 1990ern um über 100% ge­stiegen, während die Löhne längst nicht mit­halten. Ein durch­schnitt­liches Eigen­heim kostet heute das Zehn- bis Fünfzehn­fache eines Jahres­gehalts - zu Klaus' Zeiten war es das Drei- bis Vier­fache.

„Hast du schon mal daran gedacht, einfach weniger Avocado-Toast zu essen?“

Genau solche Ratschläge von Älteren brin­gen junge Menschen regel­mäßig zur Weiß­glut. Im Jahr 2017 löste ein australi­scher Millio­när einen Shit­storm aus, als er behaup­tete, Millen­nials könn­ten sich keine Häuser leisten, weil sie zu viel Geld für Avocado-Toast und fancy Coffee ausgeben. Seitdem ist „Avocado-Toast“ zum Symbol ge­worden für die völlige Realitäts­ferne mancher Boomer-Ratschläge.

Die Rechnung ist schnell gemacht: Selbst wenn Lisa ein Jahr lang jeden Tag auf ihren 3,50-Euro-Cappuccino ver­zich­ten würde, hätte sie gerade mal 1.277 Euro gespart. Für eine An­zahlung auf eine Wohnung in München oder Berlin bräuchte sie eher 50.000 bis 100.000 Euro. Da müsste sie schon 40 bis 80 Jahre auf Kaffee verzichten. Aber klar, der Avocado-Toast ist das Problem.

Noch absurder wird es bei Job-Tipps. „Geh doch ein­fach persön­lich zum Geschäfts­führer und gib ihm fest die Hand. Zeig Initia­tive!“ - ein klassi­scher Boomer-Rat­schlag, der heute komplett ins Leere läuft. Die meis­ten Bewer­bungen laufen über Online-Portale mit KI-gesteuerter Vorauswahl. Wer un­angemel­det in einer Firma auf­kreuzt, landet nicht beim Chef, sondern wird freund­lich aber bestimmt von der Rezeption wieder raus­begleitet.

Arbeit, Karriere und die Sinnfrage

Ein weiterer Konfliktherd ist die Einstel­lung zur Arbeit. Boomer sind mehr­heit­lich mit einer klaren Formel aufge­wachsen: Fleiß + Loyali­tät = Erfolg + Sicher­heit. Man hat morgens pünkt­lich ange­fangen, abends Über­stunden gemacht (natür­lich ohne Aus­gleich, „das gehört sich so“), und wer 25 Jah­re im selben Betrieb war, bekam eine goldene Uhr und Respekt.

Für Millennials und Gen Z funktio­niert diese Rech­nung nicht mehr. Sie haben mit­erlebt, wie ihre Eltern ent­lassen wurden, obwohl sie jahr­zehnte­lang loyal waren. Sie sehen, dass Über­stunden nicht automa­tisch zur Be­förderung führen, sondern oft nur zu mehr Über­stunden. Deshalb haben viele eine andere Priori­tät: Work-Life-Balance. Sie wollen Freitag­abend nicht mehr die Mails checken. Sie nehmen sich eine Aus­zeit, um zu reisen oder sich neu zu orien­tieren. Sie wechseln Jobs, wenn sie sich nicht wert­geschätzt fühlen.

„Die Generation Z hat keine Arbeits­moral“, schimpfen dann ältere Kolle­gen. Dabei geht es nicht um fehlen­de Arbeits­moral, sondern um andere Werte. Junge Menschen arbei­ten durchaus hart - sie wollen nur nicht, dass Arbeit ihr ganzes Leben auf­frisst. Sie haben ge­sehen, wie ihre Eltern sich kaputt­gearbei­tet haben und trotz­dem von Burn­out oder Arbeits­losig­keit ge­trof­fen wurden. Warum soll­ten sie den­selben Fehler machen?

Ein Beispiel: Jonas, 27, kündigt seinen gut be­zahl­ten Job in einer Unter­nehmens­bera­tung, weil er 60-Stunden-Wochen nicht mehr aus­hält und keinen Sinn in der Arbeit sieht. Sein Vater ist fassungs­los: „So eine Chance hätte ich mir früher ge­wünscht! Du wirfst alles weg!“ Für den Vater war der Job ein Traum. Für Jonas war er ein Alb­traum. Beide haben recht - aus ihrer je­weili­gen Perspek­tive.

Klima, Zukunft und „Nach mir die Sint­flut“

Dann wäre da noch die Klimakrise. Hier ent­lädt sich der Genera­tionen­konflikt mit beson­de­rer Wucht. Greta Thunberg, selbst Vertre­terin der Gen Z, brachte es 2019 vor den Verein­ten Natio­nen auf den Punkt: „Wie könnt ihr es wagen!“ - ein Aufschrei gegen Genera­tionen von Politi­kern und Entscheidungs­trägern, die den Klima­wandel jahr­zehnte­lang igno­riert oder herunter­gespielt haben.

