MyHeritage ist eines der größten genealogischen Online-Portale der Welt, und hat mit Scribe AI eine Funktion eingeführt, die verspricht, historische Inhalte aller Art zu analysieren: gescannte Dokumente, Fotos, Aufschrift auf Grabsteinen sowie Heraldik. Das System soll handschriftliche und getippte Texte transkribieren, genealogische Ereignisse extrahieren, das Datum und den Ort alter Familienfotos schätzen sowie die Symbolik auf Grabsteinen deuten.
Die Ausgabe erfolgt in der Sprache der Benutzeroberfläche - das heißt, ein italienisches Dokument aus den 1920er Jahren wird automatisch ins Deutsche übersetzt, wenn man die deutsche Oberfläche verwendet. Das Beispiel auf der MyHeritage-Seite zeigt die Analyse eines Ausweisdokuments, bei dem Name, Geburtsdatum, Geburtsort, Beruf und historischer Kontext korrekt extrahiert wurden.
Für gut lesbare, gedruckte oder maschinenschriftliche Dokumente dürfte Scribe AI gute bis sehr gute Ergebnisse liefern. Auch bei handschriftlichen Dokumenten mit klarer, gut lesbarer Schrift und ausreichendem Kontrast - wie dem gezeigten italienischen Beispiel - scheint das System zuverlässig zu arbeiten.
Unterstützt werden JPG-, PNG- und PDF-Dateien; bei mehrseitigen PDFs bis zu 15 Seiten. Die Analysezeit liegt zwischen 5 und 60 Sekunden.
Die automatische Kontextualisierung ist ein echtes Plus: Das System liefert nicht nur eine nackte Transkription, sondern ordnet das Dokument historisch ein, erklärt Begriffe und gibt Tipps für weitere Recherchen. Das ist mehr, als eine reine OCR-Lösung leisten würde, und zeigt, dass hier ein großes Sprachmodell im Hintergrund arbeitet, das historisches Wissen einbringen kann.
Die Übersetzungsfunktion ist für viele Familienforscher wertvoll, da sie mit Dokumenten in fremden Sprachen konfrontiert sind - Latein in alten Kirchenbüchern, Polnisch, Russisch, Hebräisch oder eben Italienisch.
Trotz der beeindruckenden Demonstration gibt es gewichtige Einschränkungen, die man nicht kleinreden sollte:
Das Kernproblem bleibt ungelöst: Die wirklich schwierigen Fälle - stark verblasste Kurrentschrift aus dem 17. Jahrhundert, durch Schimmel beschädigte Dokumente, eng beschriebene Randnotizen - sind nach wie vor für jede KI eine immense Herausforderung. Scribe AI demonstriert sich mit vergleichsweise gut lesbaren Beispielen. Wie gut das System bei wirklich schwierigen historischen Handschriften abschneidet, bleibt zunächst offen.
Fehlerpotenzial ohne Warnung: MyHeritage selbst räumt ein, dass die KI Fehler machen kann. Das Problem dabei: Fehler in der Genealogie pflanzen sich fort. Wer einen falsch transkribierten Namen oder ein falsches Geburtsdatum unkritisch übernimmt und in seinen Stammbaum einträgt, baut auf einer falschen Grundlage weiter. Gerade für Laien, die dem System zu sehr vertrauen, ist das eine reale Gefahr.
Datenschutz und Vertrauen: MyHeritage beteuert, hochgeladene Dokumente nicht für KI-Training zu verwenden. Allerdings: Solche Versprechen sind schwer überprüfbar, und wer sehr persönliche oder familiäre Dokumente hochlädt, sollte sich dieser Unsicherheit bewusst sein.
Geschäftsmodell und Kosten: Nach einer kostenlosen Testphase ist ein Komplett-Abo erforderlich. MyHeritage hat ein Abonnement-Modell, das für den gelegentlichen Nutzer teuer sein kann. Die Kombination aus „zuerst kostenlos, dann zahlen“ ist ein bekanntes Muster, das dazu verleitet, sich in ein Ökosystem einzukaufen, das man später nur schwer verlässt.
