Das Wort selbst ist griechischen Ursprungs: *demos* bedeutet Volk, *kratos* bedeutet Herrschaft oder Macht. Volksherrschaft also - ein Prinzip, das in der modernen Welt als selbstverständlich gilt (galt?!), war in der Antike eine revolutionäre, sogar anstößige Idee.
Wenn die westliche politische Tradition auf ihre Ursprünge zurückblickt, landet sie unweigerlich in einer kleinen Stadt an der Südspitze des griechischen Festlandes: Athen im 5. Jahrhundert vor Christus. Hier entstand, unter ganz bestimmten historischen Bedingungen und durch eine Reihe bemerkenswerter politischer Reformen, das, was wir heute als die erste Demokratie der Weltgeschichte bezeichnen.
Doch die athenische Demokratie war keine fertige Erfindung, die eines Tages aus dem Nichts auftauchte. Sie war das Ergebnis eines langen, oft konfliktreichen Prozesses, geprägt von sozialen Spannungen, politischen Krisen und dem Mut einzelner Reformer, die bestehende Ordnung grundlegend in Frage zu stellen. Und sie war, bei aller Bewunderung, die sie verdient, auch ein System voller innerer Widersprüche - eine Demokratie, die auf der Arbeit von Sklaven ruhte, Frauen vollständig ausschloss und nur einem Bruchteil der Bevölkerung tatsächlich politische Teilhabe gewährte.
Um zu verstehen, was die athenische Demokratie bedeutete, muss man wissen, was sie ersetzte. Im frühen Athen, wie in den meisten griechischen Stadtstaaten (*Poleis*) der Zeit, lag die Macht fest in den Händen des Adels. Die sogenannten *Eupatridai* - die "Wohlgeborenen" - kontrollierten den Staatsrat, besetzten die höchsten Ämter und sprachen Recht nach Gewohnheiten, die nirgends aufgeschrieben waren und die sie selbst nach Belieben auslegen konnten.
Das Gros der Bevölkerung - Bauern, Handwerker, einfache Freie - hatte daran keinen Anteil. Schlimmer noch: Im 7. Jahrhundert hatte sich eine tiefe wirtschaftliche Krise entwickelt. Viele Kleinbauern hatten sich bei den Adeligen verschuldet und konnten ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen. Die Konsequenz war drastisch: Wer nicht zahlen konnte, konnte versklavt werden - nicht als Kriegsgefangener, sondern als Schuldner im eigenen Land. Athen stand am Rand eines sozialen Bürgerkriegs.
Ein erster, wenn auch bescheidener Schritt in Richtung einer geregelten Ordnung war die Gesetzgebung des Drakon um 621 v.Chr. Er schrieb das bisher mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht erstmals nieder. Das war an sich ein demokratischer Akt: Wenn die Gesetze öffentlich zugänglich sind, kann sich der Adel nicht mehr so leicht auf seine eigene Auslegung berufen. Allerdings war Drakons Gesetzbuch berühmt für seine außerordentliche Härte - angeblich sah es für fast jedes Vergehen die Todesstrafe vor. Der Spruch, seine Gesetze seien nicht mit Tinte, sondern mit Blut geschrieben, stammt aus der Antike selbst. Das System blieb im Kern aristokratisch.
Die eigentliche Zäsur kam mit Solon, der 594 v.Chr. zum *Archon* - dem höchsten Amtsträger Athens - gewählt wurde und mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet wurde, die Krise zu lösen. Was er unternahm, war für seine Zeit nichts weniger als revolutionär.
Solons wichtigste Maßnahme war die Seisachtheia - die "Lastenabschüttelung". Er strich alle auf Personen gesicherten Schulden, befreite alle in Schuldknechtschaft gefallenen Athener und verbot für die Zukunft, athenische Bürger wegen Schulden zu versklaven. Das war ein gewaltiger Eingriff in die Eigentumsrechte der Adeligen, der deren Macht unmittelbar beschnitt.
Darüber hinaus reformierte Solon die politische Struktur Athens. Er teilte die Bürgerschaft in vier Vermögensklassen ein - nicht nach Geburt, sondern nach Einkommen. Das war ein entscheidender Paradigmenwechsel: Nicht mehr die Herkunft, sondern der materielle Besitz bestimmte die politische Stellung. Wer reich genug war, konnte die höchsten Ämter bekleiden, auch wenn er kein Adeliger war. Die unterste Klasse - die *Theten* - durfte zwar noch keine Ämter bekleiden, war aber zur Volksversammlung zugelassen.