Junge Menschen wachsen mit der Gewiss­heit auf, dass ihre Zukunft buchstäb­lich brennt. Sie sehen die Waldbrände in Austra­lien, Kalifor­nien und Griechen­land. Sie erleben Jahr­hundert­hochwasser im Ahr­tal. Sie lesen wissen­schaft­liche Berichte, die ihnen sagen, dass sie die letzte Generation sind, die noch recht­zeitig handeln kann. Und dann hören sie von Boomern: „Ihr über­treibt. Wir hat­ten damals auch heiße Sommer.“

Natürlich haben nicht alle Boomer die Klima­krise ver­ursacht, und es gibt genug von ihnen, die sich seit Jahr­zehn­ten für Umwelt­schutz einsetzen. Aber als Genera­tion hat­ten sie die politi­sche und wirt­schaft­liche Macht - und haben sie mehr­heitlich nicht ge­nutzt, um recht­zeitig gegen­zusteuern. Statt­dessen wurden SUVs be­liebter, Flug­reisen billi­ger, Konsum wichti­ger. Jetzt sollen die Jungen die Zeche zahlen, indem sie auf Fleisch ver­zichten, nicht mehr fliegen und ihre Zukunft einem kaput­ten Planeten anpassen.

„Fridays for Future? Zu meiner Zeit sind wir freitags zur Schule ge­gangen!“, lautet ein typi­scher Vorwurf. Aber die Schüler*innen antwor­ten: „Zu eurer Zeit gab es auch noch einen bewohn­baren Planeten.“ Touché.

Die digitale Kluft

Und dann ist da natürlich noch das Internet. Boomer und das World Wide Web - das ist manchmal wie Katze und Wasser. Natür­lich gibt es Aus­nahmen, technik­affine Ältere, die TikTok besser ver­stehen als mancher Zwanzig­jährige. Aber im Durch­schnitt klafft hier eine echte Lücke.

Jüngere Generationen sind mit Smart­phones aufge­wachsen. Für sie ist das Internet kein Extra, sondern Teil ihrer Reali­tät. Sie kommuni­zieren über WhatsApp, organi­sie­ren sich über Telegram, informie­ren sich über Insta­gram und YouTube. Wenn Oma dann fragt: „Warum schreibst du mir nicht einfach eine SMS?“, ist das keine böse Absicht - es ist einfach eine andere Welt.

Gleichzeitig werden genau diese digita­len Platt­formen zum Schlacht­feld des Genera­tionen­konflikts. Facebook wurde von Millen­nials groß ge­macht und dann von ihren Eltern über­nommen - worauf­hin die Jungen zu Instagram und TikTok ab­wanderten. Dort ent­wickelten sich Memes wie „Ok, Boomer“ - Insider-Witze, die Ältere oft nicht ver­stehen und sich deshalb angegriffen fühlen.

Das Problem: In sozialen Medien wird oft nicht mehr mit­einander, sondern über­einander ge­sprochen. Boomer sind dort die welt­fremden Dino­saurier, die nichts checken. Millen­nials sind die jammernden Weicheier. Gen Z die auf­merksamkeits­gestör­ten Smart­phone-Zombies. Diese Karika­turen werden dann in Echo­kammern immer weiter ver­stärkt, bis echte Gespräche kaum noch möglich sind.

Vorteile, die man nicht sieht

Ein weiterer Zündstoff: unsichtbare Privile­gien jener Zeit. Viele Boomer hatten objektiv be­trach­tet enorme Vorteile - ausrei­chend Stellen­ange­bote, stabile Arbeits­plätze, bezahl­baren Wohn­raum, wirtschaft­liches Wachstum, funktio­nieren­de Sozial­systeme, eine posi­tive Pers­pek­tive. Aber weil das ihre Normali­tät war, empfinden sie es nicht als Privileg, sondern als selbst­verständ­lich. „Wir muss­ten viel arbei­ten!“, sagen sie - und das stimmt ja auch. Nur über­sehen sie dabei, dass Arbeit damals zu­verlässiger be­lohnt wurde als heute.

Umgekehrt werfen Jüngere den Älte­ren manch­mal pauschal vor, „alles kaputt ge­macht“ zu haben - was individu­elle Lebens­leistun­gen und die Komplexi­tät histori­scher Ent­wicklun­gen igno­riert. Nicht jeder Boomer hat persön­lich den Klima­wandel ver­ursacht oder den Wohnungs­markt ruiniert. Viele haben in den Grenzen ihrer Zeit ihr Bestes ge­geben.

Also: Hoffnungslos zerstritten?

Muss das alles so sein? Nein. Der Genera­tionen­konflikt ist real, aber er ist nicht in Stein ge­meißelt. Es gibt genug Beispiele, wo Jung und Alt gut zusammen­arbeiten - in Familien, in Unter­nehmen, in sozia­len Be­wegun­gen. Der Schlüssel liegt im Zuhören.

Ältere könnten anerkennen, dass die Heraus­forde­rungen junger Men­schen heute real sind - auch wenn sie anders aus­sehen als ihre eigenen damals. Sie könn­ten ihre Er­fahrung teilen, ohne dabei zu be­lehren. Jüngere könnten an­erkennen, dass auch die Boomer-Genera­tion echte Kämpfe aus­ge­foch­ten hat - für Frauen­rechte, gegen Atom­kraft, für soziale Gerech­tig­keit. Sie könnten von deren Resilienz lernen.

„Ok, Boomer“ ist ein Symptom, kein Schicksal. Hinter dem Meme steckt berech­tig­ter Frust, aber auch die Sehn­sucht nach Ver­ständnis. Wenn beide Seiten bereit sind, die Schützen­gräben zu ver­lassen und wirk­lich zu­zuhören, könnte aus dem Konflikt ein Dialog werden. Und den brau­chen wir dringend - denn die großen Probleme unse­rer Zeit, von Klima­krise bis Alters­armut, lösen wir nur ge­meinsam.

Oder anders gesagt: Ok, Boomer - aber lass uns reden.


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