Abhängigkeit von einem Anbieter: Wer seinen Stammbaum und seine Dokumente vollständig bei MyHeritage speichert, macht sich von einem kommerziellen Unternehmen abhängig. Was passiert, wenn das Unternehmen das Geschäftsmodell ändert, verkauft wird oder schließt? Die Geschichte der Genealogie-Branche kennt solche Vorfälle.
Keine Alternative zu menschlichem Fachwissen: Erfahrene Archivare, Paläographen und spezialisierte Familienforscher leisten nach wie vor Dinge, die keine KI replizieren kann: Sie erkennen lokale Schreibtraditionen, verstehen historische Verwaltungsstrukturen, können Quellen gegeneinander abgleichen und einordnen, und sie haften gewissermaßen mit ihrer Reputation für die Richtigkeit ihrer Arbeit.
DNS-Vergleiche haben die Familienforschung in den letzten 15 Jahren grundlegend verändert. Über Anbieter wie AncestryDNA, 23andMe, MyHeritage DNA oder FamilyTreeDNA kann man für überschaubare Kosten (oft zwischen 60 und 120 Euro) einen Speicheltest einschicken und erhält wenige Wochen später ein Ergebnis, das zwei verschiedene Arten von Informationen liefert:
Ethnizitätsschätzungen sagen, aus welchen geografischen Regionen die eigenen Vorfahren wahrscheinlich stammten - zum Beispiel: „45% Deutschland/Österreich, 30% Britische Inseln, 15% Skandinavien, 10% Iberische Halbinsel.“ Diese Prozentsätze klingen präzise, sind aber mit erheblicher Vorsicht zu genießen (dazu mehr im Kritikteil).
DNA-Verwandtschaftsmatches zeigen, welche anderen Nutzer derselben Plattform mit einem verwandt sind, und schätzen den Verwandtschaftsgrad: Halbgeschwister, Cousins zweiten Grades, Fünft-Cousins und so weiter. Dies ist genealogisch das weitaus wertvollere Werkzeug.
Die methodisch anspruchsvollste, aber auch ertragreichste Anwendung ist die sogenannte genetische Genealogie. Dabei vergleicht man seine eigenen DNA-Matches mit denen anderer Personen und versucht herauszufinden, über welchen Vorfahren man verwandt ist. Hat man etwa 50 Cousins zweiten Grades als Matches, lässt sich durch den Vergleich, welche dieser Matches untereinander auch verwandt sind, auf gemeinsame Vorfahrenpaare schließen.
Besonders wertvoll ist DNA-Genealogie in folgenden Situationen:
- Adoptierte oder Kinder unbekannter Eltern: Für Menschen, die ihre biologische Familie nicht kennen, ist DNA oft der einzige Schlüssel.
- Überwindung von „Brick Walls“: Manchmal führt die Urkundenlage einfach nicht weiter - Kirchenbücher sind zerstört, Namen wurden anglisiert oder verändert. DNA kann hier neue Hinweise geben.
- Überprüfung von Stammbaum-Hypothesen: Wenn man vermutet, von einer bestimmten Person abzustammen, kann DNA das bestätigen oder widerlegen.
So faszinierend die DNA-Genealogie ist, so wichtig sind kritische Einschränkungen:
Ethnizitätsschätzungen sind keine exakten Wissenschaften. Die Referenzpopulationen, mit denen die eigene DNA verglichen wird, sind nicht neutral und vollständig, sondern von der Datenbank des jeweiligen Anbieters abhängig. Dieselbe DNA kann bei verschiedenen Anbietern zu unterschiedlichen Ethnizitätsprofilen führen. Wer bei Ancestry 30 % „Britisch“ bekommt, erhält bei MyHeritage vielleicht nur 20%. Diese Schätzungen spiegeln zudem nur die letzten paar Generationen wider - und die genetische Zusammensetzung der Bevölkerungen hat sich über die Jahrhunderte verändert.