Solon schuf auch eine neue Ratsversammlung, die *Boule*, mit 400 Mitgliedern, und stärkte die Volksversammlung (*Ekklesia*). Außerdem führte er Volksgerichte ein, bei denen Bürger gegen Entscheidungen der Amtsträger Berufung einlegen konnten.
Solon selbst bezeichnete sein Werk als einen Mittelweg: Er habe weder den Armen gegeben, was sie wollten, noch den Reichen gelassen, was sie hatten. Beide Seiten waren unzufrieden - was manche Historiker als Zeichen dafür werten, dass er tatsächlich einen gerechten Kompromiss gefunden hatte. Die Demokratie war Solons Werk jedoch noch nicht. Es war eine gemäßigte Oligarchie mit demokratischen Elementen - ein wichtiger Schritt, aber noch lange nicht das Ziel.
Nach Solons Reformen folgte keine stabile Ordnung, sondern eine Phase der Instabilität und des Machtkampfes zwischen adeligen Fraktionen. In dieses Vakuum trat Peisistratos, der 561 v.Chr. zum ersten Mal die Macht ergriff und Athen als Tyrann regierte - mit Unterbrechungen bis zu seinem Tod 527 v.Chr.
Interessanterweise war Peisistratos kein besonders grausamer Herrscher. Er hielt Solons Gesetze formal aufrecht, förderte Handel und Handwerk, unterstützte die Bauernschaft und verschönerte Athen durch große Bauprojekte. Politisch jedoch war seine Herrschaft natürlich das Gegenteil von Demokratie: Die Macht lag bei ihm und seiner Familie.
Seine Söhne Hippias und Hipparchos setzten die Tyrannis fort, wurden aber zunehmend unbeliebter. Nach der Ermordung des Hipparchos 514 v.Chr. wurde Hippias paranoider und repressiver. 510 v.Chr. wurde er schließlich mit spartanischer Hilfe vertrieben. Athen war frei - aber noch keine Demokratie.
Die entscheidende Figur in der Geschichte der athenischen Demokratie ist Kleisthenes, ein Adeliger aus dem Geschlecht der Alkmeoniden, der 508/507 v.Chr. eine umfassende Reform durchsetzte, die das politische System Athens von Grund auf neu gestaltete.
Kleisthenes stand vor einem strategischen Problem: Er wollte die Macht der alten Adelsfamilien brechen, die ihren Einfluss über traditionelle Stammesstrukturen ausübten. Seine Lösung war genial: Er schaffte die alten vier Phylen - die Stammesgruppen - ab und ersetzte sie durch zehn neue, künstlich zusammengesetzte Phylen. Jede dieser neuen Phylen bestand aus drei Teilen (Trittyen) aus drei verschiedenen geografischen Regionen Athens: der Stadt, der Küste und dem Binnenland. Adelsfamilien, die bisher ganze Regionen dominierten, fanden sich nun in gemischten Einheiten mit Bürgern aus völlig anderen Gegenden wieder.
Das war eine politische Neuordnung von enormer Tragweite. Die alten Loyalitäten wurden aufgebrochen, neue, künstliche Gemeinschaften geschaffen. Jede Phyle stellte nun 50 Mitglieder in die neu vergrößerte *Boule* (Rat der 500), die die Tagesordnung der Volksversammlung vorbereitete. Ebenfalls führte Kleisthenes das Scherbengericht (Ostrakismos) ein, siehe unten.
Mit Kleisthenes' Reformen war die athenische Demokratie im Wesentlichen geboren. Das Prinzip war klar: Alle männlichen Bürger Athens - unabhängig von Reichtum oder Herkunft - hatten das Recht, an der Volksversammlung teilzunehmen und mitzuentscheiden.
Ostrakismos war ein Verfahren, um die Demokratie zu schützen. Dabei konnten einzelne Redner von der Volksversammlung ausgeschlossen werden. Die Ursache war die Erfahrung mit der Tyrannis - insbesondere mit Peisistratos und seinen Söhnen. Die Athener hatten am eigenen Leib erlebt, wie ein einzelner Politiker durch Geschick, Charisma und den Aufbau eines persönlichen Machtapparats die gesamte Ordnung unterlaufen konnte.