Datenschutz ist ein massives Problem. Wer seine DNA testet, gibt nicht nur Informationen über sich selbst preis, sondern über alle biologischen Verwandten - einschließlich solcher, die nie zugestimmt haben. Datenlecks bei Genetik-Unternehmen sind kein theoretisches Risiko: 23andMe erlitt 2023 einen der größten Datenlecks der Unternehmensgeschichte, bei dem Millionen von Nutzerprofilen kompromittiert wurden. Zudem wurde das Unternehmen 2025 insolvent, was Fragen über den Verbleib der gespeicherten genetischen Daten aufwarf.
Strafverfolgungsbehörden und Behörden können Zugriff erlangen. In den USA haben Polizeibehörden genetische Datenbanken genutzt, um Verbrecher zu identifizieren - dabei wurden oft Verwandte von Tätern ohne deren Wissen einbezogen. Was in einem demokratischen Rechtsstaat noch diskutierbar erscheint, wird in autoritären Systemen zu einem ernsteren Problem.
Der genetische Verwandtschaftsgrad ist nicht gleich der genealogischen Nähe. Zwei Menschen können denselben Urur-Urgroßvater haben und trotzdem sehr unterschiedliche Mengen DNA von ihm geerbt haben - oder sogar keine messbare gemeinsame DNA, weil DNA-Vererbung zufällig ist. Fehlende DNA-Matches bedeuten also nicht zwingend, dass keine genealogische Verwandtschaft besteht.
Unerwartete Entdeckungen sind ein emotionales Risiko, das Anbieter oft kleinschreiben. Wer seinen DNA-Test macht, kann plötzlich herausfinden, dass der angenommene Vater biologisch nicht der eigene ist, dass man Halbgeschwister hat, von denen man nichts wusste, oder dass eine Adoption in der Familie verschwiegen wurde. Solche Entdeckungen können Familien erschüttern.
Die Familienforschung arbeitet auf der einen Seite mit jahrhundertealte Methoden: das geduldige Durchblättern von Kirchenbüchern, das Entziffern verblasster Tinte, die Recherche in staubigen Archiven. Diese Arbeit erfordert Kenntnisse, Zeit und Ausdauer - aber sie ist unersetzlich in ihrer Tiefe und Verlässlichkeit. Der Mensch, der einen Ortsnamen kennt, eine Schreibtradition versteht und historischen Kontext einordnen kann, leistet etwas, das keine Maschine vollständig replizieren kann.
Auf der anderen Seite öffnen KI-Werkzeuge wie Scribe AI und DNA-Tests neue Türen, die früher verschlossen waren. Adoptierte finden biologische Familien. Millionen von Menschen weltweit entdecken Verbindungen, die in zerstörten Archiven für immer verloren schienen. Historische Dokumente werden durch maschinelle Übersetzung und Kontextualisierung zugänglich für Menschen, die weder die Sprache noch die Schrift beherrschen.
Die Gefahr liegt in der unkritischen Übernahme: Wer KI-Ergebnissen zu sehr vertraut, wer Ethnizitätsschätzungen als Tatsachen behandelt, wer seinen gesamten Stammbaum auf einer kommerziellen Plattform aufbaut, ohne Sicherungskopien zu erstellen oder Quellen kritisch zu prüfen, der baut auf einem unsicheren Fundament.
Die beste Familienforschung verbindet beides: Sie nutzt die Geschwindigkeit und Zugänglichkeit digitaler Werkzeuge als Ausgangspunkt, unterwirft die Ergebnisse aber dem kritischen Blick des Menschen. Ein Stammbaum ist letztlich kein Datenbankeintrag, sondern eine Geschichte - und Geschichten verdienen Sorgfalt, Respekt und das Bewusstsein, dass hinter jedem Namen ein ganzes Menschenleben steckt.