Einmal jährlich fragte die Volksversammlung zunächst, ob überhaupt ein Ostrakismos stattfinden solle. Sprach sich die Mehrheit dafür aus, versammelten sich die Bürger auf der Agora und ritzten den Namen desjenigen Politikers in eine Tonscherbe - Ostrakon -, den sie als größte Gefahr für die Demokratie betrachteten.
Wer die meisten Stimmen erhielt und dabei das erforderliche Quorum von 6.000 abgegebenen Scherben erreicht wurde, musste Athen für 10 Jahre verlassen - ohne Anklage, ohne Prozess, aber ohne Verlust seines Vermögens. Es war keine Strafe im rechtlichen Sinne, sondern ein politisches Instrument der Vorbeugung: Die Gemeinschaft schützte sich selbst vor übermäßiger Machtkonzentration in einer einzigen Hand.
In einer Demokratie, in der Redekunst und Überzeugungskraft viel Macht verleihen können, brauchte man ein Ventil gegen das Aufsteigen einzelner dominanter Persönlichkeiten - ohne dabei auf Gewalt oder Rechtsprozesse zurückgreifen zu müssen. Der Verbannte verlor nichts außer seiner politischen Bühne, konnte nach 10 Jahren zurückkehren und behielt sein Vermögen. Das war bewusst maßvoll gehalten.
Dass das Verfahren um 417 v.Chr. sang- und klanglos verschwand, nachdem die Rivalen Nikias und Alkibiades sich gegen das Verfahren verbündet hatten, zeigt jedoch auch die Anfälligkeit jedes Systems für politische Manipulation - und damit eine der grundlegenden Schwächen der (athenischen) Demokratie insgesamt.
Die athenische Demokratie erreichte ihren Höhepunkt in der Ära des Perikles, der von etwa 460 bis zu seinem Tod 429 v.Chr. die dominierende Figur der athenischen Politik war. Unter ihm wurde die Demokratie noch weiter radikalisiert und vertieft.
Die wichtigste Neuerung war die Einführung von Diäten - Aufwandsentschädigungen für politische Tätigkeit. Wer an der Volksversammlung teilnahm, in der Boule saß oder als Geschworener in einem Volksgericht fungierte, erhielt eine Bezahlung. Das klingt nach einer technischen Kleinigkeit, war aber politisch von enormer Bedeutung: Erst durch Diäten wurde es auch für ärmere Bürger - Handwerker, Bauern, Tagelöhner - überhaupt möglich, tatsächlich an der Politik teilzunehmen, ohne dabei ihren Lebensunterhalt zu verlieren.
Perikles beschränkte außerdem das aktive Bürgerrecht auf Personen, deren beide Elternteile athenische Bürger waren. Das war eine Einschränkung gegenüber der früheren Praxis, verringerte also die Zahl der Bürger - aber für diejenigen, die das Bürgerrecht besaßen, war die Teilhabe nun weitgehend unabhängig vom Geldbeutel.
Unter Perikles erlebte Athen auch seinen kulturellen Höhepunkt: Der Bau des Parthenon, die Blüte der Tragödie (Sophokles, Euripides), der Philosophie (Sokrates) und der Geschichtsschreibung (Thukydides) fallen in diese Zeit. Es war eine Epoche, in der politische Offenheit und kulturelle Kreativität Hand in Hand gingen - kein Zufall, sondern Ausdruck einer Gesellschaft, in der öffentliche Debatte und kritisches Denken institutionell verankert waren.
Um die athenische Demokratie wirklich zu verstehen, muss man ihre zentralen Institutionen kennen:
Die *Ekklesia*, die Volksversammlung, war das Herzstück der Demokratie. Hier trafen sich die männlichen Bürger Athens - theoretisch alle, praktisch einige Tausend - auf dem Hügel der *Pnyx*, um über Gesetze, Krieg und Frieden, Verträge und alle wichtigen Angelegenheiten des Staates zu entscheiden. Jeder Bürger hatte das Recht zu sprechen und abzustimmen. Die Abstimmung erfolgte in der Regel durch Handzeichen.
Die Ekklesia tagte etwa 40 mal im Jahr. Bestimmte Beschlüsse erforderten ein Anwesenheitsquorum von 6.000 Bürgern.
Die *Boule* war das ausführende und vorbereitende Organ. Ihre 500 Mitglieder - 50 pro Phyle - wurden jährlich per Los bestimmt, nicht durch Wahl. Das Losverfahren (*Sortition*) war ein bewusst demokratisches Prinzip: Wahlen, so die Überlegung, begünstigen immer Reiche, Bekannte und Redegewandte. Das Los hingegen gibt jedem die gleiche Chance.
Die Boule bereitete die Tagesordnung der Ekklesia vor, empfing Gesandte und überwachte die Arbeit der Beamten. Ein Ausschuss von 50 Mitgliedern (*Prytaneis*) war stets für einen Monat im Amt und damit ständig handlungsfähig.
Auch die Gerichte waren demokratisch organisiert. Aus den Bürgern wurden jährlich 6.000 Geschworene (*Dikastai*) per Los ausgewählt, die dann je nach Bedarf auf verschiedene Gerichte aufgeteilt wurden. Die Jurys waren bewusst groß - oft mehrere Hundert Personen - um Bestechung zu erschweren.
Es gab keine Berufsrichter, keine Staatsanwälte, keine Anwälte im modernen Sinne. Die Parteien sprachen selbst - oder ließen sich von Rednern helfen, die die Rede verfassten, aber nicht selbst hielten. Die Geschworenen stimmten ohne Beratung durch geheime Abstimmung ab.
Die zehn *Strategen* - militärische Befehlshaber - waren die einzigen wichtigen Amtsträger, die tatsächlich gewählt wurden, und zwar jährlich, mit der Möglichkeit der Wiederwahl. Perikles beispielsweise war über Jahrzehnte immer wieder zum Strategen gewählt worden - sein Einfluss beruhte also nicht auf einem Amt, das er innehatte, sondern auf seiner Fähigkeit, die Volksversammlung immer wieder von sich zu überzeugen.
Die athenische Demokratie war kein stabiles, unerschütterliches System. Sie durchlitt mehrere schwere Krisen.
Der verheerende Peloponnesische Krieg (431-404 v.Chr.) gegen Sparta und seine Verbündeten stellte die Demokratie unter extremen Druck. Perikles selbst starb 429 v.Chr. an der Pest, die Athen während der Belagerung dezimierte. In seiner Abwesenheit gewannen populistische Demagogen an Einfluss - allen voran Kleon, den Thukydides scharf kritisierte.
Die Sizilische Expedition von 415-413 v.Chr. - der Versuch, die mächtige Insel zu erobern - wurde zum größten militärischen Desaster der athenischen Geschichte. Die gesamte Expeditionsarmee von etwa 40.000 Mann wurde vernichtet. Auch das war ein Ergebnis demokratischer Entscheidungsfindung: Die Volksversammlung hatte für das abenteuerliche Projekt gestimmt, teils verführt durch die glänzenden Reden des Alkibiades.
411 v.Chr., auf dem Tiefpunkt des Krieges, gelang es einer Gruppe von Oligarchen, die Demokratie vorübergehend abzuschaffen und durch den sogenannten Rat der 400 zu ersetzen. Das Experiment dauerte nur wenige Monate - die demokratische Flotte weigerte sich, die neue Ordnung anzuerkennen, und die Demokratie wurde wiederhergestellt.
404 v.Chr., nach der endgültigen Niederlage im Peloponnesischen Krieg, installierten die Sieger Sparta eine Oligarchie: die berüchtigten Dreißig Tyrannen, die eine kurze, aber blutige Terrorherrschaft errichteten und Hunderte von Bürgern hinrichteten oder ins Exil trieben. 403 v.Chr. wurde auch diese Ordnung gestürzt und die Demokratie erneut restauriert.
403 v.Chr. war auch das Jahr einer Amnestie - die Vergangenheit sollte nicht weiter verfolgt werden. Doch schon 399 v.Chr. verurteilte die wiederhergestellte Demokratie Sokrates zum Tod - wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend. Platon, sein Schüler, hat diesen Prozess nie vergessen und nie vergeben. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die Demokratie den bedeutendsten Denker ihrer Zeit hingerichtet hat.
Das vierte Jahrhundert brachte eine zunehmend erschöpfte und destabilisierte Demokratie. Die sozialen Gegensätze verschärften sich wieder, demagogische Politiker nutzten die Institutionen für eigene Zwecke, und der Ostrakismos wurde - wie beschrieben - durch den Skandal um Hyperbolos diskreditiert und verschwand.
Der eigentliche Todesstoß kam von außen: Philipp II. von Makedonien und sein Sohn Alexander unterwarfen Griechenland militärisch. Nach der Niederlage bei Chaironeia 338 v.Chr. war Athen zwar formal noch unabhängig, aber de facto nicht mehr souverän. Die Volksversammlung konnte weiter tagen, aber die wirklich wichtigen Entscheidungen fielen nun woanders.
322 v.Chr. schließlich schaffte der makedonische General Antipatros nach einer militärischen Niederlage Athens die Demokratie formell ab und ersetzte sie durch eine auf Vermögen basierte Oligarchie.
Nach 322 v. Chr. gab es im Mittelmeerraum lange Zeit keine Demokratie im athenischen Sinne. Die hellenistischen Königreiche, die aus Alexanders Reich entstanden, waren Monarchien.
Die römische Republik als Sonderfall: Rom entwickelte sich zur Republik - aber die römische Republik war keine Demokratie, sondern eine Aristokratie mit demokratischen Elementen: Die Volksversammlungen existierten, aber die Macht lag faktisch beim Senat, also bei der Oberschicht. Die Römer kannten das Wort Demokratie und betrachteten es eher skeptisch - für viele römische Denker war sie gleichbedeutend mit Pöbelherrschaft und Instabilität. Cicero etwa schätzte die gemischte Verfassung, die Elemente von Monarchie, Aristokratie und Demokratie vereinte, höher als eine reine Volksherrschaft.
Das lange Mittelalter: Nach dem Untergang Roms verschwand die Idee der Demokratie für fast anderthalb Jahrtausende weitgehend aus der politischen Praxis Europas. Monarchien, Feudalstrukturen und die Kirche dominierten. Zwar gab es vereinzelte Ansätze: Mittelalterliche Stadtrepubliken in Italien (Venedig, Florenz) hatten partizipative Elemente - aber auch dort regierte letztlich eine schmale Oberschicht. In England war die Magna Carta (1215) ein wichtiger Schritt zur Begrenzung königlicher Macht, aber es war keine Demokratie. Das isländische Althing (gegründet 930 n.Chr.) gilt als eines der ältesten Parlamente der Welt - aber auch hier war die Teilhabe stark eingeschränkt.
Interessanterweise wurde die athenische Demokratie im Mittelalter kaum als Vorbild wahrgenommen. Aristoteles war zwar bekannt, aber seine eher kritische Sicht auf die Demokratie prägte das Bild. Erst in der Renaissance und dann vor allem in der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts begannen Denker wie Rousseau und die amerikanischen Gründerväter, die antike Demokratie neu zu entdecken und als Inspiration zu nutzen.
Als dann im späten 18. Jahrhundert mit der Amerikanischen und Französischen Revolution moderne Demokratien entstanden, waren sie bewusst anders konstruiert als Athen: repräsentativ statt direkt, mit Gewaltenteilung, Verfassungen und dem Schutz individueller Rechte. Man kannte die athenische Demokratie - und hatte aus ihren Schwächen gelernt.
Man könnte also sagen: Nach Athen dauerte es rund 2.100 Jahre, bis wieder stabile demokratische Systeme entstanden - und sind nun andere Formen der Demokratie.
Die repräsentative Demokratie ist heute die weitaus verbreitetste Form. Die direkte Demokratie im athenischen Sinne existiert in reiner Form nirgendwo mehr. Der Hauptgrund ist schlicht die Größe. Athen hatte vielleicht 30.000 - 40.000 stimmberechtigte Bürger, die sich auf der Pnyx versammeln konnten. Ein moderner Staat mit Millionen oder Hundert Millionen Bürgern kann keine Volksversammlung abhalten. Also wählt das Volk Vertreter, die in seinem Namen entscheiden.